BDI-Energieeffizienz-Gipfel

Eröffnungsrede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident Professor Kempf,
sehr geehrter Herr Minister Gerber,
sehr geehrter Herr Minister Wenzel,
sehr geehrter Herr Sewing,
sehr geehrte Damen und Herren,

mit der Entscheidung für die Energiewende war ein Paradigmenwechsel verbunden, der wie kaum ein anderer Wirtschaft und Gesellschaft Veränderungen und Neuausrichtungen abverlangt hat. Die Mischung aus staatlicher Steuerung und marktwirtschaftlichen Instrumenten an sich, wirft bereits die Frage nach Effizienz unseres Handelns auf. Deshalb ist es immer wieder notwendig, sich die Frage vorzulegen, sind wir optimal aufgestellt. Das gilt auf allen Ebenen: bei der grundlegenden Ausrichtung, den Instrumenten und der Detailsteuerung. Entscheidend wird sein, ob es uns gelingt, die unterschiedlichen Akteure, ihre Interessen und ihre Handlungsoptionen so aufeinander abzustimmen, dass der Erfolg der Energiewende möglichst wenige Verlierer hat.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist ein Player in diesem Akteurskonsortium, dessen Fokus auf Innovationen für die Energiewende liegt. Es geht um eine Verknüpfung sozialer und technologischer Innovationen mit dem Grundverständnis, dass der Energiesektor hoch komplex ist und deshalb ein systemisches Verständnis Grundbedingung jeder Neuausrichtung sein muss.

Wir sind dabei auf einem guten Weg!

Erstmals haben wir 2015 bei den Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Innovation das 3%-Ziel geschafft. Aber wie wollen wir  sie weiter steigern -  bis zum Jahr 2025 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das wird nur gelingen, wenn noch mehr Unternehmen vorausschauend in Forschung und Entwicklung investieren. Dazu wollen wir eine steuerliche F&E-Förderung als Ergänzung zur bewährten Projektförderung einführen. Dieser Investitionsanreiz muss  technologieoffen, rechtssicher und  berechenbar sein. Er muss die Belange kleiner und mittlerer Unternehmen und innovativer Start-ups besonders berücksichtigen. Auch Forschungsaufträge an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind dabei einzubeziehen, weil die bessere Vernetzung eine der Grundbedingungen für die Umsetzung neuer Ideen ist.

Zu Ihrem Gipfelthema „Energieeffizienz“ möchte ich Ihnen fünf Impulse mitgeben:

Erstens: Erfolgreiche Klima- und Energiepolitik verbindet Wettbewerbsfähigkeit und CO2-Reduktion. Wir brauchen ein Level-Playing-Field im internationalen Klimaschutz. Wir müssen Klimaschutzgesetzgebung, den Ausbau der Erneuerbaren sowie die Steigerung der Energieeffizienz in einem kohärenten Politikansatz zusammenzuführen.

Die „globale“ Energiewelt ist in ständiger Bewegung. Die USA sind unlängst aus dem Klimaabkommen ausgetreten. Das ist ein irritierendes Signal, weil es die gemeinsam gefundenen Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft verzerrt. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, faktisch wird es in den USA keinen Rollback geben.

Auch in den USA gibt es starke Markt- und Technologietrends, die den Vormarsch der Erneuerbaren vorantreiben – und zwar unabhängig von Washington.

Unlängst konnte ich zusammen mit einer hochrangigen Delegation von BDI und acatech Eindrücke vor Ort sammeln: Die USA wissen um ihre Fähigkeit zur umfassenden Energieautarkie. Entscheidend ist hier immer der Preis. Gerade deswegen setzen Investoren, aber auch Bundesstaaten zunehmend auf die Erneuerbaren Energien. In New York und Kalifornien gibt es ambitionierte Ziele und Maßnahmen für den Klimaschutz. Sie werden das Wirtschaftsgeschehen in den USA mehr prägen als eine eher rhetorische Rückkehr zu Kohle.

Der kürzliche Besuch von Li Keqiang in Deutschland hat gezeigt, wie groß in China das Interesse an einem nachhaltigen und grünen Wachstum ist. Daher werden wir unsere Zusammenarbeit bei Industrie 4.0, Elektromobilität aber auch bei Energiefragen intensivieren. China ist nicht nur Konkurrent, sondern ein wichtiger Forschungs- und Entwicklungspartner bei der Suche nach Lösungen für mehr Klimaschutz.

Für Deutschland bleiben die Ziele von Paris der Referenzrahmen. Dazu stehen wir. Wir setzen uns bei den G20 Gesprächen dafür ein, öffentliche und private Investitionen in Einklang mit den Zielen des Paris Abkommens zu bringen. Voraussetzung dafür ist aber ein funktionierender CO2-Markt bei dem wichtige internationale Player mitziehen. Andere Länder dürfen auf keinen Fall ihr Engagement zurückfahren.

Umsetzbar ist letztlich nur das, was ökonomisch vertretbar ist. Wenn wir „Carbon leakage“ und die Deindustrialisierung Europas verhindern wollen, brauchen wir eine neue Innovationsstrategie, die Klimaschutz und Industriepolitik miteinander verbindet.

Das Beispiel der Automobilindustrie zeigt, wie unverzichtbar dabei ein enger Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ist. So ist es bisher nicht gelungen, dass die Automobil- und die Chemieindustrie ihre Kräfte gebündelt haben um eine Batteriezellproduktion in Deutschland auf den Weg zu bringen. Aber auch in der Wissenschaft sind Entwicklungslinien, wie die Elektrochemie, lange Zeit vernachlässigt worden.

Solche Fehlentwicklungen lassen sich nie ganz ausschließen. Klar ist aber auch, dass eine gemeinsame Strategieentwicklung zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik uns am ehesten davor bewahrt. Unsere Industrie muss dabei gefordert, aber nicht überfordert werden.

Zweitens: Effizienz ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende und den Klimaschutz. Wir brauchen eine stärkere Innovationsdynamik bei Industrie und  Gebäuden.

Im Jahr 2016 hat die Bundesregierung insgesamt 876 Mio. EUR in die Energieforschung investiert. In das Themenfeld Energieeffizienz flossen hiervon 336 Mio. EUR. Erstmals seit 2007 hat es die Erneuerbaren Energien als bedeutendstes Themenfeld abgelöst.

Wir haben schon viel erreicht, aber: Jetzt müssen wir in zwei Bereichen schneller und umfassender als bisher vorwärts kommen: bei der Wirtschaft und bei Gebäuden.

Wir wollen den Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2050 um 50% gegenüber 2008 senken und gleichzeitig das BIP weiterhin kräftig steigern. Aktuell zeigt sich aber, Primär- und Endenergieverbrauch sind seit 1990 nahezu konstant geblieben. Die Energieeffizienz ist gestiegen, aber auch unsere Wirtschaft ist gewachsen und hat die Effizienzgewinne „aufgezehrt“. Wir brauchen die „Hyperentkopplung“.

Ermutigend ist: Die Potenziale zur Effizienzsteigerung in der deutschen Industrie sind enorm und bisher nur zum Teil erschlossen. Der Energieeffizienz-Index vom Institut für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) zeigt:

  • Ein Viertel aller befragten Unternehmen kennt so gut wie keine möglichen Maßnahmen zur Effizienz-Steigerung.
  • Knapp drei Viertel kennt den Standby-Verbrauch der Produktionsanlagen nicht.

So lauten zentrale Ergebnisse aus dem Forschungsinstitut von Herrn Professor Sauer, der hierauf am Nachmittag sicher näher eingehen wird.

Wir müssen es schaffen, Effizienzpotenziale in allen Stufen der Wertschöpfung und bei allen Prozessen zu erschließen. Digitalisierung und Industrie 4.0 sind dafür wichtige Träger dieses Veränderungsprozesses.

Zentrale Forschungsfelder sind:

  • Bessere Leistungselektronik (z.B. durch intelligente Schaltungen und leistungsfähigere Halbleitermaterialien)
  • Neuartige Herstellungs- und Bearbeitungstechnologien sowie Fertigungsverfahren und Produktionsausrüstungen einschließlich Leichtbau (z.B. bei der Automobilherstellung, Werkzeugmaschinen, Industrierobotern, Windkraftanlagen).
  • Umfassende Betrachtung der Energieflüsse und Lebenszykluskosten. Digitale Zwillinge und die Simulation von Bearbeitungsprozessen eröffnen  hier neue Möglichkeiten.
  • Intelligente industrielle Abwärmenutzung. Allein deren Einsparpotenzial wird auf fünf Milliarden Euro pro Jahr durch die dena beziffert.
  • Bessere Vernetzung zwischen Forschung und Nutzern. Bereits 2009 haben wir mit dem VDMA die „Effizienzfabrik“ gegründet. Sie informiert seither über neueste Ergebnisse aus Forschungsprojekten zur Elektromobilität und der ressourceneffizienten Produktion.  Produktionstechnik-Experten bietet sie die optimale Plattform für den fachlichen und persönlichen Austausch.

Auch im Gebäudebereich besteht Nachholbedarf.

Im Jahr 2015 war der Gebäudebereich für 35,3% des gesamten Endenergieverbrauchs verantwortlich – der größte Teil davon fürs Heizen.

Im Wärmemarkt verschenken wir riesige CO2-Senkungspotenziale, weil wir seit Jahren die Debatte führen, was wir eigentlich ordnungspolitisch umsetzen wollen, der Bürger entscheidet sich oft konservativ, weil er nicht weiß, ob sich Investitionen lohnen. Manch einer spricht gar vom „Sanierungsstau im Heizungskeller“.

Laut der Energy Efficiency Financial Institutions Group (EEFIG), die von der Europäischen Kommission und der Finanz-Initiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ins Leben gerufen wurde, muss sich privates Investment in Energieeffizienz-Maβnahmen in Gebäuden bis 2030 verfünffachen.

Es geht also nicht nur um technologische Fragen. Vielmehr müssen wir lernen und verstehen, wie Verbraucher sich verhalten. Der Hebel wäre enorm. Denn: 80 Prozent der Wohnräume stehen 80 Prozent der Zeit leer. So die Forscher des IASS.

Wir gehen deshalb mit unserer Forschung zu den Bürgerinnen und Bürgern: Wir werden in den nächsten fünf Jahren rund 100 Mio. € gemeinsam mit dem BMWi in die Entwicklung von sechs Stadtquartieren stecken. Dabei kommt es uns darauf an, bei den Quartierslösungen die Präferenzen der Einwohner zu berücksichtigen und Bürgerinnen und Bürger aktiv zu beteiligen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Lösungen für Effizienzfragen und das Schließen von Stoffkreisläufen eröffnen neue Märkte für unsere Wirtschaft. Wir müssen es schaffen, mehr Wertschöpfung bei geringerem Ressourceneinsatz zu realisieren.

Mit neuen FuE-Initiativen wollen wir Chancen für den Industrie- und Produktionsstandort Deutschland nutzen und ihn nachhaltig gestalten.

In der nächsten Legislaturperiode werden wir:

  • unsere Forschung zur nachhaltigen Produktion ausbauen und eng mit den Förderprogrammen zur digital vernetzten Produktion einer Industrie 4.0 verbinden.
  • mit gezielter Förderung innovativer Ressourcentechnologien neue Impulse für eine ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft setzen.
  • eine neue Forschungsstrategie „naturbasierte Innovation“ aufsetzen und biologisches Wissen und biologische Prinzipien für Industrieprozesse nutzbar machen. So können wir weitere, unkonventionelle Effizienzpotenziale erschließen.
  • ein branchenübergreifendes, technologieoffenes „Forschungs- und Innovationsprogramm Klimaschutz“ starten, um den CO2-Ausstoß energieintensiver Branchen zu senken. Klar ist: Je effizienter wir Energie wandeln und verbrauchen, desto weniger CO2 wird emittiert. Damit leisten wir einen Beitrag zur Umsetzung des Klimaschutzplans 2050.
  • eine integrierte Bewertungskompetenz zur wissenschaftsbasierten Begleitung des Klimaschutzplans aufbauen. Wir wollen wissen, was wirkt und was nicht. Die Expertise der Industrie ist hierbei für uns entscheidend.
  • eine systemische Forschungsinitiative zur Wärmewende in Industrie und privaten Haushalten starten. Die Sektorkopplung Strom-Mobilität-Wärme ist die zentrale Herausforderung.

Drittens: Effizienzsteigerungen sind systemisch zu betrachten und umzusetzen. Sie sind nicht nur mit Vorteilen für Wirtschaft und Gesellschaft verbunden. Es gibt Zielkonflikte.

Dazu zwei Beispiele:

  • Wenn weniger Energie verbraucht wird, stehen bisherige Geschäftsmodelle und die Preisbildung bei den Energieversorgern auf dem Prüfstand. Denn: Die verringerte Auslastung von Kraftwerken erhöht die Kosten pro erzeugter Einheit Nutzenergie. Das ist eine Mengen-Preis-Problematik. Energieeffizienz muss langfristig betrachtet also nicht zwangsläufig zu sinkenden Kosten führen. Die Energiewende kann fundamentale Regeln der Ökonomie nicht außer Kraft setzen.
  • Durch die Ausrichtung auf Klimaschutz, Kostenreduktion und Effizienz können dem Energiesystem Rückfall- und Sicherungsoptionen verloren gehen. Ausfällen und Angriffen gegenüber wäre es daher nicht hinreichend gewappnet. Gerade eine höhere „Smartness“ durch Digitalisierung und Vernetzung kann das Energiesystem anfälliger für Störungen machen – Blackouts durch Hacker sind eine reale Bedrohung. Die Sicherheit im Netz ist eine der Schlüsselfragen unserer digitalen Entwicklung. Wir werden deshalb ein neues Helmholtz-Zentrum in Saarbrücken einrichten, das sich diesen Fragen widmet.

Diese Beispiele verdeutlichen:

Mit der Energiewende sind Zielkonflikte verbunden. Wenn wir Interventionen im Energiesystem vornehmen, müssen wir uns über die Folgen für Klima, Umwelt, Ökonomie, Versorgungssicherheit, Ressourcen, Sozialverträglichkeit sowie europäische und internationale Wirkungen im Vorfeld im Klaren sein.

Wir müssen also viel systemischer als bisher denken und handeln. Das geht nur im intensiven Dialog und enger Abstimmung, auch innerhalb der Bundesregierung. Das Gesamtsystem ist der Maßstab. Vor allen Eingriffen sind mögliche Zielkonflikte, aber auch Zielkomplementaritäten zu analysieren und Lösungswege aufzuzeigen.

Wir müssen die gesamte Welt der Energieeffizienz neu und im Gesamtsystem denken. Effizienz braucht daher nicht nur neue Technologien oder Optimierungen im Gebäude- und Industriebereich (etwa bei der Dämmung oder bei der Heizung), sondern vielmehr vollkommen neue Geschäftsmodelle. Mit nachhaltigen Effizienzlösungen bietet sich eine hervorragende Chance, die rückläufige Innovationsgeschwindigkeit - gerade bei KMUs - wieder zu erhöhen. Auch kann die Gründungsdynamik einen neuen Schub erfahren. Stichwort: Start-Ups. Effizienz wird so zum neuen Innovationsbeschleuniger und Katalysator für Investitionen. Die Digitalisierung wirkt als zusätzlicher Treiber für neue Geschäftsmodelle. Dazu werden wir mit einer neuen Gründerinitiative unsere bestehenden Programme um entsprechende Komponenten ergänzen.

Wir sind gut beraten, wenn wir dabei die Resilienz des Gesamtsystems stärker in den Blick nehmen. Resilienz heißt: Das Gesamtsystem muss in der Lage sein, die Funktionsfähigkeit unter Stress und Belastungen aufrecht zu erhalten bzw. wiederherzustellen.

„Schwarze Schwäne“, also überraschende Ereignisse, die die Zielerreichung der Energiewende gefährden können, sind vielleicht nicht immer wahrscheinlich – aber: wir müssen vorbereitet sein. Etwa durch ausreichende Vorsorgemaßnahmen und den gezielten Einsatz von Redundanzen im Gesamtsystem sowie zusätzliche Speicher. Aber auch technologische Vielfalt bei Anlagen und Prozessen kann das Gesamtsystem widerstandsfähiger machen.

Uns muss aber klar sein. Zwischen mehr Resilienz und kurzfristiger Effizienz besteht ein Konflikt. Resilienzmaßnahmen erhöhen erst einmal die Kosten, können jedoch längerfristig Geld sparen.

Viertens: Wir brauchen Technologieoffenheit und technologieoffener Forschung, um die Energiewende zum Erfolg zu führen.

Die ersten 30 Prozent Erneuerbare am Strom waren einfach im Vergleich zu dem, was noch vor uns liegt. Wenn die Stromversorgung bis 2050 überwiegend auf erneuerbare Energien umgestellt werden soll, müssen wir ein System schaffen, das an die zunehmend fluktuierende Erzeugung angepasst ist.

Nur durch eine breite Palette an technologischen Optionen können wir Flexibilität im System sicherstellen. Wir müssen es schaffen, „fluktuierende Erzeuger“ mit verschiedenen Flexibilisierungstechnologien intelligent zu kombinieren. Dazu zählen: flexible Kraftwerke, Speicher, Demand-Side-Management, Kraft-Wärme-Kopplung und Power-to-X.

Warum plädiere ich für Technologieoffenheit?

  • Nehmen Sie den Ausstieg aus der Kernenergie. Er war nur möglich, weil wir die technologischen Alternativen vorgehalten haben – und zwar durch Vorsorgeforschung. Die Folgekosten der Kernenergie hingegen werden uns noch über lange Zeit begleiten. Sie hatte damals kaum einer richtig auf der Rechnung.
  • Nehmen Sie den Netzausbau. Hier müssen wir aufpassen, dass wir nicht umsonst überdimensionierte Infrastrukturen aufbauen, die aufgrund ihres Daseins dann betrieben werden müssen, obwohl wir rückblickend betrachtet bessere bzw. günstigere Optionen gehabt hätten.
  • Nehmen Sie die Sektorkopplung. Eine Wärme- und Verkehrswende sowie die Vernetzung aller Sektoren ist ohne ein Bündel an unterschiedlichen Technologien gar nicht zu schaffen. Gerade aus der cross-industriellen Zusammenarbeit können wir aber vollkommen neue Marktchancen erschließen. Ich denke hier z.B. an Power-to-X.

Wir müssen uns deshalb bei unserer Forschung so breit wie möglich für den weiteren Umbau aufstellen. Damit können wir teure Pfadabhängigkeiten vermeiden, sind auf Unwägbarkeiten vorbereitet und erhöhen die Resilienz des Gesamtsystems.

Mit unseren Kopernikus-Projekten wollen wir Optionen für den Umbau entwickeln, die in 10 bis 15 Jahren zum Einsatz kommen können. Dafür nehmen wir 400 Mio. € in den nächsten zehn Jahren in die Hand. Ein entscheidender Punkt dabei ist: Wir starten mit einem breiten Ansatz und schicken verschiedene Optionen in den Praxistest. Diese Offenheit ist auch und gerade von der Industrie als das richtige Herangehen charakterisiert worden. Es verwundert daher nicht, dass von den 260 Partnern in der ersten Phase mehr als 100 aus der Industrie kommen, darunter auch KMUs und Start-Ups. Das freut uns sehr! Es ist ein Beispiel für das optimierte Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Die Flexibilisierung der Industrieproduktion ist dabei ein Kernthema: Deutschland ist Industrieland und soll es bleiben. Gerade die energieintensiven Industrien stellt die Energiewende vor besondere Herausforderungen. Im Kopernikus-Projekt SynErgie werden branchenübergreifend Möglichkeiten erarbeitet, um industrielle Schlüsselprozesse an das schwankende Angebot Erneuerbarer Energien anzupassen und in ihrer Effizienz zu steigern. Professor Sauer ist hier als Koordinator beteiligt. Mögliche Nutzungspotenziale für die Abwärme werden systematisch ermittelt und sollen in die weiteren Produktionsabläufe integriert werden.

Kopernikus hat die Botschaft: Wir müssen raus aus dem Klein-Klein, wichtig ist die Integration im Gesamtsystem zu betrachten.

Fünftens: Die übergeordneten Ziele der Energiewende sind entscheidend. Ihre Erreichung darf nicht durch Überregulierung und Mikromanagement behindert werden.

Energiepolitik ist naturgemäß kurzfristig ausgerichtet. Forschung ist ein Treiber und Vordenker der Energiewende – und daher auch gelegentlich unbequem. Wir müssen den Mut und Handlungswillen mitbringen, mit der Forschung über das Kurzfristige hinauszudenken.

Wir brauchen mehr Innovation und weniger Regulation. Eine Ordnungspolitik im planwirtschaftlichen Maßstab kann es nicht sein. Vorgaben und Bevormundungen sind es nicht. Gleichwohl muss der Staat im Blick behalten und Rahmenbedingungen schaffen, damit wir die übergreifenden Ziele der Energiewende erreichen.

Bei der Effizienzfrage gilt das ganz besonders: Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger für das Energiesparen gewinnen und ihre Entscheidungen verstehen. Eine Verhaltensregulierung kann es nicht geben und sie wird nicht funktionieren. Wir müssen die Frage beantworten, mit welchen effizienten Anreizen wir Hausbesitzer dazu bringen können, Geld für Effizienzmaßnahmen in die Hand zu nehmen. Gerade hier zeigt sich also: Wir müssen die Menschen auch weiterhin für die Energiewende begeistern, damit sie mitziehen. Wir müssen es schaffen, bottom-up die Potentiale der Energiewende zu heben. Das gilt im Übrigen auch für die Industrie. Die Effizienznetzwerke des BDI zeigen, wie es gehen kann.

Der Wettbewerb der Ideen ist der beste Weg. Forschung ist dafür ein Garant. Nur so erreichen wir mehr Marktwirtschaftlichkeit. Innovationsketten sind breit anzulegen, die Kooperation im vorwettbewerblichen Bereich mit der Wirtschaft ist auszubauen. Zusammen können wir so die besten Lösungen für ein kohärentes Gesamtsystem entwickeln.

Für den Umbau des Energiesystems muss uns klar sein: Der Wandel wird sich nicht ad-hoc, sondern über lange Zeiträume vollziehen. Er ist von Unsicherheiten geprägt. Das macht es nicht leichter. Eine langfristig angelegte Forschung ist die richtige Antwort. Wir müssen gemeinsam die großen Linien zeichnen und dabei Flexibilität erhalten. Mikro-Management ist der falsche Weg.

Wir müssen bei der CO2-Reduktion vorwärts kommen. Dabei sollten wir die Menschen, aber auch die Unternehmen selbst entscheiden lassen, wie sie technologieoffen ans Ziel gelangen. Sie wissen selbst am Besten, wo sich der investierte Euro rechnet. Statt Sanierungsquoten und „Gängelei von oben“ brauchen wir mehr Pragmatismus und Realismus. Vor allem aber brauchen wir mehr Raum für den Wettbewerb und das Spiel der freien Kräfte sowie Maßnahmen und Vorgaben, die Flexibilität erlauben und Transparenz gewährleisten. Das muss dann aber auch mit einem starken Commitment aus der Wirtschaft korrespondieren. Wer glaubt, sich dem in vermeintlicher Cleverness zu entziehen, diskreditiert ein solches Verständnis.

Die Gestaltung der Zukunft setzt Offenheit und das Verlassen ausgetretener Pfade voraus. Wir müssen bei allen Veränderungen stärker in Chancen denken. Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft brauchen neue Entfaltungsmöglichkeiten und den Austausch miteinander. Es geht um mehr Frei- und Experimentierräume in Wirtschaft und Gesellschaft.

Wir setzen auf ein breites Innovationsverständnis – technisch, ökonomisch, ökologisch, sozial, regulativ. Eine solche „offene Innovationskultur“ ist unser Leitthema und unser Auftrag.