BDI Forschungsfrühstück

Eingangsstatement von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, am 25. März 2015 in Berlin

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Laurence Chaperon

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

über die Einladung zum Forschungsfrühstück freue ich mich sehr. Sie standen ja im intensiven Dialog mit dem BMBF zur Ausgestaltung der neuen Hightech-Strategie. Hier wollen wir heute auch wieder ansetzen.

Denn die Hightech-Strategie ist ein Erfolgsmodell – so hat es zuletzt wieder die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) bestätigt. Zahlreiche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt. Ich will hier nur eine Auswahl nennen: Das Programm „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“, die Internationalisierung von Spitzenclustern, Zukunftsprojekten und vergleichbaren Netzwerken und zuletzt das neue Forschungsprogramm zur IT-Sicherheit.

Erst in der vergangenen Woche haben wir mit der Auftaktsitzung des Hightech-Forums einen weiteren wichtigen Meilenstein zur Umsetzung der neuen HTS genommen. Das neue Beratergremium wird einen entscheidenden Beitrag zur Umsetzung und Weiterentwicklung der Hightech-Strategie leisten – als Ratgeber, als Impulsgeber oder als Multiplikator.

Gute Wettbewerbssituation – neue Herausforderungen

„Deutschland im Glück“ war der Titel eines Kommentars, der kürzlich in einer Tageszeitung zu lesen war. Bezugspunkt waren die sich eintrübenden Wirtschaftsaussichten für die chinesische Volkswirtschaft. Und obwohl bspw. die großen deutschen Autobauer 30% ihrer Fahrzeuge bereits in China absetzen: der deutschen Volkswirtschaft wird vermutlich keine spürbaren Einbrüche drohen. Denn die deutsche Konjunktur ist mittlerweile weniger exportabhängig, die Exportmärkte stark diversifiziert. Deutschland im Glück? Nein, es ist nicht Glück allein.

Hinter dem Rekordniveau im Export, hinter der hohen Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit steht natürlich mehr als glückliche Fügung. Ich komme gerade von einer USA-Reise zurück, wo einmal mehr die Stärken unseres Innovationssystems hervorgehoben wurden, nämlich die Vernetzung und die Systemkompetenz. Unser wesentlicher Erfolgsfaktor sind der soziale Zusammenhalt, das Zusammenspiel von Menschen, Unternehmen, Organisation und Technik in der Arbeit in gemeinsamer Verantwortung – auch in der Zukunft. Diese Stärken wollen wir im Rahmen der neuen Hightech-Strategie weiter ausbauen.

Hierfür sind weitere Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig, um im internationalen Wettbewerb in der Spitzengruppe mithalten zu können. D trägt heute 40% der europäischen Innovationsausgaben. Aber: Wir müssen festhalten, dass nach den letzten Zahlen (für das Jahr 2013) die FuE-Ausgaben der Wirtschaft stagnieren (mit gut 53 Mrd. auf Vorjahresniveau). Das BMBF setzt sich mit Kräften dafür ein, dass die investitionsfreundlichen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft weiter gestärkt werden.

Das gemeinsame Ziel von Politik und Wirtschaft ist es, im internationalen Wettbewerb kreative Antworten auf neue Herausforderungen zu geben. Eine zentrale Herausforderung ist, dass die Volatilität und die Mehrdeutigkeit von Entwicklungen [Starke Binnenkonjunktur vs. Abwärtstrend in Indien und China] heute der neue Normalzustand sind. In einem aktuellen Papier von Roland Berger wird von einer notwendigen Robustheit, einer Resilienz gesprochen, um Marktumwälzungen besser vorwegzunehmen. Mit der Hightech-Strategie wollen wir hier ansetzen und Antworten auf die Fragen geben: Wie bleibt Deutschland zukunftsfähig, womit wollen wir in Zukunft unser Geld verdienen?

Die Hightech-Strategie setzt auf der einen Seite sechs thematische Prioritäten bei Forschung und Innovation, von gesundem Leben bis zu ziviler Sicherheit. Auf der anderen Seite nimmt sie das Ganze in den Blick – wichtige Querschnittsthemen wie Vernetzung und Transfer, innovativer Mittelstand, Internationalisierung, Optimierung von Rahmenbedingungen wie Fachkräfte oder Wagniskapital.

Die Hightech-Strategie hat in den zurückliegenden Jahren spürbar zur Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit beigetragen. Lassen Sie mich mit Blick auf die Zukunft auf unsere Herausforderungen und gemeinsame Aktivitäten näher eingehen – exemplarisch für die Zukunftsaufgaben Nachhaltiges Wirtschaften und Energiewende sowie die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft:

Zukunftsaufgabe: Nachhaltiges Wirtschaften und Energiewende

Die USA als größte Volkswirtschaft der Welt haben im Bereich des nachhaltigen Wirtschaftens einen großen Nachholbedarf – auch dieser Eindruck hat sich für mich in der vergangenen Woche bestätigt. Deutschland ist hier einige Entwicklungsphasen voraus – noch! Immerhin stellen wir in der Umwelttechnik 14% des Weltmarktanteils. Diese Position gilt es weiter auszubauen. Wir wollen die Energiewende zum ökologischen und ökonomischen Erfolg führen.

Gerade anhand dieser Zukunftsaufgabe wird unsere Stärke der Vernetzung zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft deutlich. So ist mit der Initiative zur Nationalen Plattform Zukunftsstadt (NPZ) ein Forum geschaffen worden, in dem Wissenschaft, Stadtplaner und Entscheidungsträger Grundlagen für neue Umsetzungsstrategien entwickeln.

Die Ergebnisse der Nationalen Plattform Zukunftsstadt wurden als Forschungsagenda im vergangenen Monat veröffentlicht. Dann wird sich eine Umsetzungsplattform mit der Realisierung der Ergebnisse beschäftigen. „Das Leben und Forschen in der Zukunftsstadt“ ist unser Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahres.

Das BMBF führt darüber hinaus im Rahmen des Forschungsforums Energiewende breit und offen angelegte Agendaprozesse durch. Die Stakeholder haben bisher fünf Themenfelder und Zielkorridore für Großforschungsprojekte vorgeschlagen, z.B. zu den Themen neue Netzstrukturen oder Ausrichtung von Industrieprozessen.

Sowohl in der Zukunftsstadt als auch im Rahmen des Forschungsforums Energiewende werden zentrale Stakeholder aus Kommunen, Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und den Ressorts beteiligt. Ich möchte an dieser Stelle BDI und der Siemens AG herzlich für das Engagement in beiden Prozessen danken.

Zukunftsaufgabe: Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft

Wie Sie wissen stand in der vergangenen Woche die digitale Transformation in der Ökonomie („d!conomy“) im Mittelpunkt der diesjährigen Cebit-Messe, auf der wir den Startschuss zur Gründung der neuen Plattform Industrie 4.0 gegeben haben.

Mit dem Einzug des Internets der Dinge, Daten und Dienste in die Produktion bricht ein viertes industrielles Zeitalter an. Deutschland hat das Potenzial zum internationalen Leitmarkt und Leitanbieter in der Industrie 4.0 und den damit verknüpften Diensten. Dafür müssen zahlreiche technologische, rechtliche und gesellschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden.

Ein Ansatz ist die Arbeit an einer „Referenzarchitektur Industrie 4.0“, die in der Verbändeplattform Industrie 4.0 von ZVEI, VDMA und BITKOM vorangetrieben wird. Viele haben die Plattform kritisiert. Davon unbeeindruckt hat die Plattform gearbeitet. In Kürze wird die Plattform Material zu einer Referenzarchitektur im Umfang von gut 200 Seiten vorlegen.

Bisher hat die Bundesregierung für Industrie 4.0 insgesamt 200 Mio. Euro zugesagt; 120 Mio. Euro davon sollten aus dem BMBF kommen. Diesen Betrag hat das BMBF schon heute bewilligt und wird zusätzliche Mittel bereitstellen, um die technische Entwicklung für Industrie 4.0 voran zu treiben. Die Schwerpunkte der Förderung sind hierbei:

  • Mikroelektronik neu ausrichten (Sensorik, Aktorik)
  • Referenzarchitektur für Industrie 4.0
  • Industrie 4.0 auf den Hallenboden bringen (Praktische Umsetzung bei KMU)
  • Referenzprojekt zur IT-Sicherheit in Industrie 4.0

Wir sprechen bei Industrie 4.0 über Chancen. Die am häufigsten geäußerte Befürchtung ist, dass bei Industrie 4.0 die Daten nicht sicher seien. So werden tatsächlich Cyberattacken immer häufiger und professioneller. Die wirtschaftlichen Schäden durch IT-Angriffe werden für 2013 weltweit auf 575 Milliarden Dollar geschätzt.

Wir nehmen diese Befürchtungen sehr ernst. Industrie 4.0 wird ein Schwerpunkt im neuen IT-Sicherheitsforschungs-rahmenprogramm der Bundesregierung unter Federführung des BMBF sein.

Über die Architektur von Industrie 4.0 hinaus geht die von der FhG maßgeblich initiierte Initiative „Industrial Data Space“. Der Industrial Data Space zielt darauf ab, all die Daten sicher zu verknüpfen und wirtschaftlich zu verwerten, die Unternehmen in Deutschland bei ihrem Wandel zu einer datengetriebenen Ökonomie in immer größerem Umfang nutzen, verknüpfen und für neue Geschäftsmodelle verwerten.

Im neu gefassten IT-Gipfelprozess wird eine Plattform zu Industrie 4.0 eingerichtet, die von BMBF und BMWi zusammen mit Industriepartnern geleitet wird. Diese Plattform strebt an, die Aktivitäten auf Industrie-, aber natürlich auch mit der Verbändeseite zu koordinieren sowie in Arbeitsgruppen zu Standardisierung, Forschung, Qualifizierung, Rechtsrahmen und weitere Aspekte konkret umzusetzen.

Bei der Auftaktveranstaltung der Plattform Industrie 4.0 am 14. April 2015 auf der Hannover-Messe werden die ersten Ergebnisse der bisherigen Verbändeplattform sowie Ausblick, Zielrichtung und Agenda der Plattform vorgestellt und diskutiert.

Querschnittsthemen: Innovationskräfte freisetzen

Innovative Arbeitswelt: Industrie 4.0 bedeutet massive Änderungen – insbesondere bei Arbeitsprozessen und Arbeitsinhalten. Daraus folgen neue Qualifikationsbedarfen für Facharbeiter in den Betrieben, praxiserfahrene Ingenieure und vor allem in der Ausbildung. Ansätze und erste Projekte dazu existieren bei verschiedenen Unternehmen.

Das Dachprogramm „Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“ des BMBF verbindet die verschiedenen Aspekte der Produktion, Dienstleistung und Arbeit, die mit der Technisierung, Automatisierung und Digitalisierung einhergehen. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen sind in dem Programm adressiert, nach Lösungen zu suchen, die technischen und sozialen Fortschritt verknüpfen.

Die neue speziell auf soziale Innovationen ausgerichtete Forschungsprogrammlinie „Zukunft der Arbeit“ komplettiert als dritte Säule das Dachprogramm (Nachfolge von „Arbeiten, - Lernen – Kompetenzen entwickeln“). Sie wird im Laufe dieses Jahres zusammen mit Sozialpartnern und Verbänden als ESF-kofinanziertes Teilprogramm mit dem Titel „Zukunft der Arbeit“ erstellt.

Transparenz und Partizipation: Wie bereits im Kontext der Zukunftsaufgabe Nachhaltiges Wirtschaften aufgezeigt, setzt das BMBF bei der Umsetzung der Hightech-Strategie auf eine breite Beteiligung aller relevanten Akteure.

Partizipative, subsidiäre und dezentrale Verfahren – also die Beteiligung von Bürgern und Bürgerinnen, Initiativen und Gruppen an (diskursiven) Prozessen – sind heute entscheidend für gesellschaftliche Einflussnahme und Aufgeschlossenheit sowie Grundlage verantwortungsvoller Forschungs- und Innovationspolitik.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass neue Technologien und Lösungen nicht an den Bürgern vorbei entwickelt werden dürfen, weil sie sonst oft nicht akzeptiert werden. Mit dem Bürgerdialog Zukunftstechnologien haben wir in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. Daher werden wir dieses Dialogformat weiterentwickeln.

Vernetzung und Transfer: Kreative Lösungen entstehen an den Schnittstellen von Technologien und Branchen sowie im engen Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft. Vor diesem Hintergrund wollen wir die Transfermechanismen hin zu wirtschaftlicher Vermarktung sowie auch zur gesellschaftlichen Anwendung weiter verbessern.

Wir haben in den vergangenen Jahren mit neuen Instrumenten der Innovationsförderung wie dem Spitzencluster-Wettbewerb oder Forschungscampus bei Vernetzung und Transfer viel erreicht. Insgesamt sind über 2.000 Unternehmen allein an den Spitzenclustern beteiligt. Aber wir wollen noch besser werden.

Dazu brauchen wir neue Wege und Formate. Bspw. nehmen wir die Förderung von Pilotanlagen und -anwendungen in den Blick, die auch in Verbünden unterschiedlichster Partnern entstehen können. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Stärkung der Fachhochschulen, die durch ihre anwendungs- und lösungsorientierte Forschung häufig intensiv mit den Unternehmen in ihrer Region kooperieren und so gerade für KMU interessante Partner sind.

Für eine dauerhafte wirtschaftliche Dynamik brauchen wir auch innovative und wachstumsstarke KMU. Die Innovationsausgaben der KMU sind in den letzten Jahren nicht weiter angestiegen, deshalb wollen wir den Kreis von Unternehmen verbreitern, die wir mit Programmen für den innovativen Mittelstand unterstützen.

Governance der neuen Hightech-Strategie

Um ihre volle Wirkung zu entfalten, braucht selbst die beste Strategie starke Partner in der Umsetzung. Dazu gehört ein externes Begleitgremium, in der die zentralen Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft vertreten sind – das Hightech-Forum.

Die Arbeit des Hightech-Forums hat zwei Hauptrichtungen:

Lösungsorientiert: Das Gremium soll Impulse zu quergreifenden Themen in Forschung und Innovation geben, konkrete Handlungsempfehlungen formulieren und die Hightech-Strategie so konzeptionell weiterentwickeln.

Umsetzungsorientiert: Das Gremium soll schwerpunktmäßig umsetzungsorientiert arbeiten – und nicht akademisch – mit einem starken Fokus auf Entwicklung von Maßnahmen und Initiativen, die gemeinsam von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft getragen werden.

Das Hightech-Forum vernetzt sich bei thematischen Überschneidungen mit anderen Gremien und Plattformen mit Regierungsbeteiligung. Es besteht aus dem Plenum und aus nachgelagerten Fachforen. Die Fachforen organisieren sich selbst und koordinieren eigenständig die Zusammenarbeit mit externen Gremien und Plattformen sowie mit den existierenden Zukunftsprojekten. Auf der Auftaktsitzung wurde die Einrichtung folgender Fachforen verabredet:

  • Vernetzung und Transfer (u. a. Zukunft der Clusterpolitik, Förderung des Gründungsgeschehens)
  • Neue Formen von Innovation und Innovationskraft des Mittelstandes (u. a. Open Innovation, neue Geschäftsmodelle; Innovationskraft von KMU und Mittelstand)
  • Transparenz und Partizipation (u. a. Agendaprozesse, Bürgerforschung)
  • Internationalisierung (u. a. grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Forschungsakteure, internationale Aspekte der Innovationsförderung, IP-Strategien, internationale Attraktivität für kluge Köpfe)
  • Innovative Arbeitswelt (u. a. Dienstleistungen im digitalen Wandel, Kompetenzaufbau in den Betrieben und in Bildungseinrichtungen, Internet 2.0)

Ich würde mich freuen, wenn Sie als Umsetzungspartner der Hightech-Strategie die Arbeit des Hightech-Forums intensiv begleiten. Denn: unser gemeinsames Ziel ist es, die Innovationsbasis in Deutschland zu verbreitern, um Ideen schneller zu neuem Wachstum zu führen.

In diesem Sinne freue ich mich auf unsere Diskussion!