"Bei politischen Auseinandersetzungen richtet sich der Blick oft auf Frauen"

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Frau Wanka, wie feiern Sie den Frauentag?
 
Johanna Wanka: Wenn ich ehrlich bin - gar nicht. Früher war der Tag für mich ganz praktisch sogar ein Problem, weil unser Sohn am 9. März Geburtstag hat. Versuchen Sie mal, in der DDR am Frauentag Schnittblumen zu bekommen. Das war absolut unmöglich, das ist alles am 8. März rausgegangen.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Wo und wie haben Sie den Tag mal am lebhaftesten gefeiert?
 
Johanna Wanka: Der Tag war mir nicht so wichtig, echte Gleichberechtigung dagegen schon. Sicher, wir hatten früher immer Frauentagsfeiern in der Fakultät, die habe ich aber nicht als etwas Besonderes in Erinnerung, sie liefen also nicht aus dem Ruder (lacht)…
 
Mitteldeutsche Zeitung: Welche Bedeutung hatte der Tag für Sie, war das nur der Alibi-Tag?
 
Johanna Wanka: Ja, das war er. Heute bedeutet er mir noch weniger - obwohl mir das Thema Chancengleichheit noch wichtiger geworden ist. Der Frauentag ist in anderen Ländern wichtiger, wo es grundlegender als bei uns um die Rechte von Frauen geht.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Wie ist es denn mit einer Chefin im Kabinett?
 
Johanna Wanka: Darüber bin ich sehr froh. Ich bewundere Frau Merkel und ihren Arbeitsstil. Die Art und Weise, wie die Kanzlerin auch bei komplizierten Themen das Wesentliche erkennt, ist für mich immer wieder faszinierend.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Werden Frauen erst Chefin, wenn die Not groß ist?
 
Johanna Wanka: Solche Situationen kenne ich, etwa aus Brandenburg. Bei politischen Auseinandersetzungen richtet sich der Blick oft auf Frauen, weil man nur noch ihnen zutraut, etwas zu reparieren oder Kompromisse zu schließen.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Gab es früher mehr Chancengleichheit?
 
Johanna Wanka: Nicht in dem Sinne, dass es früher mehr Gleichberechtigung gab. In der DDR gingen die Frauen eher aus ökonomischen Gründen mehr arbeiten, weil auf sie als Arbeitskräfte nicht verzichtet werden konnte. Frauen waren deshalb auch finanziell unabhängiger. Aber es gab kaum Frauen in Führungsfunktionen. Eine Frau als Chefin eines VEB oder in der Bezirksleitung? Daran kann ich mich kaum erinnern. Nach der friedlichen Revolution habe ich dann gedacht, der Staat muss die soziale Komponente, die Kinderbetreuung, regeln und dann liegt es nur an den Frauen selber. Ich musste aber lernen, dass das nicht reicht. Frauen stoßen an eine gläserne Decke.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Was heißt das konkret?
 
Johanna Wanka: Wenn jemand eine Führungsposition hat, zieht er oft ihm bekannte Leute nach. Da kommen Netzwerke zum Tragen, und die sind meist männlich. Das ist nicht immer böse gemeint, um Frauen fernzuhalten. Das findet oft unbewusst statt. Aber umso wichtiger ist es, bewusst Frauen zu fördern.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Wie schafft man denn eine ausgeglichene Besetzung von Spitzenposten?
 
Johanna Wanka: Ich bin für die Quote. Das ist ein wichtiges Instrument. Ein kluges Modell ist das, was wir im Wissenschaftsbereich eingeführt haben: das Kaskadenprinzip. Dabei richtet sich die Quote auf der nächsthöheren Ebene nach dem Anteil der Frauen auf der vorigen. Der Anteil von Doktorandinnen zum Beispiel soll so hoch sein wie der bei den Uni-Absolventinnen. Wir haben auch ein Professorinnen-Programm aufgelegt, mit dem wir feste, unbefristete Stellen fördern. In der ersten Phase haben wir schon 260 Professuren besetzt. Wir haben gute Programme, um Frauen für das Studium von MINT-Fächern zu begeistern. Langfristig wird die demografische Entwicklung bei mehr Chancengleichheit helfen: Auf kluge Frauen werden wir in Deutschland einfach nicht mehr verzichten können.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Inwiefern muss Frauenförderung eine Mütterförderung sein?
 
Johanna Wanka: Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, ob sie Frauen und Männern beides möglich macht: Karriere und Familie. Ich habe auch Frauen kennengelernt, die für den Beruf bewusst auf Kinder verzichtet haben. Das ist völlig legitim. Die Gesellschaft muss aber so organisiert sein, dass beides möglich ist - und das ist auch für Männer wichtig. Wenn man sich die Kinderbetreuung und Ganztagsschulen anguckt, hat sich da einiges getan. Die ostdeutschen Länder haben da einen Vorsprung, aber Länder wie Bayern holen auf. Bayern hat die höchste Quote von jungen Frauen, die arbeiten.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran? Wie weiblich ist Ihr Ministerium?
 
Johanna Wanka: Wir sind gut, wir sind sehr gut! Bei den Referatsleitungen liegt der Frauenanteil über 40 Prozent, in meinem Leitungsbereich sind 4 von 6 Führungspositionen weiblich besetzt. Wir haben eine Staatssekretärin, zwei Abteilungsleiterinnen. Von unseren 1000 Beschäftigten nutzen 220 unterschiedliche Arbeitszeitmodelle. Das reicht von Telearbeit bis dahin, dass sich zwei Frauen oder auch Männer eine Referatsleiter-Position teilen. Wenn man will, funktioniert das - und als Arbeitgeber minimiert man auch noch Ausfallzeiten.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Sachsen-Anhalt wartet sehnsüchtig auf ein Ende des Kooperationsverbotes bei Hochschulen. Wird es fallen?

 
Johanna Wanka: Ich werbe dafür und bin froh über jedes Bundesland, das derselben Ansicht ist. Ministerpräsident Reiner Haseloff ist einer, der im Bundesrat für mehr Kooperation streiten wird. Aber die Erwartung, dass der Bund überall die Finanzierung übernimmt, ist unrealistisch. Die Schuldenbremse gilt auch für den Bund. Die Förderung einzelner Fächer und auch ganzer Institute schwebt uns allerdings schon vor. Wir wollen auch gerne über gemeinsame Strategien mit den Ländern reden - etwa über die Frauenförderung an den Hochschulen.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Landes-Wissenschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) kennen Sie noch aus gemeinsamen Kabinettstagen in Niedersachsen. Freuen Sie sich, dass er jetzt Ihr Ansprechpartner in Magdeburg ist? Spricht er sein Hochschulstruktur-Konzept mit Ihnen ab?
 
Johanna Wanka: Ich habe mit Hartmut Möllring in Niedersachsen sehr gerne zusammengearbeitet und stehe weiter in gutem Kontakt mit ihm. In die Entscheidungen in Sachsen-Anhalt mische ich mich nicht ein. Das Land muss den Bund nicht fragen, wie es das regelt.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Hat es Sie geschmerzt, dass Ihre frühere Fachhochschule Merseburg auf einem Ministeriums-Streichpapier aufgetaucht ist?
 
Johanna Wanka: Es gehört sich nicht, dass ich mich zur Landespolitik äußere.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Nur so allgemein: Welche Bedeutung haben kleine Hochschulstandorte?
 
Johanna Wanka: Wir haben eine breit gefächerte Hochschulstruktur in Deutschland, das ist eine Stärke. Wir brauchen eine Versorgung auch in der Fläche. Fachhochschulen sind gerade in Ostdeutschland ein regionaler Motor der Wirtschaft, der Fachkräfte anzieht. Für die regionale Wirtschaft sind die Fachhochschulen wichtige Ansprechpartner.
 
Mitteldeutsche Zeitung: Möllring setzt auch bei den defizitären Uniklinika auf Hilfe des Bundes - er meint, die Kliniken hätten bundesweit Strukturprobleme. Hat er Recht?
 
Johanna Wanka: Ja. Wir haben 33 medizinische Fakultäten in Deutschland, von denen ein beträchtlicher Teil auch strukturell in den roten Zahlen ist. Eine Uniklinik hat besondere Aufgaben, die Forschung natürlich, aber auch die Behandlung von seltenen oder besonders schweren Krankheiten. Oder sie muss Kapazitäten für Unglücke vorhalten. Diese Sonderaufgaben werden aber von den Fallpauschalen nicht erfasst. Es macht Sinn, wenn diese besonderen Aufgaben besser vergütet werden. Das steht auch so im Koalitionsvertrag - und wir werden das angehen.

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