Beratung des Antrags von CDU/CSU und SPD „Industrie 4.0 und Smart Services – Wirtschafts-, arbeits-, bildungs- und forschungspolitische Maßnahmen für die Digitalisierung und intelligente Vernetzung von Produktions- und Wertschöpfungsketten"

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka im Deutschen Bundestag

Es gilt das gesprochene Wort!

Bundesministerin Johanna Wanka im Deutschen Bundestag © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Herr Präsident!

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Schon in der vergangenen Legislaturperiode hat unsere Hightech-Strategie „Industrie 4.0“ als Zukunftsprojekt verfolgt. Ich freue mich, dass wir heute in der Situation sind, dass auch die anderen Ressorts an diesem Punkt ganz entscheidend mitziehen. Wir sind gemeinsam der Meinung: Das ist eine Riesenchance für Deutschland.

Zum einen geht es um die Zukunft der Industrie und um eine industrielle Revolution. Viele Länder, zum Beispiel Großbritannien und die USA, haben seit Jahren deindustrialisiert, Deutschland nicht. Wir haben also einen viel höheren Industrialisierungsgrad. Wenn man Industrie entwickeln will, braucht man eine entsprechende industrielle Basis. Die anderen Länder versuchen jetzt aufzuholen.

Zum anderen: Wir sind in Deutschland weltspitze bei Embedded Systems, bei Robotik und bei Sensorik. Wir exportieren mehr Software, als wir importieren. Zum Vergleich: In China kommen auf 10.000 Industriearbeitsplätze 14 Roboter. In Deutschland kommen auf 10.000 Industriearbeitsplätze 286 Roboter. Diese Zahlen belegen: Wir haben einen Vorsprung. Aber auf einem Vorsprung sollte man sich nicht ausruhen, sondern man muss etwas daraus machen. Die Ausgangsposition ist jedenfalls ausgezeichnet.

Wir haben in diesem Jahr anlässlich der Hannover Messe die Plattform Industrie 4.0 etabliert. Sie ist eine Andockstelle. Es geht dabei darum, die neuen Entwicklungen in der Wirtschaft vonseiten der Politik aber auch vonseiten der Wissenschaft zu flankieren. Man könnte natürlich darüber reden, dass es die größte Plattform ihrer Art weltweit ist und dass dort viele Partner beteiligt sind. Das stimmt zwar alles; aber das Einzige, was uns interessiert, ist: Was liefert diese Plattform? In der nächsten Woche werden wir auf dem IT-Gipfel 200 Beispiele präsentieren, die zeigen, wo Industrie 4.0 in Deutschland schon realisiert wurde.

Noch spannender ist die Tatsache, dass wir auf der nächsten Hannover Messe Entwicklungsszenarien für Industrie 4.0 präsentieren wollen. Die Umsetzung von Industrie 4.0 ist für die Großindustrie in Deutschland kein Problem. Was diese größten Player auf der Hannover Messe ausstellen, ist spitze und wird im Internet weltweit sofort angeklickt. Ganz entscheidend für Deutschland ist aber, dass der Mittelstand mitzieht.

In diesem Zusammenhang möchte ich drei Punkte herausgreifen:

Erster Punkt: Die KMUs stehen bei uns im Fokus, wenn es um Industrie 4.0 geht. Wir haben dafür entsprechende Programme entwickelt. Im Programm „Industrie 4.0 auf dem Hallenboden“ geht es ganz konkret darum, wie die Wirtschaftlichkeit von Industrie 4.0 durch kleine Unternehmen beurteilt werden kann und welche Einführungsstrategien man anwenden kann. Dazu gehört nicht so sehr das Herstellen von Handreichungen, sondern es geht um das Erstellen von Musterbeispielen auf der Grundlage von einfachen Szenarien. Der Mittelstand wird durch diese Programme an Industrie 4.0 herangeführt und entsprechend motiviert.

Ich freue mich, dass wir jetzt die Situation haben – anders als im letzten Jahr –, dass 70 Prozent der KMUs glauben, dass durch die mit Industrie 4.0 verbundene Effizienzsteigerung ein großer Vorteil für ihre Betriebe entstehen kann. Das Wirtschaftsministerium will nächstes Jahr fünf Demonstrationszentren einrichten. Sie werden eine gute Anlaufstelle für den Mittelstand sein. Gleichzeitig müssen wir eine Antwort auf die Frage geben, wie man Investitionsentscheidungen trifft. Da müssen wir etwas vorzuweisen haben.

Mittelständler müssen ihre Ideen testen können. In der Forschung und auch bei Großunternehmen in Deutschland gibt es Testmöglichkeiten. Wir geben dem Mittelstand über ein Förderprogramm das dazu notwendige Geld. Die Mittelständler können selbst entscheiden, wo sie ihre Idee ausprobieren wollen. Wir werden nächste Woche bekannt geben, wo es Koordinierungsstellen gibt, in denen man sich beraten lassen kann. Ich denke, das ist eine ganz wesentliche Maßnahme, um den Mittelstand mitzunehmen.

Zweiter Punkt: Ohne entsprechende Sicherheit ist es nicht möglich, Industrie 4.0 zu realisieren. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir die Idee des Industrial Data Space, die von der Fraunhofer-Gesellschaft kam, durchgekämpft haben. Es gab viele Gegner. Jetzt wird es Standard.

Die drei Kompetenzzentren für IT-Sicherheit haben wir vier Jahre lang finanziert und dann evaluiert. Bei einer solchen Evaluation kann auch einer rausfallen. Das Ergebnis aber ist: „Exzellent! Super!“ – So lautet die internationale Einschätzung. Deshalb erhöhen wir jetzt die Mittel für die nächsten vier Jahre. 40 Millionen Euro werden wir dort investieren. Das schafft Kontinuität. Ich nenne auch das große Programm „Referenzprojekt für IT-Sicherheit in Industrie 4.0“, das im Juli gestartet ist. Und es gibt noch viele weitere Programme.

Der dritte Punkt: Allen ist klar, dass Industrie 4.0 nur funktionieren kann, wenn die Mitarbeiter mitziehen oder mitgezogen werden. Das heißt, es gibt Veränderungen in der Arbeitsorganisation, in der Arbeitsmotivation, bei dem, was man können muss. Das muss jetzt in Deutschland entsprechend umgesetzt werden, und das ist nicht einfach. Wir behandeln dieses Thema im Ministerium schon seit Jahren in unterschiedlichsten Programmen. Ich hoffe, ich höre nachher nicht das Märchen, das ich schon mehrfach gehört habe, nämlich dass wir erst jetzt, nach all der Technologie, anfangen, uns um diese Punkte zu kümmern. Das ist einfach Quatsch.

Wir haben noch vor der Bundestagswahl mit den Sozialpartnern verhandelt. Deswegen haben wir jetzt die Möglichkeit, gemeinsam ein großes Programm zu etablieren, bei dem es um die Arbeitswelt von morgen geht, bei dem von Vornherein die Interessen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer mit verankert sind – und das mit vielen hundert Millionen Euro ausgestattet ist.

Aber es geht nicht darum, dass man nur Forschung macht; Forschung muss immer an die konkrete Wirtschaft gebunden sein. Deswegen wird es keine abstrakten Forschungsprojekte geben. Forschungsprojekte werden anwendungsbezogen sein – immer in Verbindung mit einem Betrieb, einem kleinen, einem mittelgroßen, je nachdem.

Wir haben gemeinsam mit den Kammern und mit dem BIBB die Initiative Berufsbildung 4.0 zur Berufsfeldentwicklung gestartet. Die Berufsfelder müssen geändert werden. Die Digitalisierung muss sich in den Curricula wiederfinden. Wir werden hier hoffentlich beschließen, was gestern in der Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses nicht strittig war: An die überbetrieblichen Ausbildungszentren des Handwerks geben wir dafür im nächsten Jahr 14 Millionen Euro; das soll sich steigern bis auf 20 Millionen Euro.

Meine Damen und Herren, es wird in Deutschland immer gesagt: Guckt bei Industrie 4.0 auf die Amerikaner! Was die alles können! – Unsere großen Wirtschaftschefs waren dort und haben sich das angeschaut. Sie sagen unisono: „Da ist viel heiße Luft. Wir sind richtig gut.“ – Dieses Selbstbewusstsein wünsche ich uns bei diesem Thema.

Vielen Dank!