Bescheidübergabe zum Projekt SiME

Ansprache des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, in Wermelskirchen

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung
Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Pulm,
sehr geehrter Herr Bosbach,
sehr geehrte Frau Hofmann-Böllinghaus,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass ich heute hier in Wermelskirchen in der Werkstatt Lebenshilfe im Bergischen Land GmbH den Startschuss für das Verbundprojekt „Sicherheit für Menschen mit körperlicher, geistiger oder altersbedingter Beeinträchtigung (SiME)“ geben kann.

Gefahren durch technische Störfälle, Naturkatastrophen oder Brände bedrohen uns alle. Häufig wird es dann erforderlich, Gebäude oder Gelände schnell zu verlassen. Was passiert aber, wenn die betroffenen Menschen das Gebäude nicht ohne Hilfe verlassen können oder nicht rechtzeitig realisieren, dass eine konkrete Gefahr besteht?

In der Vergangenheit hat es leider einige tragische Ereignisse gegeben, bei denen die Betroffenen sich nicht selbst in Sicherheit bringen und auch Helfer die Menschen nicht mehr retten konnten:

  • So starben am 26. November 2012 14 Menschen bei einem verheerenden Brand in der Caritas-Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt, obwohl die Rettungskräfte schnell vor Ort waren. 14 weitere Personen wurden z.T. schwer verletzt.
  • 2011 starben bei einem Brand in einem estnischen Waisenheim acht Kinder und zwei erwachsene Bewohner. Die Menschen waren körperlich stark beeinträchtigt und an den Rollstuhl oder das Bett gefesselt. Obwohl bei der kurz zuvor durchgeführten brandtechnischen Überprüfung des Gebäudes keine Mängel festgestellt worden waren, breitete sich das Feuer sehr schnell aus und für diese Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Derartige Ereignisse versetzen ganze Regionen und Länder in einen Schockzustand, der u.a. dazu führt, dass nachfolgend zusätzliche Prüfungen der Bauten durchgeführt werden.

Aber die bauliche Sicherheit ist nicht alles. Es gilt vielmehr, Konzepte zu erarbeiten, die die Bewohner von Heimen oder die Beschäftigten in Werkstätten besser in die Lage versetzen, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Hierbei ist es wichtig, dass in die Rettungskonzepte und die Gestaltung der Rettungswege sowohl die Nutzung von Hilfsmitteln, wie z.B. Rollstühle oder spezielle Rettungsstühle (Evac-Chairs), als auch die Interaktion von Hilfsbedürftigen mit Helfern einbezogen wird.

Für die Modellierung von Entfluchtungen wird heute auf Daten zurückgegriffen, die für uneingeschränkt mobile Personengruppen ermittelt wurden und keine körperlichen oder sensorischen Einschränkungen der betroffenen Personen berücksichtigen. Zwar werden für mobilitätseingeschränkte Personengruppen entsprechende Sicherheitszuschläge bei den Berechnungen berücksichtigt, aber realistische Bewegungsparameter existieren bisher nicht.

Mit dem Projekt SiME (Sicherheit für Menschen mit körperlicher, geistiger oder altersbedingter Beeinträchtigung) gehen Sie diese Herausforderungen an. Im Rahmen des Projektes sollen in realen Versuchen Bewegungsdaten mit heterogen zusammengesetzten Personengruppen ermittelt werden.

Auf Basis dieser Ergebnisse wird es später möglich sein, die baulichen, anlagentechnischen und organisatorischen Randbedingungen in Bauwerken so zu planen, dass für alle Menschen – mit und ohne Einschränkungen – dasselbe Sicherheitsniveau gewährleistet werden kann. Ihre Forschung stellt damit einen wesentlichen Baustein für die im Projekt zu erarbeitende Sicherheitsstrategie dar.

Damit alle relevanten Aspekte berücksichtigt werden, sind neben der Werkstatt Lebenshilfe als Anwendungspartner, weitere Forschungspartner involviert. Das betrifft das Forschungszentrum Jülich, das maßgeblich für die experimentelle Bestimmung der Bewegungsparameter zuständig ist, die Universität Magdeburg, die Fachhochschule Niederrhein sowie die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung. Als Industriepartner ist die PTV Transport Consult GmbH eingebunden.

Ihr Vorhaben hat uns von Anfang an überzeugt. Daher stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung insgesamt rund 1,1 Mio. Euro für die nächsten drei Jahre zur Verfügung.

Ich würde mich freuen, wenn bereits in wenigen Jahren, Modellrechnungen für Evakuierungen oder die An- und Abreiseverkehre bei Veranstaltungen grundsätzlich mobilitäts- oder sensorisch eingeschränkte Personen in angemessener Weise berücksichtigen.

Der Schutz und die Rettung von Menschen ist seit Beginn eines der Schwerpunktthemen im Rahmen unseres Sicherheitsforschungsprogrammes. Hier gilt es vor allem, Systeme zu erarbeiten, die die Einsatzkräfte bei ihrer Tätigkeit gezielt unterstützen und helfen, Betroffene schnell zu versorgen. Inzwischen kommt auch der Verbesserung der Selbsthilfefähigkeit, der Resilienzerhöhung sowie der Helfereinbindung ein hoher Stellenwert zu.

Die Krisenereignisse der letzten Zeit haben gezeigt: Die Bereitschaft der Bevölkerung, im Schadensfall zu helfen, ist groß.

Wir unterstützen diese Entwicklung und fördern in der Sicherheitsforschung bereits Projekte, die Konzepte und Lösungen zur Integration der freiwilligen, spontanen Helferinnen und Helfer in die Krisenbewältigung erarbeiten. Hier gilt es vor allem, die Hilfe der Bürgerinnen und Bürger mit der Arbeit der professionellen Einsatzkräfte zu koordinieren und die gegenseitige Information und Kommunikation sicher zu stellen.

Ich möchte an dieser Stelle stellvertretend nur ein Verbundprojekt nennen. Im Projekt „ENSURE – Verbesserte Krisenbewältigung im urbanen Raum durch situationsbezogene Helferkonzepte und Warnsysteme“ werden Helfer angesprochen,  die in konkreten Einsatzfällen die Einsatzkräfte der Feuerwehren oder Hilfsorganisationen unterstützen. Beispielsweise können sich medizinisch ausgebildete Bürgerinnen und Bürger aber auch Personen mit speziellen technischen oder örtlichen Kenntnissen freiwillig registrieren. Im Notfall werden die Personen über eine Smartphone-Applikation, kurz App, alarmiert. Hierdurch ist eine schnelle Hilfeleistung, gegebenenfalls noch vor dem Eintreffen der ersten professionellen  Kräfte, möglich.

Das Beispiel zeigt, wie unser Programm „Forschung für die zivile Sicherheit“ dazu beiträgt, die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger nicht nur zu erhöhen, sondern diese auch als aktive Partner einzubeziehen.

Vielleicht können neuartige Helferkonzepte zukünftig auch dazu dienen, Nachbarn von Wohnheimen oder Werkstätten für die Unterstützung in Gefahrenlagen zu gewinnen und im Ernstfall zu alarmieren.

Ich würde mich freuen, wenn es gelingt, die Ergebnisse aus verschiedenen Forschungsprojekten zusammenzuführen und gemeinsam neue Lösungen zu erarbeiten. In diesem Zusammenhang möchte ich auf das dritte BMBF-Innovationsforum „Forschung für die zivile Sicherheit“ hinweisen, das am 12. und 13. April dieses Jahres in Berlin stattfindet und umfassende Möglichkeiten zum fachlichen Austausch und zur Diskussion der Forschungsergebnisse bietet.

Das Projekt SiME ist ein schönes Beispiel dafür, dass Forschung dazu beitragen kann, die Selbsthilfefähigkeit der Bürgerinnen und Bürger zu stärken und durch neue Konzepte zukünftig Menschenleben in Krisensituationen zu retten. Bedanken möchte ich mich vor allem für das Engagement der Werkstatt Lebenshilfe hier in Wermelskirchen, die als Anwender die Arbeit der wissenschaftlichen und industriellen Partner in dem Projekt aktiv unterstützt.

Ich wünsche allen Projektpartnern viel Erfolg bei der Erreichung der anspruchsvollen Ziele, die sie sich gesetzt haben.