BIBB-Kongress

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, in Berlin

Bundesministerin Anja Karliczek während ihrer Rede im Rahmen des BiBB-Kongresses 2018 in Berlin. © BMBF / Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Esser,

sehr geehrter Herr Professor Ertl,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Was kann man mit einer Lehre alles werden? Zum Beispiel Bundesbildungs- und Forschungsministerin. Für mich hat die duale Berufsausbildung einst die Tore zu einem spannenden und abwechslungsreichen Berufsweg geöffnet. Ich bin also Überzeugungstäterin, wenn es um die Berufsausbildung geht. In den kommenden Jahren will ich sie stärken und modernisieren. Damit die berufliche Bildung wieder die Wertschätzung erhält, die ihr zusteht. Das ist eines meiner zentralen Ziele für die aktuelle Legislaturperiode.

Ihr Kongress kommt also zur richtigen Zeit! Mit der Vorstellung des Berufsbildungsberichts 2018 hat mein Ministerium erst vor wenigen Wochen die Kennzahlen für die berufliche Bildung in Deutschland vorgelegt. Die Zahlen sehen gut aus: Weit über 500.000 duale Ausbildungsverträge. Eine steigende Nachfrage bei Jugendlichen. Ein steigendes Angebot von Ausbildungsstellen, gerade in den Betrieben. Vor allem aber freut es mich, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig ist wie sonst fast nirgendwo in Europa. Wir stehen wirklich gut da! Und wir werden von vielen rund um die Welt um unser Berufsbildungssystem, um dieses großartige Zusammenspiel von Unternehmen und Berufsschulen, der Verzahnung von Theorie und Praxis, beneidet. Die deutsche Berufsausbildung ist ein Aushängeschild unseres Landes in Europa und in der Welt.

Dennoch kein Grund, sich zurückzulehnen. Denn wir stehen vor einer grundlegenden Transformation unserer Wirtschaft. Das Stichwort

dafür ist „Digitalisierung“. Es geht darum, die Chancen digitaler Vernetzung sinnvoll zu nutzen, und das nicht nur in der Produktion. Es geht darum, digitales Lernen und Arbeiten so zu verbinden, dass wir nachhaltig unseren Wohlstand erhalten. Es geht darum, Deutschland als einen der innovativsten Standorte der Welt zu erhalten. Innovativ und transferstark – das ist die Herausforderung in einer sich so schnell entwickelnden Welt. Das können wir nur leisten, wenn wir theoretische und praktische Erfahrungen eng verknüpfen. Und das geht hervorragend durch die berufliche Aus- und Weiterbildung. Dazu müssen wir sie neu denken.

Ich möchte die berufliche Qualifizierung, mit der wir in unserem Land in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten so gute Erfahrungen gemacht haben, fit machen für die neue, digitale Zeit, ja, ich möchte sie zu ihrem Impulsgeber machen!

Meine Damen und Herren,

bin ich zu optimistisch?

Ich glaube: Nein!

Ich kenne die berufliche Bildung, wie gesagt, aus persönlicher Erfahrung: Nicht nur als Auszubildende, sondern auch als Ausbilderin. Ich kenne die Situation vor Ort, den Alltag der Jugendlichen und den ihrer Ausbilder.

Und ich kenne die aktuellen Herausforderungen für die Berufsbildung: Dazu gehört nicht nur die Digitalisierung, sondern auch die allgemeine demographische Entwicklung, der Fachkräftemangel, die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe, die Integration von jungen

Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund – und nicht zuletzt der Trend zur Akademisierung.

Nun geht es darum, den riesigen Wettbewerbsvorteil, den uns das duale System gebracht hat, zu erhalten. Im Koalitionsvertrag haben wir uns darum auf einen Berufsbildungspakt verständigt. Mit ihm will ich die vielen bereits bestehenden Aktivitäten und die vielen Initiativen, an denen wir in dieser Legislaturperiode arbeiten, zu einer beruflichen Gesamtstrategie verknüpfen. Das BMBF wird die Federführung für diesen Pakt in der Bundesregierung übernehmen. Keine Angst: ich will kein neues Gremium. Es gibt genügend. Aber ich will, dass wir Berufsbildungspolitik strategisch und aus „einem Guss“ voranbringen und Partner – je nach Zuständigkeiten und Aufgaben –eng einbeziehen. Das betrifft einmal überwiegend die Länder, ein anderes Mal die Hochschulrektorenkonferenz und selbstverständlich immer wieder die Sozialpartner.

Zwei Themen, die mich und mein Haus dabei besonders bewegen, möchte ich ausführen.

* Zum einen die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung und – eng damit verbunden – die Durchlässigkeit im Bildungssystem.

* Zum anderen die Modernisierung der beruflichen Bildung, die sich am Ende auch immer in den Aus- und Fortbildungsordnungen abbilden muss.

Meine Damen und Herren,

Zum ersten Punkt: In den letzten Jahren hat es immer mehr junge Menschen an die Universitäten und Fachhochschulen gezogen. Ohne die gut ausgebildeten Fachkräfte aber verlieren wir einen großen Teil des Zukunftspotenzials unseres Landes. Schon heute ist der Fachkräftemangel überall spürbar. Deshalb müssen wir daran arbeiten, dass berufliche Bildung und akademische Bildung gleichwertige und zukunftsfähige Karrierealternativen sind! Das gilt in besonderer Weise für die vielfältigen Möglichkeiten, sich nach der Ausbildung höher zu qualifizieren – etwa zum Meister, zum Fachwirt oder Betriebswirt. Ich sage klar: Die Lehre muss für Abiturienten noch interessanter werden! Dafür stehe ich mit meinem eigenen Lebensweg.

Denn: Berufliche und akademische Bildung müssen mit gleichwertigen Perspektiven nebeneinander stehen. Ich kann mein Leben gestalten – egal wie ich den Einstieg wähle. Gleichwertigkeit bedeutet für mich aber auch, dass Betriebe wissen, was sie an Wissen und Können bei Personaleinstellungen erwarten können.

Für die formale Anerkennung der Gleichwertigkeit haben wir mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen – dem DQR – ein Instrument, das Transparenz in berufliche und akademische Abschlüsse bringt. So entspricht die Wertigkeit eines Meisterabschlusses im Handwerk einem Bachelor-Abschluss. Es gilt nun, diesen Weg der Gleichwertigkeit konsequent weiter zu gehen und zu vermitteln. Da haben wir mit den Aufstiegsfortbildungen und der großen Zahl an Bezeichnungen gegenüber den Universitäten noch etwas nachzuholen!

Meine Damen und Herren,

Die berufliche Bildung stärken heißt auch, die Verzahnung beruflicher und akademischer Angebote zu fördern – etwa in Form eines dualen Studiums. Und es heißt, den jungen Menschen schon während der Schulzeit zu zeigen, welche Optionen die berufliche Bildung ihnen nach der Schule bietet. Im Berufsorientierungsprogramm geben wir schon jetzt vielen Jugendlichen die Chance, die eigenen Potenziale für eine Ausbildung zu testen und in Betrieben die Arbeitswirklichkeit zu erkunden. In Zukunft muss das auch an Gymnasien selbstverständlich sein.

Und die berufliche Bildung zu stärken, heißt nicht zuletzt, die Menschen auch finanziell zu unterstützen. Wir wollen künftig das Aufstiegs-BAföG auf jeder der Fortbildungsstufen anbieten. Dort, wo es finanzielle Hürden für den beruflichen Aufstieg gibt, werden wir sie abbauen! Berufliche Weiterbildung bedeutet mehr Sicherheit für den Arbeitsplatz, mehr Chancen, wenn man sich verändern möchte, mehr Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt auch mehr persönliche Entwicklung. Das ist gut für den Einzelnen, gut für die Wirtschaft, gut für Deutschland!

Lassen Sie mich nun zum zweiten Punkt kommen: der Modernisierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Die Arbeitswelten verändern sich rasant, Berufe wandeln sich oder entstehen neu. Sie wissen: Die mit der Digitalisierung verbundenen Veränderungen betreffen die gesamte Gesellschaft, die Art und Weise wie wir leben, arbeiten und wie wir am sozialen und politischen Leben teilhaben. Ich möchte, dass Deutschland zum Treiber der Digitalisierung in Europa wird, im Schulterschluss mit Frankreich. Die berufliche Aus- und Weiterbildung ist dafür unerlässlich. Sie muss junge Menschen auf diesen Wandel unseres Lebens vorbereiten. Da sie theoretische Schulbildung mit der Praxis verbindet, ist sie ideal geeignet.

Und auch unsere Aus- und Fortbildungsordnungen sind im Grundsatz flexibel und technikoffen formuliert. Neue Technologien und Entwicklungen – etwa die Digitalisierung – werden organisch aufgenommen. Unter dieser Prämisse werden wir sie weiter modernisieren. Gefragt sind Augenmaß und Abstimmung. In dieser Stelle ist herzlicher Dank meinerseits angebracht. Denn es sind vor allem auch immer wieder die vielen Ehrenamtlichen, die durch ihr Engagement sicherstellen, dass dieses „Update“ immer wieder gelingt!

Allerdings: Da, wo es nötig ist, werden wir schnell reagieren. Dies betrifft auch den Aufbau digitaler Kompetenzen, die die Arbeitsprozesse bestimmen. Ohne den sicheren Umgang mit Computer- und Informationstechnik ist die Arbeit in Zukunft nicht denkbar. Die Dachinitiative „Berufsbildung 4.0“ muss ein Impulsgeber bleiben, damit wir die Berufsbildung tatsächlich zum Taktgeber dieser neuen Zeit machen.

Dazu gehört:

* dass wir die überbetrieblichen Berufsbildungsstätten weiter mit aktueller Technik ausstatten, mit 3D-Druckern, Tablets, digital gesteuerten Baggern.

* dass wir die Nutzung digitaler Medien in der beruflichen Ausbildung fördern, beispielsweise durch den Einsatz von Virtual-Reality-Brillen im Maschinenbau.

* Und dass wir gerade kleine und mittlere Betriebe unterstützen, so wie wir das in Ausbildungsfragen verstärkt tun. Die kleinen und mittleren Betriebe sind entscheidend, wenn es darum geht, die berufliche Bildung zu modernisieren.

Schließlich und endlich benötigen wir leistungsfähige, moderne Berufsschulen. Sie müssen auf dem Fundament der betrieblichen Ausbildung konsequent aufbauen! Dazu gehören – das ist mir besonders wichtig – gute und qualifizierte Lehrer. Den Berufsschullehrerinnen und -lehrern danke ich an dieser Stelle ganz besonders für ihr Engagement und ihren wichtigen Beitrag in der dualen Ausbildung junger Menschen. Ihre Arbeit findet im Schulsystem oftmals nicht die Beachtung, die sie verdient.

Um das Lehramt an beruflichen Schulen zu stärken, strebe ich im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ einen zusätzlichen Schwerpunkt an. Die enge Zusammenarbeit mit den Ländern ist dabei selbstverständlich. Und selbstverständlich werden die Berufsschulen Partner im Rahmen des „Digitalpakts“ sein. Denn Berufsschulen sind Orte, die in die moderne, digitalisierte Arbeitswelt führen, und das muss jeder spüren, der sie betritt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zur Ausbildung gehört immer auch Anstrengung. Um Neues zu lernen, brauchen junge Menschen Kraft, Mut, Neugierde, auch Ehrgeiz. Aber es lohnt sich. Lassen Sie uns mit unserem Engagement für die berufliche Bildung diese Botschaft ins Land hinaus tragen.

Wie wir es richtig machen, darüber werden Sie in den nächsten zwei Tagen diskutieren. Ich wünsche Ihnen einen lebhaften und konstruktiven Austausch – und freue mich auf die Zusammenarbeit in den kommenden Jahren.