"Bibliotheken sind zentrale Akteure der Digitalisierung"

In einem Gastbeitrag mit "BUB: Forum Bibliothek und Information" beschreibt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka Bibliotheken als Symbol für ein aufklärerisches Ideal der Gesellschaft

Die Bibliothek ist ein Ort der Bildungs- und Kulturvermittlung, ein Symbol für ein aufklärerisches Ideal unserer Gesellschaft. Ihre Rolle und ihr Selbstverständnis sind deswegen auch Gegenstand teilweise heftig geführter Debatten.

Die Art, wie Wissen generiert, gespeichert und weitergegeben wird, wandelt sich im digitalen Zeitalter. Dieser Wandel erfasst auch mit Macht die Bibliotheken. Ich bin dennoch überzeugt: Die Bibliotheken müssen sich weder völlig neu erfinden noch  ihre Identität aufgeben. Wenn sie es richtig angehen, können sie sich vielmehr als zentrale Akteure der Digitalisierung in der Wissenschaft positionieren. Denn sie vereinen zentrale Fähigkeiten, die auch im digitalen Wandel von größter Bedeutung sind. Dies lässt sich exemplarisch an einigen Kernbereichen bibliothekarischer Tätigkeit zeigen.

Sortieren, einordnen, katalogisieren

Texte und andere Medien zu sortieren, einzuordnen und zu katalogisieren sind klassische bibliothekarische Tätigkeiten. Insofern sind Bibliothekare schon immer Informationsspezialisten. Diese Kernkompetenz der Bibliothek und ihrer Mitarbeiter hat sich mit dem tiefgreifenden Wandel im Publikationswesen, hin zu immer mehr elektronischen Publikationen, keineswegs überlebt. Ein wichtiger Trend des digitalen Publizierens, die zunehmende Verbreitung von Open Access-Modellen, hat es auch mit sich gebracht, dass wissenschaftliche Aufsätze nicht mehr nur klassisch in einem Buch oder in einer Zeitschrift gesammelt vorliegen müssen. Sie finden sich auf Plattformen, in Repositorien und auf Internetseiten oder werden ganz dezentral verteilt. Klassische Distributionswege für Publikationen verändern sich. Das heißt aber nicht, dass hier Wildwuchs herrschen sollte. Vielmehr wird es noch wichtiger, zu sortieren, einzuordnen und auffindbar zu machen. Die Bibliotheken können hier ihre wertvollen Erfahrungen bei der Organisation von Wissen einsetzen und ihr Profil als Informationsdienstleister noch schärfen.

Dies gilt nicht nur für das fertige Werk, ein Buch, eine Publikation. Im digitalen Zeitalter sind es vor allem die Daten selbst, in ihrer unbearbeiteten, rohen Form, organisiert werden müssen. Dafür brauchen wir Datenexperten, die sich sowohl fachlich im jeweiligen Thema auskennen und gleichzeitig ein Grundverständnis für die Natur von Daten, für ihre Standardisierung, ihre Lesbarkeit und Auffindbarkeit mitbringen. Die bibliothekarischen Kenntnisse sind für diese Zeitenwende ein großer Gewinn.

Damit in einem engen Zusammenhang steht auch das Verbreiten, Vernetzen und Vermitteln der gesammelten Information. Es war noch nie damit getan, ein Buch in ein Regal zu stellen. Stets war es auch Aufgabe der Bibliothek, die gesammelten Werke nutzbar zu machen. Wie dies geschieht, war dabei immer an den Bedarfen der Nutzer orientiert. Die Nutzerwünsche sind es auch, die sich durch die Digitalisierung verändert haben. Das interdisziplinäre und verteilte Arbeiten ist heute in vielen Disziplinen schon Standard: Texte mit einer offenen Lizenzierung können beliebig weiterverteilt und genutzt werden; Daten werden über Fach- und Ländergrenzen hinweg ausgetauscht. Darauf muss eine wissenschaftliche Bibliothek eingestellt sein.

Eine interdisziplinäre und vernetzte Wissenschaft kann von einer Institution profitieren, die als Wissensvermittler im Hintergrund agiert. Die Bibliotheken können wichtige Werkzeuge bereitstellen und zum Beispiel durch Metadaten Texte so anreichern, dass sie in semantischen Netzwerken nutzbar werden. Sie können Daten verschlagworten und so eine intensive Suche von fachfremden Disziplinen ermöglichen. Die Rolle als Informationsspezialisten sollten die Bibliotheken auch bei der Präsentation von Information und Wissen ernst nehmen. Dabei hat der klassische Lesesaal, der mit seinen gesammelten Büchern eine ganz eigene Anziehungskraft ausübt, nicht ausgedient. Wo die Bibliothek eine gelungene Atmosphäre des Lesens, Lernens und Weiterdenkens schafft, da fehlen auch im digitalen Zeitalter die Nutzer nicht. Der physische Raum muss aber um einen virtuellen Raum erweitert werden und in beiden Formen auch Begegnungen, Austausch und Kommunikation ermöglichen.

Archivierung, Erhalt, Verfügbarkeit

Eine weitere klassische Kernaufgabe der Bibliothek ist die Archivierung und der Erhalt von Texten, von Medien – oder weitergehend von Informationen. Dazu gehört vor allem die Pflege des Informationsträgers. Langzeitverfügbarkeit, Validität und physischer Integrität kommen bei digitalen Informationen kein geringerer Wert zu als in der analogen Welt. Vielmehr ist der Aspekt der Integrität in einem digitalen Umfeld von besonderer Bedeutung. Dies setzt sowohl technische Kompetenz als auch Kenntnisse über den Umgang mit flüchtigen Medien voraus. Beides Fähigkeiten, die die Bibliotheken mit ihren Informationsspezialisten mitbringen.

Dort, wo sich die Publikation vom Papiermedium löst, bedarf es Lösungen, die die Integrität des Mediums und auch der auf dem Medium gespeicherten Information sichern. Dies können technische Lösungen sein. Aber auch die personelle Integrität und das Vertrauen, dass der Institution Bibliothek unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entgegen gebracht wird, werden vor dem Hintergrund  von digital verbreiteten „Fake-News“ und „alternativen Fakten“ ein entscheidendes Gut sein. Die Bibliotheken sollten es pflegen und weiterentwickeln.

Medien-, IT- und rechtliche Kompetenz

Bibliotheken können Medienkompetenz mit IT-Kompetenz verbinden. Das gilt sowohl für die einzelnen Mitarbeiter als auch für in Bibliotheken arbeitende Teams. Der digitale Wandel bringt schnelle Innovationsprozesse mit sich. Auch neue Fragen bezüglich Datenschutz und Datensicherheit stellen sich. Gerade der Umgang mit großen Datenmengen ist eine Herausforderung, die nicht nur technisch begriffen werden darf. Durch die Vielfalt an Kompetenzen, die Bibliotheken und Bibliothekare mitbringen, bietet sich den Bibliotheken die Chance, sich zu positionieren und ihre Kenntnisse einzusetzen.

Neue Dienste bei den Bibliotheken

Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind nicht ausschließlich Informationsversorger für ihre Einrichtungen. Sie bieten vielfältige zusätzliche Dienste an. Die großen Einrichtungen verwalten Lizenzen und softwaregestützte Informationsdienste, auch der Wandel hin zu Open Access wird ganz wesentlich von Bibliotheken bewältigt. Sie unterstützen zum Teil Autoren dabei, einen geeigneten Verlag zu finden, sie erbringen in Form von Universitätsverlagen verlegerische Dienstleistungen. Sie implementieren und pflegen Datenbänke und schulen in deren Gebrauch, sie knüpfen Kontakte zu anderen, auch privatwirtschaftlichen, Einrichtungen und treiben die Vernetzung ihrer digitalen Bestände voran.

Kooperation und Partnerschaft sollten das Handeln der Bibliotheken auch im Zusammenspiel mit marktwirtschaftlich orientierten Partnern leiten. Ein Wandel der wissenschaftlichen Bibliotheken hin zu zentralen Serviceeinrichtungen ist denkbar. Dabei sollte aber das Profil der Bibliothek nicht verloren gehen, sondern vielmehr geschärft werden.

Bewahren und Weiterentwickeln

Die Rolle der Bibliothek hat sich durch die Digitalisierung geändert. Sie wird sich auch noch weiter ändern. Die Bibliotheken können durch Besinnung auf ihre Kompetenzen die Digitalisierung der Wissenschaft entscheidend prägen. Es braucht hierfür die Bereitschaft zum Dialog mit ihren Nutzern, der Neugier auf neue Partner und den Willen zur konstanten Weiterentwicklung.