Bilanzkonferenz der Bundesregierung zur Internationalen Berufsbildungszusammenarbeit

In Berlin fand die Bilanzkonferenz zur internationalen Berufsbildung statt. Georg Schütte, Staatssekretär im BMBF, eröffnete die Konferenz.
In Berlin fand die Bilanzkonferenz zur internationalen Berufsbildung statt. Georg Schütte, Staatssekretär im BMBF, eröffnete die Konferenz. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Staatsministerin Böhmer,
sehr geehrter Herr Parlamentarischer Staatssekretär Wiese,
sehr geehrter Herr Ministerialrat Baur,

ich begrüße Sie alle recht herzlich zur heutigen Veranstaltung, in der wir gemeinsam Bilanz ziehen wollen zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit der Bundesregierung.

Im Juli vor dreieinhalb Jahren hat die Bundesregierung mit ihrem Strategiepapier eine vertiefte Zusammenarbeit beschlossen, dies vor dem Hintergrund der international wachsenden Wertschätzung und Nachfrage nach dem deutschen dualen Ausbildungssystem. Verschiedene Ministerien haben sich dazu verabredet, ein gemeinsames Handlungsmodell in der internationalen Berufsbildungskooperation zu etablieren. Ziele sind dabei vor allem:

  • die Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen innerhalb und außerhalb Europas zu erhöhen,
  • den Fachkräftebedarf deutscher und nationaler Unternehmen im Ausland besser decken können
  • und generell, die Lebensbedingungen in den Partnerländern zu verbessern. Denn Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität hängen in allen Ländern von guten Zukunftsperspektiven der Unternehmen wie der Arbeitnehmer ab.

Dabei sind Systemreformen selbst in unseren Partnerländern, die sich auf eine vertiefte Zusammenarbeit mit deutschen Experten eingelassen haben, stets eine Herkulesaufgabe: Sie erfordern im jeweiligen Land die nötigen Ressourcen, langfristige Planung, Durchhaltevermögen und belastbare Arbeitsbeziehungen.

Dazu haben wir uns auf der deutschen Seite aufgestellt:

Die Ministerien, Sozialpartner und andere Akteure der Berufsbildung tauschen  sich regelmäßig zu neuen Entwicklungen aus und planen ihre Arbeitsschritte mehr und mehr gemeinsamen.  

Dabei berührt die deutsche internationale Berufsbildungszusammenarbeit wesentliche Handlungsfelder der Bundesregierung, von der Bildungs-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik über die Migrations- und Entwicklungspolitik bis hin zu geostrategischen Erwägungen. Lassen Sie mich dies kurz illustrieren:

  • Nord-, Mittel- und Südamerika setzen sich derzeit mit der Frage auseinander, wie sie ihren wirtschaftlichen Wohlstand in der Zukunft ggf. ohne Freihandelsabkommen sichern. Dabei wird es beispielsweise weder den USA noch Mexiko gelingen, für den eigenen und ausländischen Markt zu produzieren ohne eine solide Ausbildung der Arbeitskräfte der Zukunft. Dass hier die Nachfrage nach deutschem Know-How groß ist, zeigt sich vermehrt in den letzten Jahren: die Obama-Administration hat das Ziel ausgerufen, die Anzahl der Ausbildungsverhältnisse nach deutschen Vorbild bis Ende kommenden Jahres auf 750.000 zu verdoppeln. Diese Bemühungen werden auch unter Präsident Trump fortgesetzt. Das haben wir beim Zusammentreffen von Bundeskanzlerin Merkel mit Präsident Trump zuletzt erfahren.
  • In Europa erschließt sich die Wichtigkeit der Berufsbildungszusammenarbeit ebenso unmittelbar: Seit der Finanzkrise haben unsere südeuropäischen Partnerländer mit hohen Quoten an Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen. Dieser Umstand hat zu einem starken Umdenken geführt, was die Wichtigkeit praxisorientierter Ausbildungsformen angeht. Deutschland hat durch die 2013 ins Leben gerufene „European Alliance for Apprenticeship“ enormen Rückenwind aus Europa erhalten für die Entwicklung dualer Berufsausbildung als Antwort auf steigende Jugendarbeitslosigkeit. Mit fünf Regierungen in Europa erarbeiten wir seitdem die Reform der Berufsbildungssysteme. 

Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung möchte ich jeweils drei Aspekte unseres bisherigen und künftigen Engagements in der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit besonders hervorheben:

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung legt besonderen Wert auf systemische Strukturveränderungen. Ein neues Ausbildungscurriculum mit einem indischen Unternehmen zu entwickeln ist nicht unser primäres Ziel. Vielmehr wollen wir die staatlichen indischen Ausbildungsinstitutionen derart ertüchtigen, dass sie selbst modernisierte Curricula entwickeln und die Bedarfe ihrer heimischen Industrien abschätzen können. Um diese systemischen Veränderungen zu erreichen hat das BMBF 2013 Expertise gebündelt durch die Einrichtung der Zentralstelle für internationale Berufsbildungszusammenarbeit am Bundesinstitut für Berufsbildung, GOVET. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter von GOVET klären mit ausländischen Behörden ihre systemischen Beratungsbedarfe und entwerfen basierend auf dieser Nachfrage mehrjährige Projekte zur Einführung dualisierter Ausbildungsstrukturen vor Ort. So bauen wir langfristige Partnerschaften mit den zuständigen ausländischen Regierungsstellen auf und haben das Vertrauen unserer Partnerregierungen erworben. Wir werden heute einige Beispiele davon sehen. Die Slowakei und Italien bilden inzwischen dual aus.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung legt bei den internationalen Berufsbildungsaktivitäten einen besonderen Wert auf die Einbindung der Unternehmen vor Ort. Aus Sicht unseres dualen Systems ist es das Herzstück unserer Ausbildungsform, dass sich die Auszubildenden im Betrieb praktische Handlungskompetenzen aneignen. Dies geht nicht ohne starke Partner aus der Wirtschaft. Vor allem deutsche Unternehmen vor Ort, die mit dem dualen System vertraut sind, können in Pilotprojekten zeigen, dass das deutsche ‚Lernen im Betrieb‘ auch in Russland oder Griechenland unter lokalen Bedingungen gut funktionieren kann. Die Berufsbildungsaktivitäten des BMBF unterstützen deutsche KMUs im Ausland bei ihrer Fachkräfteausbildung. An 11 Standorten weltweit haben wir mit den Auslandshandelskammern Unternehmensnetzwerke gegründet, in denen ausländische Auszubildende nach deutschem Vorbild qualifiziert werden.

Seine Stärke bezieht das deutsche Ausbildungsmodell jedoch nicht nur durch seine Zentrierung in den Unternehmen, sondern auch durch das sozialpartnerschaftliche Prinzip, d.h. die Einbindung von Gewerkschaften und Sozialverbänden. Dadurch wird in Deutschland gewährleistet, dass die Auszubildenden hochwertige und standardisierte Qualifikationen erhalten, mit denen sie sich landesweit bei anderen Betrieben weiterbewerben können. Das BMBF vermittelt seit 2015 durch ein gemeinsames internationales Projekt mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund in 5 europäischen Ländern (Portugal, Italien, Griechenland, Slowakei und Lettland)  dieses sozialpartnerschaftliche Prinzip, damit neue Ausbildungsgänge auch soziale Sicherheit für die Auszubildenden bieten.

Wie soll es nun in Zukunft weitergehen? Sicherlich werden wir Bewertes fortsetzen. Darüber hinaus haben wir uns jedoch auch neue Ziele gesteckt, auf die ich gerne ein Schlaglicht werfen möchte.

Künftig wollen wir die internationalen Projekte des BMBF im Bereich der Innovationspolitik und des Technologietransfers systematisch mit unseren Berufsbildungsmaßnahmen verbinden. Beispielsweise ist für den Aufbau moderner Wassermanagementtechnik in China oder im Iran, die wir im Rahmen der Forschungskooperation fördern, das Vorhandensein von gut ausgebildeten Fachkräften mittel- und langfristig eine absolute Notwendigkeit: Der Technologietransfer ist nur abgesichert, wenn auch einheimische Fachkräfte für die Bedienung der vermittelten Technik zur Verfügung stehen.

Zweitens wird das BMBF künftig in einen systematischen Dialog mit der deutschen Exportwirtschaft treten, um die Branchen mit dem höchsten Exportanteil gezielt durch Berufsbildungsmaßnahmen im Ausland zu unterstützen. Umwelttechnologien sind hier das beste Beispiel, denn Deutschlands Vorreiterrolle bei Klimaschutz und Energiewende hat sich auch beim Export bezahlt gemacht: Mit einem Anteil am Welthandel von 15,2 Prozent ist Deutschland Exportweltmeister bei Umwelttechnologien. Wir sind darauf angewiesen, dass in unseren Exportmärkten ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, um deutsche Qualitätsprodukte mitproduzieren und warten zu können. Dies wiederum sichert Arbeitsplätze in Deutschland.

Drittens wird das BMBF den kommerziellen Export deutscher Bildungsdienstleistungen intensiver fördern. Angelsächsische Länder wie Australien und England haben ihre Bildungsbranchen zu großen Exportschlagern entwickelt und treten der weltweit hohen Nachfrage nach Berufsbildungs-Know-How mit maßgeschneiderten Angeboten gegenüber. Der deutsche Export von Berufsbildungswissen ist in den vergangenen Jahren ungemein gewachsen: Deutsche Bildungsanbieter waren seit 2007in 139 Ländern aktiv mit eigenen Bildungsprojekten. Das BMBF möchte die Bildungsbranche weiter auf ihrem Weg in zukunftsträchtige Auslandsmärkte begleiten; sie ist ein unverzichtbarer Partner in Bildungsprojekten in unseren Partnerländern auf der Welt. Egal ob deutsche Bildungsunternehmen für unsere indische Partnerregierung Ausbilder fortbilden oder ob sie in Public Private Partnership-Projekten in Afrika helfen, Jugendliche zu qualifizieren – stets sind sie ein geschätzter Partner für weltweite Ausbildungslösungen.

Soweit zum Ausblick auf die künftige Strategie der Bundesregierung aus unserer Sicht. Wir werden heute weitere Einblicke in dieses spannende Handlungs- und Politikfeld erhalten.  Zunächst möchte ich meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Auswärtigen Amt, dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für die gute Zusammenarbeit danken und sie bitten, aus ihrer Perspektive die internationale Berufsbildungszusammenarbeit darzustellen. Ebenso danken möchte ich aber auch unseren weitgereisten Gästen, die uns heute die konkrete Arbeit vor Ort in Mexiko, Italien, der Slowakei und Südafrika näher bringen werden. Sie alle zeigen uns, dass Investitionen in unsere internationalen Berufsbildungspartnerschaften ein wichtiger Beitrag für die Zukunft sind.