"Bildung für nachhaltige Entwicklung muss selbstverständlich werden"

Bildungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen über nachhaltiges Handeln im Alltag, die Rolle von Kindergärten und Schulen und über den Nationalen Aktionsplan. Ein Interview.

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Frau Quennet-Thielen, wie wird das Weltaktionsprogramm Deutschland verändern?

Wir wollen im Weltaktionsprogramm mit einer Nationalen Plattform konkrete Antworten geben auf die Fragen: Wie wird in  Kindergärten, Schulen und Hochschulen  Nachhaltigkeit gelebt, gelehrt und gelernt? Wie wird  Nachhaltigkeit als Prinzip in der beruflichen Ausbildung vermittelt? Bieten Volkshochschulen und Jugendherbergen entsprechende Angebote? Sind die Netzwerke vor Ort gestärkt, in denen Ehrenamtliche in Vereinen, Kirchen, Museen oder Naturzentren täglich vermitteln, wie wir heute das Morgen mitdenken? Wenn dies gelingt, können wir in fünf Jahren, am Ende des Weltaktionsprogramms sagen: Das Weltaktionsprogramm hat Deutschland verändert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat dazu bereits das große Forschungsrahmenprogramm FONA³, "Forschung für Nachhaltige Entwicklungen", das die nationale Nachhaltigkeitsstrategie umsetzt, enger mit den Bildungsthemen verknüpft und der Bildung für nachhaltige Entwicklung ein eigenes Thema gewidmet.

Was soll bei der Nationalen Plattform herauskommen?

Die Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vereint Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Gemeinsam werden wir zum Frühjahr 2017 einen Nationalen Aktionsplan aufstellen. Er soll konkrete Vorschläge enthalten, wie wir Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland strukturell noch besser verankern. Zudem kann er als Referenzdokument Orientierung bieten, denn einige Länder bereiten bereits Landesaktionspläne vor. Ich finde es wünschenswert, wenn sich die darin vorgeschlagenen Prioritäten und Strukturen mit den nationalen ergänzen oder diese aufgreifen.

Wie wollen Sie den Aktionsplan diskutieren?

Den Aktionsplan diskutieren wir bei einem Agendakongress im Sommer breit und öffentlich. Denn BNE muss in allen relevanten Bildungsbereichen selbstverständlich werden. Dazu wollen wir Nachhaltigkeit ganzheitlich buchstabieren: wir beginnen mit A wie Agendaprozess, denken Forschung und Bildung für nachhaltige Entwicklung gemeinsam, schließen B wie Berufsschule und W wie Weiterbildung ein und tragen damit zu Z, den globalen Zielen bei.

Und was ist mit den vielen Projekten, Maßnahmen und Netzwerken vor Ort, die die UN-Dekade getragen haben?

Wir blicken auf eine erfolgreiche UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es ist ein großes und erfolgreiches Netzwerk entstanden. Es wird getragen von ganz vielen Menschen, die – oft ehrenamtlich oder in ihrer Freizeit – Bildung für nachhaltige Entwicklung betreiben. Menschen, die beispielsweise in "Repair Cafés" Altes neu machen und so kreativ die Zusammenhänge des Konsums mit Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen und Wirtschaftskreisläufen vermitteln; Menschen, die in ihrer Stadt oder Gemeinde Nachhaltigkeit zum Leitbild erklären und dazu Bürgerkonferenzen veranstalten; Menschen, die in ihrer Hochschule einen Nachhaltigkeitsbericht abstimmen und veröffentlichen sowie Menschen, die ihr Unternehmen von der Kantine über die Zulieferer bis zur Nachwuchsförderung nachhaltiger gestalten wollen. Viele von Ihnen waren beteiligt und haben zwischen 2005 und 2014 wichtige Projekte auf den Weg gebracht. Davon zeugen die Auszeichnungen der UN-Dekade an nahezu 2.000 Projekte, 49 Maßnahmen und 21 Dekade-Kommunen. Mit der Nationalen Plattform knüpfen wir an diese Erfolge an und weiten die Idee aus. Wir werden gelungene Projekte weiter sichtbar machen und gleichzeitig die Orte auszeichnen, an denen BNE-Strukturen entstanden sind, die als Leuchttürme besonders ausstrahlen können. Wir unterstützen Kommunen, Netzwerke sowie Einrichtungen, die BNE im Sinne des gesamt-institutionellen Ansatzes verwirklichen.

Was ist wirklich neu? Sind nicht fünf Jahre viel zu kurz, um BNE strukturell im deutschen Bildungssystem zu veranken? Gehen Ihre Planungen über das Ende des Weltaktionsprogramms hinaus?

Das, was der Nationale Aktionsplan enthält und was ihn ausmacht, sind die Inhalte. Sie sind nicht befristet – keine der Leuchtturminitiativen oder Umsetzungsagenden muss am 31.12.2019 enden. Denn die Aufgabe, BNE strukturell zu verankern, wird 2019 nicht erledigt sein.

Gerade sind die Sustainable Development Goals, kurz SDGs, verabschiedet worden und im November findet der Weltklimagipfel statt. Wie passt das mit Ihren Planungen zur BNE zusammen?

Insgesamt werden in diesem Jahr entscheidende Weichen für die Menschheit gestellt: Am 25. September verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs aus aller Welt beim Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen in New York eine bis zum Jahr 2030 laufende entwicklungspolitische Agenda, die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, die Sustainable Development Goals, die SDGs, mit 17 universellen Zielen. Von der UN-Konferenz in Paris erwarten wir einen umfassenden Klimavertrag mit anspruchsvollen Verpflichtungen, der das Kyoto-Protokoll ablöst. Klimaschutz und globale Ziele – bei beidem geht es um die Frage: Wie müssen wir heute leben, damit allen Menschen heute und ebenso nachfolgenden Generationen ein Leben in Wohlstand und Frieden möglich ist?

Warum ist das so wichtig?

Ohne Nachhaltigkeit gibt es keine gute Zukunft. Und ohne Bildung bleibt Nachhaltigkeit nur eine Forderung. Wir müssen dieses Prinzip im täglichen Handeln verankern. Bildung ist dafür Motor und Mittler. Daher freue ich mich, dass die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ausdrücklich im Zielkatalog  der Agenda 2030 verankert ist. Damit wird das Weltaktionsprogramm BNE, das gerade gestartet ist, in einen größeren Kontext gestellt und gewürdigt.

Bundesministerin Johanna Wanka ruft die nationale Plattform ins Leben © BMBF/Hans-Joachim Rickel