Bildung vernetzt

„Gerade in der erhofften neuen Normalität nach Corona wird die Bildungsarbeit wichtiger denn je“, prophezeit der Wirtschaftspädagoge Dieter Euler im Interview zur digitalen Bundeskonferenz Kommunales Bildungsmanagement.

Wirtschaftspädagoge Prof. Dr. Dieter Euler
Wirtschaftspädagoge Prof. Dr. Dieter Euler © Prof. Dr. Dieter Euler (privat)

Das BMBF fördert mit der Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement seit 2014 die Verbreitung von Innovationen in der kommunalen Bildungsarbeit. Warum sind diese notwendig?

In Zeiten von Corona über Bildungsinnovationen zu reden, mag vielen eher anachronistisch erscheinen. Man könnte sich fragen: „Haben wir nicht genug zu tun, um die augenscheinlichen Akutprobleme einigermaßen zu bewältigen?“ Die täglichen Schlagzeilen in den Medien sind da eindeutig: Die digitale Infrastruktur in den Schulen ist vielerorts unbefriedigend, die Kreativität der Lehrkräfte in der Umsetzung von Homeschooling und Wechselunterricht ist steigerungsfähig, das Krisenmanagement bei der Eindämmung von Virusinfektionen erschüttert den Glauben an die deutsche Organisationseffizienz.

Dann scheint die Initiative fehl am Platz?

Nein! Denn gerade in der erhofften neuen Normalität nach Corona wird die Bildungsarbeit wichtiger denn je! Einerseits, um die erkannten Defizite nachhaltig zu beseitigen. Andererseits. um alte Bildungsziele neu zu beleben. Und nicht zuletzt, um den veränderten Rahmenbedingungen im Kontext des gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Wandels gerecht zu werden. So hat die „Innovationsrasanz“ nicht nur im Bereich der digitalen Technologien zugenommen und erschwert die Bildungsplanung vor Ort. Gesellschaftliche Trends schaffen neue Anforderungen an eine ganzheitliche, vernetzte Bildung - auch auf kommunaler Ebene. Viele Herausforderungen im Bildungssektor sind Querschnittsthemen, die nicht in der Zuständigkeit nur eines Amts liegen. So betrifft etwa das Thema „Bildungsbenachteiligung“ kommunale Bildungsbereiche wie die Kita-Planung, Ganztagsschule, Berufsbildung, Jugendhilfeplanung, Schulentwicklungsplanung, etc. Hier braucht es innovative Ansätze der Vernetzung und Kooperation.

Kann das kommunale Bildungsmanagement solche Innovationen befördern?

In der Organisationstheorie dominieren derzeit Schlagworte wie beispielsweise die „agile Organisation“. Damit soll ein Organisationstyp gekennzeichnet werden, der schnell auf unvorhersehbare, sich rasant vollziehende Entwicklungen reagieren kann. Demgegenüber dominiert im Hinblick auf die öffentliche Administration zumeist immer noch das Bild einer regelhaften Verwaltung von Bildungsaufgaben, die wenig vernetzt, bürokratisch und hierarchiebetont funktioniert. Auch wenn dieses Bild die Wirklichkeit im Bereich der kommunalen Bildungsarbeit sicherlich nur unzulänglich erfasst, so besteht weithin Konsens darin, dass die Organisation des kommunalen Bildungsmanagements einige ‚Luft nach oben‘ besitzt.

Wie sähe ein kommunales Bildungsmanagement aus, das so agil und flexibel ist, dass es auf wechselnde Herausforderungen proaktiv antworten kann?

In der Transferinitiative wurden die Kernkomponenten eines solchermaßen professionellen Bildungsmanagements herausgearbeitet: Es sollte sich an verbindlichen strategischen Zielsetzungen ausrichten. Entscheidungen im Bildungsbereich sollten datenbasiert erfolgen, d. h. es wären jeweils die verfügbaren Daten zu generieren, um Entscheidungen über die Priorisierung und Finanzierung von Innovationen im Bildungsbereich zu begründen. Weiter wären die Einheiten der Bildungsverwaltung untereinander vernetzt und gut abgestimmt, d. h. die interne Kooperation fördert den Informationsaustausch und das Zusammenwirken der jeweils mit einem Bildungsthema befassten Einheiten. Schließlich wäre die Bildungsverwaltung mit relevanten externen Organisationen und Personen der Zivilgesellschaft verbunden, um deren Motivation und Expertise für die Gestaltung der kommunalen Bildungsarbeit nutzbar zu machen. Diese Öffnung gegenüber der Zivilgesellschaft korrespondiert mit einer proaktiven Öffentlichkeitsarbeit im Bildungsbereich, d. h. Bildungsinformationen werden nicht nur anlässlich von Nachfragen der Bürger/innen ausgegeben, sondern aktuelle Bildungsthemen werden in den öffentlichen Diskurs hineingetragen. Last but not least sollte auch im Bildungssektor ein Qualitätsmanagement verfolgt werden, mit dessen Hilfe kontinuierliche Verbesserungsprozesse unterstützt werden können.

Das war jetzt sehr theoretisch. Wie schaut die Umsetzung denn aber nun tatsächlich vor Ort, also in den Kommunen aus?

Aus der Transferinitiative wissen wir, dass viele Kommunen nicht nur an diesen Themen arbeiten, sondern in einzelnen Bereichen auch bereits gute Fortschritte erzielt haben. Viele Kommunen sind dann in der Lage, notwendige Bildungsinnovationen strategisch ausgerichtet, datenbasiert, intern und extern vernetzt und koordiniert zu verfolgen und umzusetzen.

Bei der heutigen digitalen Bundeskonferenz Kommunales Bildungsmanagement geht es auch darum, wie sich das Kommunale Bildungsmanagement in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird. Welche Herausforderungen und Themen werden dabei zukünftig wichtig sein?

Ein kommunales Bildungsmanagement ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel und eine gute Voraussetzung zur besseren Umsetzung fachlicher Bildungsthemen und Ziele. Aktuell steht ausgelöst durch die Herausforderungen der Corona-Pandemie mit der digitalen Bildung ein Thema ganz oben auf der politischen Agenda. Obwohl Digitalisierung in aller Munde ist, gelingt es nur langsam, das Thema für den Bildungsbereich greifbar zu machen und in den unterschiedlichen Bildungssektoren praktisch wirksam umzusetzen. Ein leistungsfähiges kommunales Bildungsmanagement kann hier auf der strategischen Ebene die Prioritäten definieren, mit gezielten Datenerhebungen die Bedarfslagen und –schwerpunkte identifizieren, durch koordinierte Projekte die Umsetzung unterstützen und durch die Organisation von Austauschforen zwischen den Bildungsinstitutionen die Verbreitung guter Beispiele fördern.

Damit allein ist es jedoch sicher nicht getan…

Nein. Die Notwendigkeit der konzeptionellen und praktischen Weiterentwicklung der digitalen Bildung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es viele weitere wesentliche Herausforderungen gibt. Schon vor der Corona-Pandemie waren Fragen der Bildungsgerechtigkeit dringlich. Die Pandemie hat dem Thema eine traurige Aktualität verliehen und führt zu der Frage, wie den gewachsenen Bildungsungleichheiten auch auf der kommunalen Ebene entgegengewirkt werden kann. Wie können die während der Pandemie entstandenen Bildungslücken von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Elternhäusern ausgeglichen werden?

Weitere Themen drängen sich auf: Kulturelle Bildung, Demokratiebildung, die bestmögliche Gestaltung der Übergänge zwischen schulischer und beruflicher Bildung, die Fachkräftesicherung im regionalen Kontext – die Liste ließe sich noch erweitern. Bei allen Themen geht es um eine Verbindung von Innovation und Transfer, d. h. gute Beispiele können aufgenommen werden und dazu dienen, sie in die Bedarfslagen der jeweiligen Kommune einzupassen.

Was erwarten Sie sich von der heutigen Bundeskonferenz?

Die Bundeskonferenz bietet ein Forum interessanter Ideen, Vorschläge und ansteckender Vorbilder. Ich besuche Konferenzen immer mit der Erwartung, jeweils zwei oder drei Ideen aufzunehmen, denen ich dann konkret nachgehe und umzusetzen versuche. Die Bundeskonferenz bietet dieses Potential. Was aus den Ideen gemacht wird, muss an anderer Stelle geklärt werden.