Biontech: "Diese ersten Ergebnisse machen Hoffnung"

Im Interview mit der Rheinischen Post spricht Ministerin Karliczek über Schule in Corona-Zeiten und die jüngsten Fortschritte von Biontech in der Impfstoffforschung. "Ein Antrag auf Zulassung noch in diesem Jahr wäre ein enormer Erfolg", sagt sie.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung © BMBF/Laurence Chaperon

Das Interview ist am 10. November 2020 in der Rheinischen Post erschienen. Die Fragen stellten Jan Drebes und Kerstin Münstermann.

Frau Karliczek, wird es einen verlorenen Corona-Jahrgang an den Schulen geben?

Karliczek: Wir tun gerade alles dafür, dass das nicht eintritt. Es ist wichtig, dass die Schulen trotz der hohen Infektionszahlen im Land möglichst offenbleiben. Um das zu ermöglichen, werden seit einer Woche andere Bereiche zurückgefahren. Noch einmal eine längere flächendeckende Schulschließung würde vor allem die Kinder treffen, die ohnehin Schwierigkeiten haben und zu Hause nicht die notwendigen Hilfen bekommen. Auch für die berufstätigen Eltern und für die Wirtschaft sind offene Schulen von hoher Bedeutung. Nötig sind an jeder Schule gute Konzepte, um die Verbreitung von Infektionen zu verhindern. Letztlich hängt es aber ganz stark vom Verhalten der gesamten Gesellschaft ab, wie es an den Schulen weitergeht. Wir alle müssen den jetzigen Teil-Lockdown zum Erfolg machen, um die zweite Infektionswelle zu brechen und damit auch den Schulbetrieb in den nächsten Wochen und Monaten zu stabilisieren. 

Wenn Sie Kultusministerin eines Landes wären: Welches Konzept würden Sie also vorlegen?

Karliczek: Die Kultusministerkonferenz hat ein Rahmenkonzept erarbeitet, dass gestufte Reaktionen vorsieht – je nach Infektionsgeschehen. Wichtig ist, dass die Schulleitungen genug Freiraum haben, passende Wege für ihre Schule zu finden. Jede Schule ist anders. Sollten die Infektionszahlen, was wir nicht hoffen, weiter steigen, kann ich persönlich hybriden Unterrichtsmodellen gerade in diesem Winter Einiges abgewinnen.

Also einer Mischung aus Präsenz- und Digitalunterricht von zu Hause.

Karliczek: Richtig. Es hängt natürlich davon ab, wie weit die Schulen jeweils in der Digitalisierung sind. Hier muss vielleicht zwischen Jahrgängen differenziert werden. Eine Mischung von Präsenz- und Distanzunterricht gerade in den höheren Jahrgängen könnte gemeinsam mit anderen Maßnahmen als ein Sicherheitspuffer wirken, wenn die Infektionszahlen noch stärker steigen. Ältere Schülerinnen und Schüler kommen auch besser mit einer Mischung von Präsenz- und Distanzunterricht zurecht als jüngere. Der volle Präsenzunterricht birgt natürlich eine Gefahr von gegenseitigen Ansteckungen in sich, die auch nach Hause getragen werden können. Diese Risiken ließen bei hybriden Unterrichtsformen reduzieren, deren Einführung aber, wie gesagt, nicht leicht ist. Deswegen unterstützen wir die Schulen beim Digitalunterricht auch so sehr.

Wie kann das aussehen?

Karliczek: Wir haben bereits umfangreiche Förderprogramme aufgelegt, um beispielsweise Kindern den Zugang zu digitalen Endgeräten zu ermöglichen, die zu Hause so etwas nicht haben. Die Mittel aus dem 500-Millionen-Programm sollen möglichst bis zum Jahresende abgerufen sein. Ich höre, dass die Endgeräte vielfach schon von den Schulen ausgegeben werden. Die Umsetzung des Programms, das im Juli mit den Ländern vereinbart worden ist, ist damit vergleichsweise wirklich schnell. Das Schüler-Laptop-Programm ist ein Hit. Auch die Länder geben viele Mittel dazu. Aber wir müssen auch weitere unkonventionelle Wege gehen.

Wie zum Beispiel?

Karliczek: Es sollte noch einmal überlegt werden, ob Lehramtsstudierende in den Klassen oder in der Hort-Nachmittagsbetreuung Lehrkräfte entlasten können. Ein solcher Einsatz muss natürlich gut begleitet werden. Wenn das gewährleistet ist, kann das, davon bin ich überzeugt, zu einer Win-Win-Situation für beide Seiten werden.

Welche anderen Maßnahmen gehören zu einem guten Winterkonzept?

Karliczek: Es muss immer an vielen Punkten angesetzt werden, wie das heute auch schon geschieht. Regelmäßiges Stoßlüften hilft, auch wenn es mal kalt wird in den Räumen. Das war auch das Resultat eines Gesprächs der Kultusministerkonferenz mit Experten des Umweltbundesamtes. Es ist in der momentanen Lage den Schülern zuzumuten, einen dickeren Pullover anzuziehen. Eine allgemeine Maskenpflicht im Unterricht halte ich in einer Phase hoher Infektionszahlen selbst an Grundschulen ebenfalls für zumutbar, auch wenn das Maskentragen über den Tag natürlich lästig ist. Das Maskentragen ist aber für mich das effektivste Mittel, um Unterricht zu ermöglichen. Zudem könnten Schulen vielleicht auf andere Räume, etwa in Pfarrzentren ausweichen, wenn sie die benötigen, um mehr Abstand erreichen zu können. Ein entsprechendes Angebot kam kürzlich auch aus dem Museumsbereich. Natürlich sind solche Räume nicht immer für Unterricht geeignet. Hier ist insgesamt viel Kreativität und auch Toleranz von allen Seiten gefragt.

Warum steht nicht längst in Klassenräumen, die schlecht zu lüften sind, ein mobiles Luftfiltergerät?

Karliczek: Die räumliche Situation der Schulen ist sehr verschieden. Deshalb kann die Entscheidung, wie ein einzelner Raum am besten belüftet werden, nur vor Ort getroffen werden. Hier sind insbesondere die Schulträger gefordert.

Einige Schulen haben aber bereits Luftfiltergeräte angeschafft.

Karliczek: Natürlich können sie einen zusätzlichen Beitrag leisten. Aber sie sind kein Allheilmittel und ersetzen vor allem das Lüften nicht.

Was kann der Bund aus Ihrer Sicht noch tun, um zu helfen?

Karliczek:  Wir sind in guten Gesprächen mit den Ländern. Der Bund stellt gerade so viel Geld für die Schulen zur Verfügung wie nie zuvor– am Ende werden es 6,5 Milliarden sein. Ich habe den Eindruck, dass es jetzt weniger um finanzielle als um organisatorische Probleme geht. Insgesamt brauchen wir in dieser Ausnahmesituation mehr Toleranz für Unzulänglichkeiten. Wir wissen über die Ausbreitung des Virus heute mehr als im März, aber noch längst nicht alles. Und darum müssen wir auch die Maßnahmen immer wieder anpassen. Es gibt kein Patent-Rezept für diese Krise.

Voraussetzung für hybriden Unterricht ist, dass die Lernplattformen funktionieren und die Lehrkräfte ihr Unterrichtsmaterial digital an die Schüler vermitteln können. Wo hakt es da noch?

Karliczek:  Ich bin froh, dass über Ländergrenzen hinweg mittlerweile die Zusammenarbeit im Bildungsbereich als sehr wichtig und Mehrwert stiftend erkannt wird. Ganz bewusst haben wir im DigitalPakt 250 Mio. Euro für die Förderung länderübergreifender Projekte vorgesehen. Darüber hinaus zeigen wir mit der HPI Schul-Cloud, wie Lernen in der Cloud funktionieren kann. So kommen wir Schritt für Schritt langsam voran. Das stimmt mich sehr optimistisch.

In dieser akuten Situation hilft das aber noch nicht, weil in den vergangenen Jahren zu langsam gehandelt wurde. Stimmen Sie dem zu?

Karliczek: Ich versuche ich seit Beginn meiner Amtszeit, Impulse für die Weiterentwicklung des Schulsystems zu setzen – wohlwissend, dass die Länder für die Schulen zuständig sind. Anfangs war die Entwicklung vielleicht etwas zäh. Die Pandemie hat überall Augen geöffnet – gerade für die Digitalisierung. Das Thema steht jetzt ganz oben auf der Tagesordnung. Mit digitalen Lernangeboten werden die Lehrkräfte künftig viel besser auf jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler eingehen können. Digitalisierung in der Bildung bedeutet sehr viel mehr, als nur Lernen auf Distanz zu ermöglichen. Das ist nur ein kleiner Zugewinn gegenüber dem, was die Digitalisierung an Mehrwert schaffen kann, wenn man die neuen Möglichkeiten gut nutzt.

Hat die Forschung insgesamt von der Pandemie auch profitieren können, weil sie bei der Bekämpfung von zentraler Bedeutung ist?

Karliczek: Die Bürgerinnen und Bürger haben mittlerweile ein anderes Bild von wissenschaftlichen Prozessen gewonnen als noch vor der Pandemie. Heute ist mehr Menschen klar, dass Forschung immer ein Prozess des Erkenntnisgewinns ist - und Fortschritt damit eng auch mit dem Überdenken von Annahmen verbunden ist.  

Eines der wichtigsten Forschungsfelder ist die Suche nach dem Impfstoff. Wann rechnen Sie mit einer Zulassung? BioNtech scheint sehr weit zu sein.

Karliczek: Wir freuen uns sehr über die positiven Studiendaten des von meinem Haus geförderten COVID-19 Impfstoffkandidaten von BioNTech und Pfizer. Eine erste Zwischenanalyse wies hierbei auf eine Impfstoff-Wirksamkeitsrate von über 90 Prozent hin und es wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen beobachtet. Diese ersten Ergebnisse machen Hoffnung und werden sich hoffentlich auch in den noch folgenden Analysen zur Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs bestätigen, denn es gilt weiterhin, keine risikoreichen Abkürzungen zu nehmen. Ein Antrag auf Zulassung noch in diesem Jahr wäre ein enormer Erfolg.

Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Deutschen Ethikrats, der Ständigen Impfkommission und der Nationalen Akademie der Wissenschaften hat Empfehlungen zur Verteilung des Impfstoffs vorgelegt. Teilen Sie deren Einschätzung?

Karliczek: Die Vorschläge der Arbeitsgruppe Impfstoffverteilung bieten eine gute Grundlage für eine effektive, gerechte und faire Impfstoffverteilung. Die Covid-19-Pandemie darf nicht zulasten der Schwächsten in unserer Gesellschaft gehen. Deshalb haben die Risikogruppen in der Bevölkerung sowie die Menschen in den Gesundheitsberufen eine besondere Priorität. Als Bundesbildungsministerin begrüße ich es sehr, dass die Arbeitsgruppe auch Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher auf der Vorschlagsliste mit aufgeführt hat. Die Lehrkräfte und Erzieher gewährleisten die Bildung unserer Kinder und nehmen damit eine Aufgabe wahr, die für unsere Gesellschaft von höchster Bedeutung ist. Sie sind in ihren Berufen auch erhöhten Infektionsrisiken ausgesetzt.