BITKOM-Bildungs-Konferenz

Impuls der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, in Berlin

"Lassen Sie uns gemeinsam in den kommenden Jahren digitale Bildung zum Gewinn für Bildung und Bildungschancen machen", so Staatssekretärin Quennet-Thielen auf der Bildungskonferenz. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochen Wort!
 

Sehr geehrter Herr Berg,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte für den delina-Preis Nominierte,

Jetzt ist die Zeit für Neues. Die Bundesregierung steht für einen kraftvollen Aufbruch in der Digitalisierung und das Bundesministerium für Bildung und Forschung wird dabei eine wesentliche Rolle spielen.

Der Koalitionsvertrag adressiert die ganze Breite der Herausforderungen und skizziert die geplanten Maßnahmen: Von den Infrastrukturen über Kompetenzen, Lehrerausbildung, Sicherheit, Mobilität oder die Zukunft der Arbeit bis hin zur Unterstützung des Mittelstands, einen Aktionsplan E-Health, dem Datenschutz oder europäischen Regelungen.

Digitale Bildung schafft die Grundlage dafür, dass Deutschland in diesen Feldern Weltspitze wird. Zu unseren zentralen Vorhaben gehören deshalb der Digitalpakt und die Schulcloud.

Wir werden rasch in die Umsetzung gehen. Dabei können wir auf der Arbeit der letzten Jahre aufbauen – auch auf die gute Zusammenarbeit mit Bitkom, für die ich dankbar bin. Sie ist prominent in den IT- bzw. Digital-Gipfeln zum Ausdruck gekommen. Der Gipfel in Saarbrücken im November 2016 war dem Thema Bildung gewidmet – und ein großer Erfolg. Auch Calliope, der Mini-Controller für Schülerinnen und Schüler, wurde dort der Öffentlichkeit präsentiert – heute ist er einer der für den Delina-Preis Nominierten.

Bitkom hat außerdem 2016 Schulen im Saarland technisch und organisatorisch auf dem Weg zur „Smart School“ unterstützt. Aus der Initiative ist jetzt ein Wettbewerb geworden. Der Wettbewerb kann Vorbilder sichtbar machen und fördern. Heute Morgen sind mehr als ein Dutzend Smart Schools ausgezeichnet worden. Zusammen mit den „Werkstattschulen“ des Forums Bildung Digitalisierung sind sie Leuchttürme der digitalen Bildung. Ihre Erfahrungen und Konzepte werden in regionalen Netzwerken dankbar aufgenommen.

Die vergangene Legislatur war die erste, in der Bund und Länder eigenständige, aber in hohem Maß kompatible Strategien zur digitalen Bildung erarbeitet haben. „Bildung in der digitalen Welt“ ist die Strategie der Kultusminister mit einem starken Akzent auf der schulischen Bildung, die breit angelegte „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ ist das Programm meines Ministeriums.

Das BMBF stärkt in diesem Kontext konkret und nachhaltig digitale Kompetenzen und digitale Medien entlang der gesamten Bildungskette. Ich nenne nur einige Beispiele:

  • Wir sind Vorreiter bei der Förderung von Open Educational Resources und Open Access und haben eine entsprechende Informationsstelle bzw. einen Fonds zur Förderung etabliert.
  • Wir finanzieren im wettbewerblichen Verfahren gute Lehrerbildung gerade auch für mehr digitale Kompetenzen. Dazu stehen im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung 500 Mio. Euro innerhalb von 10 Jahren zur Verfügung.
  • Wir fördern seit Jahren digitale Medien in der beruflichen Bildung.
  • Die digitale Ausstattung Überbetrieblicher Berufsbildungsstätten finanzieren wir in einem Sonderprogramm mit 30 Mio. Euro jährlich, BMWi mit 8 Mio. Euro.
  • Und die gute digitale Lehre an den Hochschulen im Rahmen des Qualitätspakts Lehre mit 2 Mrd. Euro über 10 Jahre und
  • wir fördern die berufliche Weiterbildung, insbesondere die Qualifizierung der Ausbilder.

Es ist viel geschehen – und es muss noch viel mehr passieren.

Im Zentrum der öffentlichen Diskussion stehen die Schulen, und damit meine ich allgemeinbildende Schulen und Berufsschulen. Denn für die Transformation der Wirtschaft zu einer digitalen Ökonomie kommt den Berufsschulen eine Schlüsselrolle zu.

Was ist die Ausgangslage?

  • Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben im internationalen Vergleich nur durchschnittliche digitale Kompetenzen  (ICILS-Studie).
  • Sie lernen die Anwendung digitaler Medien primär außerhalb, nicht innerhalb der Schule.
  • Viele Eltern fühlen sich damit überfordert.
  • Lehrer und Lehramtskandidaten vermissen eine entsprechende Ausbildung, konkrete Unterstützung und Weiterbildung, andere sind von den digitalen Chancen noch nicht überzeugt.
  • Schulen sind oft ungenügend ausgestattet. Das gilt für die Infrastruktur, für Hardware und für Personalmittel, um beispielsweise einen professionellen Administrator finanzieren zu können.

Hier müssen Bund und Länder rasch gemeinsam vorankommen. Das gelingt nur, wenn wir dabei Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrer und Lehrerinnen sowie die Schulleitungen mitnehmen.

In letzter Zeit war wiederholt zu hören: Der Koalitionsvertrag sieht die Abschaffung des Kooperationsverbots vor. Das ist schon deshalb falsch, weil ein explizites Kooperationsverbot nicht im Grundgesetz steht. Und es ist auch falsch, wenn man meint, die Kultushoheit der Länder stünde zur Debatte. Das tut sie nicht, und das heißt auch: Der Bund entlässt die Länder nicht aus ihrer ur-eigenen Verantwortung. Aber der Bund ist bereit, die Länder in bisher ungekanntem Umfang zu unterstützen.

Bereits in der vergangenen Legislatur ist ein neuer Artikel ins Grundgesetz gekommen, wonach der Bund, Zitat: „den Ländern Finanzhilfen für gesamtstaatlich bedeutsame Investitionen der finanzschwachen Gemeinden im Bereich der kommunalen Bildungsinfrastruktur gewähren kann“.

Der Koalitionsvertrag sieht vor, die Einschränkung „finanzschwach“ zu streichen und damit Investitionen für alle Kommunen in Deutschland zu ermöglichen, denn mit der Modernisierung der Bildungsinfrastruktur sehen sich viele überfordert. Eine Grundgesetzänderung ist keine Kleinigkeit: Wir brauchen dafür eine 2/3 Mehrheit sowohl im Bundestag wie im Bundesrat. Grüne und die FDP haben sich im Wahlkampf und danach für die Digitalisierung der Schulen stark gemacht. Christian Lindner hat heute in seiner Keynote erneut die Unterstützung der FDP zugesagt. Auch deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir gemeinsam rasch vorankommen.

Auf der Grundlage des geänderten Grundgesetz-Artikels und des schon weit verhandelten Eckpunkte-Entwurfs werden wir dann den Digitalpakt Schule zwischen Bund und Ländern schließen.

Wie soll der Digitalpakt funktionieren? Der Bund wird zu wesentlichen Teilen den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Schulen finanzieren. Dafür sind insgesamt 5 Mrd. Euro vorgesehen, davon in dieser Legislatur 3,5 Mrd. Euro. Wer wie Christian Lindner behauptet, der Digitalpakt sei unterfinanziert, sollte erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass es sich dabei um die größte jemals gewährte Bundesunterstützung für Schulen handelt (Ganztagsschulprogramm 2003-2007: 4 Mrd. Euro). Außerdem bedeutet eine Finanzhilfe des Bundes an die Länder nicht, dass der Bund alles zahlt. Die Länder stehen heute und in den kommenden Jahren finanziell gut da. Sie haben jetzt die Chance, Bildung und Bildungsinfrastrukturen zu priorisieren. Unabhängig davon sind die Länder bereit, sich im Digitalpakt dazu zu verpflichten, den Betrieb sicherzustellen, die Bildungs- und Lehrpläne zu überarbeiten, die Lehreraus- und -fortbildung auf die digitale Bildung auszurichten und die Infrastrukturen interoperabel zu machen.  

Mit der Schul-Cloud machen wir den Ländern ein weiteres attraktives Angebot. Als die Idee in unserer IT-Gipfel-Plattform: „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“  aufkam, schwankten die Reaktionen zwischen Begeisterung und Bedenken. Deshalb haben wir als Ministerium gesagt: Dann lasst uns das doch einfach ausprobieren – zumal Prof. Meinel vom Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und sein Team uns überzeugt haben, dass sie in vertretbarer Zeit mit vertretbaren Mitteln einen Piloten realisieren können. Und das haben sie getan. Die über 300 MINT-EC-Schulen sind oder werden Pilot-Partner und geben Rückmeldung, was sie brauchen und was verbessert werden kann.

Ziel der Schul-Cloud ist eine breite Nutzung digitaler Inhalte im Unterricht. Sie bietet eine leistungsfähige Lerninfrastruktur und aktuelle Bildungsinhalte. Die Schulen brauchen bei entsprechender Breitbandversorgung keine Server anschaffen und administrieren, sie können von schlanken Endgeräten auf vielfältige Online-Angebote zugreifen. Experten kümmern sich um die sichere Konfiguration und die Aktualisierung.

Und schon ist ein weiterer Schritt getan: Das Land Niedersachen ist mit 41 Schulen und zwei Lehrerbildungseinrichtungen dazugekommen. Weitere Länder haben großes Interesse an der Schul-Cloud, sagen es aber noch nicht so laut. Das zeigt: Die Länder erkennen zunehmend, wie groß die Herausforderung Digitalisierung ist und dass es sich lohnt, nicht alles selbst zu entwickeln, sondern gemeinsam zu handeln und manchmal sogar die Unterstützung des Bundes zu nutzen.

Baustellen gibt es an den Schulen viele: Neben der Digitalisierung nenne ich die wachsende Heterogenität der Schülerschaft, die vielerorts notwendige Gebäudesanierung, den Lehrermangel, die Frage, wie individuelles Lernen gelingt und wie die Leistungen sowohl der Schwächeren wie der Stärksten besser werden können.

Dabei sind für mich zwei Dinge von entscheidender Bedeutung:

Erstens. Wir dürfen nicht die eine Herausforderung gegen die anderen ausspielen. Digitale Bildung bietet große Chancen für individuelles Lernen und den Umgang mit Heterogenität. Adaptives Lernen, gamification, blendend learning und inverted classroom sind wichtige Stichworte. Wo das in Ansätzen bereits umgesetzt wird, haben junge Menschen mehr Spaß am Lernen. Sie können an ihren Schwächen arbeiten und ihre Stärken stärken.

Digitale Bildung führt nicht automatisch zu besseren Leistungen. Dafür müssen gute didaktische Konzepte mit ausgereiften Programmen, guter Ausstattung, gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern und einer engagierten Schulleitung zusammenkommen. Wir werden alles daran setzen, dass das gemeinsam mit den Ländern, den Schulträgern, aber auch der Wirtschaft gelingt.

Dabei geht es nicht nur um bessere Leistungen. Genau so entscheidend ist, junge Menschen auf eine Zukunft vorzubereiten, die in fast allen Lebensbereichen digital geprägt sein wird. Bildungsgerechtigkeit besteht auch darin, alle an dieser Form digitaler Bildung teilhaben zu lassen. Dem entspricht, dass 84% der Deutschen laut aktueller BITKOM-Umfrage für einen höheren Stellenwert digitaler Kompetenzen im Unterricht plädieren.

Schlechter Unterricht wird durch Digitalisierung nicht besser. Aber das ist kein Grund, mit der Digitalisierung zu warten. Wir müssen alles daran setzen, dass beides gelingt: Die zeitgemäße Qualifizierung und Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer und die Nutzung digitaler Medien.

Zweitens. Wir dürfen das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verlieren: Gute Bildung und Bildungschancen für alle.

Was meine ich damit, wenn das mehr als eine Selbstverständlichkeit sein soll? Gute Bildung ist Persönlichkeitsbildung. Sie ermöglicht selbstbestimmtes Handeln und aktive Teilhabe freier Menschen in einer Gesellschaft im Wandel. Sie bereitet auf eine sich wandelnde Berufswelt vor, vermittelt ein technisches Verständnis und Problemlösungskompetenzen. Aber darin erschöpft sich Bildung nicht, schon deshalb, weil wir heute nicht wissen, was übermorgen wichtig wird. Für dieses Übermorgen braucht es starke, verantwortungsbewusste Persönlichkeiten mit Urteilsfähigkeit, einer inneren Wertehaltung und Demokratieverständnis. Das lässt sich nicht verordnen. Aber die Schule kann und muss hierfür die Grundlagen legen.

Das heißt für mich: Neue Medien, digitale Technologien, Innovationen und Kompetenzprofile sind kein Selbstzweck. Es gilt der Primat der Pädagogik. Eine gute  Pädagogik weiß, dass Schreiben, Lesen und Rechnen die drei zentralen Kulturtechniken sind, zu denen jetzt die digitale Kompetenz als vierte hinzutritt. Und Sie weiß, dass haptische Erfahrungen, motorische oder musische Fähigkeiten nicht virtuell ersetzt werden können.

Eine gute Pädagogik weiß aber auch, dass eine Abschottung der Schule von der digitalen Revolution oder auch nur ein Abwarten fatale Konsequenzen hätte – nicht nur für die Chancen der Schülerinnen und Schüler auf gute Ausbildungsplätze, Studienplätze sowie Jobs, sondern auch auf ihre Entwicklung zu selbstbestimmten, aktiven Persönlichkeiten. Der Direktor eines Göttinger Gymnasiums schrieb kürzlich in der FAZ: „Mehr als je zuvor hat Schule die Aufgabe, für Aufklärung zu sorgen“. Aufklärung wird hier zum notwendigen Bestandteil digitaler Bildung, die so zur Persönlichkeitsbildung beiträgt.

Erst dann werden aus jungen Menschen nicht nur Anwender digitaler Angebote, sondern verantwortungsvolle Gestalter des digitalen Wandels.

Zum Erfolg digitaler Bildung tragen einzelne Ideen und Initiativen wesentlich bei. Sie machen ganz praktisch anschaulich, was digitale Bildung leisten kann. Initiativen wie die für den delina-Preis Nominierten:

  • Die Calliope gGmbH mit dem erwähnten Minicontroller, den Schülerinnen und Schüler zu einem Metronom machen oder mit Fischer-Technik zu einer Fußgängerampel zusammen bauen können, der zur automatischen Lichtsteuerung werden kann oder zu einem Fahrradcomputer.
  • Das Montessori Kinderhaus 3 Linden. Im Projekt Mini-Digi steht schon den Kleinen eine Medienwerkstatt zur Verfügung, um Trickfilme zu produzieren.
  • Die Agentur für Bildung. Sie verbindet die Internet-Affinität von Jugendlichen mit der wichtigen Frage, wie die Erinnerung an den Holocaust weitergetragen wird, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt.

Vielen Dank für Ihre Ideen und Ihr Engagement! Alle drei Projekte bringen virtuelle und analoge Welten zusammen. Sie setzen nicht auf Technik-Nerds, sondern auf neugierige Kinder und Jugendliche, die etwas Neues ausprobieren und lernen wollen. Sie können, davon bin ich überzeugt, nicht nur zur digitalen Bildung, sondern zur Persönlichkeitsbildung beitragen.

Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg!

Lassen Sie uns gemeinsam in den kommenden Jahren digitale Bildung zum Gewinn für Bildung und Bildungschancen machen.