Bürgerwissenschaft als Innovationstreiber

"Für uns als BMBF ist das Projekt Forschungsfall Nachtigall ein wunderbares Beispiel, wie sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch Forscherinnen und Forscher voneinander profitieren können", sagt Staatssekretär Christian Luft bei der "Nachtigala".

"Für uns als BMBF ist das Projekt Forschungsfall Nachtigall ein wunderbares Beispiel, wie sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch Forscherinnen und Forscher voneinander profitieren können." © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Impulsvortrag von Forschungsstaatssekretär Christian Luft bei der "Nachtigala 2019" am 26. April 2019 im Museum für Naturkunde.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Professor Vogel,

Sehr geehrte Frau Voigt-Heucke,

Sehr geehrte Bürgerforscherinnen und Bürgerforscher,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich über die Gelegenheit, heute hier bei der NachtiGala 2019 sprechen zu können. Gerne läute ich im Naturkundemuseum Berlin gemeinsam mit Ihnen die nächste Phase des Projekts Forschungsfall Nachtigall ein.

Wer kennt nicht den charakteristischen Gesang der Nachtigall, der zwischen April und Juni im Berliner Stadtbild präsent ist? Wer hat nicht eine Vielzahl von Assoziationen im Kopf, wenn er über die Nachtigall nachdenkt? So bekannt wie dieser Vogel ist, so unerforscht ist sein Gesang. Können Nachtigallen in Dialekten singen? In wie fern passt sich der Gesang ihrer Umgebung an?

Wo siedeln sich Nachtigallen im Stadtgebiet an und wo brüten sie? Auf all diese Fragen werden in diesem Projekt Antworten gesucht und gefunden.

Neben der naturwissenschaftlichen Betrachtung geht es aber auch um den kulturgeschichtlichen Blick. Welchen Einfluss haben die Nachtigallen auf unsere Kulturgeschichte? In wie fern hat der Gesang Musik und Literatur beeinflusst? Wie ist das Bild der Nachtigall in anderen Ländern, in denen dieser Zugvogel auf seiner alljährlichen Reise Station macht?

Citizen Science kann nur durch eine intensive Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern gelingen. Beim Forschungsfall Nachtigall ist dies in besonderer Weise gelungen. Bereits in der ersten Erhebungsphase im letzten Jahr konnten über 1.000 Bürger und Bürgerinnen mobilisiert werden. Insgesamt wurden 2.500 Gesangsaufnahmen über die Naturblick-App hochgeladen und ausgewertet. Gleichzeitig wurden bereits über 40 Anekdoten, Geschichten, Lieder gesammelt – darunter auch Geschichten von Geflüchteten und ihren Bezügen zur Nachtigall aus ihren Herkunftsländern.

Für uns als BMBF ist das Projekt Forschungsfall Nachtigall ein wunderbares Beispiel, wie sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch Forscherinnen und Forscher voneinander profitieren können. Auf der einen Seite erhalten Bürgerinnen und Bürger Einblick in die Forschungsarbeit und nehmen einen aktiven Part in der Entstehung von Forschungsfragen und bei der Weiterentwicklung wissenschaftlicher Praktiken ein. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag für den verstärkten Wissenstransfer zwischen Gesellschaft und Forschung.

Auf der anderen Seite bekommen Forscherinnen und Forscher Zugang zum Wissen der Vielen und können ihre Ergebnisse schneller der Praxis zur Verfügung stellen, also auch die Forschung stärker am gesellschaftlichen Nutzen ausrichten. So wird Bürgerwissenschaft zum Innovationstreiber, der neue Erkenntnisse schnell in der Gesellschaft verankert.

Was beide Seiten eint und motiviert ist das gemeinsame Erkenntnisinteresse – die Neugier und die Begeisterung.

Weiterhin zeigt das Projekt Forschungsfall Nachtigall, dass Bürgerforschung in ganz unterschiedlichen Disziplinen beheimatet sein kann. Hier treffen Biodiversität auf Kulturgeschichte, Literaturwissenschaft auf Umweltwissenschaften. Interdisziplinarität ist ein Stichwort, das schon seit langem die Politik des BMBF und die Wissenschaftspolitik im Allgemeinen prägt.

Vielleicht gelingt es den Bürgerwissenschaften, bei denen die unterschiedlichsten Akteure ohne Hemmschwellen aufeinander treffen, besonders gut, die Disziplinen zusammen zu bringen.

Uns als BMBF ist es wichtig Citzien Science möglichst breit in der Wissenschaftslandschaft zu verankern. Das Projekt Forschungsfall Nachtigall ist eines von dreizehn Projekten, welche für eine Förderung aus über 300 Anträgen ausgewählt wurden. Das thematische Spektrum der Förderlinie ist vielfältig: Es reicht von Projekten aus dem Umwelt- und Naturbereich bis hin zu Vorhaben aus der Medizin, aus technischen und ingenieurwissenschaftlichen Gebieten oder aus den Sozialwissenschaften.

Und auch in unseren Fachabteilungen wird Citizen Science immer mehr zu einem selbstverständlichen Teil der Forschungsförderung.

Ein besonders schönes Beispiel ist das Projekt „KONTAKT: Teilchenphysik zum Mitmachen“ In Kooperation mit dem CERN werden neue Formate der Bürgerbeteiligung insbesondere mit Blick auf Kinder und Jugendliche erprobt. Das Projekt zeigt: Immer mehr Disziplinen öffnen sich den Bürgerwissenschaften und schöpfen das Potential dieser Methode aus.

Im aktuellen Science Europe Briefing Paper vom Sommer 2018 wird Deutschland als europaweit führend im Bereich der Citizen Science Policy hervorgehoben. Dies ist eine gute Bestätigung unserer Arbeit. Wir dürfen uns aber nicht auf unseren Erfahrungen ausruhen.  Denn das Potential von Citizen Science wird bisher noch nicht in vollem Maße ausgeschöpft.

Auf Seiten der Wissenschaft gibt es weiterhin Vorbehalte gegenüber den Bürgerwissenschaften.

Zu umständlich, zu teuer, zu ungenau – so das Urteil in Teilen der Wissenschaftslandschaft. Eine Studie zu den Open Air Laboratories in Großbritannien aus dem Jahr 2013 zeigte, dass sogar Wissenschaftler, die bereits an Citizen Science Projekten arbeiten, die Fähigkeit der Laien zur qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Arbeit in Frage stellen.

Hier müssen Instrumente und weitere Best Practice Modelle entwickelt werden, um diese Vorbehalten zu entkräften. Die Digitalisierung kann hier ein wichtiger Helfer sein. Über digitale Tools kann Zugang erleichtert und Datenqualität gewährleistet werden. So auch bei der App, die beim Forschungsfall Nachtigall zum Einsatz kommt.

Ziel muss es sein Bürgerwissenschaften, die den hohen Standards des deutschen Wissenschaftsbetriebes entsprechen, dauerhaft im deutschen Wissenschaftssystem zu verankern.

Gefragt ist hier aber nicht nur die Politik. Vor allem die Wissenschaft, Wissenschaftszentren und andere Partner im Bereich Forschung und Entwicklung müssen klare Standards für Projekte der Bürgerwissenschaft entwickeln und so das Vertrauen der Wissenschaft in diese Verfahren zu stärken. Dies gilt auch Museen: Das Museum für Naturkunde, lieber Herr Professor Vogel, geht hier mit gutem Beispiel voran!

Die Skepsis im Wissenschaftsbetrieb hat auch Folgen für die Verbreitung und Popularität von Citizen Science in der Zivilgesellschaft. Es gibt unzählige engagierte Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.

Das Projekt Forschungsfall Nachtigall ist ein schönes Beispiel, das zeigt, wie viele Menschen sich für Forschungsfragen begeistern können.

Aber wie können wir noch mehr Bürgerinnen und Bürger dafür gewinnen können, sich in partizipative Forschungsprojekte einzubringen? Bürgerwissenschaft muss stärker im Bewusstsein der Gesellschaft verankert werden. Treibkraft ist hier, neben Faktoren wie finanzieller Ausstattung und offensiver Wissenschaftskommunikation, auch die Anerkennung, die diesem Engagement von Seiten der Wissenschaft entgegengebracht wird. Daher liegt es im Interesse aller, Bedingungen zu schaffen, unter denen Forschende für die Einbeziehung der Zivilgesellschaft Anerkennung erhalten und Bürgerinnen und Bürger als ernstzunehmende Partner in den Forschungsprozess integriert werden können.

Hieran knüpft sich eine weitere wichtige Frage: Wie kann man das Wissen der Vielen zu einem Wissen für alle machen? Das BMBF verlangt bereits seit 2016 von seinen Zuwendungsempfängern, wissenschaftliche Beiträge aus BMBF-geförderten Projekten der Allgemeinheit frei zugänglich zu machen. Das ist das Ziel unserer Open Access-Strategie. Fragen zu Open Access werden derzeit in allen Bereichen diskutiert. Im Bereich Citizen Science werden diese Fragen aber noch um einige wichtige Aspekte erweitert. Wie geht man mit von Bürgern erhobenen Daten um? Wie steht es um Fragen des Datenschutzes und des geistigen Eigentums? Es ist an uns allen, hier in den kommenden Jahren Lösungen zu erarbeiten.

Die Bürgerforschung liegt uns sehr am Herzen. In den letzten Jahren konnten durch eine gezielte Förderung des BMBF neue Ansätze der Beteiligung entwickelt, die Bekanntheit der Bürgerwissenschaften vergrößert und die Zusammenarbeit zwischen Forschung und der organisierten Zivilgesellschaft gestärkt werden.

Wir möchten auf diese positive Entwicklung aufbauen und werden die Bürgerwissenschaften weiterhin fördern und forschungspolitisch unterstützen. Hierzu gehört die Fortführung der Plattform „Bürger schaffen Wissen“, die sich in den letzten Jahren zu einer zentralen Anlaufstelle im Bereich Citizen Science entwickelt hat. Zudem planen wir die Veröffentlichung einer zweiten Förderrichtlinie Bürgerforschung.

Heute wollen wir aber den Abend ganz der Nachtigall widmen. Ich hoffe, dass Berlin dem Ruf als Hauptstadt der Nachtigallen auch in diesem Jahr gerecht wird. Und ich hoffe, dass möglichst viele Daten in der zweiten Erhebungsphase für das Forschungsprojekt zusammengetragen werden können und wir zu neuen Erkenntnissen gelangen.

Ich wünsche Ihnen allen einen spannenden und unterhaltsamen Abend!