Bundeskonferenz Bildungsmanagement

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, in Berlin

Bundeskonferenz Bildungsmanagement: Die Bundesministerin spricht
Bundeskonferenz Bildungsmanagement 2016 des BMBF mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka © phototek / Thomas Köhler

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich darf Sie ganz herzlich begrüßen, heute hier in Berlin, in diesem Kino. Ich begrüße alle, die aus den Kommunen kommen, Vertreter der Stiftungen und auch der kommunalen Bildungseinrichtungen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Transferagenturen, aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus unserem Haus, aus dem Bundesministerium.

Es ist vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Ort, an den wir Sie heute eingeladen haben. Das hier war einmal das größte Kino der DDR. Es sah anders aus, es ist jetzt natürlich renoviert, und es war zu DDR-Zeiten etwas Besonderes. Wenn Sie von der Karl-Marx-Allee von der Straßenseite gekommen sind, dann haben Sie vielleicht bemerkt, dass dieses Gebäude, auch aus der Architektur, die sonst die Allee auszeichnete, etwas herausfällt. Die Karl-Marx-Allee war ja damals in der DDR eine der Vorzeigestraßen Ostdeutschlands. Eine Veranstaltung wie wir sie heute hier haben, wäre aber unmöglich gewesen, auf jeden Fall vor 27 Jahren.

Damals stand die Mauer noch. Zwei Tage später war die Mauer offen. Was dann folgte, war eine ganz rasante Entwicklung. Vielleicht ist nicht jedem so klar, was es an Veränderung bedeutet hat – vor allen Dingen an Veränderung für diejenigen, die wie ich in der ehemaligen DDR gelebt haben. Das war keine Veränderung, die nur notwendig war für junge Leute oder bildungsaffine Leute, sondern es war eine grundlegende Veränderung des gesamten Lebensumfeldes für jeden einzelnen. Jede noch so alte Oma musste jetzt überlegen: Wo versichere ich mich, wo lege ich mein Geld an? – bei der Sparkasse oder woanders. Das war vielleicht für die trivial, die damit aufgewachsen sind. Es gab aber so viel Neues und so viel an Veränderungen, dass ich heute, und das sage ich ganz bewusst, stolz bin, dass das so viele Menschen geschafft haben.

Wir waren sehr dankbar in den neuen Bundesländern über die Hilfestellung aus den alten Bundesländern – von vielen Verwaltungsjuristen und Spezialisten. Wir waren ja alle sozusagen Neulinge, haben im Schnellverfahren gelernt, zum Beispiel kommunale Verwaltung. Und einiges hat gut funktioniert. Anderes hat auch nicht funktioniert. Das ist ganz klar.

Aber wenn ich dann erlebt habe, auch an der Hochschule, an der ich war, dass es doch große Widerstände gab, von vielen, die sagten, das kennen wir gar nicht, das haben wir immer anders gemacht – von denen, die aus den alten Bundesländern kamen – dann kann man ermessen, wie viel Veränderungswillen doch auf der Seite derer in der ehemaligen DDR gewesen sein muss, um dies zu bewältigen. Es war etwas, das für uns alle erstmal ein großes Glück war. Und die Mühen der Ebene, die kamen dann später.

Manchmal habe ich mich erinnert im letzten Jahr an diese Situation 1989: Da gab es auch diejenigen, dazu gehörte ich, die voller Euphorie waren, die nie gedacht haben, dass sie erleben, dass Deutschland wieder Eins wird, die auch dann kandidiert haben – ich für den ersten Kreistag und bin auch gewählt worden – und dann haben wir vieles ganz neu sortiert und uns orientiert. Aber auf der anderen Seite gab es auch von Beginn an skeptische Stimmen, ob man wirklich wirtschaftlich aufholen kann, angesichts der Situation, die wir in den neuen Bundesländern hatten, ob man zueinander finden kann, ob es berufliche Perspektiven gibt, für viele aus den neuen Bundesländern. Wir mussten ja damals viele Qualifikationen nachholen. Ich habe immer gesagt, Hauptsache nicht noch den Schwimm-Pass nachholen, aber der wurde akzeptiert. Ja, da lächeln einige vielleicht, aber das war nicht ganz einfach, wenn Dinge, die man erworben hatte – Diplome oder anderes – wenn plötzlich alles hinterfragt wurde. Deswegen gab es auch von Anfang an skeptische Stimmen. Nichts war selbstverständlich, und man stand vor riesigen Herausforderungen.

Dabei hatten wir eine Situation, die einfacher war als im letzten Jahr, angesichts der vielen hunderttausend Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind. Weil wir ja in einem Land lebten, das gleiche historische Wurzeln hatte, das natürlich eine gleiche Sprache sprach. Wobei, das kann man in solch einem Kino auch mal sagen, dass sogar die Sprache sich doch in diesen 40 Jahren DDR und der Bundesrepublik Deutschland verändert hatte – nicht nur gewisse Vokabeln, also „Datsche“ oder der „Broiler“ im Osten und auf der anderen Seite die Anglizismen, sondern das ging bis in die Grammatik. In der ehemaligen DDR gab es eine Häufung von Genitiven: der Vorsitzende des Staatsrats der und so weiter. Das kam aus dem Russischen. Das war etwas, das eigentlich nicht ordentliches oder gutes Deutsch war. Das heißt, bis in die Sprache hinein gab es Veränderungen.

Es gab die Begeisterten, die angepackt haben, es gab diejenigen, die Sorge hatten und skeptisch waren, und so war es auch im letzten Jahr. Da gab es diejenigen, die sehr zuversichtlich waren, zum Teil auch sehr euphorisch, als die vielen Flüchtlinge kamen, sie nicht nur empfangen hatten, sondern sahen: Das ist eine Chance für Deutschland. Und auf der anderen Seite gab es diejenigen, die sich von Anfang an Sorgen gemacht haben und das heute immer noch tun. Darum habe ich erinnert an 89: die Herausforderungen, vor denen wir damals standen, die haben wir gemeistert. Das sollte auch ein Stück Selbstbewusstsein geben, dass wir in der Lage sind, andere Herausforderungen zu bewältigen. Und genau darum soll es auch auf der Tagung heute und morgen gehen.

I.

Deswegen lautet das Thema: Zusammenhalt. Wir haben den Wunsch den Zusammenhalt in unserem Land systematisch zu stärken. Zusammenhalt kann man nicht verordnen, das kann man nicht von oben herab diktieren, sondern wirklicher Zusammenhalt, der muss entstehen, vor Ort. Das heißt, er muss in den Kommunen, in den Städten, in den Gemeinden entstehen. Und wenn wir den Zusammenhalt wirklich stärken wollen, dann muss man genau analysieren, was funktioniert vor Ort, wo sind größere Probleme, was funktioniert nicht? Deswegen soll diese Tagung, und ich freue mich über die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch eine Möglichkeit des Austausches sein, um voneinander zu lernen und um auch gegen drohende Risse in der Gesellschaft anzugehen. Das meine ich nicht nur bezogen auf neu Hinzugekommene, sondern zum Beispiel auf das Thema Landbevölkerung – Stadtbevölkerung, Leben auf dem Land – Leben in der Stadt.

Im Moment ist es so, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland auf dem Land leben, aber wir eine sehr starke Sogwirkung der Stadt haben, so dass gerade viele junge Menschen in die Stadt gehen. Das wirkt sich natürlich auf das Verhältnis zwischen Jung und Alt aus. Das wirkt sich aus auf die Lebensqualität, auch gerade im ländlichen Bereich. Es ist erst einmal gut, wenn man rausgeht, eine Ausbildung macht oder ein Studium. Aber viele kommen dann nicht zurück in den ländlichen Bereich. Das liegt zum Teil daran, dass die beruflichen Perspektiven dort nicht so vielfältig sind oder manchmal ganz mangeln. Das liegt auch daran, dass das kulturelle Angebot zum Teil kleiner ist. Es gibt viele Punkte. Bei manchen hilft die Digitalisierung. Ich hatte sehr stark auf Digitalisierung gesetzt, um die Lebensqualität im ländlichen Raum zu stärken. Das ist auch möglich. Aber auf der anderen Seite steigt auch die Attraktivität des städtischen Lebensraums durch die Digitalisierung. Es wird also nicht einfacher dadurch, obwohl es Möglichkeiten gibt, zum Beispiel, dass Güter nun leichter zugänglich sind im ländlichen Bereich.

Wir haben in den Bürgerdialogen, den die Bundesregierung, insbesondere die Kanzlerin, angeschoben hat, viel über die unterschiedlichsten Lebensbereiche diskutiert. Und wenn es darum ging: Was macht Lebensqualität heute in diesem Land aus, was ist Ihnen wichtig? – dann waren die am häufigsten genannten Kriterien Schulen und Kitas vor Ort. Das ist ein Beleg dafür, wie wichtig das für die Lebensqualität ist. Und ich sage etwas ungeschützt: Ich glaube, wir haben auch Fehler gemacht – wenn ich an das Bundesland denke, in dem ich nicht Schulministerin aber in der Landesregierung war – als es um die demographische Entwicklung ging. Die war ja in den neuen Bundesländern viel schneller und viel krasser als in den alten Bundesländern. Es stellten sich Fragen: Welche Klassenfrequenzen akzeptieren wir? Wie viele Kinder müssen mindestens in eine Klasse gehen, damit die Schule erhalten werden kann? – Ich glaube, wir haben dabei zwar den ländlichen Bereich etwas stärker begünstigt, aber man hätte es viel rigoroser machen sollen. Ich bin in den ländlichen Bereich gezogen, komme auch ursprünglich daher, darum ein Plädoyer dafür. Wenn ich heute in meinem Umfeld die vielen jungen Familien sehe, dann ist für sie mit das Wichtigste, ob eine Schule vor Ort vorhanden ist. Das heißt, wenn wir wirklich den ländlichen Bereich stärken wollen, dann hätte man damals – auch in vielen anderen Bundesländern – von vornherein sagen sollen: Das rechnet sich nicht, das kostet viel Geld, aber es wäre für die Attraktivität, gerade für junge Familien mit Kindern, sehr wichtig, dass wir dort eine entsprechende Schulinfrastruktur haben. Wir brauchen außerdem gute ganzheitliche ganztägige Betreuungsangebote. Vonseiten der Bundesregierung unterstützen wir dies auch finanziell in starkem Maße.

II.

Zusammenhalt ist keine Sache, die der Staat allein lösen kann, weder mit Geld, noch mit Verordnungen, noch mit Gesetzen. Wenn es um Zusammenhalt geht, ist das Zusammenwirken von Staat und Zivilgesellschaft wichtig – das Zusammenwirken von kommunaler Verwaltung mit Stiftungen, Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, Sozialpartnern, Unternehmensinitiativen und vor allen Dingen mit den vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Und das ist gerade das große Potenzial. Dieses Potenzial zu heben und zu nutzen, ist auch Anlass unserer Initiative.

Es gibt in unserem Land mehr als 600.000 Organisationen und Initiativen der Zivilgesellschaft. Im ersten Moment denkt man: Stimmt die Zahl? – Mehr als 600.000. Und jede vierte dieser Organisationen gibt an, im Bildungsbereich tätig zu sein. Das wurde bei einer großen Befragung erhoben. Diese vielen Institutionen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen wollen wir nutzen, überall im Land, in der Stadt und in den Dörfern. Denn, wenn jede vierte angibt, sich für den Bildungsbereich zu interessieren und sich dafür zu engagieren, dann gilt das, was der Moderator gerade sagte, dass Bildung ganz zentral ist, und dass Bildung und Weiterbildung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtige Schlüsselfunktionen haben. Sie sind nicht nur Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt oder für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, sondern vor allen Dingen auch dafür – und das muss man als reiche Kulturnation wollen –, dass es Entfaltungsmöglichkeiten gibt, egal wo man startet, egal aus welchem Umfeld man kommt, dass jeder in diesem Land die besten Chancen hat, völlig unabhängig vom Startpunkt.

Die Bildungsangebote sind natürlich nicht überall gleich gut. Wir haben einen nationalen Bildungsbericht. Das haben wir 2006 das erste Mal gemacht. Sie wissen, wir haben PISA, TIMSS, viele Untersuchungen, viele internationale Vergleichsstudien. Aber es ist manchmal schwer, unser Bildungssystem zu vergleichen mit dem von Kanada, Australien oder wo auch immer. Und deswegen haben wir – „wir“ heißt, die Bundesministerin und die Landesminister – gesagt, wir möchten uns zwar beteiligen an allen internationalen Berichten aber auch einen eigenen Bildungsbericht haben, der alle zwei Jahre erhoben wird und ein großes Portfolio von Indikatoren hat, die abgefragt werden: Wie viele Kinder gehen mit fünf in die Kita? Wie sind die Leistungen der Schule? Wie ist das mit dem Studium? – Immer wieder dieselben Indikatoren. Da das alle zwei Jahre gemacht wird, hat man eine sehr schöne Längsschnittbetrachtung. Man sieht also nicht: Wie ist die Weiterbildung bei zum Beispiel weiblichen Migranten? – Sondern man sieht: Wie hat sich das entwickelt, verbessert oder verschlechtert?

Den sechsten nationalen Bildungsbericht – er wird immer von einer unabhängigen Wissenschaftlergruppe erarbeitet – haben wir gerade in diesem Frühsommer vorgestellt. Er hat viele interessante Ergebnisse. Er hat auch ganz deutlich gemacht, dass in unserem Land die regionalen Unterschiede – und das ist jetzt nicht einfach Ost-West, Nord-Süd – enorm gewachsen sind und dass wir – das war für uns alle überraschend – gewisse Regionen in der Bundesrepublik Deutschland haben, zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern, wo es kein staatliches Schulangebot mehr gibt, sondern nur private Initiativen, private Schulen. Und deswegen, um gleiche Bildungschancen für alle zu haben, ist die Transferinitiative für uns von großer Bedeutung. Wir wollen dazu beitragen, dass es gemeinsame Standards gibt und dass dieselben strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden und damit sozusagen diesen regionalen Disparitäten im Bildungssystem ein Stück weit entgegenwirken.

III.

Bildung, das ist ganz klar, ist eine Querschnittsaufgabe. Deswegen muss das Zusammenspiel aller Akteure aufgebaut und ausgebaut werden. Es muss Kooperationsstrukturen in den Kommunalverwaltungen geben, es muss Personen geben, die sich um Koordinierung kümmern. Eine Idee aus unserem Haus, als die vielen Flüchtlinge kamen, war, dass wir für alle Landkreise und kreisfreien Städte, je nach Größe, einen oder mehrere kommunale Koordinatoren der Bildungsangebote für Neuzugewanderte finanzieren. 80 Prozent all derer, die antragsberechtigt wären, haben bei uns einen Förderantrag gestellt. Das ist ein großer Arbeitsaufwand. Und ich kann Ihnen an der Stelle sagen – wer vielleicht noch nörgelt oder darauf wartet, dass das in seinem Landkreis geschieht – bis Ende des ersten Quartals 2017 sind alle Anträge beschieden.

Es ist uns an dieser Stelle gelungen, schnell und unkompliziert zu unterstützen, denn die Sorge war auch auf unserer Seite, dass es zwar ganz viel Engagement in den Kommunen gibt, dass sich die Verwaltungen kümmern, dass aber oftmals das Fahrrad neu erfunden wird, dass vieles nebenher läuft und dass Synergieeffekte und vieles, was möglich ist, nicht im entsprechenden Maße vorhanden ist. Deswegen: Koordinatoren für den Bildungsbereich. Diese Koordinatoren sind jetzt für Neuzugewanderte zuständig. Aber das heißt natürlich, sie müssen einen Überblick haben über die gesamten Bildungsstrukturen. Dies ist in vielfältiger Art und Weise sehr sinnvoll und nicht nur eingeschränkt auf den Personenkreis, für den wir dieses besondere Problem gesehen haben.

Die erste von neun Transferagenturen, die eingerichtet wurden, das war die Transferagentur in Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile ist es so, dass deutschlandweit 160 Kreise und kreisfreie Städte fest mit einer Transferagentur zusammenarbeiten, eine Zielvereinbarung unterzeichnet oder sich irgendwie anders arrangiert haben. Das heißt, die Transferinitiative Kommunales Bildungsmanagement hat sich nicht nur etabliert, sondern sie ist gewachsen und ist zu einer, aus meiner Sicht, bundesweiten Bewegung herangewachsen. Auch mit Ihrer Hilfe, mit vielen anderen Dingen natürlich auch, werden moderne Bildungsmanagement- und Verwaltungsstrukturen auf kommunaler Ebene aufgebaut.

Strukturreformen – das geht nie schnell. Bis sie sich richtig auszahlen, braucht es meistens einen längeren Zeitraum, manchmal dauert es Jahre. Effekte zeigen sich oft erst mittel- und langfristig. Und diese sieht man oft nicht, wenn man vielleicht noch die Schwierigkeiten des Strukturaufbaus vor sich hat. Deswegen braucht man, damit es funktioniert, Verlässlichkeit und einen langen Atem. Ich freue mich, dass ich Ihnen heute sagen kann, dass wir beschlossen haben, die Transferagenturen zu verlängern. Wir werden das Netzwerk der Transferagenturen um weitere fünf Jahre, bis zum Jahr 2022, aus Mitteln unseres Ministeriums fördern, sodass diejenigen, die jetzt mit den Transferagenturen gut zusammengearbeitet haben, wissen, dass hier eine verlässliche Zusammenarbeit über weitere fünf Jahre, wenn sie es denn wollen, möglich ist.

IV.

Zum Thema Flüchtlinge: Wir haben, was das Bundesministerium für Bildung und Forschung anbetrifft, in den letzten Jahren – völlig unabhängig von der Flüchtlingssituation – sehr viel getan, um Kinder und Jugendliche aber auch Erwachsene mit Migrationshintergrund, zu fördern und zu stärken. Diese Erfahrungen, die dort gesammelt wurden, die kann man jetzt nutzen, für zum Beispiel KAUSA-Beratungsstellen, und kann sie ausbauen. Trotzdem reicht das nicht. Und vieles, was Menschen, die als Arbeitsmigranten gekommen sind, und ihre Nachkommen anbetrifft, ist anders als bei denjenigen, die jetzt aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Deswegen ist ein Schwerpunkt in unserem Haus auch, Forschung dazu zu fördern: Wie geht es den Familien? Was ist nach einem Jahr? Was müsste man anders machen? Wie erfolgt die Integration der Kinder? Es geht auch um statistisches Material. Denn die Art und Weise, wie die Gemeinden, die Kommunen reagiert haben, ist sehr unterschiedlich. Es gibt Gemeinden, die erfolgreich waren und – man muss so ehrlich sein – andere, die weniger erfolgreich waren. Deswegen glaube ich, dass das auch ein Thema der Diskussion auf diesem Kongress hier heute und morgen ist.

Wir haben eine Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Der Arbeitsauftrag für die Untersuchung lautete: Wie können lokale Initiativen zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt beitragen? – Ein Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass die Koordinierung der Initiativen unbedingt verbessert werden muss, um Wildwuchs und Projekt-Doppelungen zu vermeiden.

Wenn wir über Integration reden, ist natürlich das Erlernen der deutschen Sprache ganz wichtig. Wer sich in dieser Gesellschaft zuhause fühlen möchte, der muss sich auch auf Deutsch verständigen können. Es ist sogar so, dass selbst bei den vielen ausländischen Wissenschaftlern und Studierenden, die nach Deutschland kommen – eine ganz andere Zielgruppe –, dass sich diejenigen mehr zuhause fühlen, die in dieser Zeit auch die Sprache lernen; was, wenn man sich in einer Wissenschaftseinrichtung aufhält, nicht unbedingt zwingend notwendig ist. Aber selbst dort ist Sprache sehr wichtig. Nun wissen Sie, dass wir vonseiten der Bundesregierung hunderte von Millionen Euro für Integrationskurse und Sprachbildung ausgeben, sehr stark durch das Innenministerium und durch das Arbeitsministerium, dass wir aber auch überlegt haben: Was sind in der Situation im letzten Jahr Zusatzangebote, die wir über die Kanäle, über die Möglichkeiten, die wir haben, noch einrichten können? – Ich will nur hinweisen auf die Sprach-App, die jetzt so angelegt ist, dass die jungen Leute sie mit ihren Smartphones nutzen können und nicht nur am Schreibtisch vor dem Computer sitzend.

Was ich besonders klug fand, war die Idee, zusammen mit den Volkshochschulen ehrenamtliche Lern-Begleiter zu schulen, also Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern möchten, ein Angebot in der Volkshochschule zu machen, damit sie innerhalb einer kurzen Kurs-Zeit in der Lage sind, neu Ankommende zu unterstützen: Welche Sprachwendungen brauchen sie zum Beispiel in der Straßenbahn und beim Arzt? Was sind die wichtigsten Dinge, die sie schnell erfassen müssen, um gar nicht erst sozusagen in missliche Situationen zu kommen? Das ist eine der ersten Bildungsmaßnahmen, aber das ist bei Weitem nicht die einzige.

Nun hören wir ja viel in den Medien über die Stimmung im Land, über Zuspruch für Rechtspopulisten. Das Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration hat eine bundesweite Umfrage durchgeführt, an der sich 270 Städte, Landkreise und Gemeinden beteiligt haben. Die Ergebnisse dieser Umfrage sind fast schon erstaunlich. Jedenfalls ist sehr erfreulich, dass 90 Prozent der befragten Kommunen betonen, dass das bürgerschaftliche Engagement zur Betreuung der Flüchtlinge für sie eine ganz zentrale Ressource darstellt. Und dass dieses Engagement auch in den ersten Monaten dieses Jahres 2016 nicht nachgelassen hat. Zwei Drittel der befragten Kommunen sprechen von einer positiven Grundstimmung und einer Offenheit der lokalen Bevölkerung. Darauf, meine Damen und Herren, müssen wir aufbauen.

Ich war letzte Woche in Oldenburg. Dort fördern wir zum Beispiel seit Juli auch die kommunale Koordinierungsstelle für die Bildungsangebote für Neuzugewanderte. Und dort wird ein schlüssiges Management mit allen Akteuren aufgebaut, damit die Bildungsprozesse vor Ort erfolgreich funktionieren können. Die Koordinatorin ist eine Soziologin und hat selbst einen Migrationshintergrund. Das heißt, sie bringt als Soziologin Fachwissen mit, aber andererseits auch persönliche Erfahrungen. Das ist natürlich sehr günstig für diese Aufgabe. Sie haben die Gelegenheit, deswegen nannte ich dieses Beispiel, diese Frau heute Nachmittag kennenzulernen.

Integration ist, und das ist mir wichtig, nicht einseitig. Es geht um einen gegenseitigen Lern- und Anerkennungsprozess. Er ist auch von einer Aufnahmebereitschaft geprägt und von einer Integrationsbereitschaft von uns allen, von denjenigen, die hier in diesem Land leben. Ich glaube, das ist wichtig, denn es wird immer Flüchtlinge geben. Es wird nicht wie im letzten Jahr sein, aber wenn man sich die Welt anschaut – kriegerische Konflikte, Armut – dann wissen wir, dass wir auch in den nächsten Jahren immer wieder neu Menschen in dieses Land kommen werden sehen, und dass deswegen das Thema Integration etwas ist, was uns in Deutschland viel stärker als bisher beschäftigen wird. Deswegen ist es so wichtig, die Mechanismen zu identifizieren und dann im Land zu etablieren, die notwendig sind, damit Integration gelingen kann.

Bildung bleibt dabei ein Schlüsselfaktor. Zu Bildung gehören auch Kenntnisse über kulturelle Besonderheiten. Wir haben in meiner Zeit, als ich in Niedersachsen für Wissenschaft und Kultur zuständig war – also vor der Flüchtlingssituation des letzten Jahres – mit dem damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, mit Herrn Neumann, erstmals eine groß angelegte Untersuchung in Deutschland durchgeführt: Wie ist es denn mit der Kultur, mit den kulturellen Besonderheiten? Ist das jetzt für die Integration der Menschen ein Plus? Kann man sagen, dass wir über Kultur stärker integrieren können? Oder ist Kultur gerade ein Abgrenzungsgrund, um zu sagen: „Ich bin anders.“? Es ist eine bundesweite Untersuchung mit sehr interessanten Vergleichen: Welche Interessen hat eine 55-jährige türkische Frau hier in Deutschland verglichen mit einer deutschen Frau? Es ist eine interessante Studie, die vielleicht mit einigen Klicks nachzulesen ist, um auch praktische Tipps zu bekommen: Was sollte man in der Kommune machen? Denn ein Ergebnis dieser Untersuchung war, dass neben Einbürgerung, neben dem Deutschlernen ganz wichtig war, über Kultur integriert zu werden. Deswegen ist für mich kulturelle Bildung ein wichtiger Punkt. „Kultur macht stark“ ist unser großes Förderprogramm, das wir sofort ausgeweitet und geöffnet haben für die zu uns Geflüchteten, und das wir auch weiter fortsetzen werden.

Als letzte Bemerkung: Woher kommt das Wort „Integration“? Es kommt aus dem lateinischen „integrare“ und bedeutet „erneuern, ergänzen und geistig auffrischen“. Das finde ich sehr hübsch, „geistig auffrischen“, und das wünsche ich mir von dieser Bundeskonferenz zum Bildungsmanagement, dass sie uns alle geistig auffrischt. Ich denke, wir haben allen Grund zur Zuversicht. Deswegen noch einmal: Wir haben die Situation nach 89, die sehr viel schwieriger war, bewältigt. Ich glaube, wir können gemeinsam, auch bei den Problemen, die jetzt vor uns stehen, viel voneinander lernen und können ganz optimistisch sein.