"Chancen der Digitalisierung nutzen"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek will digitale Mittel in jedes Klassenzimmer bringen. „Mir ist wichtig, dass alle Kinder schon in der Schule lernen, sich selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen“, sagte sie.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek spricht sich für eine europäische Strategie für KI aus. © BMBF/Laurence Chaperon

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich des 6. Tag der ökonomischen Bildung NRW „Digitalisierung. Herausforderung für Wirtschaft, Politik und Schule“ am 7. März 2019 in Münster.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Dr. Burkard,

Sehr geehrter Herr Peters,

sehr geehrter Herr Prof. Dr. Wessels,

sehr geehrte Damen und Herren,

von Theodor Fontane stammt der Satz „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollten wir lieben, aber für das Neue sollen wir (…) leben.“ In der Frage der Digitalisierung halte ich es wie Fontane. Obwohl vor 200 Jahren, zu Lebzeiten Fontanes, die Digitalisierung natürlich noch kein Thema war.

Aber auch Fontane lebte in Zeiten des Umbruchs: im Zeitalter der industriellen Revolution. Das Telefon, das Auto, die Röntgenstrahlung – all das wurde damals erfunden. Bahnbrechende Innovationen, die das Leben der Menschen umgekrempelt haben: Arbeit, Kommunikation, Mobilität, Bildung – all das hat sich damals verändert. Heute verändert sich all das erneut. Ebenso tiefgreifend. Durch die Digitalisierung, durch die Künstliche Intelligenz.

Damals war das Auto eine Revolution, weil es selbst fuhr. Kein Pferd musste es mehr ziehen. Heute heißt selbst fahren: Kein Mensch muss das Auto mehr lenken. Damals war das Telefon revolutionär. Statt Briefe zu schreiben, die Tage später ankamen, konnte Fontane plötzlich zum Hörer greifen. – Wenn einer in der Nähe war. Heute tragen wir den Hörer immerzu bei uns. Und telefonieren ist das wenigste, was wir damit tun.

„Für das Neue (…) leben“ – das Zitat stammt aus dem letzten Buch Fontanes – Der Stechlin. Der darauffolgende Satz lautet: „Und vor allem sollen wir, […], den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen.“ In großen Zusammenhängen zu denken, ist gerade bei der Digitalisierung unerlässlich.

Denn es geht um nichts weniger, als den Wohlstand in unserem Land zu bewahren. Deutschland ist die viertstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Wir haben nur wenige Rohstoffe. Bei uns lebt nur ein Prozent der Weltbevölkerung. Ein Prozent! Aber diese Menschen sind unser Schatz. Auf sie kommt es an.

  • Ihre Talente wollen wir fördern.
  • Ihre Ausbildung liegt uns am Herzen.
  • Sie machen die große Innovationskraft unserer Wirtschaft aus, weil sie immer wieder Neues entwickeln.

Unsere starke Wirtschaft ist die Grundlage dafür, dass es sich in Deutschland so gut leben lässt. Doch Globalisierung und Digitalisierung führen dazu, dass der weltweite Wettbewerb intensiver und schneller wird. Spätestens seit Google, Apple, Amazon und Co innerhalb von nur zehn Jahren zu den wertvollsten und mächtigsten Unternehmen der Welt aufgestiegen sind, ist klar, dass wir uns diesem veränderten Wettbewerb stellen müssen.

Dabei ist unser Blick nicht mehr nur nach Westen gerichtet. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es immer kurz und knapp: In China ist ein Riese erwacht. Ihn gilt es nicht zu unterschätzen. Nur wenn Europa, nur wenn Deutschland als Lokomotive Europas weiterhin in der ersten Liga mitspielen, werden wir unseren Wohlstand erhalten können. Nur dann werden wir die Chancen der Digitalisierung zum Wohle aller nutzen können.

Was also müssen wir tun? Wir müssen weiter intensiv in Bildung und Forschung investieren! Wir müssen lernen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Dabei möchten wir die Menschen beim Lernen unterstützen. Die Lehrenden und die Lernenden. Fangen wir mit den Schülern an. Unsere jungen Menschen wachsen in der digitalen Welt auf. Wir müssen sie nun in die Lage versetzen, sie gestalten zu können.

Ja, es war ein Kraftakt, die Grundgesetzänderung für den Digitalpakt durchzusetzen. Aber ein dringend notwendiger. Digitale Bildung gehört in jedes Klassenzimmer. Damit Kinder mit den neuen digitalen Möglichkeiten noch besseren Unterricht bekommen. Individuell auf sie zugeschnitten. Es geht um gute Bildung.Ihre Ziele bleiben dieselben – in der analogen und der digitalen Welt: Kern ist und bleibt die Bildung zur Entwicklung einer eigenständigen, selbstkritischen und kritikfähigen Persönlichkeit.

Gerade das Tempo der technologischen Veränderungen macht das nicht obsolet, sondern noch bedeutsamer: Wir können Kinder und Jugendliche gar nicht alle notwendigen Fachkompetenzen beibringen. Aber wir können sie stark und offen für das Neue machen. Wer macht das jeden Tag aufs Neue? Sie, die Lehrerinnen und Lehrer. Auf Sie kommt es an. Auch auf Ihre Offenheit für Neues. Für neue digitale Lehrformen. Die wollen erlernt sein.

Deswegen war es uns so wichtig, nicht einfach das Internet in die Klassenzimmer zu bringen. Die digitalen Mittel gehören in dafür aus- und weitergebildete Lehrerhände. Damit daraus guter Unterricht wird. Daher ist es so wichtig, dass die Lehrerqualifizierung massiv vorangetrieben wird. Im letzten Jahr habe ich auf dem Digital-Gipfel in Nürnberg selbst erlebt, wie guter Unterricht mit digitalen Mitteln aussehen kann. Zum Beispiel mit der Schul-Cloud. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Experiment zur Periodendauer eines Federpendels so interessant und so lehrreich sein kann. Solche Chancen müssen wir beherzt ergreifen.

Unterricht mit digitalen Mitteln ist das eine. Unterricht über digitale Mittel das andere. Mir ist wichtig, dass alle Kinder schon in der Schule lernen, sich selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen. Ich möchte, dass sie wissen, was Algorithmen sind und wie sie funktionieren.Damit sie verstehen, warum ihnen das Smartphone immer wieder genau das präsentiert, was sie mögen. Egal ob es um die Lieblingsmusik, Modevorlieben oder Filmtipps geht. Wenn Jugendliche das durchschauen, haben sie die Chance:

  • sich bewusst aus den Echokammern hinauszubewegen,
  • zu unterscheiden zwischen Fakten und Fake und
  • zu kritischen Erwachsenen heranzuwachsen.

Verstehen, wie die Dinge zusammenhängen. Darum geht es. Auch in der ökonomischen Bildung.

  • Was bedeutet soziale Marktwirtschaft?
  • Wie wirkt sie sich auf das Leben eines jeden Einzelnen aus?
  • Wie müssen wir zum Beispiel angesichts des Klimawandels unsere Art zu wirtschaften ändern?

Ökonomische Bildung hilft Schülern solche wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. Und nur wer sich auskennt, kann selbstbestimmt gute Entscheidungen für seine Zukunft treffen. Wie wenig selbstverständlich das ist, habe ich in meiner ersten Legislaturperiode als Bundestagsabgeordnete erlebt. Damals war ich viel mit dem Thema Altersvorsorge beschäftigt. Wir haben überlegt, wie wir Menschen motivieren können, besser privat für das Alter vorzusorgen. Dabei fiel uns auf, dass viele Bürger die Unterschiede zwischen einzelnen Versicherungsmöglichkeiten nicht kennen. Dass sie nicht wissen, wie sie funktionieren. Und dass es ihnen entsprechend schwer fiel, die passende Altersvorsorge zu wählen.

Eine gute Altersvorsorge muss man aber in jungen Jahren starten. Was früh nicht angespart wird, steht später nicht für den Lebensabend zur Verfügung. Entsprechend wichtig ist ökonomische Bildung schon in den Schulen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„für das Neue (…) leben“, das gilt erst recht im Wirtschaftsleben. Angetrieben durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz erleben wir große Umwälzungen. Daten sind der neue Treibstoff der Wirtschaft. Auch Schüler müssen begreifen, dass Daten nicht nur privat, sondern auch Wirtschaftsgüter und wertvoll sind. Wie wir damit am besten umgehen – das ist inzwischen wichtiger Teil von ökonomischer Bildung. Die Tragweite der Veränderung wird langsam sichtbar. Nun müssen wir ehrlich sein und eins erkennen: Der Wettbewerb um Verbraucherdaten ist vorerst gelaufen. Die erste Runde ist an die großen amerikanischen Konzerne gegangen.

Aber: Der Wettbewerb um Industriedaten ist noch offen. Ein Land wie Deutschland, mit einer starken Industrie, hat einen riesigen Schatz an Industriedaten. Den gilt es jetzt zu heben. In Deutschland liegen große Potenziale Künstlicher Intelligenz:

  • in der industriellen Produktion,
  • in der Logistik,
  • im Gesundheitswesen,
  • im Automobilsektor und
  • generell in einer nachhaltigen Mobilität in den Städten und auf dem flachen Land.

Noch ist nicht entschieden, wer dabei die Nase vorn haben wird. Deutschland hat eine gute Ausgangsposition. Die gilt es zu nutzen. Indem wir uns vernetzen, Daten auswerten und austauschen.

  • Damit aus Daten Wissen wird.
  • Damit Unternehmen mit Daten neue innovative Produkte entwickeln können.
  • Damit die deutsche Wirtschaft die Nase vorn hat im internationalen Wettbewerb.

Wir sind nicht in China: Grenzenlose Kontrolle durch den Staat werden wir niemals akzeptieren. Wir sind auch nicht in den USA. Datenmacht in der Hand einiger weniger großer Konzerne wollen wir nicht. Wir gehen einen anderen, unseren eigenen Weg. Unser Weg folgt einem Leitgedanken: Künstliche Intelligenz muss den Menschen dienen. Sie darf Persönlichkeitsrechte und den Schutz von Daten nicht völlig über den Haufen werfen. Deswegen setzen wir auf europäische Standards für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Europäische Standards für den Schutz und den Austausch von Daten. Wir setzen uns damit ein hohes Ziel.

So umstritten ein Teil der Regelungen auch sein mag: Mit der Datenschutzgrundverordnung hat die EU gezeigt, dass sie in diesem Bereich nicht nur mit einer Stimme sprechen, sondern tatsächlich Standards setzen kann, die weltweit Beachtung finden. Im Endeffekt wird uns unser hoher Standard sogar einen Wettbewerbsvorteil bringen, den wir nicht groß genug schätzen können.

Wie das funktionieren kann, habe ich gerade in Berlin erlebt beim International Data Space. Er bietet eine technische Lösung an, um Daten sicher und zu fairen Bedingungen auszutauschen. Ein Regelwerk, auf das sich jeder verlassen kann: Daten teilen und gleichzeitig immer Herr über die eigenen Daten bleiben. Das ist es doch, was wir wollen. Bessere Werkzeuge, um aus unseren wertvollen Daten Wertschöpfung in Deutschland und Europa zu generieren.

Und wenn wir die entwickeln, dann schaffen wir auch ein Angebot für unsere Partner in der Welt, für Partner, die unsere Philosophie im Umgang mit Daten teilen. Denn sicherer und fairer Datenaustausch ist ein wichtiges Anliegen freier Gesellschaften. Herr über die eigenen Daten zu sein und sie trotzdem sicher austauschen zu können – das ist die Grundlage für „KI made in Europe“. Ein wichtiger Pfeiler für eine freie, demokratische Welt, die dem ökonomischen Wettbewerb verpflichtet ist.

Wobei es nicht nur um die Wirtschaft geht. Die Menschen stehen im Vordergrund. Ich will Ihnen ein Beispiel aus der Medizin geben. Wir haben gerade die Dekade gegen Krebs gestartet. 10 Jahre lang mobilisieren wir alle Kräfte, um Krebs zu bekämpfen. Auch alle Kräfte rund um die Künstliche Intelligenz. Sie kann uns zu neuen Durchbrüchen verhelfen.

Aber das wird nur gelingen, wenn Patienten die Daten ihrer Krankengeschichte zur Verfügung stellen. Das fällt ihnen bestimmt leichter, wenn sie die Kontrolle über die Daten behalten. Wenn sie sich darauf verlassen können, dass sie nicht in falsche Hände geraten. Wenn ihre Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben und der Verwendungszweck klar ist. Hierfür brauchen wir europäische Lösungen wie den in Deutschland entwickelten International Data Space. Hierfür brauchen wir eine „KI made in Europe“. Wir Europäer sollten dabei ruhig mit dem nötigen Selbstbewusstsein für unsere digitalen Positionen werben. Ein großer und finanzstarker europäischer Markt ist ein schlagkräftiges Argument im internationalen Wettbewerb.

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei allen Chancen durch die Digitalisierung, sollten wir uns auch die Herausforderungen bewusst machen. Zum Beispiel die Herausforderungen für das politische System. Wir beobachten in den vergangenen Jahren, dass Vertrauen schwindet:

  • in die Presse,
  • in die Wissenschaft,
  • in staatliche Institutionen.

Auch digitale Werkzeuge können die Stabilität von politischen Systemen beeinflussen. Zum Beispiel durch Social Bots oder durch Verbreiten von Falschmeldungen. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern beobachten wir, dass Populismus zunimmt. Wir müssen Lösungen finden, wie wir mit diesen gesellschaftlichen Entwicklungen umgehen. Um die Digitalisierung nach unserem europäischen Gesellschafts- und Wertemodell zum Wohle der Menschen zu gestalten, müssen wir gemeinsam handeln.

Die Bundesregierung versteht sich als Impulsgeber in Sachen Digitalisierung und geht voran. Im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht, die Lebensqualität für die Menschen in Deutschland zu verbessern, unsere wirtschaftlichen Potenziale zu entfalten und den sozialen Zusammenhalt zu sichern.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie werden heute im Laufe des Tages noch über viele weitere Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung sprechen. Ich möchte Sie ermuntern: Leben wir für das Neue! Nicht, um es unkritisch anzunehmen, sondern um das Neue zu gestalten. Auf unserer Wertegrundlage. Und nach unseren Bedürfnissen.