Clinician Scientists – Karriereförderung / Karrierestrukturen

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Georg Schütte anlässlich des IFB-Symposiums in Hannover

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Professor Baum,

Sehr geehrter Herr Eichel,

sehr geehrte Damen und Herren!

I.

Forschung muss dem Menschen dienen – diesen Anspruch erfüllt die klinische Forschung wie kein anderes Wissenschaftsfeld. Ihr Fortschritt sorgt an vielen Stellen mit großem Erfolg dafür, dass wir kranken Menschen besser helfen oder die Entstehung von Krankheiten vielleicht sogar verhindern können. Denken wir nur an die Entdeckung der ersten Antibiotika. Lange Zeit waren Ärztinnen und Ärzte machtlos gegen die immer wiederkehrenden großen Seuchen. Erst durch die gezielten wissenschaftlichen Untersuchungen mehrerer Ärzte, wie zum Beispiel Ernest Duchesne, Alexander Fleming oder Paul Ehrlich, gelang der entscheidende Durchbruch.

II.

Eine gute und zügige Translation gelingt nur, wenn wissenschaftliche und medizinische Expertise zusammenwirken. Und genau diese beiden Expertisen kombinieren die Clinician Scientists.

Wir alle sehen mit Sorge, dass es immer weniger Ärztinnen und Ärzte gibt, die Interesse an der klinischen Forschung haben. Insbesondere dem medizinischen Nachwuchs bieten sich heute zu wenig Anreize für eine wissenschaftliche Laufbahn:

Krankenversorgung, Forschung und Lehre bündeln sich zu einer kraftraubenden Dreifachbelastung.
Durch den notwendigen Spagat konkurrieren forschende Medizinerinnen und Mediziner gleichzeitig mit „Vollzeit-Klinkern“ und mit „Vollzeit-Wissenschaftlern“.
Für ihr wissenschaftliches Engagement erleben Nachwuchsmedizinerinnen und -mediziner kaum Wertschätzung. Zudem ist unklar, ob Forschungszeiten auf die Facharztweiterbildung angerechnet werden.
Die Verdienstmöglichkeiten für forschende Medizinerinnen und Mediziner sind oft geringer.
Die Chancen für einen beruflichen Aufstieg sind rar, weil attraktive Zielpositionen selten sind.

III.

Diese Herausforderungen machen für forschungsinteressierte Medizinerinnen und Mediziner eine Laufbahn als Clinical Scientist heute unattraktiv. Zweifelsohne wird dies in der Perspektive die Qualität der klinischen Forschung gefährden. Wie also sorgen wir dafür, dass wissenschaftliche Karrieren in der Medizin attraktiver werden?

Diese Frage stellt sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Bereits Anfang der 1970er Jahre erkannten die USA das Potenzial von Clinician Scientists. In der Folge legten die National Institutes of Health (NIH) ein entsprechendes Förderprogramm auf. Auch engagiert sich das NIH seit 1998 sehr erfolgreich mit speziellem Fokus auf patienten-orientierte Forschung. Im Zentrum dieser Maßnahmen steht, den Geförderten eine geschützte Zeit für ihre Forschung zu ermöglichen.

Ähnliche Aktivitäten finden sich inzwischen auch außerhalb der USA. So legt etwa Großbritannien seit 2001 ein spezielles Förderprogramm für Clinician Scientists auf. In Deutschland wird das Thema seit mehr als zehn Jahren vom Bundesforschungsministerium, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Wissenschaftsrat vorangetrieben. Ein wichtiger Meilenstein war ein Workshop dieser drei Akteure zum Thema „Hochschulmedizin der Zukunft“ im Jahr 2004. Hieraus entstand etwa das Förderinstrument der Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren (IFB).

Die intensive Diskussion mit allen Beteiligten zeigt uns den notwenigen Handlungsbedarf auf. Hierbei bestätigt uns auch das 2014 veröffentlichte Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI):

Medizinerinnen und Medizinern müssen wir frühzeitig, konsequent und systematisch zu wissenschaftlichem Denken und Arbeiten qualifizieren.
Freistellungen von der klinischen Tätigkeit mittels Rotationsstellen oder Rotationsprogrammen müssen wir finanziell unterstützen.
Transparente Karrierewege für Ärztinnen und Ärzte in der klinischen Forschung müssen wir stärker ausbauen.
Die Vergütung wissenschaftlich tätiger Ärztinnen und Ärzten müssen wir an diejenige in der Klinik annähern.
Forschungszeiten müssen in der Facharzt-Weiterbildung anerkannt werden.

Ansätze, die Teile dieser Herausforderungen adressieren, sehen wir an verschiedenen medizinischen Fakultäten in Deutschland. Ein Förderprogramm speziell für forschungsinteressierte junge Ärztinnen und Ärzte in der Facharztausbildung bietet zum Beispiel seit 2011 das Interdisziplinäre Zentrum für Klinische Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster. Die Geförderten können für zwei bis drei Jahre aus der Klinik in die Forschung rotieren. Diese Zeit wird nach dem Ärztetarif vergütet. Teile der Forschungszeit werden zudem in der Facharzt-Weiterbildung anerkannt.

Ein ebenfalls sehr erfolgreiches Beispiel für eine Förderung von Clinician Scientists ist die „Junge Akademie“ hier am Standort Hannover, die seit 2014 besteht. Vorbild dafür war das Programm unseres heutigen Gastgebers, des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Transplantation. Kern der Jungen Akademie ist eine geschützte Zeit für die wissenschaftliche und didaktische Qualifikation von angehenden Fachärztinnen und Fachärzten. Bis zu 6 Monate pro Jahr sind hier möglich, die maximale Förderdauer beträgt 3 Jahre. Außerdem werden mindestens 6 Monate der wissenschaftlichen Tätigkeit für die Facharztweiterbildung anerkannt.

Auch die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung engagieren sich in diesem Bereich. Die Zentren bieten dem ärztlichen Forschungsnachwuchs zumeist Rotationsstellen an.

Ebenso adressiert die DFG als eine der großen Förderorganisationen seit 2015 den Bedarf an zusätzlichen forschenden Medizinerinnen und Medizinern. Der Vorschlag der DFG umfasst eine modellhafte Strukturierung der wissenschaftlichen Ausbildung parallel zur Facharztweiterbildung. Hierfür hat das Nachwuchsprogramm unseres heutigen Gastgebers, des IFB Transplantation, Modell gestanden.

Auch über die Medizin hinaus ist der wissenschaftliche Nachwuchs für uns derzeit ein großes Thema, etwa in der Exzellenzinitiative  oder im neuen Tenuere-Track-Programm von Bund und Ländern zur Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses. Letzteres bietet talentierten Nachwuchskräften attraktive Karriereziele: Neben dem klassischen Berufungsverfahren auf eine Professur verankern wir mit den 1000 zusätzlichen Tenure-Track-Professuren, die bei positiver Evaluierung den Anspruch auf die Lebenszeitprofessur vorsehen, einen erheblich planbarreren und transparenteren Karriereweg an unseren Universitäten. Das Programm ist für den wissenschaftlich-klinischen Nachwuchs offen unter der Voraussetzung, dass der neue Karriereweg in der Einrichtung gemäß den Regelungen der Verwaltungsvereinbarung des Programms installiert wird. Allgemein gilt für dieses Programm: Damit für die Umsetzung dieses Karrierewegs erforderlichen Lebenszeitprofessuren nicht denjenigen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchwisssenschaftlern verloren gehen, die auf herkömmlichen Wegen die Professur anstreben, werden genauso viele zusätzliche unbefristete Professuren geschaffen, wie Tenure-Track-Professuren geförtert werden.

IV.

Es kann also festgestellt werden: es gibt eine Reihe von sehr interessanten Ansätzen, den wissenschaftlichen Medizinernachwuchs zu unterstützen. Allerdings bietet keines der Programme eine vollumfängliche Lösung der bestehenden Herausforderungen. Auch daher ist die Attraktivität des Karriereweges als Clinical Scientist in der Gesamtheit noch immer gering.

Nur wenn wir die genannten Herausforderungen insgesamt angehen und entsprechende Lösungen umsetzen, werden wir am Ende erfolgreich sein. Hier kommt insbesondere das Förderinstrument der IFB zur Geltung. Die IFB bauen neue Organisationsstrukturen für die klinische Spitzenforschung auf. Sie schaffen so ein attraktives Umfeld für die patienten-orientierte, translationale Forschung.

Die IFB legen einen besonderen Fokus darauf, junge Forscherinnen und Forscher an die Wissenschaft heranzuführen, sie auszubilden und für die klinische Forschung zu gewinnen. Dabei fördern sie junge Nachwuchskräfte auf allen Ebenen der beruflichen Ausbildung. Nachwuchsförderung wird so als generationenübergreifende Aufgabe „gelebt“. Mediziner und Naturwissenschafter arbeiten in den IFB interdisziplinär zusammen. Das bringt ganz wichtige Impulse in die Forschung hinein.

Gleichzeitig erhalten forschende Medizinerinnen und Mediziner mehr Sicherheit mit Blick auf die Facharztweiterbildung. Einige IFB haben es erreicht, dass Forschungszeiten in der Facharztweiterbildung anerkannt werden.

Die IFB bieten ihrem ärztlichen Nachwuchs auch attraktive Karriereperspektiven an. An jedem Standort werden transparente Karrierewege aufgezeigt, die nach der Post-doc Zeit eingeschlagen werden können.

V.

Mit ihrem umfassenden Ansatz sind die IFB in meinen Augen Vorreiter eines Prozesses, den wir weiter intensivieren sollten. Sie gehen nämlich auch strukturelle Änderungen an, ohne die es einfach nicht geht. In der Praxis müssen hierbei oft „dicke Bretter gebohrt“ werden. Zu dem bisher Erreichten gratuliere ich daher allen Beteiligten und bedanke mich für die geleistete Arbeit.

Dennoch gibt es Herausforderungen, für die trotz der erzielten Fortschritte bislang keine zufriedenstellende Lösung existiert. So fehlt oftmals eine konkurrenzfähige Bezahlung der Stellen in der medizinischen Forschung. Auch die Anerkennung der Forschungszeiten in der Facharzt-Weiterbildung konnte bisher nicht flächendeckend gelöst werden. In solchen Fällen müssen wir das Gespräch mit weiteren Akteuren wie den Ärztekammern suchen, ohne die entsprechende Änderungen nicht umsetzbar sind.

Heute sollten wir daher analysieren: Wo sind wir bereits gut aufgestellt und an welchen Stellen müssen wir nachlegen? Was hat sich in der Praxis bewährt, was vielleicht nicht? Ich bin sehr gespannt, später mehr über die Ergebnisse Ihres Symposiums zu erfahren und welche Schlüsse Sie gezogen haben.