Cluster4Future: So funktionieren die Innovationsnetzwerke

Wer Innovationen erfolgreich auf den Markt bringen will, muss schnell sein. Damit Deutschland in der Spitzengruppe der Innovationsführer bleibt, fördert das BMBF mutige Kooperationen von Forschung und Wirtschaft – in Regionen mit den besten Ideen.

In den Clustern vernetzen sich Forschende mit Menschen aus der Wirtschaft, um Innovationen schneller auf den Markt zu bringen. © ©Sergey Nivens - stock.adobe.com

Die Zeit für Innovationen ist immer knapper bemessen, zwischen Erfindung und Serienproduktion liegen heute nur noch wenige Jahre, wenn überhaupt. Ein Vergleich: Dauerte es 1872 noch mehr als 50 Jahre, bis aus dem Patent für eine Kunststoffspritzgussmaschine der kommerzielle Vertrieb gestartet ist, sind bis zur Markteinführung des revolutionären MP3-Formats in der Musikwelt lediglich drei Jahre vergangen. Das war 1992 und es ist längst nicht das Ende der Entwicklung.

Auch Forschende und Unternehmen in Deutschland müssen sich diesem Zeitdruck stellen. Zudem verstärkt sich der internationale Wettbewerb zunehmend. Damit sich Deutschland mit den weltweit Besten messen kann und die Menschen von den Innovationen profitieren, fördert die Bundesregierung sogenannte „Cluster“. Gemeint sind Regionen, in denen sich verschiedene Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und auch Gesellschaft ideal vernetzen, um gemeinsam an einem Themenfeld zu arbeiten, das Deutschlands Zukunft prägt. Benötigt werden hierzu kluge Köpfe, findige Entwickler und Entwicklerinnen, hervorragend ausgestattete Hochschulen und Forschungseinrichtungen, ausgezeichnete (Weiter-)Bildungsmöglichkeiten und innovative Unternehmen.

Mit der neuen Zukunftscluster-Initiative werden die Erfahrungen bisheriger cluster- und vernetzungsorientierter Förderansätze aufgenommen und an grundlegenden Ergebnissen aus der Spitzenforschung orientiert, die erst an der Schwelle zur Umsetzung stehen. Mit den Zukunftsclustern entsteht eine neue Generation regionaler Innovationsnetzwerke. Sie alle verbindet eine visionäre Idee und der Mut zum Risiko. Ganz im Sinne einer offenen Innovations- und Wagniskultur erproben sie neue Formen der Zusammenarbeit und moderne Instrumente des Innovationsmanagements. Damit unterstützt die Zukunftscluster-Initiative die in der Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung formulierten Ziele zur Stärkung des Ideen-, Wissens- und Technologietransfers und leistet einen Beitrag zu den vorgesehenen konkreten Missionen, damit technologische und soziale Innovationen schneller im Alltag der Menschen ankommen.

Und wie sieht das Ganze in der Praxis aus? Drei Beispiele zu bereits bestehenden, erfolgreichen Cluster- und Vernetzungsansätzen aus früheren Initiativen:

Spitzencluster „it´s OWL“

„Intelligente Technische Systeme OstWestfalen-Lippe (it’s OWL)“ ist ein Spitzencluster, der inzwischen über 180 unterschiedlichste Partner vereint: von der regionalen Universität über den Weltmarktführer im Maschinenbau bis zu Marktführern in der Bäckereitechnik. Alle Partner eint das Ziel, gemeinsam die Region rund um Paderborn im globalen Wettbewerb für „Intelligente Technische Systeme“ in eine Spitzenposition zu bringen.

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So gelang zum Beispiel mit einem innovativen Greifroboter, der die Wäsche sortiert und das Personal entlastet, ein großer Erfolg. Er gilt in der Fachwelt als Meilenstein.

Aus der Förderung dieses Spitzenclusters heraus hat sich seit der Gründung im Jahr 2011 eine beeindruckende Erfolgsgeschichte entwickelt: Die Unternehmen der Region haben rund 8000 neue Arbeitsplätze geschaffen, 34 Unternehmen wurden gegründet, sieben Forschungsinstitute und 23 neue Studiengänge sind entstanden. Die Anzahl der MINT-Studierenden wurde um 48 Prozent gesteigert.

Spitzencluster „Hamburg Aviation“

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Hamburg ist einer der größten und attraktivsten Standorte der zivilen Luftfahrtindustrie weltweit. Dafür sorgt maßgeblich der Spitzencluster „Hamburg Aviation“. Neben Airbus und Lufthansa Technik sowie dem Flughafen Hamburg sind mehr als 300 Zulieferer für die Luftfahrtindustrie und andere norddeutsche Institutionen im Spitzencluster vertreten.

Bedingt durch die global wachsende Bedeutung des Flugverkehrs ist es für „Hamburg Aviation“ sehr wichtig, Verbindungen in die neuen Wachstumsmärkte zu entwickeln und dort als Exzellenzzentrum wahrgenommen zu werden. Im Rahmen der Maßnahme „Internationalisierung von Spitzenclustern, Zukunftsprojekten und vergleichbaren Netzwerken“ des BMBF konzentriert sich „Hamburg Aviation“ auf eine langfristig ausgerichtete Kooperation mit dem Cluster Aéro Montreal in Kanada, einem der leistungsfähigsten Luftfahrtcluster weltweit.

Forschungscampus „InfectoGnostics“

Mit der Förderinitiative „Forschungscampus - öffentlich-private Partnerschaft für Innovationen“ unterstützt das BMBF seit 2012 anwendungsorientierte Grundlagenforschung in längerfristig angelegten strategischen Partnerschaften von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Unternehmen und weiteren Partnern an einem Ort.

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„InfectoGnostics“, der Forschungscampus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, geht mit seinen mehr als 30 Partnern neue Wege in der Diagnostik von Infektionen. Die von Wissenschaft, Medizin und Wirtschaft unter einem Dach entwickelten Behandlungskonzepte werden später von Anwenderinnen und Anwendern getestet und von den beteiligten Firmen in Produkte umgesetzt – darunter eine schnelle, zuverlässige, nicht-invasive Diagnostik von Infektionserregern und deren Resistenzen gegen Antibiotika.

Jedes Jahr sterben mehrere Millionen Menschen an Infektionserkrankungen, wie etwa Tuberkulose oder Atemwegsinfekte durch Streptokokken. Mit den herkömmlichen Verfahren vergeht oft zu viel Zeit, bis Infektionen diagnostiziert und behandelt werden. „InfectoGnostics“ will das ändern: Ziel ist die Entwicklung robuster sowie kostengünstiger Verfahren und Instrumente, die vor Ort am Krankenbett eingesetzt werden können. Die Systeme sollen helfen, Infektionserreger zuverlässig und schnell nachzuweisen sowie bessere Therapieentscheidungen zu treffen. Das kann die Heilungschancen von Patientinnen und Patienten deutlich erhöhen.

Wie funktioniert die Förderung genau, und nach welchen Kriterien werden die Regionen ausgewählt? Hier gibt es die wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Ziele werden nun mit der Förderung der Zukunftscluster verfolgt?

Grundlegende Ergebnisse aus der Spitzenforschung, die an der Schwelle zur Anwendung stehen, sollen schnell in erfolgreiche Produkte, Prozesse und Dienstleistungen überführt werden. Dabei geht es nicht nur um einzelne Innovationen, vielmehr sollen möglichst viele Partner und Akteure aus einer Region von den Ergebnissen der Forschung profitieren und neue gemeinsame Innovations- und Wertschöpfungsketten aufbauen. Der Wettbewerb ist grundsätzlich themenoffen, im Blick stehen die großen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Wie profitiert die Gesellschaft von den Ergebnissen der Zukunftscluster-Initiative?

Durch die Initiative werden regionale Akteure aus Wissenschaft, Unternehmen, und Gesellschaft auf Basis von vielversprechenden Forschungsergebnissen miteinander vernetzt, um neue Technologie- und Wissensfelder weiter zu entwickeln. Dabei steht eine möglichst schnelle Überführung dieser Ergebnisse in die Anwendung im Vordergrund, so dass Innovationen im Alltag der Menschen ankommen und unmittelbar genutzt werden können.

Welche Akteure werden konkret gefördert? Welchen Charakter haben die geförderten Projekte?

Jede Wettbewerbsrunde startet zunächst mit einer Konzeptionsphase, in der bis zu 15 regionale Innovationsnetzwerke über ein halbes Jahr mit einer Förderung von 250.000 Euro und einer Eigenbeteiligung von 20 Prozent ihre Clusterentwicklungsstrategien ausarbeiten können. Diese Projekte sind in der Regel bei beteiligten Hochschulen und Forschungseinrichtungen angesiedelt. Anschließend können die ausgewählten Zukunftscluster in maximal drei aufeinander aufbauenden Förderperioden von je drei Jahren ihre Konzepte umsetzen. Zunächst werden sich vor allem Hochschulen, Forschungseinrichtungen und forschungsstarke Unternehmen (Start-ups, KMU und Großunternehmen) beteiligen. Im weiteren Verlauf und mit steigender Anwendungsnähe kommen weitere Akteure hinzu. Sie vernetzen sich dynamisch im Sinne einer offenen Innovationskultur.

Können bestehende Cluster, z. B. Spitzencluster gefördert werden?

Junge Forschungsergebnisse mit einem hohen Durchbruchpotenzial sollen die Grundlage dafür sein, dass sich die nächste Generation von regionalen Innovationsnetzwerken an den wissenschaftlichen Hotspots Deutschlands entwickeln kann. Hier geht es um die Schaffung von neuen Kooperationsgefügen und disziplinübergreifenden Ansätzen. Dagegen haben bisherige Initiativen, wie der Spitzencluster-Wettbewerb, Innovationsregionen adressiert, die in einem spezifischen Themen- oder Technologiefeld bereits entwickelt und wirtschaftlich erfolgreich waren. Mit den Zukunftsclustern setzen wir früher an und bauen die Spitzencluster von morgen auf.

Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass die bisher erfolgreichen Regionen und ihre bewährten Akteure auch bei dieser Initiative erfolgreich sein können, wenn sie neue, für ihr bisheriges Feld vielleicht sogar disruptive Erkenntnisse aufgreifen und das Spektrum der Akteure über die Organisations-, Fach- und Themengrenzen hinaus erweitern.

Wie wird überprüft, ob die Zukunftscluster ihre Strategien erfolgreich realisieren?

Zum Ende jeder dreijährigen Förderperiode müssen die Zukunftscluster einen Fortschrittsbericht vorlegen. Zudem müssen auf Basis einer fortgeschriebenen Strategie weiterführende Anträge zur Projektförderung in der folgenden Periode gestellt werden. Auf dieser Grundlage wird die unabhängige, expertengeleitete Jury eine Empfehlung zur Fortsetzung der Förderung abgeben. Insgesamt ist eine Förderung von 3x3 Jahren möglich.

Welcher Finanzrahmen ist vorgesehen?

Die Bundesregierung beabsichtigt, mit den ersten beiden Wettbewerbsrunden, die beide noch in dieser Legislaturperiode (bis 2021) starten sollen, Mittel in Höhe von bis zu 450 Millionen Euro bereitzustellen. Weitere Wettbewerbsrunden werden in Aussicht gestellt. Rechnet man die durch die Maßnahme angeregten Folgeinvestitionen ein, so können durch die Zukunftscluster in den kommenden zehn Jahren bis zu einer Milliarde Euro in Forschung und Entwicklung (FuE) investiert werden . Zunächst sollen bis zu 15 Wettbewerber für eine Konzeptionsphase ausgewählt und mit bis zu 250.000 Euro gefördert werden. Für jede der drei maximal möglichen, aufeinander aufbauenden dreijährigen Umsetzungsphasen sind pro gefördertem Cluster und Jahr Fördermittel in Höhe von bis zu fünf Millionen Euro vorgesehen.

Wie sieht der Auswahlprozess aus?

Die Auswahl der Konzepte und Cluster wird auf Grundlage aussagekräftiger Kriterien durch eine hochrangig besetzte, unabhängige Jury erfolgen. Die Namen der Jury werden auf der Webseite des BMBF veröffentlicht. Zur Unterstützung der Bewertung der FuE-Projekte in den Clustern werden Fachgutachten hinzugezogen, die in die Gesamtbewertung mit einfließen.

Wann werden die ersten Zukunftscluster feststehen?

Der Zeitplan ist ehrgeizig: Bereits bis zum 15. November 2019 sollen die angesprochenen Akteure ihre Skizzen vorlegen. Ausgewählte Wettbewerber haben anschließend sechs Monate Zeit, ihre Zukunftscluster-Idee zu beschreiben und geeignete Verbünde zu bilden. Die ausgearbeiteten Strategien der 15 Kandidaten werden bis November 2020 erwartet, so dass die Bekanntgabe der Finalisten und als Zukunftscluster Geförderten schließlich Anfang 2021 erfolgen kann.