"Da ist etwas aus der Balance geraten"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über die Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses, Geld für Dauerstellen und Verhandlungen über ein Tenure-Track-Programm. Ein Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.  

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

FAZ: Geht es im Kampf gegen die prekären Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft inzwischen voran?

Johanna Wanka: Der Bund hat jedenfalls geliefert. Wir haben insgesamt seit 2005 neun Milliarden Euro, frisches Geld, ins System investiert. Dadurch sind viele neue Stellen entstanden, und das ist sehr positiv. Es ist allerdings festzustellen, dass durch diesen großen Schub das Verhältnis zwischen befristeten und unbefristeten Verträgen aus der Balance geraten ist. Diese Erkenntnis war ein Grund dafür, dass wir als Bund seit Anfang des Jahres die Kosten für Bafög komplett übernehmen. Die Länder haben jetzt Jahr für Jahr 1,2 Milliarden Euro mehr zur Verfügung. Es gibt jetzt also dauerhaft Geld für Dauerstellen. Damit kann man in den Hochschulen das Verhältnis wieder verbessern und befristete Stellen in Dauerstellen umwandeln. Allein für ein Land wie Niedersachsen zum Beispiel sind das 110 Millionen Euro zusätzlich jedes Jahr.

Manche Länder wie Rheinland-Pfalz brüsten sich bereits, viele neue Dauerstellen geschaffen zu haben. Folgen alle Länder also Ihrer Intention?

Einige jedenfalls schon. Hessen hat das angepackt, Bayern und Sachsen zu zwei Dritteln, das Bild ist sehr unterschiedlich. Hundert Stellen in Rheinland-Pfalz sind schon gut, vielleicht geht ja sogar noch mehr. Ob die Länder das frische Geld aber wirklich für Dauerstellen einsetzen ist ihre Sache. Sie sollten es jedenfalls im Interesse ihrer eigenen Hochschulen tun.

Haben Sie denn geglaubt, dass die zusätzlichen Mittel komplett in Dauerstellen fließt?

Ich bin Realistin, nein.

Ihr Ziel war auch, das amerikanische System Tenure Track zu fördern, mit dem erfolgversprechende Nachwuchsforscher schnell auf eine Schiene hin zu festen Professorenstellen gesetzt werden. Wie weit sind sie damit gekommen?

Da geht es um die zweite wichtige Komponente des Strukturwandels. Wenn wir uns im Vergleich zu anderen Ländern wie zum Beispiel Israel sehen, müssen wir feststellen: Die Entscheidung, ob jemand dauerhaft im Wissenschaftssystem bleiben kann, fällt sehr spät, oft mit Anfang oder Mitte vierzig. Auch deshalb sind manche ins Ausland gegangen, wo die Stellen an sich vielleicht gar nicht so attraktiv, aber unbefristet sind. Wir müssen verhindern, dass die besten durch diese lange Unsicherheit, ob sie in der Wissenschaft bleiben können, abgeschreckt werden. Deshalb hat der Bund den Ländern eine Offensive Wissenschaftlicher Nachwuchs angeboten. Es geht um ein Tenure-Track-Programm, bei dem die Mittel gezielt dafür eingesetzt werden, langfristige Perspektiven zu schaffen. Darüber wird jetzt noch verhandelt, hoffentlich haben wir im nächsten Frühjahr ein Ergebnis.

Ziehen die Länder denn nun mit oder nicht?

Ich habe im April beim Kamingespräch mit den Ländern eine große Zustimmung wahrgenommen. Alle waren damals sehr für diesen Strukturwandel, der zehn oder fünfzehn Jahre brauchen wird. Gleich am nächsten Tag haben wir eine Arbeitsgruppe der Staatssekretäre gegründet, und die arbeitet jetzt. Die Länder haben sich noch nicht alle entschieden, wie sie ihre Prioritäten setzen. Manche wie hier in Berlin haben den Investitionsstau zuerst angepackt, dort bekommen die Universitäten jetzt erstmal Geld für den Bau. Da die Bafög-Entlastung dauerhaft ist, kann aber die Entscheidung für unbefristete Stellen auch nach und nach fallen. Aber auf die lange Bank schieben gilt nicht: Alle sollten wissen: Die jungen Forscherinnen und Forscher sind der größte Schatz, den wir haben.

Mit wie vielen Dauerstellen rechnen Sie unter dem Strich?

Wenn ich von den kompletten Bafög-Mitteln ausgehe, könnte man rechnerisch zehntausend Stellen schaffen. Der Wissenschaftsrat hat vor einigen Jahren einmal fünftausend zusätzliche Dauerstellen bis 2025 gefordert. Wie gesagt: Es geht darum, Prioritäten zu setzen.

Zum nötigen Strukturwandel gehört für viele parallel auch ein Kulturwandel im Hinblick auf die Situation der Frauen. Das scheint auch eine harte Nuss zu sein, wenn es um Karrieren geht. Der Eindruck, dass Frauen benachteiligt werden, lässt sich an den nicht enden wollenden Gender-Diskussionen leicht ablesen. Kann man da nicht schneller als bisher etwas erreichen?

Wir haben in den letzten zwanzig Jahren einiges getan, nicht nur in Sonntagsreden, sondern mit Förderprogrammen. Die Entwicklung ist auf allen Ebenen, auch bei den Professorinnen, positiv. Junge Frauen brechen ihr Studium seltener ab. Bei den Promotionen lag der Frauenanteil lange bei 30 Prozent, inzwischen sind wir bei 43 Prozent. Gemessen an dem Aufwand wird es aber noch lange dauern, bis wir etwa bei Professorinnen bei 50 Prozent sind. Das Professorinnenprogramm von Bund und Ländern läuft sehr gut. Aber neue Ideen sind uns willkommen, die die Frage beantworten, was man klug machen kann, um die Aufstiegschancen für Frauen zu verbessern. Spezielle Promotionsprogramme für Frauen waren zum Beispiel eher kontraproduktiv, weil die jungen Frauen dann in diese Sonderprogramme abgedrängt wurden.

Das Problem fängt ja oft erst nach der Promotion an.

Ja, das gilt speziell bei den Frauen. Dort läuft es oft so: Promotion ja, und auch mit sehr guten Ergebnissen. Aber danach geht es oft nicht weiter. Dafür gibt es keine einfachen Erklärungen. So eine Kultur zu ändern, dauert seine Zeit, aber wir müssen dranbleiben.

In den technischen Berufen, Ingenieurswissenschaften etwa, scheint dieser Kulturwandel allerdings kaum voran zu kommen.

Deutlich besser geworden ist es in den Naturwissenschaften, Mathematik  und in den technischen Disziplinen mit einer starken kreativen Komponente wie Bauingenieurwesen oder Architektur. In anderen Fächern wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Informatik, ist die Beteiligung von Frauen noch sehr schwach. Es gibt viele Maßnahmen, das zu verbessern, aber diese gesellschaftliche Entwicklung dauert offenbar. Es ist ja kein Naturgesetz, dass Frauen solche Fächer nicht mögen. Nehmen wir Bauingenieure: In der Türkei oder Griechenland ist der Anteil der Frauen im Beruf sogar größer als der der Männer. Oder in Frankreich: Dort gab es in der Mathematik schon vor Jahren dreißig Prozent Mathematik-Professorinnen, verglichen mit den ungefähr zehn Prozent bei uns. In Brasilien lehren sogar zu 50 Prozent Frauen. Aber zum Gesamtbild gehört auch, dass Professoren dort nicht den hohen sozialen Stellenwert haben wie bei uns.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.