„Da kommen Menschen mit Ecken und Kanten“

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über Flüchtlinge, die als Analphabeten nach Deutschland kommen, einen Malermeister auf der Suche nach Lehrlingen und über die Zuständigkeiten von Bund und Ländern. Ein Interview mit dem NDR vom 20. Januar 2016.

Johanna Wanka im Interview
Johanna Wanka im Interview © Laurence Chaperon

Martina Kothe: Frau Bundesministerin Wanka, über eine Million Menschen suchen Schutz, wollen ein neues Leben in Deutschland beginnen. Für Kinder ist durch Schulpflicht einigermaßen gesorgt, auch Studierende haben Möglichkeiten, die ausgebaut werden. Aber was ist mit jenen geflüchteten Menschen, die als Analphabeten kommen, aktuellen Schätzungen zufolge betrifft das immerhin 25 Prozent?

Johanna Wanka: Zunächst ist das verständlich, denn es sind andere Länder und Regionen aus denen diese Menschen kommen. Oft waren sie auch jahrelang nicht in der Schule, weil sie auf der Flucht waren. Es gibt also schwerwiegende biografische Hintergründe. Natürlich ist es notwendig, Menschen, die in ihrem Heimatland Analphabeten waren, jetzt Deutsch beizubringen. Da haben wir in den Volkshochschulen große Erfahrungen und Lernprogramme, wie man Analphabeten aus einem anderen Kulturkreis und mit anderem Sprachhintergrund Deutsch beibringen kann. Dass der Bund diese Alphabetisierungskampagne an den Volkshochschulen in den letzten Jahren stark gefördert hat, kann uns jetzt sehr nützen.

Kothe: Welche Herausforderungen gilt es im Bezug auf junge Flüchtlinge zu bewältigen?

Wanka: Diesen jungen Menschen, die nicht die Schule besuchen konnten oder vor der zehnten Klasse abbrechen mussten, muss man Bildung vermitteln. Aber nicht mit der Vorstellung ein volles Schulprogramm zu durchlaufen, sondern die Intention ist, sie zu befähigen, in eine Ausbildung gehen zu können. Dann hat zum Beispiel ein Malermeister, der jahrelang keinen Lehrling bekommen hat - eine Situation, die gerade in den neuen Bundesländern vorkommt - die Möglichkeit, einen Lehrling zu bekommen und dieser junge Mensch verdient etwas, bekommt die Ausbildung und hat die Chance, danach eine Arbeit zu finden in Deutschland.

Kothe: Für die Bildung der Menschen in den Schulen und Hochschulen ist Ihr Bundesministerium für Bildung und Forschung verantwortlich. Auf der anderen Seite ist Bildung Ländersache. Also, wer kann, wer muss sich einsetzen?

Wanka: Am besten ist es, wenn alle, die einzelnen Bundesländer, der Staat, die Bundesregierung das machen, was sie richtig gut können. Das, wo man Übung und Erfahrung hat und in dieser Situation nicht lange diskutiert wo man Kompetenzen verändert, sondern zusammen anpackt, Geld und Energie zusammenlegt.

Kothe: Solche Pläne funktionieren für eine bestimmte Anzahl von Menschen in einem bestimmten Zeitraum. Was aber passiert, wenn jetzt dieses Jahr die zweite Million an geflüchteten Menschen kommt, und nächstes Jahr die dritte Million?

Wanka: Die ganz klare Zielstellung ist, die Ursachen für diese hohe Migration zu ändern, dass wir Unterstützung dafür geben, dass diese Menschen nicht kommen. Zum Beispiel kommen viele Flüchtlinge nicht direkt aus Kriegsgebieten, sondern sind zum Beispiel schon in der Türkei oder anderen Regionen, aber eben unter sehr schwierigen Bedingungen. Also ist unsere Unterstützung dort, auch für die großen Flüchtlingslager, ganz wichtig, damit diese Menschen, was sie ja eigentlich lieber wollen, temporär dort sind und wenn in ihrem eigenen Land wieder Frieden herrscht, dorthin zurückkehren. Dazu gehört auch die Tatsache, dass wir die Außengrenzen Europas sichern wollen, damit wir die Freizügigkeit, die wir ja alle kennen und die letzten Jahre immer hatten, in denen keiner einen Pass brauchte, erhalten können.

Kothe: Wie wollen Sie die Außengrenzen sichern?

Wanka: Das läuft ja jetzt schon in Form von Kontrollen an den Außengrenzen, Gesprächen mit der Türkei u.a. - das sind die Möglichkeiten.

Kothe: Zu Beginn stand eine wohlwollende Grundstimmung, eine Willkommenskultur im Vordergrund. Spätestens seit den Ereignissen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof weht ein rauerer Wind durchs Kanzleramt. Wie nehmen Sie die Stimmung in der großen Koalition wahr?

Wanka: Neben dem Schrecken und dem Entsetzen, als klar wurde, was da in der Silvesternacht passiert ist, ist die Grundstimmung in der großen Koalition sehr einig, dass man jetzt alles unternehmen muss, damit man sich in Deutschland sicher fühlen kann. Egal, ob man nachts zum Bahnhof geht oder etwas anderes. Deswegen ist eine Änderung der Gesetzgebung notwendig, hinsichtlich von Gruppen ausgeführter sexueller Übergriffe, denen mit den normalen Straftatbeständen, die wir im Gesetz haben, nicht zu begegnen ist. Das betrifft vor allem das Innen- und Justizministerium. Zu verurteilen ist auch das, was man in sozialen Netzwerken an bösartigen, menschenverachtenden Kommentaren liest. Ja, in Köln sind Menschen straffällig geworden und das in übelster Form, aber das ist keine Aussage über die Mehrzahl derer, die zu uns gekommen sind. Wir müssen zudem vielleicht auch aufpassen, Dinge nicht zu sehr zu idealisieren. Willkommenskultur ist gut und wichtig, aber da kommen nicht nur Heilige, sondern Menschen mit Ecken und Kanten. Vielleicht muss man ein wenig realistischer sein in der Einschätzung. Aber die Grundstimmung "Wir sind stark, wir schaffen das", die ist noch vorhanden.

Die Fragen stellte Martina Kothe.