"Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist nicht ersetzbar"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka spricht im Interview mit MWZ Online über die Chancen und Risiken der Digitalisierung der Medizin, Präzisionsmedizin und Computer, die Chirurgen bei Operationen unterstützen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka startet die zweite Phase des Qualitätspakts Lehre.
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka startet die zweite Phase des Qualitätspakts Lehre. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Tobias Schmidt: Am Montag startet der 11. Digitalgipfel in Ludwigshafen, die Gesundheitsversorgung in Zeiten von Big Data steht im Fokus. Wie gut ist Deutschland gerüstet?

Johanna Wanka: In der Forschung sind wir bestens gerüstet. Bei der individualisierten und personalisierten Medizin erzielen wir Spitzenergebnisse. Gerade Heidelberg ist ein Leuchtturm auf dem Gebiet der Krebsforschung, wo Big Data und neue Verfahren der Visualisierung genutzt werden. Nachholbedarf haben wir noch in der überregionalen und flächendeckenden Vernetzung der Hausärzte mit den Kliniken. Hier müssen wir besser werden! Und ich erhoffe mir vom Digitalgipfel neue Impulse.

Tobias Schmidt: Was bedeutet das für die Patientinnen und Patienten konkret?

Wanka: In der Präzisionsmedizin steckt ein gewaltiges Potenzial. So ist bislang zu wenig bekannt, wie unterschiedlich Medikamente auf Frauen und Männer wirken. Wenn wir die Möglichkeiten zu individualisierten Behandlungen und Medikationen nutzen, etwa die spezifischen Veranlagungen berücksichtigen können, werden die Therapien viel passgenauer. Dann können etwa bei Krebsbehandlungen die Medikation präzise angepasst und so Nebenwirkungen minimiert werden. Ein Forscherteam der Universität Köln hat – nach Analyse großer Datenmengen – einen Gentest für Lungenkrebs entwickelt. Die Lebenserwartung der Betroffenen erhöht sich dadurch um durchschnittlich zwei Jahre. Das war Grund genug für die AOK, die Kosten für die Untersuchung zu übernehmen.

Tobias Schmidt: Wie sieht die Zukunft der medizinischen Behandlung aus? Übernehmen Roboter das Operieren?

Wanka: Ganz bestimmt nicht! Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist nicht ersetzbar. Aber Ärzte bekommen durch die digitalen Möglichkeiten ganz andere Unterstützungssysteme an die Hand. Das gilt zum Beispiel für die vielen seltenen Erkrankungen, von denen nur wenige Menschen betroffen sind. Wenn ein Arzt nun Zugriff auf Daten von vergleichbaren, aber weit entfernten Fällen erhält, ist das eine enorme Hilfe. Ähnliche Krankheitsfälle lassen sich analysieren und Therapien damit erstellen. Das macht den Arzt aber nicht überflüssig. Für Chirurgen gibt es die Möglichkeit, Operationen an Modellen zu üben, die den Patienten exakt nachbilden. Sie wissen dann genau, wo sie die Schnitte ansetzen müssen.

Tobias Schmidt: Was muss getan werden, um die Präzisionsmedizin voranzubringen?

Wanka: Für die Forschung zur Präzisionsmedizin haben wir in dieser Legislaturperiode insgesamt 700 Millionen Euro bereitgestellt. Hürden gibt es dabei, das Forschungswissen ans Krankenbett zu bringen. Wie kommen Forschungsergebnisse zum Patienten? Wir haben jetzt ein Programm zur Medizininformatik ausgeschrieben, um hier voranzukommen. Es richtet sich an Universitätskliniken, die gemeinsam mit Partnern aus der Industrie, Forschung und Versorgung Forschungsdaten und Behandlungsmöglichkeiten zusammenbringen und Modelle entwickeln, die bundesweit eingesetzt werden können. Die Gewinner werden bald gekürt. 28 von 33 Universitätskliniken haben sich beteiligt. Die bisherigen Ergebnisse sind extrem vielversprechend.

Tobias Schmidt: Mit der Digitalisierung der Medizin steigen auch die Sorgen der Menschen, zu „gläsernen Patienten“ zu werden.

Wanka: Ein Ansatz in der Industrie ist der sogenannte Industrial Data Space: Dabei hat der jeweilige Betrieb die Verfügungsgewalt über seine Daten. Die Daten werden also nicht zentral gelagert, was einen Zugriff von Hackern oder Unbefugten ermöglichen würde. Das Prinzip lässt sich auf die Medizin übertragen: Der Patient muss entscheiden können, mit welchem Arzt er seine Gesundheitsdaten teilt, wem er sie zur Verfügung stellt. Wir hatten auch in Deutschland schon Cyberangriffe auf Krankenhäuser. Und wenn die nächste Rechnergeneration kommt, kann es passieren, dass unsere Sicherungssysteme versagen. Datenschutz hat für uns höchste Priorität und wir setzen uns für sichere Standards ein.

Das Interview führte Tobias Schmidt von NWZ Online: https://www.nwzonline.de/interview/wie-daten-bei-der-heilung-helfen_a_31,3,707820099.html