„Das Avicenna-Studienwerk ist ein wichtiges Zeichen der Anerkennung“

Der Geschäftsführer des Avicenna-Studienwerks, Hakan Tosuner, über den großen Erfolg des Stipendiums, ehrgeizige Bildungsaufsteiger und die Wertschätzung für Muslime in Deutschland. Ein Interview mit bmbf.de  

Hakan Tosuner, Leiter der Geschäftsstelle des Avicenna-Studienwerks
Hakan Tosuner, Leiter der Geschäftsstelle des Avicenna-Studienwerks © Avicenna Studienwerk

bmbf.de: Herr Tosuner, das neue Avicenna-Studienwerk gibt es nun seit einem Semester. Wie ist es bisher gelaufen?

Hakan Tosuner: Wir haben einen Bilderbuchstart hingelegt, der alle unsere Erwartungen bei weitem übertroffen hat! Gleich im ersten Jahr haben wir etwa 600 Bewerbungen erhalten. In einem sehr anspruchsvollen Auswahlverfahren haben wir 65 leistungsstarke und sozial engagierte junge Muslime in unsere Förderung aufnehmen können. Unsere Stipendiaten fühlen sich besonders geehrt zum ersten Jahrgang gehören zu dürfen.

Wie sieht es mit der Akzeptanz des Studienwerks unter den muslimischen Studierenden aus?

Die Gründung unseres Studienwerks ist auf außergewöhnlich positive Resonanz gestoßen. Auch die muslimische Community steht geschlossen hinter unserem Pionierprojekt. Muslimische Studierende sind stolz, nun endlich ihr eigenes Studienwerk zu haben, analog zu den katholischen, evangelischen und jüdischen Werken. Es wird als ein wichtiges Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung der Muslime in Deutschland empfunden.

Was können Sie über Ihre Stipendiaten sagen?

Die meisten Stipendiaten sind Erstakademiker in ihren Familien. Sie sind ehrgeizige Bildungsaufsteiger, die aus sozio-ökonomisch schwierigen Verhältnissen stammen und daher eine überdurchschnittlich starke Lebensleistung vorweisen.

Und zudem noch ehrenamtlich tätig sind.

Richtig, das soziale Engagement ist ein zentrales Auswahlkriterium. Alle Stipendiaten übernehmen gesellschaftliche Verantwortung unter anderem in Hochschulgremien, Bildungs-, Jugend- und Sportvereinen sowie Moscheegemeinden. Eine Stipendiatin mit Trainerlizenz trainiert eine Mädchenmannschaft, andere helfen Schülern von nebenan bei Hausaufgaben, machen Moscheeführungen und organisieren interreligiöse/-kulturelle Dialogveranstaltungen. Sie sind unverzichtbare Multiplikatoren unserer bunten Gesellschaft.

Was studieren die Avicenna-Stipendiaten besonders gerne?

Wir haben ein sehr breites Fächerspektrum. Die Fächer Medizin, Jura sowie Psychologie sind überrepräsentiert. Unter unseren Stipendiaten haben wir unter anderem auch angehende Pädagogen, Theologen, Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler, Architekten und Logopäden.

In der Öffentlichkeit wird selten über erfolgreiche und gebildete muslimische Frauen berichtet. Wie hoch ist der Frauenanteil bei Avicenna?

Etwa zwei Drittel unserer Stipendiaten sind weiblich. Gerade sie möchten wir motivieren am Karriereförderprogramm für Frauen der Begabtenförderungswerke teilzunehmen. Auch mit muslimischen Fraueneinrichtungen planen wir frauenspezifische Veranstaltungen. Wir hoffen, dass durch unsere Unterstützung muslimische Frauen in Wissenschaft, Politik, insbesondere auch in der muslimischen Community in Deutschland vermehrt Verantwortungs- und Führungspositionen übernehmen.

Was erwartet die Stipendiaten nach der Aufnahme ins Programm?

Das Herzstück unserer Arbeit stellt die ideelle Förderung dar. Anfang März veranstalten wir mit unseren Kollegen der konfessionellen Werke eine interreligiöse Begegnung zum Thema „Religion im Hochschulalltag“. Für das Frühjahr 2015 ist auch ein Seminar zum Thema „Wissenschaft und Spiritualität“ angesetzt. Wir bieten unseren Stipendiaten eine ideale Plattform für die Begegnung mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten und den Austausch kreativer, innovativer Ideen. Zudem erwartet die Stipendiaten eine intensive Betreuung durch unsere Geschäftsstelle.

Warum ist es wichtig, dass die Bundesregierung das Studienwerk Avicenna fördert?

Das ist ein wichtiges Signal der Anerkennung der Muslime in Deutschland. Sie werden somit als integraler Teil eines modernen und pluralen Deutschlands verstanden. Die Förderung ist ein Meilenstein im Hinblick auf Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Wir sind zuversichtlich, dass durch die Existenz unseres Studienwerkes ein Ruck durch die muslimische Community geht und mehr junge Menschen sich für ein Studium oder eine Promotion entscheiden. Es bietet die einmalige Möglichkeit das bis dato unentdeckte große geistige Potential junger Muslime in Deutschland zu erkennen und im Sinne des Gemeinwohls gezielt zu fördern.

Die Bewerbungsphase für ein Avicenna-Stipendium läuft bis zum 31. März 2015. Das Stipendium richtet sich an leistungsstarke muslimische Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen, die sich zudem auch gesellschaftlich und sozial engagieren. Das Avicenna-Studienwerk ist eines von 13 Begabtenförderungswerken in Deutschland und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Stiftung Mercator gefördert.