"Das Buch wird nicht verdrängt"

Bundesministerin Johanna Wanka über die Open-Access-Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und den freien Zugang zu Fachbüchern und Aufsätzen. Ein Interview mit der "Welt" vom 20.9.2016

Die Welt: Frau Wanka, Sie haben Mathematik studiert. Hatten Sie damals Probleme mit dem freien Zugang zu Fachbüchern und Aufsätzen?

Johanna Wanka: Sie wissen, wo ich herkomme? Aus dem Osten, also einer unfreien Gesellschaft. Bücher waren für uns das Tor zur Welt. Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, selbst die DDR-Schriftsteller erschienen in ganz geringen Auflagen. Kunst und Kultur haben für die Menschen in einer Diktatur einen hohen Stellenwert, mitunter höher noch als in einer offenen Gesellschaft. Für den wissenschaftlichen Bereich war es nicht einfach, Fachliteratur aus dem nichtsozialistischen Ausland zu bekommen. Verfügbar war aber, was von sowjetischer Seite herausgegeben wurde, auch Veröffentlichungen des Wissenschaftsverlags Springer auf Russisch. In Leipzig gab es ein riesiges Lager, da konnte man Mathebücher von Ladyschenskaja für wenige Ostmark kaufen. Wir haben Bücher von britischen und amerikanischen Autoren auf Russisch gelesen. Es gab starke Restriktionen, was die Nutzung von internationalen Zeitschriften betraf. Einmal im Jahr war die Leipziger Buchmesse, da waren die ganzen Wissenschaftsverlage vertreten. Am Ende der Messe haben die ihre Bücher nicht mitgenommen, und da konnten die DDR-Bibliotheken einige kaufen.

Wollen Sie die Wissenschaft mit der Einführung von Open Access also demokratisieren?

Der Begriff Demokratisierung passt hier nicht. Die Gesellschaft würde sich doch selbst hemmen, wenn wir zwar sehr viele wissenschaftliche Erkenntnisse haben, diese aber nicht jederzeit entsprechend vorhandener Möglichkeiten verfügbar machen. Wir fördern gerade den Aufbau von Lehrstühlen für Mathematik in Afrika. Da wäre es doch wunderbar, wenn die Kollegen an alle wichtigen Dokumente herankommen und international vernetzt forschen könnten. Wenn wir eine neue Generation von Autos entwickeln können, gehen wir das doch auch an, statt darauf zu verzichten.

Open Access, das klingt wie eine Idee aus dem Silicon Valley. In Deutschland fährt man seit Humboldt ganz gut mit dem Ideal von Freiheit und Einsamkeit. Passt das zusammen?

Da sehe ich keinen Widerspruch. Es geht um einen offenen Zugang zu Informationen. Sicher, wir haben in unseren Universitäten etablierte Mechanismen. Die Reputation eines Wissenschaftlers hängt von seinen Publikationen ab und auch davon, wo diese erscheinen. Zu Open Access gibt es unterschiedliche Meinungen, aber das ist stark von der Fächerwahl abhängig. Geisteswissenschaftler sehen das anders als Naturwissenschaftler. Das muss sich einspielen. Es fehlen mitunter noch Qualitätsstandards, aber die Wissenschaft per se ist nicht gegen Open Access. Es gibt großes Wohlwollen. Jetzt geht es darum, die Umsetzung gut hinzubekommen.

Open Access stellt das bisherige Finanzierungsmodell im Wissenschaftsbetrieb auf den Kopf. Bisher publizierten Verlage die Arbeiten und verkauften diese dann an Bibliotheken und Leser. Nun sollen die Verlage vorab aus Fördermitteln bezahlt werden, damit sie die Texte umsonst online stellen. Die Kritik ist, dass so verkappte Staatsbetriebe entstehen.

Aber wer bezieht denn diese Publikationen, beispielsweise seinerzeit die Druckausgaben der „Chemical Abstracts“? Das sind ja vor allem die staatlich finanzierten Bibliotheken von Universitäten. Die großen Wissenschaftsverlage setzen teilweise schon auf Open Access-Formate. Es sind eher die kleineren Verlage, denen eine solche Umstellung Probleme bereitet. Man muss beide im Blick haben. Was allerdings gar nicht geht, ist eine Verweigerungshaltung gegenüber präsenten Entwicklungen.

Bislang haben die Bibliotheken ihre Zeitschriften-Abos teuer, oft auch zu teuer bezahlt.

Bei den Abonnements hatten wir zum Teil Preissteigerungen von zehn Prozent von Jahr zu Jahr.

Wie lässt sich denn verhindern, dass die einschlägigen Verlage für das neue Publikationsmodell ebenfalls Mondpreise verlangen?

Erstens ist Open Access keine Strategie, um Geld zu sparen. Diese Illusion mache ich mir nicht. Es wird auch Geld kosten, Standards zu etablieren. Was die Gefahr der Monopolisierung betrifft: Neben dem Goldenen Weg sehen wir auch das Modell des Grünen Wegs, also eine Open-Access-Publikation nach zwölf Monaten. Damit ist die Exklusivität zeitlich begrenzt, und die Gefahr der Monopolisierung verringert sich zumindest. Für den Rezipienten eröffnen sich neue Möglichkeiten. Die Verlage müssen das antizipieren. Wir erwarten schon, dass sie neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Was ist mit dem Professor für Philosophie, der ein populäres Sachbuch schreibt, etwa Markus Gabriels „Warum es die Welt nicht gibt“, bei Ullstein erschienen. Der Autor bekleidet einen Lehrstuhl für Erkenntnistheorie in Bonn, wird also von der öffentlichen Hand bezahlt. Hätte er sein Buch nach der geplanten Neuregelung per Open Access veröffentlichen müssen?

Nein. Ein solches Buch wäre selbstverständlich auch hier sein geistiges Eigentum. Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Veröffentlicht ein Hochschullehrer ein Patent, dann hat seine Hochschule ein Recht darauf. Aber wenn das Patent Erfolg hat, wird der Professor ja auch an diesem Erfolg beteiligt.

Dass sich wissenschaftliche Arbeiten auf dem Markt bewähren müssen, ist auch eine Chance: Oft wurden wissenschaftliche Revolutionen von Bestsellern ausgelöst. Droht dieser Effekt nicht verloren zu gehen, wenn alles frei im Netz steht?

Es gibt ja keinen Zwang zur Publikation. Wer sich gegen die Veröffentlichung entscheidet, kann das, auch wenn seine Forschungen gefördert wurden. Niemand wird gezwungen, Dinge preiszugeben. Die Regelung greift nur, wenn man sich zur Publikation entschließt. Und was neue revolutionäre Erkenntnisse der Wissenschaft angeht: Sie werden sich durch Open Access nicht langsamer, sondern schneller verbreiten.

Aber wie soll ein gedrucktes und kostenpflichtiges Buch mit der eigenen Open-Access-Version konkurrieren?

Das ist eine Frage des Urheberrechts. Wo hat nur der Einzelne Zugriff? Wo gibt es gesellschaftliche Regeln und Fördermechanismen, die ihm gewisse Pflichten auferlegen? Aber wir sprechen hier nicht über die Wissenschaftsschranke im Urheberrecht, sondern über Open Access. Wir wollen mit guten Beispielen zeigen, wie es funktionieren kann.

Sie entwickeln eine Strategie, und das Justizministerium muss zusehen, wie sich diese mit dem Urheberrecht vereinbaren lässt?

Unsere Open-Access-Strategie ist unabhängig von Änderungen im Urheberrecht angelegt. Wir haben uns im Koalitionsvertrag auf entsprechende Maßnahmen geeinigt. Dennoch werden wir nun Diskussionen auch über die Gestaltung des Urheberrechts sehen.

In der digitalen Welt entstehen viele neue Geschäftsmodelle. Müsste man nicht ketzerisch fragen, warum sich Open Access nicht längst von alleine durchgesetzt hat, wenn dieses Prinzip den Wissenschaftsbetrieb so viel innovativer und offener macht?

Es ist doch überall so, dass es schwierig ist, Systeme zu erneuern. Und das bisherige Modell hat ja sehr gute Qualitätsstandards hervorgebracht. Ich kann nur wiederholen, dass wir auf bestmögliche Anreize setzen und dafür ausreichende Finanzmittel zur Verfügung stellen.

In welcher Höhe?

Das wird sich ja nach Finanzierungsbedarf gestalten.

Können Sie verstehen, dass Open Access in den Geisteswissenschaften skeptisch gesehen wird? Das gedruckte Buch ist dort die wichtigste Verpackungsform der Erkenntnis.

Das Buch wird nicht verdrängt. Es geht ja vor allem um Aufsätze, nicht unbedingt um Monografien. In den Neunzigerjahren wurden Bibliotheken schon einmal für leblos erklärt, jetzt haben wir wieder bedeutende Neubauten. Nein, das Neue muss in das Bestehende integriert werden.

Bildung ist Ländersache. Wie wollen Sie Open Access im föderalen System etablieren?

Ich komme aus der Hochschullandschaft, wo man nichts außer Worten hat, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Da müssen Sie jeden im Senat für die Idee gewinnen. Ich vertraue auf Argumentation. Und der föderale Gedanke spiegelt sich in unserer Strategie: Sie sieht eine Vernetzungsstelle vor, eine Plattform, um miteinander in Dialog zu treten.

Das Ziel ist ein bundesweit einheitlicher Open-Access-Standard?

Es sollte keine diametralen Unterschiede geben. Das einzelne Bundesländer Akzente setzen, halte ich für möglich. Dass Open Access wie jetzt in Baden-Württemberg zur Pflicht gemacht wird, ist nicht meine Intention. Man kann sich auf einen Mittelweg einigen, und wenn ein Bundesland weiter gehen will, dann macht es das. Unterschiede darf es geben, aber keine unüberwindbaren Hürden. Es ist nicht handhabbar, wenn Forscher aus Heidelberg und Berlin zusammenarbeiten und nach unterschiedlichen Standards publizieren müssen.

Sie haben konkret entschieden, dass Ihr Ministerium Open Access als Standard in seine Projektförderung aufnimmt. Heißt das, Wissenschaftsförderung durch Ihr Ministerium findet nur noch unter der Bedingung Open Access statt?

Open Access wird fester Bestandteil jeder Förderung.

Das gilt für Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen?

Da, wo es um konkrete Projekte bei uns geht, ja. Das gilt nicht für Monografien, in die Ergebnisse geförderter Forschungen, unter anderem, einfließen. Das muss man pragmatisch sehen. Wenn wir aber Steuergeld für Projekte ausgäben, ohne dass veröffentlichte Ergebnisse breit zugänglich würden, fände ich schade. Auch unter dem Aspekt der öffentlichen Teilhabe, der mir sehr wichtig ist.

Die Fragen stellten Wieland Freund, Christian Meier und Andreas Rosenfelder.