"Das darf nicht so bleiben"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka über den Klimawandel, die Mobilität der Zukunft und Wege, die Bevölkerung bei der Energiewende besser einzubeziehen. Ein Interview mit "Klimaretter.info" vom 18. April 2017.

"Es ist unsere Aufagbe darüber nachzudenken, wie die Welt insgesamt klimafreundlich mit Energie versorgt werden kann", so Johanna Wanka. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

klimaretter.info: Frau Wanka, der CO2-Ausstoß sinkt in Deutschland seit Jahren kaum noch, 2016 ist er sogar wieder angestiegen. Ist das nicht peinlich für das Land, das die Energiewende erfunden hat und international immer noch als Vorreiter gilt?

Johanna Wanka: Die ganze Welt schaut in der Tat darauf, ob es die Deutschen packen oder nicht. Bei der Klima-Bilanz insgesamt sieht es derzeit nicht gut aus. Allerdings muss man wissen: Der CO2-Ausstoß sinkt in praktisch allen Bereichen, aber beim Verkehr geht er nach oben. Wir sagen deswegen: Wir brauchen auch eine Wende in der Verkehrspolitik.

Wie soll die aussehen?

Ich habe hier in der Forschung Schwerpunkte gesetzt: Neben der Elektromobilität und den Brennstoffzellen-Antrieben geht es vor allem um die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe. Außerdem haben wir die Mobilität insgesamt im Blick. Die Digitalisierung kann uns hier stark voranbringen – durch Vernetzung von Verkehrsträgern, Verringerung des Parksuch-Verkehrs, komfortableres Carsharing und intelligente Logistik zur Verbesserung des Lieferverkehrs.

Bisher hapert es mit der Verkehrswende, weil die Autokonzerne, aber auch viele Bürger schlicht nicht mitmachen wollen. Man verkauft und kauft lieber Diesel-SUVs mit Schummelsoftware als kleine Elektro-Stadtautos ...

Das darf nicht so bleiben. Und es geht auch anders. Unsere Verkehrsforschung mündet in einen von uns geplanten Agenda-Prozess zur zukünftigen Mobilität. Wir diskutieren hier mit Vertretern aus Forschung, Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft. Am Ende soll eine Forschungsagenda stehen, wie nachhaltige urbane Mobilität in der Zukunft aussehen könnte.

Dabei sollen auch bessere Wege gefunden werden, die Bevölkerung mitzunehmen. Denn: Wenn das nicht gelingt, wird auch die ganze Energiewende nicht gelingen. Wir brauchen ja perspektivisch noch mehr Ökostrom als bisher geplant, weil künftig auch ein Großteil der Mobilität und der Wärmeversorgung darüber laufen muss. Wenn überall Widerstand entsteht, wo Windräder gebaut werden sollen, geht es schief.

Umfragen zeigen immer wieder: Die Bundesbürger sind für Klimaschutz und wollen die Energiewende. Aber die Widerstände wachsen. Stichworte: Proteste gegen Windkraft und Stromtrassen, Widerstand gegen den Kohleausstieg, Ärger wegen teuren Stroms. Gibt es einen Ausweg?

Wir dürfen bei den Bürgern nicht die Illusion erzeugen, dass bei der Energiewende alles unkompliziert ist und es ohne Umstellung der Lebensweise geht. Das gilt bei der sparsameren Stromnutzung, bei Windrädern, bei Stromtrassen. Deswegen haben wir unsere Forschungsprojekte zur Transformation des Energiesystems so angelegt, dass darin die Sorgen der Menschen ernst genommen werden und sie Fakten geliefert bekommen, die Entscheidungen und die Beteiligung erleichtern.

Ein Beispiel, bitte.

In einem Projekt ging es konkret um den Verlauf der Höchstspannungsleitung Ostbayernring in der Oberpfalz. Hier wurde zusammen mit dem Netzbetreiber Tennet ein innovatives Verfahren zur Bürgerinformation und Bürgerbeteiligung entwickelt. Am Ende konnte eine gute Trassenvariante gefunden werden, die verträglich ist.

Welche andere Möglichkeiten gibt es, die Bürger in die Energiewende einzubeziehen?

Die Förderung der Akzeptanz spielt in unseren 33 Forschungsprojekten zur Transformation des Energiesystems, die wir durchgeführt haben, eine ganz wichtige Rolle. Eine zentrale Möglichkeit ist es, Energie-Genossenschaften zu fördern, an denen sich Bürger beteiligen können. Hier könnte sich gerade auch für Stadtwerke ein neues Geschäftsfeld entwickeln. Wenn Bürger selbst Geld mit Investitionen in die Energiewende verdienen können, ist das ein starker Anreiz, sie gut zu finden.

Das wäre eine Rolle rückwärts. Mit den jüngsten EEG-Novellen hat Ihre Bundesregierung die Energie-Genossenschaften ja gerade stark zurückgedrängt und damit bei diesen viel Protest erzeugt ...

Es gibt künftig neue Möglichkeiten, Strom selbst zu produzieren, zu speichern und damit auch Regelenergie zum Ausgleich der Schwankungen beim Einspeisen von Ökostrom zu liefern. Diese aktive Bürgerrolle in der Energiewende fördern wir.

Große Sorgen machen den Bürgern auch die Kosten der Energiewende ...

Richtig. Hier werden zum Teil Horrorzahlen genannt. Hier braucht es eine solide Informationsbasis und flexiblere Instrumente zur Steuerung der Kosten. Wir haben zum Beispiel die Entwicklung eines innovativen Tarifsystems gefördert. Es ermöglich Bürgern, ihren Stromverbrauch in Zeiten zu verlagern, in denen das Ökostrom-Angebot sehr hoch ist und die Kilowattstunde daher günstig angeboten werden kann: Die Waschmaschine läuft, wenn viel Wind weht.

Für eine Modellregion, die Dresdner Friedrichstadt, haben wir ein Energie-Gesamtkonzept entwickeln lassen, das flexibel auf schwankende Stromeinspeisung reagiert. Hauseigentümer, Mieter und kommunale Stellen werden hier einbezogen. Damit entsteht ein neues, eher dezentrales Energiesystem mit neuen Akteuren.

Hat sich die parallele Analyse von technischen und gesellschaftlichen Aspekten in den Forschungsprojekten gelohnt?

Ja. Ich halte ein solches Vorgehen für zwingend notwendig, nicht nur bei der Energiewende, aber ganz besonders hier. Man darf nicht erst technische Lösungen entwickeln und danach versuchen, Akzeptanz herzustellen. Viele Probleme, die wir haben, sind eine Folge davon, dass Bürger zu spät in informiert und eingebunden wurden.

Bei der CCS-Technologie – Abtrennung von CO2 aus Kraftwerken und unterirdische Speicherung – war das so. Sie ist eigentlich sinnvoll und wurde auch in Brandenburg erfolgreich erprobt, doch sie wird in Deutschland wegen der Proteste nicht mehr weiterverfolgt.

Eine Neuauflage ist undenkbar?

Im Moment wird CCS nicht weiterverfolgt, die Entscheidung ist gefallen. Wir sollten aber weiter intensiv an Möglichkeiten forschen, CO2 als Rohstoff zu nutzen, wie wir das im gemeinsam mit dem Stahlkonzern Thyssen-Krupp durchgeführten Projekt "Carbon2Chem" machen. Das CO2 aus den Hüttengasen, das technisch nicht vermieden werden kann, wird hier zum Ausgangsstoff für chemische Produkte, wobei man Überschussstrom aus Wind- und Solaranlagen als Energiequelle nutzt.

Ihr Ministerium gibt immer noch viel Geld für die Kernfusion aus, an der bereits seit Jahrzehnten geforscht wird, ohne dass ein serienreifes Kraftwerk in Sicht ist. Stolze 120 Millionen Euro pro Jahr – macht das überhaupt noch Sinn, wenn unser Energiesystem spätestens 2050 komplett auf erneuerbare Energien umgestellt sein wird?

Auf jeden Fall. Ich bin absolut überzeugt, dass wir weiter in die Fusionsforschung investieren sollten. Keiner weiß, wann diese Technologie einsetzbar sein wird – ob in 20 oder 40 Jahren. Aber wenn sie funktioniert, wäre es eine gigantische Möglichkeit, um die Energieprobleme gerade in den Megacitys der Welt mit ihren zig Millionen Bewohnern zu lösen. Es lohnt sich, dort hinein zu investieren – es ist eine großartige Vision.

Auch für Deutschland?

Wir werden sicher auch ohne die Kernfusion ein stabiles Energiesystem mit den Erneuerbaren erreichen. Aber es ist unsere Aufgabe als reiche Industrienation, auch darüber nachzudenken, wie die Welt insgesamt klimafreundlich mit Energie versorgt werden kann.

Interview: Joachim Wille