"Das innovative Potenzial der Digitalisierung ist beachtlich"

Bundeforschungsministerin Johanna Wanka spricht im Interview mit der "Jungen Wirtschaft" über den Wandel des Arbeitsmarktes durch die Digitalisierung, neue Berufsbilder und die Ziele der künftigen Forschungspolitik.

Eva Siegfried: Frau Ministerin, die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist Realität. Wie muss sich unser Bildungssystem in Zukunft verändern, um Menschen nicht am Arbeitsmarkt und den Anforderungen der Unternehmen vorbei zu qualifizieren?

Johanna Wanka: Das innovative Potenzial der Digitalisierung ist beachtlich. Wir sehen im digitalen Wandel vielfältige Chancen. Gleichzeitig merken wir Auswirkungen auf unsere Art zu leben und zu arbeiten. Mit unserer Forschung können wir den Wandel und die Arbeitsplätze gestalten. Für mich ist die Richtschnur dabei unser Wertesystem, unsere Vorstellungen von guter Arbeit. Mit dem Programm „Zukunft der Arbeit“ wollen wir Antworten finden, Gestaltungsoptionen liefern sowie technologische und soziale Innovationen gleichermaßen voranbringen. Dazu sollen neue Modelle der Qualifizierung, der Gesundheitsprävention, der Arbeitsgestaltung und -organisation in und mit Unternehmen entwickelt werden. Wir laden Unternehmen und Forschungseinrichtungen ein, am Forschungsprogramm mitzuwirken und unsere gemeinsame Arbeitswelt mit Innovationen zukunftsfest zu machen. Damit wollen wir nicht nur Nachhaltigkeit   sichern und Wettbewerbsfähigkeit fördern, wir wollen damit allen in unserem Land weiterhin ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Siegfried: Trotz der Vorteile, die eine duale Berufsausbildung bietet, entscheiden sich immer mehr junge Menschen für ein Studium. Gleichzeitig fehlen gut ausgebildete Facharbeiter, was den Fachkräftemangel weiter verschärft. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?

Wanka: Wir modernisieren die erfolgreiche berufliche Ausbildung, entwickeln gerade die Berufsbildung 4.0, bringen dadurch 3D-Drucker, Roboter und digitale Medien in die überbetriebliche Ausbildung. Das Bundesinstitut für Berufsbildung arbeitet intensiv daran, wie die einzelnen Ausbildungen angepasst werden müssen. Es passiert viel, um die Attraktivität der dualen Ausbildung weiter zu steigern. Und die Qualität unseres Ausbildungssystems wird international hochgeschätzt und neugierig hinterfragt, zuletzt von Ivanka Trump in Berlin. Wir können also sehr selbstbewusst auf unsere Ausbildung blicken und brauchen sie nicht gegen die Studierneigung stellen. Umgekehrt macht es Sinn: Wir brauchen akademische und berufliche Ausbildung gleichermaßen. Und dass Fachkräfte gerade in guten Wirtschaftszeiten hochgeschätzt sind, das ist auch klar.

Siegfried: Wie kann die Bildungspolitik künftig geflüchteten Menschen den Weg in den Arbeitsmarkt ebnen und damit die Integrationsleistung der Wirtschaft stärker unterstützen?

Wanka: Auf das Flüchtlingsaufkommen haben wir schnell reagiert, mit neuen Angeboten, beispielsweise durch  Berufsorientierungsmaßnahmen  zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks. Aber der Weg zur ausgebildeten Fachkraft braucht noch Zeit.

Siegfried: Das Ziel der Bundesregierung, jährlich drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung einzusetzen, ist erreicht worden. Wird das auf lange Sicht reichen?

Wanka: Wir setzen uns neue Ziele und gehen auf 3,5 Prozent. Das ist ambitioniert. Aber auch notwendig, um im internationalen Vergleich weiterhin gut aufgestellt zu sein.

Siegfried: Durch eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung könnte die Innovationskraft des deutschen Mittelstandes gestärkt werden. Davon könnte durch höhere Steuereinnahmen mittelfristig auch der Staatshaushalt profitieren. Ein Vorhaben für eine CDU in Regierungsverantwortung?

Wanka: Wir brauchen eine steuerliche Forschungsförderung als Ergänzung zur bewährten Projektförderung. Sie muss besonders auch die Belange kleiner und mittlerer Unternehmen und innovativer Start-ups aufnehmen. Unternehmen ohne eigene Forschungsabteilung können erfolgreich mit Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen kooperieren. Deshalb würde eine rein auf Personalkosten fokussierte steuerliche Forschungsförderung zu kurz greifen. Eine Arbeitsgruppe von BMF, BMBF und BMWi erarbeitet ein Gesamtkonzept zur steuerlichen Förderung von Forschung und Innovation.

Die Fragen stellte Eva Siegfried.