"Das Meer, so wie wir es kennen, ist massiv bedroht"

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Michael Meister (MdB) anlässlich der Auftaktveranstaltung der Deutschen Allianz Meeresforschung am 3. März 2020 in Berlin.

Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede im Rahmen des Festaktes.
Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, während seiner Rede im Rahmen des Festaktes. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Thümler,

sehr geehrter Herr Schulz,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

lange Zeit haben wir angekommen, das Meer sei unbegrenzt und unerschöpflich. Zu lange. Die Daten aus unserer Forschung zeigen uns das sehr deutlich: Umgerechnet 35 Schiffscontainer voller Plastik landen pro Stunde im Meer. 80 Prozent des Plastiks im Meer stammt vom Land. Das bringt das Meer an seine Grenzen.

Das Meer, so wie wir es kennen, ist massiv bedroht. Denn Plastik in diesen massiven Ausmaßen verschwindet nicht einfach. Es kommt wieder zum Vorschein. Und es trifft die Natur mit voller Wucht. Zwar wird das Plastik mit der Zeit immer kleiner. Aber selbst als Mikroplastik ist es noch für lange Zeit weiter nachweisbar – und könnte irgendwann wieder bei uns Menschen ankommen.

Die Meere und Ozeane sind das größte Ökosystem der Erde. Passend dazu haben die Vereinten Nationen die Jahre 2021 bis 2030 zur Internationalen Dekade der Meeresforschung für Nachhaltige Entwicklung ausgerufen. Gemeinsam werden Politik, Wissenschaft und Gesellschaft an der erfolgreichen Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele für das „Leben unter Wasser“ arbeiten. Denn die Meere und Ozeane haben als Klimaküche unmittelbare Auswirkungen auf unser Leben. Deshalb sind Forschende mehr denn je gefragt, Handlungsoptionen und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln – gemeinsam mit der Gesellschaft. Gemeinsam mit der Politik.

Das Klima und seine Veränderung ist ein Thema, das uns weltweit miteinander verbindet. Wie schaffen wir es, die Klimaziele von Paris zu erreichen – und gleichzeitig unseren Wohlstand zu erhalten? Wie schaffen wir es, ausreichend und effektiv CO2 einzusparen – und gleichzeitig dafür die Unterstützung der Bevölkerung zu sichern? Um Fortschritte zu machen, müssen wir an den Ursachen ansetzen. Gleichzeitig brauchen wir die Unterstützung jedes Einzelnen, und das allgemeine Bewusstsein der Gesellschaft dafür, wie groß der Handlungsbedarf ist.

Deshalb ist es das Ziel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, den Transfer in den Mittelpunkt zu stellen. Forschungsergebnisse sollen für Politik und Gesellschaft gut verständlich dargestellt werden. Wir wollen nicht nur exzellente Forschung möglich machen. Wir wollen das Wissen auch in die Umsetzung bringen.

Und der Plastikmüll ist dabei nur eine der großen Herausforderungen, vor denen die Meere und Ozeane stehen. Sie werden wärmer. Die globale Erwärmung der Atmosphäre und der Ozeane wird den Meeresspiegel auch künftig ansteigen lassen. Das verändert in Europa und weltweit viele Küstengebiete dauerhaft. Die Meere und Ozeane werden saurer. Sie nehmen ein Viertel des menschengemachten Kohlendioxids auf. Aber das verändert sie. Muscheln oder Krebse können etwa nur schwer Schalen bilden. Korallenriffe lösen sich auf. Die marinen Ökosysteme verändern sich dramatisch. Außerdem wir das Wasser schmutziger und es werden zu viele Fische gefangen.

Deshalb setzt sich das BMBF für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Meere und Ozeane ein. Fast die Hälfte aller Menschen ist direkt auf die Meere angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wir brauchen gesunde Meere und nachhaltig ertragreiche Ozeane. Deshalb wollen wir, dass Forschung noch wirksamer wird. Wie gelingt uns das? Zum einen indem wir Stakeholder noch besser einbeziehen und mit ihnen zusammen ganz konkrete Maßnahmen umsetzen.

Mit ihren Forschungsmissionen soll die Deutsche Allianz Meeresforschung Handlungswissen für unsere Zukunftsvorsorge schaffen. Dafür ist eine noch breitere Vernetzung notwendig – eine Vernetzung über Disziplinen und Ländergrenzen hinweg. Die DAM soll die Meeresforschung in Deutschland stärken. Dafür stellt das BMBF bis 2022 insgesamt 45 Millionen Euro an Förderung bereit. Die fünf norddeutschen Länder beteiligen sich mit weiteren 20 Prozent an der Gesamtförderung. So schaffen wir eine Plattform, welche die vielen Aktivitäten in der Meeresforschung bündelt und international noch besser sichtbar macht. Die Umsetzung der Deutschen Allianz Meeresforschung hat im letzten Jahr große Fortschritte gemacht.

Im Sommer 2019 wurde die Gründungsvereinbarung der DAM unterzeichnet. Mit der heutigen Auftaktveranstaltung findet dieser Gründungsprozess seinen krönenden Abschluss. Es wird nun darum gehen, die DAM mit Leben zu füllen. In vier Kernbereichen gehen Sie an die Arbeit:

  1. Den Forschungsmissionen,
  2. Digitalisierung und Datenverwaltung,
  3. der effizienten Nutzung von Infrastrukturen sowie
  4. dem Transfer, der Nachwuchsförderung und dem Capacity Development.

Die Forschungsmissionen werden große, umsetzungsorientierte Forschungsprojekte sein. Die gewählten Themen sollen gesellschaftliche Relevanz haben und sich am Forschungsprogramm der Bundesregierung MARE:N orientieren. Die erste Forschungsmission arbeitet zur Zukunft mariner Kohlenstoffspeicher. Die Szenarien des International Panel on Climate Change machen deutlich: Wenn wir die globale Erwärmung auf 2°C, möglichst sogar auf unter 1,5°C, begrenzen wollen, sind negative Emissionen – also die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre – dringend erforderlich. Die Frage ist, ob sich die Kapazität der Ozeane als CO2-Speicher nachhaltig weiter erhöhen lässt.

Die zweite Forschungsmission widmet sich der Nutzung und dem Schutz mariner Räume. In marinen Schutzgebieten ist etwa die Nutzung für Fischerei, Transport oder Tourismus eingeschränkt. Aber wir wirksam sind solche Schutzgebiete? Und wie kann man die Konzepte weiterentwickeln, damit sie noch wirksamer werden? Hierbei geht es nicht nur um die deutschen Hoheitsgewässer. Auch Schutzgebiete in internationalen Gewässern werden in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.

Zwei Pilotmissionen der Deutschen Allianz Meeresforschung sollen die Einrichtung von Fischereischutzgebieten in der Nord- und Ostsee wissenschaftlich begleiten und bewerten. Das ist nur möglich, wenn die dafür notwendigen Forschungsdaten erhoben, verarbeitet und gespeichert werden. Die Erhebung, Verarbeitung und Speicherung von Forschungsdaten sowie ihr barrierefreier Zugang sind wichtige Zukunftsthemen für die gesamte Küsten-, Meeres- und Polarforschung. Und sie sind der zweite Kernbereich, in dem die DAM im Einsatz ist.

Mit einheitlichen Standards und guten Prozessen können die Forschungsdaten besser und einfacher übertragen und ausgewertet werden. In den Forschungseinrichtungen und Hochschulen bauen Sie gemeinsam die Expertise für Datenwissenschaften auf. Wissenschaftler können diese Daten dann besser für ihre Arbeitsprozesse nutzen. Ziel ist es, ohne großen Aufwand auf jeder Forschungsfahrt Daten zu erheben und gemeinsam zu nutzen. So können wir die qualitätsgesicherten Datensätze der Meeres- und Ozeanforschung deutlich erhöhen.

Damit sind wir schon beim dritten Kernbereich der Arbeit der DAM: der effizienten Nutzung der Forschungsinfrastruktur. Der deutschen Meeresforschung stehen neben den Forschungsschiffen zahlreiche Großgeräte zur Verfügung. Diese Großgeräte gemeinsam zu nutzen und effizient zu betreiben ist ein zentrales Anliegen, das die DAM koordinieren kann.

Der vierte Kernbereich, dem sie sich verpflichtet haben, ist der Transfer. Dabei geht es um die Wirksamkeit der Forschung. Es geht auch um Capacity Development und Nachwuchsförderung. Der Nachwuchs ist unsere Zukunft. Nur wenn wir unsere wissenschaftlichen Kapazitäten auf- und ausbauen, bleiben wir in der Meeresforschung stark. Nur wenn wir es schaffen, mit den besten Köpfen wichtige Forschungsergebnisse zu erzielen, können wir weiterhin unsere Kraft und unsere Stärke für dieses globale Thema nutzen und international Verantwortung übernehmen.

Meine Damen und Herren,

Meeresschutz geht uns alle an – es ist ein Thema, das alle Generationen gleichermaßen betrifft. Die Meeres- und Ozeanforschung hilft uns dabei, die globalen Prozesse und Zusammenhänge besser zu verstehen. Davon sind wir überzeugt. So können wir Entscheidungen für die Gestaltung unserer Zukunft treffen, die auf wissenschaftlichen Fakten basieren.

Noch ist die Rolle der Meere und Ozeane für das weltweite Klima nicht vollständig bekannt. Auch wie sich die klimatischen Veränderungen an Nord- und Südpol auswirken, können wir noch nicht genau genug sagen. Das Gleiche gilt für die Vielzahl an Lebewesen in den Meeren und Ozeanen – sowohl für den Fisch, den wir essen, als auch für die Lebewesen in der ewigen Nacht der Tiefsee.

Deswegen lassen Sie uns gemeinsam weiter daran arbeiten, das zu ändern. Das Wissen zu heben aus den Tiefen der Ozeane und den unendlichen Weiten der Meere. Dieses Wissen zu nutzen. Und es zu mehren, indem wir es teilen mit den Forschenden dieser Welt. Die Deutsche Allianz Meeresforschung ist dafür wegweisend.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Arbeit!