Debatte zum Berufsbildungsbericht 2015

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka, am 21. Mai 2015 im Deutschen Bundestag  

Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, spricht im Deutschen Bundestag
Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, spricht im Deutschen Bundestag © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Es gilt das gesprochene Wort!

Frau Präsidentin!

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Das duale System ist auch in den nächsten Jahrzehnten die wesentliche Säule der Fachkräftesicherung in Deutschland. Das zeigt der uns vorliegende Berufsbildungsbericht 2015 ganz deutlich. Er zeigt aber auch, dass die berufliche Ausbildung in Deutschland vor sehr großen Herausforderungen steht.

Aus Sicht der Jugendlichen hat sich die Situation weiter verbessert. Für 100 Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen, sind 103 Ausbildungsplätze vorhanden. Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit von März und April setzt sich dieser Trend fort. Da hat sich seit den 90er-Jahren viel getan.

Wir haben heute die Situation, dass Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben; es sind laut Berufsbildungsbericht 37.000. Das ist Höchststand. Dagegen gibt es nur 21.000 Bewerber, die einen Ausbildungsplatz suchen. Die Frage ist: Wie bekommt man diese Jugendlichen auf die für sie geeigneten Ausbildungsplätze? Dieses Passungsproblem ist nicht trivial. Es ist schwierig zu lösen und sehr komplex.

Die Zahl der Ausbildungsbetriebe hat sich weiter verringert. Das ist außerordentlich bedenklich. Die großen und mittelgroßen Betriebe haben ihre Ausbildungsquote erhöht, aber bei den kleinen und kleinsten Betrieben geht sie stark zurück. Wir müssen die kleinen Betriebe motivieren, Ausbildungsplätze anzubieten. Im Sommer starten wir eine Ausschreibung, in der wir ein spezielles Programm anbieten, um die Ausbildungsbereitschaft der kleinen und mittleren Betriebe zu erhöhen.

Man kann nicht an einer Stellschraube drehen und erwarten, dass sich dann alles grundlegend ändert. Deswegen bin ich den Koalitionsfraktionen sehr dankbar für diesen sehr umfassenden Antrag, der alle Aspekte einbezieht und viele Anregungen enthält, über die wir diskutieren und die wir umsetzen.

Es gibt viele Chancen, die wir ergreifen können: Zum Beispiel den Übergangsbereich. In diesen Übergangsbereich mussten Bund und Länder in den 90er-Jahren richtig viel Geld stecken. Früher sind rund 400.000 junge Menschen pro Jahr in den Übergangsbereich eingetreten, heute sind es rund 250.000. Das sind immer noch sehr viele. Aber es ist ein absoluter Fehlschluss, zu glauben, das seien 250.000 Leute, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind.

Mindestens ein Drittel der jungen Menschen nutzt den Übergangsbereich, um einen schulischen Abschluss nachzuholen oder um einen höheren schulischen Abschluss zu erreichen, um so die Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen. Dann gibt es in diesem Bereich die Jugendlichen, für die er gedacht ist und für die er auch in Zukunft immer notwendig sein wird. Das sind diejenigen, die die Schule verlassen und nicht ausbildungsfähig sind. Sie erfahren in den Maßnahmen des Übergangsbereichs besondere Unterstützung und Weiterbildung. Dann gibt es die Gruppe junger Menschen, die in dem System sozusagen versorgt sind, aber in Wirklichkeit etwas anderes wollen, nämlich einen Ausbildungsplatz. Das ist die Klientel, auf die die Wirtschaft sofort zugreifen kann.

Große Potenziale gibt es bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Ausbildungsanfängerquote bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt bei 32 Prozent, bei den deutschen Jugendlichen bei 57 Prozent. Fest steht: Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben sich in den letzten Jahren schulisch verbessert. Nun müssen wir vor allem sie für die Ausbildung gewinnen. Wir müssen die Jugendlichen, ihre Eltern, aber auch die Betriebe, die von Menschen mit Migrationshintergrund geleitet werden, informieren. Deshalb haben wir in diesem Jahr die Zahl der KAUSA-Servicestellen, die genau diese Funktion haben, mehr als verdoppelt. Aber es sind noch weitere Anstrengungen notwendig.

Viele Jugendliche zwischen 20 und 29 Jahren haben keinen beruflichen Abschluss. Sie haben eine zweite Chance verdient. Das kostet richtig viel Geld, aber hier muss etwas getan werden. Wir müssen verhindern, dass wir es auch in Zukunft mit solchen Größenordnungen zu tun haben. Das heißt, wir müssen präventiv tätig sein und individuell fördern. Prävention statt Reparatur, das muss unsere Zielstellung sein.

Bildungsketten sind eine sehr gute Möglichkeit, um Jugendlichen Vorstellungen über geeignete Berufe zu vermitteln, um sie zu ermuntern, eine Ausbildung zu beginnen. Die Bildungsketten erfahren große Akzeptanz vonseiten der Lehrer und auch vonseiten der Auszubildenden und der Ausbilder. Die Bildungsketten sind wirklich ein gutes Instrument. Aber wichtig ist, dass man etwas, das funktioniert, in einer anderen Größenordnung und flächendeckend macht.

Die Arbeitsministerin und ich haben uns dafür zusammengetan. Ich kann Ihnen sagen, dass wir 500.000 jungen Menschen eine Potenzialanalyse und dass wir in den nächsten Jahren mehr als 100.000 jungen Menschen eine Berufseinstiegsbegleitung anbieten können. Nun könnte man sagen: Das könnte noch mehr sein. Aber in dieser Dimension gab es das bisher noch nicht. In die Berufseinstiegsbegleitung sind praktisch alle Schulen eingebunden, die infrage kommen.

Es gibt eine Menge von Maßnahmen, die nebenher und unkoordiniert verlaufen. Frau Nahles und ich regen an, dass in den Ländern Gesamtkonzepte auf den Weg gebracht werden, damit keiner verloren geht. Ich hoffe auf große Resonanz der Landesminister. Einige haben ihre Bereitschaft schon signalisiert.

Verwundert hat mich in den Oppositionsanträgen, dass so viel über die Ausbildungsplatzgarantie geschimpft und andere Vorschläge gemacht wurden. Haben Sie nicht gelesen, was wir gemacht haben? In der Allianz für Aus- und Weiterbildung ist die Ausbildungsplatzgarantie ein ganz zentraler Punkt. Es gibt die Selbstverpflichtung der Wirtschaft. Wenn ein Jugendlicher bis zum 30. September eines Jahres keinen Ausbildungsplatz hat, dann bekommt er bei der Nachvermittlung drei Angebote, und wenn sie bewirken, dass er sich räumlich verändern muss oder auch beruflich, dann wird das entsprechend finanziell unterstützt.

Auch das Thema Ausbildungsqualität ist in der Allianz für Aus- und Weiterbildung ein ganz zentrales Thema. Die Ausbildungsqualität muss an vielen Stellen verbessert werden. Da sind viele Maßnahmen, viele Dinge vorgesehen, aber keine Schreckgespenster. Selbst der DGB sagt, dass der Großteil der Auszubildenden mit der Ausbildungsqualität zufrieden ist.

Ein Punkt, den ich besonders wichtig finde und noch kurz benennen möchte, ist die Durchlässigkeit. In der Kultusministerkonferenz haben wir darüber viele Jahre diskutiert: Das Abitur ist die Hochschulzugangsberechtigung. Mittlerweile ist es eine Tatsache, dass man auch mit beruflicher Qualifikation studieren kann. Die Allererste, die das in einem Gesetz vorgesehen hat, war ich 2008 in Brandenburg. 2009 gab es den KMK-Beschluss. Jetzt ist es bundesweit in Gesetzen verankert. Wir müssen aber noch mehr machen, wir müssen die Hürden, die in den Gesetzen sind, noch einmal diskutieren.

Wenn wir wollen, dass akademische und duale Ausbildung nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern dass es Durchlässigkeit in beide Richtungen gibt, dann müssen wir an dieser Stelle intensiv arbeiten.

Meine Damen und Herren, der Berufsbildungsbericht ist Analyse, aber auch Ermunterung und Auftrag, und den nehmen wir an.

Vielen Dank.