Demenz-Erkrankungen: Der Kampf gegen das Vergessen

Wenn die Erinnerung verblasst und das Gedächtnis schwindet, scheint ein normales Leben nicht mehr möglich. Das Bundesforschungsministerium will mit seiner vielseitigen Förderung der Demenzforschung das Leben der Betroffenen verbessern.

Intensive Demenzforschung: Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) untersuchen an Nervenzellen und Modellsystemen, wie das Gehirn arbeitet und was bei einer Erkrankung geschieht. © DZNE/Frank Bierstedt

Eine Demenz-Erkrankung ist nicht nur für Erkrankte eine Herausforderung. Auch Familien, Freunde und Bekannte sind gefordert: Sie müssen lernen, mit den Defiziten ihrer erkrankten Angehörigen umzugehen – und können der schleichenden Verschlechterung des Gesundheitszustands oft nur tatenlos zusehen.

Um den Blick für die individuellen Lebensumstände und Bedürfnisse zu schärfen, veranstaltet die Allianz für Menschen mit Demenz unter dem Motto „Demenz - dabei und mittendrin"  vom 17. bis 23. September die Woche der Demenz. In dieser Woche liegt auch der Welt-Alzheimertag am 21. September.

Das Bundesforschungsministerium ist Mitglied der Allianz und fördert viele Forschungsvorhaben zur Demenz. Die Projekte leisten einen Beitrag zur Aufklärung der Krankheitsmechanismen, zur Entwicklung von Diagnose- und Therapiemöglichkeiten und zur Verbesserung der Patientenversorgung. Und sie suchen nach Wegen, die Entstehung von Demenzerkrankungen bereits im Vorfeld zu verzögern oder zu verhindern.

Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

Ein großer Teil der Fördermittel, die das Bundesforschungsministerium jährlich für die Forschung zu neurodegenrativen Erkrankungen wie der Demenz bereitstellt, fließt in das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Im Jahr 2017 waren dies knapp 80 Millionen Euro. Am DZNE arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutschlandweit an zehn Standorten zusammen, um die Ursachen von Störungen des Nervensystems zu erforschen und Strategien zur Prävention, Therapie und Pflege zu entwickeln.

Internationale Zusammenarbeit

Das Bundesforschungsministerium engagiert sich seit vielen Jahren intensiv auch in internationalen Kooperationsprojekten. Ein Beispiel dafür ist die Initiative „EU Joint Programme – Neurodegenerative Disease Research“ (JPND), an der EU Mitgliedsstaaten sowie weitere Partner mitwirken. Das in diesem Rahmen geförderte Projekt „Denksport“ geht beispielsweise der Frage nach, inwiefern Sport den Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung positiv beeinflussen kann. Das Projekt DACAPO-AD ist ebenfalls Teil einer internationalen Kooperation. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen das Zusammenspiel von genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren bei der Entstehung einer Alzheimer-Erkrankung. Ein weiterer europäischer Forschungsverbund - CnsAflame - untersucht, wie chronische Entzündungen nach einer Hirnverletzung zur Demenz führen können.

Pflege und Versorgung verbessern

Die Verbesserung der Pflege und Versorgung von Menschen mit Demenz steht auch im Mittelpunkt einer Anzahl von Projekten aus verschiedenen Förderschwerpunkten, die mit ganz unterschiedlichen Ansätzen die Lebensqualität und Selbstbestimmung der Betroffenen steigern wollen. Die Projekte Mobiassist und InterMem tragen hierzu mit der Entwicklung technischer Unterstützungsmöglichkeiten bei. In aufwendigen Studien wie AgeWell.de und Delphi-MV wiederum wurden und werden neue Präventions- und Versorgungskonzepte getestet.

Ethische Aspekte

Mit dem neuen Wissen der modernen Lebenswissenschaften gehen auch neue Fragen einher: Wie wirken sich die Entwicklungen auf unsere Gesellschaft aus? Was möchten – dürfen – wir erreichen? Welche Grenzen ziehen wir? Aus Fragen wie diesen hat sich die ELSA-Forschung entwickelt. Sie setzt sich mit ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten auseinander – im Projekt PreDADQol etwa bei der Frühdiagnostik von Alzheimer-Erkrankungen.

Beispiele für Projekte, die vom Bundesforschungsministerium gefördert werden:

Denksport

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge, erkranken Menschen, die in jüngeren Jahren sportlich aktiv waren, im Alter seltener an Alzheimer. Doch profitieren auch ältere Menschen, die bereits unter leichten kognitiven Einschränkungen leiden, von einem regelmäßigen Training? Auch wenn sie zuvor keinen oder kaum Sport getrieben haben? Die ersten Ergebnisse des Projektes „Denksport“ sprechen dafür. Sie legen nahe, dass ein regelmäßiges Training nicht nur dazu beiträgt, dass das Fortschreiten einer beginnenden Demenz gebremst wird. Es hilft auch dabei, die kognitiven Leistungen wieder zu verbessern. Das Bundesforschungsministerium unterstützt die Arbeiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit rund 700.000 Euro.

Weitere Informationen: Demenz – Aktiv gegen das Vergessen

DACAPO-AD

Ob eine Demenz entsteht oder nicht, wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Kopfverletzungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Infekte sind nur einige Beispiele für Einflüsse, die eine Rolle spielen können. Doch nicht nur äußere Faktoren, auch die Gene können eine Alzheimer-Erkrankung begünstigen. So steigt beispielsweise mit bestimmten Veränderungen in einem ApoE genannten Gen die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Mensch an Alzheimer erkrankt – insbesondere dann, wenn diese auf bestimmte äußere Faktoren treffen. Andere Veränderungen im selben Gen senken das Erkrankungsrisiko wiederum erheblich. Warum das so ist, ist bislang weitgehend unbekannt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DACAPO-AD-Verbundes untersuchen die molekularen Ursachen dieser Zusammenhänge. Denn diese könnten zukünftig Ansatzstellen für neue Therapien darstellen. Dafür analysieren sie das Zusammenspiel zwischen den häufigsten genetischen Veränderungen im ApoE-Gen und verschiedenen äußeren Faktoren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Dänemark, Schweden und Frankreich arbeiten dabei zusammen. Das Bundesforschungsministerium unterstützt die deutschen Partner dabei mit rund 650.000 Euro.

AgeWell.de

Bislang ist Demenz unheilbar. Aber neueste Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass einige Faktoren – wie körperliche und geistige Aktivität – das Erkrankungsrisiko positiv beeinflussen können. Im Projekt AgeWell nehmen gesunde, ältere Hausarztpatientinnen und -patienten daher an einem Interventionsprogramm teil. Dieses bietet beispielsweise Möglichkeiten für körperliche und soziale Aktivitäten, ein kognitives Training und eine Optimierung von Ernährung und Medikation an.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begleiten die Teilnehmenden und untersuchen, inwiefern das Programm dabei helfen kann, den Rückgang der geistigen Fähigkeiten aufzuhalten. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die Entstehung einer Demenzerkrankung bei älteren Menschen zu verzögern. Die Forschenden entwickeln darüber hinaus Empfehlungen, wie das Programm in der Versorgung umgesetzt werden kann. Das Projekt wird vom Bundesforschungsministerium bis zum Jahr 2021 mit etwa 2,2 Millionen Euro gefördert.

Delphi-MV („Demenz: lebensweltorientierte und personenzentrierte Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern“)

Die Delphi-MV-Studie diente als Praxistest für ein spezielles Versorgungskonzept, das „Dementia-Care-Management“. An der Studie nahmen mehr als 600 Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern teil, bei denen Hinweise auf eine Demenzerkrankung vorlagen. Speziell geschulte Studienschwestern besuchten die Teilnehmenden zu Hause. Aufbauend auf ihren Erkenntnissen wurde ein Plan entwickelt, wie sich die Versorgung verbessern ließe. Dieser wurde in enger Abstimmung mit den behandelnden Ärzten umgesetzt.

Die Auswertung der Delphi-MV-Studie zeigte, dass die Teilnehmenden im Vergleich zu herkömmlich versorgten Betroffenen medikamentös besser eingestellt waren. Sie litten zudem seltener unter Depressionen und anderen neuropsychiatrischen Symptomen. Gleichzeitig wurden auch die pflegenden Angehörigen entlastet.

Die Delphi-MV-Studie ist ein Beitrag des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) zur nationalen „Allianz für Menschen mit Demenz“. Das DZNE wird von den Sitzländern der zehn Standorte und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Das BMBF wirkt ebenfalls an der Allianz mit.

PreDADQol („Ethische und rechtliche Rahmenbedingungen für die Prädiktion der Alzheimer-Demenz“)

Die medizinische Früherkennung der Alzheimer-Erkrankung hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. So kann heute bereits vor dem Auftreten der ersten Symptome vorhergesagt werden, ob eine Person an Alzheimer erkranken wird oder nicht. Doch nur in etwa 80 Prozent der Fälle tritt diese Vorhersage dann auch tatsächlich ein. Das Wissen über das Erkrankungsrisiko kann die Lebensqualität der Familie erheblich beeinflussen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Projektes PreDADQoL („Ethisch und rechtliche Rahmenbedingungen für die Prädiktion der Alzheimer-Demenz“) entwickeln daher Empfehlungen, die einen ethisch vertretbaren und rechtlich sicheren Einsatz der Frühdiagnostik ermöglichen. Diese umfassen auch Handreichungen zur Information, Beratung und Betreuung der Patientinnen und Patienten. Das Bundesforschungsministerium unterstützt das Projekt mit rund 370.000 Euro.

Mobiassist („Trainingssystem zur Förderung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Mobilität von Demenzpatienten“)

Je höher der Schweregrad einer Demenz ist, desto stärker nehmen die körperliche Fitness und die Alltagskompetenz ab. Zugleich erhöht sich der Unterstützungs- und Pflegebedarf. Zudem geben Betroffene häufig Aktivitäten auf, die die geistigen und körperlichen Fähigkeiten anregen oder trainieren würden. Ziel des Verbundprojektes „MobiAssist“ ist es, ein Trainingssystem zur Förderung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Mobilität von Menschen mit Demenz zu entwickeln. Das System soll die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und präventive Ansätze im eigenen häuslichen Umfeld unterstützen. Individuelle Trainings- und Handlungsempfehlungen können Betroffene über ihren Fernseher abrufen. Die Bedienung wird mittels einer auf Gesten basierenden Steuerung ermöglicht. So werden Nutzer auf einfache Art und Weise zu körperlichen Aktivitäten angeregt.

InterMem („Interactive Memories“)

Das Projekt "Interactive Memories" (kurz: „InterMem“), das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, befasst sich mit Biografiearbeit und der Erinnerungspflege bei Menschen mit Demenz im stationären und häuslichen Umfeld. In Einzel- oder Gruppenaktivitäten kommen dabei bislang vor allem konventionelle Medien wie zum Beispiel Fotos zum Einsatz. Die Partner, bestehend aus verschiedenen Universitäten, Hochschulen, Pflegeeinrichtungen, mittelständischen Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, untersuchen, inwiefern sich digitale Medien und neue Interaktionsformen unter Einbezug aller an Erinnerungspflege beteiligten Gruppen nutzen lassen. Über Surface-Computing­ und Smart-Objects-Technologien sollen die menschlichen Sinne so angesprochen werden, dass die positiven Erinnerungseffekte der Demenzkranken erhöht werden. Auf diese Weise wird auch die Kommunikation mit Angehörigen und Freunden erleichtert und die soziale Teilhabe gesteigert. Gemeinsam mit Demenzbetroffenen werden so neue Formen der Biografiearbeit gestaltet, die in Pflegeeinrichtungen und im häuslichen Kontext beurteilt werden.

CnsAflame

Eine Demenz kann sich auch nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) entwickeln, wenn als Folge der Verletzung eine Hirnentzündung auftritt. Es ist bislang noch weitgehend ungeklärt, wie das passieren kann. Der Forschungsverbund „CnsAflame“ will deshalb die dahinterliegenden Prozesse charakterisieren. Die Forscherinnen und Forscher des Verbundes werden zunächst den räumlichen und zeitlichen Verlauf von Hirnentzündungen und damit einhergehenden Thrombosen untersuchen sowie die Rolle der beteiligten Immunzellen untersuchen. Die Erkenntnisse sollen dabei helfen, Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die mögliche Hirnschäden nach einem SHT verringern. Der Verbund ist Teil des transnationalen ERA-NET NEURON und umfasst zwei Arbeitsgruppen aus Deutschland, die vom BMBF mit insgesamt 600.000 Euro gefördert werden, sowie jeweils eine Gruppe aus Frankreich, Schweden und Israel.