"Der Innovationsmotor unserer Wirtschaft"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat der Fraunhofer-Gesellschaft zum 70-jährigen Jubiläum gratuliert. „Die Nähe zur Wirtschaft ist eine große Stärke. So werden aus guten Forschungsideen innovative Durchbrüche“, sagte sie bei der Feier.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, gratulierte der Fraunhofer-Gesellschaft zum 70. Geburtstag.
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, gratulierte der Fraunhofer-Gesellschaft zum 70. Geburtstag. © Marc Müller

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) „Fraunhofer als Impulsgeber für Innovationen im deutschen Wissenschaftssystem“ anlässlich des Festaktes zum 70-jährigen Jubiläum der Fraunhofer Gesellschaft am 26. März 2019 in München.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Söder,

sehr geehrter Herr Staatsminister Aiwanger,

sehr geehrter Herr Professor Neugebauer,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es ist das Jahr der 70. Geburtstage. Heute feiern wir – in erlesener Runde – 70 Jahre Fraunhofer-Gesellschaft. Im Mai dann feiert das ganze Land: 70 Jahre Bundesrepublik Deutschland, 70 Jahre Grundgesetz. Es wird die Feier einer Erfolgsgeschichte. Nie zuvor hatten wir eine so freie und demokratische Gesellschafts- und Regierungsform.

Seit 70 Jahren gilt in Deutschland neben der persönlichen Freiheit auch die Freiheit von Forschung und Wissenschaft. Lange hielten wir beides für selbstverständlich. Das ist es nicht. Die persönliche und die Freiheit der Wissenschaft sind Errungenschaften, die wir immer wieder verteidigen müssen.

Wie die persönliche Freiheit, so ist auch die Freiheit der Wissenschaft ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Und sie ermöglicht zudem der Wissenschaft, frei zu denken, immer wieder Ideen hervorzubringen, neues Wissen zu schaffen – Grundlagenwissen ebenso wie angewandtes Wissen. Sie ermöglicht, dass aus Ideen Innovationen werden. Sie ist ein Grundstein für Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik.

Deutschland ist die viertstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Wir haben nur wenige Rohstoffe. Bei uns lebt weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung. Ein Prozent! Diese Menschen machen die große Innovationskraft unserer Wirtschaft aus, weil sie immer wieder Neues entwickeln.

So wie hier in der Fraunhofer-Gesellschaft: Die 25.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen etwas bewegen – Zukunft gestalten. Sie forschen in allen relevanten Zukunftsfeldern. Vom Airbag bis zur weißen LED, vom Kautschuk aus Löwenzahn bis zur MP3-Technologie. All das sind Erfindungen von Fraunhofer. Allein die Erfindung des MP3-Formats hat in Deutschland mehr als 10.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Fraunhofer steht für zukunftsrelevante Schlüsseltechnologien. Damit spielt die FhG eine zentrale Rolle im deutschen und europäischen Innovationsprozess. Sie ist zum Innovationsmotor unserer Wirtschaft geworden. Marion Gräfin Dönhoff hat es einst so formuliert: „Bei Max Planck werden die Nobelpreise verdient, bei Fraunhofer das Geld.“ Im Vergleich zum Nobelpreis klingt Geld verdienen vielleicht etwas profan. Aber: Unsere starke Wirtschaft ist die Grundlage dafür, dass es sich in Deutschland so gut leben lässt.

Erhalten können wir das nur, wenn wir täglich gemeinsam dafür arbeiten. Jede Generation muss sich ihren Herausforderungen stellen. Globalisierung und Digitalisierung führen dazu, dass der weltweite Wettbewerb intensiver und schneller wird. Google, Apple, Amazon und Co sind innerhalb von nur zehn Jahren zu den wertvollsten und mächtigsten Unternehmen der Welt aufgestiegen. Eine rasante Entwicklung, die uns die Dimension unserer Aufgabe vor Augen führt.

What’s next? – fragt die Fraunhofer-Gesellschaft.

Unsere schärfsten wirtschaftlichen Konkurrenten kommen schon lange nicht mehr nur aus den USA. China investiert Milliarden in Zukunftstechnologien. Zum Beispiel in Künstliche Intelligenz. Nur wenn Europa, nur wenn Deutschland als starke Wirtschaftskraft Europas weiterhin in der ersten Liga mitspielen, werden wir unseren Wohlstand erhalten können.

Was ist also zu tun in einem rohstoffarmen Land? Wir müssen investieren. In unsere Talente, unser Können. Und das heißt in Bildung und Forschung. Zunächst geht es darum, junge Menschen fit zu machen für die Zukunft. Jungen Menschen gute Startbedingungen zu ermöglichen. Durch gute Schulbildung, durch gute berufliche Bildung, durch gute akademische Bildung. Analog und digital.

Gute Bildung ist das eine. Spitzenforschung das andere. Und da Spitzenforschung heute mit Fraunhofer Geburtstag feiert, möchte ich sie bei dieser Gelegenheit in den Mittelpunkt stellen. Deutschland setzt auf Spitzenforschung. Staat und Wirtschaft investieren so viel wie nie zuvor in Forschung und Entwicklung. Wir haben das 3-Prozent-Ziel erreicht. Wir gehören zu den fünf Ländern weltweit, die am meisten in Forschung und Entwicklung investieren. Das zahlt sich aus: Unser Land gehört seit längerem zu den weltweiten Innovationsführern.

Diesen Weg werden wir konsequent und ehrgeizig weitergehen. Gemeinsam mit der Wirtschaft wollen wir bis 2025 das 3,5-Prozent-Ziel erreichen. Dafür ist unser Pakt für Forschung und Innovation wichtig. Wir werden ihn fortsetzen und weiter steigern. Dies eröffnet den außeruniversitären Forschungseinrichtungen neue Gestaltungsspielräume und gibt Planungssicherheit. Davon profitiert auch die Fraunhofer Gesellschaft.

Drei Punkte sind mir bei unserer Forschungspolitik wichtig:

  1. Zielgerichtete Forschung
  2. Transfer
  3. Ethische Maßstäbe

Zum ersten Punkt: Grundlagenforschung ist die Basis unserer Forschung. Aus ihr entstehen nicht nur neue Erkenntnisse, sondern auch ein Wissen, das die Innovationspipeline für nachfolgende Generationen stets gefüllt hält. Ebenso ist die Grundlagenforschung nicht nur ein generationenübergreifender Ansatz, sondern stets auch ein internationaler. Gute Zusammenarbeit wird daher immer wichtiger.

Grundlagenforschung allein reicht aber nicht. Angewandte Forschung ist ebenso wichtig. Die klare Rollenverteilung der verschiedenen Wissenschaftsbereiche trägt dem Rechnung. Wir brauchen Forschung auch, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Viele Entwicklungen stehen im Raum, die von grundlegender Natur sind und nur in guter Partnerschaft zwischen verschiedenen Disziplinen, aber auch über Ländergrenzen hinweg bewältigt werden können.

Dazu gehören:

  • die Digitalisierung
  • Gesundheitsfragen
  • systematische Fragen der Energieversorgung und moderner Mobilität
  • oder auch die Gewährleistung von Sicherheit im digitalen Zeitalter
  • und die Zukunft der Arbeit.

Diese Themen stehen im Mittelpunkt unserer Forschungs- und Innovationsstrategie. Hier erleben wir Umbrüche. Hier brauchen wir neue Antworten auf die Frage, wie wir unter den veränderten Bedingungen zusammenleben wollen. In Fraunhofer haben wir einen wichtigen Partner. Denn die FhG ist eine stringent missionsorientierte Forschungsorganisation. Durch ihre Konzentration auf zukunftsrelevante Schlüsseltechnologien entstehen die Innovationen, die wir dringend brauchen.

Zweiter Punkt: Transfer

Wir wollen Wissenschaft und Wirtschaft noch besser miteinander vernetzen. Damit aus guten Forschungsideen schneller gute Produkte werden. Produkte, die die Innovationskraft der Wirtschaft im weltweiten Wettbewerb stärken. Aber auch Produkte, die uns helfen, globale Probleme zu lösen. Fraunhofer leistet hier einen wichtigen Brückenschlag. Auch für die Aus- und Weiterbildung von Führungs- und Fachkräften und über Ausgründungen. In den letzten 15 Jahren hat Fraunhofer 265 Ausgründungen auf den Weg gebracht. Der direkte Transfer über Ausgründungen ist ein Instrument, das noch stärker in den Fokus unserer Entscheidungsmöglichkeiten rücken muss.

2,5 Milliarden Euro beträgt das Forschungsvolumen von Fraunhofer. Dabei arbeitet Fraunhofer eng mit der Wirtschaft zusammen. Diese Nähe zur Wirtschaft ist eine große Stärke. So werden aus guten Forschungsideen innovative Durchbrüche. Darum geht es: Den Innovationsgeist der Forschung mit dem Mut der Wirtschaft zusammenzubringen. So erhalten wir unsere Innovationskraft. So erhalten wir unsere Wirtschaftskraft. So lässt es sich auch in Zukunft gut in unserem Land leben.

Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die großartigen Innovationen, die Sie bei Fraunhofer entwickeln und die überall entstehen, verändern unsere Art zu arbeiten und unsere Art zu leben. Sie verändern unseren Alltag. Wie, das wollen wir selbst in der Hand haben. Darum stehen die Menschen im Mittelpunkt unserer Forschungspolitik. Damit bin ich bei meinem letzten Punkt.

Wissenschaft trägt besondere Verantwortung. Verantwortung und Freiheit gehören im demokratischen System untrennbar zusammen. Wir müssen uns deshalb entscheidenden Fragen stellen: Nutzen wir alle Möglichkeiten, die Forschung schafft? Klonen wir Menschen? Forschen wir an Embryonen? Wollen wir das?

Unser Grundgesetz stellt aus guten Gründen die Menschwürde und die Menschenrechte an den Anfang. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben dies, wie sie in der Präambel schreiben, „im Bewusstsein [ihrer] Verantwortung vor Gott und den Menschen“ getan. In dieser Präambel spiegeln sich die historische Erfahrung der Kriegsgräuel und die kulturelle Erfahrung eines in Europa zutiefst christlich geprägten Menschbildes. Die Basis allen staatlichen Handelns ist die Würde des Menschen.

Dieses Menschenbild, das mich und meine Arbeit prägt, kann uns Kompass und Anker sein in den Debatten, die wir angesichts der technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen des 21. Jahrhunderts führen müssen.

Nehmen wir die Künstliche Intelligenz. Sie zeigt uns den Weg zum nächsten Termin und parkt gleich das Auto ein. In Zukunft wird sie uns noch viel mehr abnehmen. Sie wird neue Durchbrüche in der Gesundheitsforschung ermöglichen. Wir haben gerade die Dekade gegen Krebs gestartet. Wir setzen darauf, dass uns KI im Kampf gegen Krebs entscheidende Schritte weiterbringt. Dafür braucht sie Patientendaten. Um Krankheitsverläufe zu vergleichen. Um individuelle Therapien zu entwickeln. Gerade Patientendaten sind aber sensibel. Wie nutzen wir die Chancen von KI und wahren die Persönlichkeitsrechte? Nicht nur im Gesundheitswesen. Überall.

Wir sind nicht in China. Totale Kontrolle durch den Staat wollen und akzeptieren wir nicht. Wir sind auch nicht in den USA. Datenmacht in der Hand von Großkonzernen wollen und akzeptieren wir auch nicht. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen – einen europäischen Weg. Wir lassen uns leiten von unseren europäischen Werten. Menschenwürde, Persönlichkeitsrechte und individuelle Freiheit sind die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Neue Technologien wie KI fordern uns heraus. Wir müssen wieder stärker über unser Zusammenleben und unsere Wertmaßstäbe reden. Ein Verständigungsprozess, der deshalb wichtig ist, weil er unsere Gesellschaft nicht nur voranbringen sondern auch wieder zusammenführen kann.

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Blick in den Saal hier macht mich sehr zuversichtlich. So viele Spitzenforscher auf einem Fleck, die jeden Tag Ideen entwickeln, damit wir in Zukunft noch besser leben können. In Deutschland. In Europa. In der Welt. In diesem Sinne lassen Sie mich Ihnen, lieber Herr Professor Neugebauer, stellvertretend für Ihre gesamten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Fraunhofer-Gesellschaft als auch unserem Land gratulieren. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!