Der Obduktionsbericht offenbart die Lüge

Zwei Männer wollen auf der Flucht aus der DDR die bulgarisch-griechische Grenze überqueren – und werden erschossen. Der Fall wirft wie andere auch Fragen auf. Die Antworten sucht ein Team der FU Berlin. Wir sprachen mit Projektleiter Jochen Staadt.

Andreas Stützer (l.) und Detlef Heiner, hier auf einer Montage aus Einzelfotos, wurden an der bulgarisch-griechischen Grenze erschossen. © BStU/Projekt Eiserner Vorhang/BMBF

Herr Staadt, seit dem Mauerfall sind 30 Jahre vergangen. Sind nicht inzwischen die meisten Schicksale von Grenztoten bekannt?

Jochen Staadt: Nein, ganz im Gegenteil. Es besteht noch immer ein hoher Forschungsbedarf. Denn wir befassen uns in dem neuen Forschungsprojekt nicht mit den Toten an der innerdeutschen Grenze, sondern mit denen an anderen Außengrenzen des ehemaligen Ostblocks ums Leben gekommenen Männern, Frauen und Kinder. Ein Team der Universität Greifswald untersucht als Teil unseres Verbundes unter Leitung von Hubertus Buchstein die Todesfälle bei Fluchtversuchen über die Ostsee. Viele Länder des ehemaligen Ostblocks haben erst vor wenigen Jahren den Zugang zu Archiven ermöglicht, die für eine systematische Aufarbeitung unerlässlich sind. Es hat viele Jahre gedauert, bis sich überhaupt die Bereitschaft dazu durchgesetzt hat, diese fürchterlichen Taten nicht weiter unter einem Deckmantel zu halten, sondern sich aktiv damit auseinander zu setzen.

Weil die eigene Geschichte weh tut?

Ja, und weil ganz einfach viele Beschäftigte im Sicherheitsbereich, die Zugriff auf die relevanten Unterlagen haben, schon früher dort gearbeitet haben. Diese Leute waren an einer Aufarbeitung natürlich nicht interessiert. Es mussten junge Menschen mit einem anderen Blick auf die Dinge kommen. Inzwischen arbeiten wir mit Expertinnen und Experten aus all diesen Ländern gut zusammen.

Wieso sind überhaupt Menschen über das Ausland geflohen?

Weil sie angenommen haben, dass die Außengrenzen anderer Staaten nicht so gut gesichert sind wie die innerdeutsche Grenze, ganz zu schweigen von der Berliner Mauer.

Jochen Staadt untersucht ungeklärte Todesfälle an den Grenzen des ehemaligen Ostblocks. © Bernd Wannemacher/FU Berlin

Trotzdem kamen viele Menschen dabei ums Leben. Über wie viele Fälle reden wir?

Die Dunkelziffer ist hoch. Wir haben derzeit rund 400 Verdachtsfälle vorliegen – das wären erheblich mehr als an der innerdeutschen Grenze. Man muss mit den Zahlen aber sehr vorsichtig sein, manche Verdachtsfälle beruhen nur auf Hörensagen und erwiesen sich bei näherer Überprüfung als unzutreffend. Unsere Recherchen haben aber eindeutig gezeigt, dass in den letzten Monaten des SED-Staates während der großen Fluchtwelle im Jahr 1989 noch 20 DDR-Bürgerinnen und Bürger ums Leben gekommen sind, darunter ein 11jähriger Junge.

Können Sie von einem Fall berichten, der Sie besonders berührt hat?

Ja, da ist die Geschichte von zwei jungen Menschen aus Leipzig, zwei 18 Jahre alte Handwerker, die 1980 versucht haben, von Bulgarien aus nach Griechenland zu fliehen. Der Fall war uns schon früher bekannt, aber es gibt neue Details. In den bislang zugänglichen Archivmaterialien heißt es, die beiden seien trotz Warnungen weiter auf die Grenze zugelaufen und nach Warnschüssen dann gezielt erschossen worden. So hat man es auch damals den Eltern mitgeteilt.

Der Obduktionsbericht aus Leipzig, den die Stasiunterlagen-Behörde jetzt freigegeben hat, sagt aber etwas ganz anderes aus. Dort ist vermerkt worden, dass die Einschüsse von vorne in die Achselhöhle und den Kopf erfolgten. Sie können also nicht beim Weglaufen erschossen worden sein. Mutmaßlich hatten sie sich schon umgedreht, bereits die Hände erhoben – und wurden trotzdem aus kurzer Entfernung von vorn erschossen.

Wie kommen Sie heute noch an die Fälle von damals?

Im Archiv des Auswärtigen Amtes lagern die Unterlagen des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR. Darauf haben wir Zugriff. Dem DDR-Außenministerium wurden alle Todesfälle von DDR-Bürgern und Bürgerinnen im Ausland gemeldet. Der Bestand geht zurück bis Mitte der 70er Jahre. Aber die Meldungen sind nicht sehr aussagekräftig, meistens ist dort nur vermerkt: „unnatürlicher Todesfall“. Da sind dann auch ganz normale Badeunfälle dabei. Die Fälle, die uns interessant erscheinen, verfolgen wir anhand von Unterlagen der Stasi oder der Volkspolizei weiter.

Warum ist Ihre Arbeit für uns heute wichtig?

Weil wir Arbeit gegen das Vergessen leisten. An diesen Fällen zeigt sich beispielhaft, was es bedeutet hat, in der DDR hinter verschlossenen Grenzen zu leben. Diese Menschen sind nur deshalb gestorben, weil sie mit den Verhältnissen in ihrem Land nicht zufrieden waren und eine ganz natürliche Freiheit ausleben wollten: einen Ort zu verlassen, der einem nicht gefällt. Wir dürfen dieses Unrecht nicht vergessen. Dafür ist die Freiheit zu wertvoll.

Das Projekt an der Universität Greifswald befasst sich auch mit den Fluchten über die Ostsee. Gab es da genauso viele Tote?

Die Zahl der Verdachtsfälle schwankt zwischen 170 und 280. Bei den Fluchten über die Ostsee gibt es noch größere Unklarheiten. Das liegt daran, dass zum Beispiel Wasserleichen in Dänemark oder anderen Ländern angespült worden sind und man ihre Identität nicht feststellen konnte. Oder aber die DDR keine Auskunft dazu gegeben hat, selbst wenn das möglich gewesen wäre. Die Ostsee-Todesfälle sind deswegen ein besonders schwieriges Feld. Dem Greifswalder Forschungsteam bleibt nichts anderes übrig, als diese Todesfälle mit Fahndungen in der DDR abzugleichen. Manchmal entdeckt man dann Übereinstimmungen bei den Personenbeschreibungen.

Informieren Sie die Angehörigen, wenn Sie einen Fall neu recherchiert haben?

Ja, sofern es möglich ist. Diese Gespräche sind oft ziemlich hart. Wir stehen häufig schon am Anfang der Recherchen mit den Verwandten in Kontakt. Für die Angehörigen ist es wichtig, ein vollständiges Bild zu bekommen. Dabei können wir helfen. Denn die DDR-Institutionen haben sich in ihren Akten über Flüchtige nur abfällig geäußert, das waren für die Funktionäre „Asoziale“ oder „Kriminelle“. Wenn wir jetzt für die Recherchen mit Menschen sprechen, welche die Personen kannten, ergibt sich oft ein ganz anderes, positiveres Bild. Das ist natürlich auch für die Hinterbliebenen wichtig und tröstlich.

Wie können sich Bürgerinnen und Bürger über Ihre Arbeit informieren?

Es wird zu jedem Teilprojekt eine eigene Publikation geben, also bibliografische Handbücher, wie sie zu den Todesfällen an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze vorliegen. Zusätzlich erstellen wir eine interaktive Karte, auf der jeder Fall eingezeichnet ist, den wir dokumentiert haben. Zu den einzelnen Fällen werden auch Berichte und Interviews von Zeitzeugen erschlossen, die dort abrufbar sind. Wir gehen davon aus, dass wir auch Anfragen von Schulklassen bekommen, die vielleicht Fälle aus ihrer Region besprechen wollen.

Wie können Menschen mit Ihnen in Kontakt treten, die vielleicht selbst einen Verdachtsfall in ihrem Umfeld haben?

Das ist sowohl telefonisch als auch per E-Mail möglich. Alle Teilprojekte unseres Forschungskonsortiums unterhalten eine gemeinsame Internetplattform, auf der auch die Kontaktdaten enthalten sind. Sie ist abrufbar unter: https://www.eiserner-vorhang.de/

Herr Staadt, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.