"Der Unterricht muss einen Bezug zum Leben haben"

Bundesministerin Johanna Wanka über den Schulanfang, matheliebende Mädchen und darüber, warum es ihr früher in den Sommerferien immer schnell langweilig war. Ein Interview mit der „Bild“-Zeitung vom 30.8.2015. Die Fragen stellte Ulrike Ruppel  

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

BILD: Frau Wanka, waren Sie als Kind traurig, wenn die Sommerferien zu Ende waren?

Johanna Wanka: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber ich habe mich auf die Schule immer gefreut. Irgendwann wurde mir einfach langweilig.

Sind Sie in den Ferien verreist?

Wir hatten einen Bauernhof, da war gemeinsames Verreisen unmöglich. Einen Sommerurlaub mit den Eltern hatten meine Schwester und ich nie. Das Höchste waren Badeausflüge an den See. Aber im Winter sind wir immer eine Woche zum Ski-Langlauf gefahren.

Sie haben Mathematik studiert. Mochten Sie das bereits in der Schule?

Ja. Ich habe Mathematik als sehr einfach empfunden. Man musste nicht so viel Auswendiglernen wie in Russisch oder Biologie. Das ging alles mit Logik und Nachdenken. Aber ich hatte auch Deutsch sehr gern. Nach einigem Überlegen habe ich mich dann aber doch für ein Mathematikstudium entschieden, weil das in der DDR ideologiefreier war.

Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) spielen heute in den Schulen nicht die Rolle, die sie im Technologiestandort Deutschland spielen sollten. Was tun?

Wir tun schon viel. PISA zeigt: Wir haben aufgeholt. Die Studierneigung hat sich erhöht, gerade bei Mädchen. Schwierig bleibt es bei den Ingenieurdisziplinen, insbesondere Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik. Die haben wir jetzt im Fokus. Das fängt an mit der Stiftung ‚Haus der kleinen Forscher‘, die beispielsweise Pädagogen für Kitas und erste Klassen schult. ‚Jugend forscht‘ wendet sich an die besonders interessierten Gruppen. Es gibt MINT-Initiativen für Mädchen mit der Wirtschaft, Schülerlabore und vieles mehr.

Gibt es einen großen abgestimmten Plan?

Wir brauchen Angebote vor Ort, mit unterschiedlichen Akteuren. Das Wichtigste ist, dass in den Regionen der Überblick da ist. Unter ‚komm-mach-mint‘ im Internet gibt es Infos zu bundesweit 1000 Projekten, davon beachtliche 111 in Berlin.

Was ist der gemeinsame Nenner?

Das Ziel ist, Kindern zu vermitteln, dass MINT Spaß macht – nicht im Sinne von Spaßgesellschaft, sondern es geht um die Freude am Verstehen. Mit Berufschancen kann man Kinder kaum motivieren, aber durch Erfolgserlebnisse, die sich durch Erkenntnis einstellen – ohne groß zu büffeln.

War die DDR bei MINT besser aufgestellt?

In der ehemaligen DDR wurden die MINT-Fächer hoch gewichtet, auch bei der Schulstundenverteilung. Und es gab eine gesellschaftliche Haltung, dass es auf diese Berufe ankommt. Die Anforderungen waren beachtlich. Als 1989 die ersten Studenten von mir in den Westen gingen, sagten auch diejenigen mit einer 3 oder 4 in Mathe, sie kämen damit bestens klar. Das heißt nicht, dass das System besser war. Aber es war eben anders.

Ist MINT auch deshalb ins Hintertreffen geraten, weil Anstrengung aus der Mode ist?

Ich denke schon, dass Schüler überlegen, wo die Chance auf gute Noten groß ist. Und die MINT-Fächer erfordern Beschäftigung. Sie sind klar im Ergebnis, es gibt nichts zu deuteln. Als Mathematik-Professorin habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die Studenten anfangs an Formeln klammern. Nach zwei Monaten trauten sie sich dann, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen und logisch nachzudenken: Was könnte sein? Manche, die im Abi noch eine 4 in Mathe hatten, waren plötzlich richtig gut! An diesen Punkt müssen wir kommen. Deswegen haben wir jetzt die Qualitätsoffensive Lehrerbildung gestartet, wo man Neues ausprobieren kann, um die Schüler zu faszinieren.

Was braucht es noch?

Es ist wichtig, dass der Unterricht einen Bezug zum Leben hat. Abstrakte Formeln pauken hilft gar nicht. Es sollte klar werden, dass das Erlernte dabei helfen kann, die eigene Umgebung zu beurteilen statt sich der Technik ausgeliefert zu fühlen.

Vielen Deutschen geht es so. Wir gelten als kulturpessimistisch und technikfeindlich.

Es gibt ein verbreitetes Ohnmachtsgefühl. Viele Menschen glauben, sie könnten neue Techniken nicht mehr bewerten. Dagegen hilft naturwissenschaftliche Bildung – etwa wenn es um ethische Fragen geht, oder neue Themen wie Gentechnik oder Fracking. Man ist dann nicht mehr so darauf angewiesen, was andere sagen und kann unsinnige Argumente besser erkennen.

Wie technikfeindlich sind wir denn nun?

Wo ein klarer persönlicher Nutzen sichtbar wird, sind wir für neue Technologien. Nehmen Sie die rote Gentechnik in der Medizin. Die ist voll akzeptiert, wie könnte man sonst Insulin herstellen? Aber grüne Gentechnik? Wird schlecht geredet, trotz Vorteilen. Es gibt den Scherz, dass man in Deutschland heute nicht noch einmal die Elektrizität einführen könnte, von wegen „Tod aus der Steckdose“. Weil wir es besser wissen, können wir darüber lachen. Nicht-Informiert-Sein erzeugt Ängste. Naturwissenschaftliche Bildung hilft da ein Stück weit.