Deutsch-Französischer Tag der Mobilität von Auszubildenden in Europa

Rede von Staatssekretär Georg Schütte, Bundesministerium für Bildung und Forschung, als Abschluss der gemeinsamen Veranstaltung der Botschaft Frankreichs, des BMBF und des BMAS in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Botschafterin Descôtes,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Albrecht,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, die Abschlussworte des heutigen „Deutsch-Französischen Tages der Mobilität von Auszubildenden in Europa“ zu sprechen. Diese gemeinsame Veranstaltung der französischen Botschaft, des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Bundesministerium für Arbeit und Soziales widmete sich dem Ziel, für eine verstärkte Mobilität in der beruflichen Bildung zwischen Deutschland und Frankreich zu werben.

Heute anwesend sind hochrangige Vertreter von relevanten deutschen und auch französischen Einrichtungen. Diese Repräsentanz der verschiedenen Organisationen, wie dem Deutschen Industrie- und Handelstag, dem Zentralverband des Deutschen Handwerks oder der Kultusministerkonferenz, unterstreicht die hohe Bedeutung, die diese wichtigen Akteure der deutsch-französischen Kooperation einerseits wie andererseits der Mobilität in der beruflichen Bildung geben.

Lassen Sie mich im Folgenden kurz auf diese beiden Themen – deutsch-französische Kooperation und Mobilität in der Berufsbildung -  eingehen und konkrete Beispiele für unsere Unterstützungsaktivitäten benennen.

Die hohe Bedeutung beider Themen hat Präsident Emmanuel Macron in seiner vielbeachteten Sorbonne-Rede „Initiative für Europa“ Ende September letzten Jahres herausgestrichen. Ebenso zu betrachten ist die Abschlusserklärung des deutsch-französischen Ministerrates vom 13. Juli 2017, die vier klare, konkrete Initiativen in der Bildungskooperation unserer beiden Länder festhielt. Neben dem verstärkten Erlernen der jeweiligen Partnersprache gehören dazu neue Schulpartnerschaften und thematisch ausgerichtete deutsch-französische Bildungsgänge, sowie die Steigerung der Mobilität zwischen Deutschland und Frankreich und der Ausbau von Erasmus+. Letzteres findet sich bereits in dem Sondierungsergebnis für die zu bildende neue Bundesregierung.

Meine Damen und Herren,

eine qualitativ hochwertige Berufsausbildung ist zukunftsweisend und eine absolute Notwendigkeit für moderne Industrieländer. In vielen Staaten zeigt sich jedoch ein großer Widerspruch zwischen dem Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften auf der einen Seite und einer teilweise enorm hohen Jugendarbeitslosigkeit auf der anderen Seite. Um diesen Widerspruch aufzulösen, bedarf es einer guten Qualifizierungsbasis.

Der aktuelle „Global Human Capital Report“ des Weltwirtschaftsforums, der in dieser Woche in Davos besprochen wird, legt offen, dass vielerorts die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenzen nicht auf die Nachfrage der Arbeitsmärkte und die Trends des technologischen Wandels abgestimmt ist. Der Report kommt zu dem Schluss, dass arbeitsplatzbasierte berufliche Lernsettings besonders dazu geeignet sind, um schulische Bildung in berufliche Handlungskompetenzen zu übersetzen. Ähnliche Schlussfolgerungen bringen auch andere Studien zu Tage.

Wollen wir Wachstum und Beschäftigung in Europa voranbringen, ist ein stets zu modernisierendes, der Entwicklung sich anpassendes Berufsbildungssystem unabdingbar.

Präsident Macron hat hier eine deutliche Verbindung gezogen - und einen Reformprozess der beruflichen Bildung in Frankreich in die Wege geleitet: Geplant ist ein stärkerer Praxisbezug in die Ausbildung zu integrieren.

Wir in Deutschland stehen über definierte Verfahren im steten Austausch mit den Sozialpartnern zur Modernisierung unserer Ausbildungen. Auch sind wir stolz auf unser duales Ausbildungssystem, das sicher zu der niedrigen Arbeitslosenquote der Jugendlichen in Deutschland beiträgt.

Anpassung ist ein ständiger Qualitätsprozess, dem sich unsere beiden Länder stellen müssen.

Wir würden gerne in einen engeren Dialog mit Frankreich treten, um uns enger über strategisch bedeutsame Themen unserer Zeit auszutauschen.

Allen voran ist hier die Digitalisierung  zu sehen. Sie spielt in der Produktion – und damit auch für zukünftige Fachkräfte – eine immer größere Rolle.

Wir sprechen von Industrie 4.0, die einen entscheidenden Einfluss auf das Kompetenz- und Qualifikationsprofil unserer Fachkräfte schon heute hat und zunehmend haben wird. Industrie 4.0 kann auch zu einem Imagegewinn der Berufsbildung führen.

Diese und andere Konsequenzen würden wir gerne intensiver mit unseren Kolleginnen und Kollegen diskutieren und überlegen, wie daraus europäische Impulse generiert werden könnten. Natürliche Partner wären bei diesen Austauschen, über dessen Formate man noch reden muss, unter anderem das Bundesinstitut für Berufsbildung auf deutscher Seite und das Centre d’Études et de Recherches sur les Qualifications – Céreq-, auf französischer Seite.

Wir befinden uns ebenso in einer Zeit des ökologischen Wandels. Auch hier gilt es die Kompetenzen unserer derzeitigen wie angehenden Fachkräften  anzupassen oder zu schaffen.

Und auch hier gibt es eine enge Verknüpfung zwischen Bildung, Arbeit und Wirtschaft unserer Nationalstaaten wie Europa insgesamt. Ob in den Bereichen Energie- und Klimatechnik oder nachhaltiges Bauen: wir unterstützen einen intensiveren Austausch der Auszubildenden in diesen Fächern.

Eine gemeinsame französisch-deutsche Aktivität hierzu: Unser französisches Partnerministerium, das Ministère d’éducation nationale, hat uns eine Liste von sieben Berufsschulzentren mit eben diesen beschriebenen Ausbildungsgängen vorgelegt. Der Ausschuss berufliche Bildung der Kultusministerkonferenz konnte sieben entsprechende deutsche Einrichtungen identifizieren.

Geplant ist, dass die Austausche zum Schuljahr 2018/19 starten.

Die Erfahrungen aus dieser Mobilitäten können in neue Partnerschaften zwischen Berufsschulen und Berufsbildungszentren fließen oder aber zu einem noch intensiveren Austausch führen.

Auf alle Fälle ist dies ein erster Schritt, um drei wichtige Dinge zu verbinden: Qualifikation über Mobilität, Intensivierung deutsch-französische Kooperation und eine Annäherung der Ausbildung im Themenfeld des ökologischen Wandels.

Und mehr noch: sowie der französische Präsident vorgeschlagen hat, europäische Hochschulen durch verstärkte Kooperation von Einrichtungen in Europa zu etablieren, vernetzen sich zunehmend auch Einrichtungen der beruflichen Bildung. Erasmus+ hat sich hierbei als erfolgreiches Instrument erwiesen, um auch sektorübergreifend die Zusammenarbeit und den Austausch guter Praxis nicht nur zwischen Deutschland und Frankreich, sondern in ganz Europa zu fördern.

Für Deutschland ist internationale Erfahrung ein wichtiges Ziel in der Berufsbildung. Zur Qualifizierung unserer zukünftigen Fachkräfte ist für uns ein ausbildungsbezogener Auslandsaufenthalt elementar. Unsere Erfahrung zeigt, dass gerade solch eine Praxiserfahrung im Ausland die Handlungsfähigkeit wie auch die Persönlichkeitsentwicklung unserer Auszubildenden sehr unterstützt. Nicht nur auf individueller Ebene ist solch eine im besten Fall positiv prägende Auslands-Praxiserfahrung in jungen Jahren wichtig: volkswirtschaftlich betrachtet stärken wir mit qualifizierten, global denkenden und handelnden Fachkräften unsere Wirtschaft.

Aus diesen Erkenntnissen heraus hat der Bundestag 2014 beschlossen über den EU-angestrebten Prozentsatz von 6% eines Jahrgangs von Auszubildenden, die eine Auslandserfahrung während ihrer Ausbildung erfahren sollen, hinauszugehen. Der Deutsche Bundestag hat bis 2020 das Ziel gesetzt, die Mobilität von Auszubildenden auf 10% zu erhöhen. Derzeitig liegt die Quote der mobilen Auszubildenden bei ca. 5%. Das BMBF unterstützt dieses Ziel mit verschiedenen Maßnahmen, einige Bundesländer haben dieses Ziel ebenfalls übernommen und ergänzen es mit eigenen Projekten und Programmen.

Für die Mobilität nach Staaten außerhalb der Europäischen Union, die nicht über Erasmus+ abgedeckt sind, haben wir deshalb im letzten Herbst das Pilotprogramm „AusbildungWeltweit“ gestartet. Es ermöglicht Auszubildenden eine anrechenbare Praxisphase zwischen drei Wochen und drei Monaten. Wir gehen davon aus, dass dadurch nicht nur die Kompetenzen der jungen Menschen gesteigert werden, sondern auch die entsendenden Unternehmen ihre Verbindungen zu den Partnerländern stärken können.

Im europäischen Kontext werden wir das Nachfolgeprogram zu Erasmus+, bereits jetzt das größte bildungsübergreifende Instrument Europas, noch schlagkräftiger aufstellen. Dabei soll die berufliche Bildung deutlicher als bisher ein sichtbarer Teilbereich werden. Wir wollen die Antrags- und Berichtsverfahren spürbar vereinfachen. Und das Programm soll angemessen finanziert werden, was angesichts der derzeitigen Unterfinanzierung ein Ausbau des Programms bedeutet. Hier stehen Deutschland und Frankreich Seite an Seite.

Im Deutsch-Französischen Kontext ist besonders auch das Deutsch-Französische Sekretariat für den Austausch in der beruflichen Bildung zu nennen. Als deutsch-französische Kooperationseinrichtung hat es den Auftrag möglichst viele Austausche zu organisieren. Zur Steigerung seiner Attraktivität haben wir umfangreichere Modernisierungsmaßnahmen unternommen und eine Flexibilisierung im Regelwerk initiiert und unterstützen so seine Funktionalität.

Natürlich darf sich der Austausch nicht nur auf die angehenden Fachkräfte richten, sondern muss ebenso das Bildungspersonal mitdenken. Ausbilder und Berufsschullehrer können sich durch einen fachbezogenen Auslandsaufenthalt weiterqualifizieren.

Außerdem: besonders der- oder diejenige, die eine Auslandserfahrung gemacht hat, fördert dies bei der nachkommenden Generation; er bzw. sie kann die Qualifikationen des zurückgekehrten Azubis richtig ein- und wertschätzen. So begrüßen wir, dass das Bildungspersonal zu Weiterbildungszwecken bei den genannten Programmen teilnehmen kann.

Zu dem Programm Erasmus+, zum Deutsch-Französischen Sekretariat und zum Deutsch-Französischen Jugendwerk haben heute die Vertreter gesprochen, gemeinsam haben wir überlegt wie unsere Austausche und die Mobilität zwischen den Ländern noch erfolgreicher sein können.

Der heutige Tag diente auch dazu, Sie als politische Akteure im Bereich der Berufsbildung und als Zugewendete der deutsch-französischen Beziehungen zu mobilisieren. Denn sicher ließen Sie sich –falls nötig- vom Mehrwert der deutsch-französischen Mobilität überzeugen.

Die kommenden Jahre werden für Europa Weichenjahre sein; Europas Stabilität ruht vor allem auf unseren – Deutschlands und Frankreichs – Schultern.

Mit Frankreich als unserem stärksten Partner streben wir einen neuen Aufbruch für Europa an. Der heutige Tag hat deutlich gemacht wie Mobilität in der beruflichen Bildung dazu beitragen kann.

Danke.