Deutsch-Slowakisches Forum "Duale Ausbildung"

Rede des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung,
Dr. Georg Schütte, in der Berufsschule Bzinská, Nove Mesto nad Váhom, Slowakei

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Denzel, Jesco / BPA

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Minister Draxler,
Sehr geehrter Herr Baska, sehr geehrter Herr Glania,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

„Dobrý Deň!“

Ich freue mich, heute in Nove Mesto nad Váhom zu sein und mit Ihnen gemeinsam das Berufsbildungsforum der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer zu eröffnen.

Es ist ein sehr kurzer aber intensiver Besuch, der mich in die Slowakei führt und bei dem die Berufsbildung und die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern im Mittelpunkt stehen.

Mein Eindruck ist: Das Interesse an Berufsbildung in der Slowakei ist enorm. Mein Eindruck ist auch: Berufsbildung wird nicht nur als wichtiges nationales Thema verstanden, sondern in hohem Maße die internationale Zusammenarbeit gesucht.

I.

Meine Damen und Herren,

wie wichtig diese internationale Zusammenarbeit in der Berufsbildung ist - das möchte ich gerne mit einigen Zahlen illustrieren: 2012 stellte die EU mit ihren ca. 505 Mio. Einwohnern knapp 7 Prozent der Weltbevölkerung - erwirtschaftete aber gleichzeitig etwa 23 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukt. Sie lag damit gefolgt von den Vereinigten Staaten (22,3 Prozent), China (12 Prozent) und Japan (8 Prozent) an erster Stelle.

Zweifelsohne ist das ein Erfolg: Ein Erfolg, der zeigt, dass wir in Europa noch immer mit großer Innovationskraft Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die global konkurrenzfähig sind. Und da jede Innovation, jeder technologische Fortschritt den Ideen kluger Köpfe entstammt, so steht am Anfang einer jeden Innovationskette die Ausbildung dieser klugen Köpfe. Das ist die Basis unseres Wohlstandes und wirtschaftlichen Erfolges: Eine gut ausgebildete und hochqualifizierte Bevölkerung.

Aber der Blick auf die Zahlen zeigt auch: Der Spitzenplatz Europas ist nicht selbstverständlich, der Abstand zu den wirtschaftlich hochdynamischen Ländern in Asien schmilzt: Das größte durchschnittliche BIP-Wachstum pro Jahr wurde zwischen 2002 und 2012 in China mit 10 Prozent registriert, gefolgt von Indien (8 Prozent). In der EU: Ein jährliches Durchschnittswachstum von weniger als 2 Prozent.

Es bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als miteinander zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen, um den besten Weg zu finden, passgenau auszubilden: Sowohl für den Innovationskraft unserer Gesellschaften als auch für die Perspektiven junger Menschen.

Das gilt im Übrigen auch für unsere gute Forschungszusammenarbeit, wie wir sie im Donauraum, beispielsweise im Danube/INCO.NET schon länger praktizieren. Unsere Forschungszusammenarbeit hat sich sehr positiv entwickelt und ist ein wichtiger Treiber für Innovation und Wohlstand. Sie kann weite Strahlkraft in den Donauraum entwickeln und in diesem Sinne durchaus auch als Vorbild für unsere Berufsbildungszusammenarbeit dienen.

II.

Wie notwendig eine enge Zusammenarbeit in Europa ist, zeigt der Blick auf zwei große Herausforderungen: Auf der einen Seite erleben wir im Moment eine dramatische Migrationsbewegung nach Europa, die auch die nationalen Bildungssysteme vor enorme Herausforderungen stellt. Aus meiner Sicht ist eine europäische Zusammenarbeit hier unerlässlich.

Zum anderen haben wir in Europa noch immer eine Beschäftigungskrise, die vor allem junge Menschen trifft und die nicht gelöst ist. In einer Ende Mai in Berlin veröffentlicht OECD-Studie wird gezeigt, dass heute fünf Millionen junge Menschen mehr als vor der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 arbeitslos sind. Und: Junge Menschen sind doppelt so häufig ohne Arbeit wie ältere Arbeitnehmer. Auch die EU-Statistik vermeldet für Juli 2015 einen zwar sinkenden aber noch immer hohen Anteil von 20,4 arbeitsloser junger Menschen Prozent im Alter zwischen 16 und 25 Jahren.

Die Folgen sind dramatisch, sowohl für die Gesellschaft als auch für die Betroffenen. Eine kürzlich veröffentlichte Schätzung der Kosten, die junge Menschen im Alter von 15-29 ohne Arbeit in 26 EU Ländern verursachen, beläuft sich auf 153 Milliarden Euro (ca. 1,2% des BIP). Zudem gibt es scheinbar einen „Narbeneffekt“: Arbeitslosigkeit in frühen Jahren führt statistisch zu vermehrter Arbeitslosigkeit später und zu niedrigerem Einkommen insgesamt.

Die hohe Zahl arbeitsloser junger Menschen hat auch dazu beigetragen, dass der Beitrag, den die Bildungssysteme für die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen leisten können, stärker diskutiert und einem europäischen Vergleich unterzogen wurden. Dabei geriet das duale Ausbildungssystem besonders in den Blick, weil es, wie auch von der OECD bescheinigt, für einen besonders guten Übergang von der Ausbildung in den Beruf sorgt.

Ein wichtiger Grund dafür: Es sind die Unternehmen, die im dualen System den größten Teil der Ausbildung übernehmen. Der Auszubildende schließt einen Vertrag mit dem Unternehmen, er ist in seinen Rechten und Pflichten einem Arbeitnehmer ähnlich gestellt. Das Unternehmen bezahlt dem Auszubildenden eine Vergütung und garantiert ihm eine Ausbildung, die es ihm ermöglicht, seinen Beruf entsprechend den Erfordernissen des Arbeitslebens auszufüllen. Die große Stärke ist: Unternehmen bilden in der Regel nur aus, wenn sie den eigenen Bedarf an Fachkräften haben. Die Passgenauigkeit der Ausbildung ist ein wesentliches Merkmal und eine Stärke dualer Ausbildung.

III.

Die Passgenauigkeit des dualen Systems war sicherlich der Ausgangspunkt, warum wir in Reaktion auf die Jugendbeschäftigungskrise Ende 2012 in Berlin - unter Beteiligung der europäischen Kommission - gemeinsam mit Spanien, Griechenland, Italien, Lettland, Portugal und der Slowakei eine vertiefte Zusammenarbeit in der Berufsbildung vereinbart haben.

Auch wenn uns klar war,

  • dass diese vertiefte Berufsbildungszusammenarbeit keine Sofortmaßnahme gegen Jugendarbeitslosigkeit ist,
  • und dass das duale Ausbildungssystem Deutschlands nicht einfach übertragbar auf andere Länder ist,

so sind wir doch angetreten, mit unserer Berufsbildungskooperation mittelfristig Reformen in den jeweiligen Berufsbildungssystemen anzuregen. Reformen, die jungen Menschen bessere Perspektiven eröffnen können.

Die Berufsbildungszusammenarbeit mit der Slowakei ist ein gutes Beispiel dafür. Die Slowakei hat von Anfang an die internationale Zusammenarbeit gesucht. Und ich glaube, sagen zu können, dass sich zwischen Deutschland und der Slowakei eine vertrauensvolle Partnerschaft entwickelt hat, innerhalb derer wir mit Know-how und Beratung unterstützen konnten.

Die Slowakei hat in diesem Jahr die Gesetzgebung für berufliche Bildung novelliert. Damit ist die Grundlage geschaffen, weitreichende Veränderungen in Bezug auf eine praxisorientierte Ausbildung durchzuführen. Das Gesetz ermöglicht auch die Umsetzung des deutsch-slowakischen Pilotprojektes hier in Nove Mesto. Ich bin zuversichtlich, dass die in diesem Projekt gesammelten Erfahrungen wertvolle Hinweise liefern werden – auch dafür, wie die nationalen Reformen weiter angepasst und vorangetrieben werden können. Darüber hinaus bietet das Projekt die Chance, die Attraktivität der beruflichen Bildung zu verbessern und junge Menschen, ihre Eltern, Lehrer und Unternehmen von der Qualität der Berufsausbildung zu überzeugen.

Und nicht zuletzt ist das Projekt ein herausragendes Beispiel für eine kooperative Zusammenarbeit, also einer Grundbedingung für die duale Ausbildung. Slowakische und deutsche Berufsbildungsexperten, Unternehmens- und Schulvertreter sowie lokale und nationale Bildungspolitik haben intensiv an der Entwicklung der Verbundausbildung gearbeitet. Bei der Entwicklung und Umsetzung - die über ein Jahr intensive Arbeit in Anspruch genommen hat und weiter andauert – gab es viele Fragen zu beantworten und Hürden zu überwinden, was nur durch ein gemeinsames Vorgehen möglich war. Aber: Am Ende stehen 26 Auszubildende, die nun im September mit ihrer Ausbildung beginnen konnten. Dafür, das kann man mit Fug und Recht sagen, hat sich die intensive Zusammenarbeit gelohnt.

IV.

Meine Damen und Herren,

für die Zusammenarbeit und den Dialog sind Tagungen, wie das heutige Berufsbildungsforum enorm wichtig. Für die Organisation möchte ich der deutsch-slowakischen Industrie- und Handelskammer daher herzlich danken.

Mit dem heutigen Forum richten wir den Blick auf die Einführung des dualen Ausbildungssystems in der Slowakei. Dabei sollen auch die Herausforderungen zur Sprache kommen, die gerade zu Beginn einer Umsetzungsphase vermehrt auftreten. Sie, die Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen, von Staat und Schulen, Sozialpartnern werden heute Gelegenheit haben, mit Fachleuten darüber zu diskutieren. Ich möchte an dieser Stelle in Erinnerung rufen: Der Aufbau eines dualen Systems erfordert Zeit, Geduld und intensive Arbeit. Auch in Deutschland hat es Jahrzehnte – manche sagen Jahrhunderte – gedauert, bis sich das duale System in seiner aktuellen Form entwickelt hat. Und: Es ist ein „lernendes System“, das sich weiter entwickelt und verändert.

Mein Eindruck ist: „Es tut sich etwas in der Slowakei“ Sie haben ein Interesse daran, das eigene Bildungssystem zu hinterfragen und gemeinsam miteinander den besten Weg zu suchen, um jungen Menschen eine gute Ausbildung und Perspektive auf einen erfüllenden Beruf zu eröffnen. Die Slowakei wird den richtigen Weg dafür finden - wir seitens des deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung möchten dafür gerne ein Partner sein. Unsere Kooperation ist ein gutes Instrument dafür. Ich wünsche mir daher, dass wir sie daher weiter so erfolgreich fortsetzen können.

Mit unserer Expertise, die wir in der Zentralstelle des Bundesinstituts für berufliche Bildung haben, aber auch mit der Expertise der Deutsch-Slowakischen Handelskammer, die wir im Projekt „VETnet“ in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut haben – stehen wir dafür zur Verfügung.

Und: Wir wollen auch weitere wichtige Akteure des dualen Ausbildungssystems bei ihrer internationalen Zusammenarbeit stärken. So fördern wir beispielsweise seit kurzem das Projekt „Unions4VET“, mit dem wir die deutschen Gewerkschaften dabei unterstützen, mit ihren europäischen Partnerorganisationen an der Stärkung praxisnaher Ausbildung zusammenzuarbeiten.

Meine Damen und Herren,

bei meinem heutigen Besuch sind mir das große Engagement und die kooperative Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure auf slowakischer und auf deutscher Seite noch einmal deutlich geworden.

Ich bin überzeugt, dass dies der beste Garant dafür ist, dass das Projekt zu einem Erfolg wird und die deutsch-slowakische Berufsbildungskooperation auch zukünftig erfolgreich verlaufen wird!

Ihnen allen wünsche ich viel Erfolg, interessante Gespräche und wertvolle Erkenntnisse für Ihre Arbeit. Vielen Dank!