Deutsche Biotechnologietage

Ansprache des Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Georg Schütte, in Leipzig

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, dass ich heute wieder die Gelegenheit habe, hier auf den Deutschen Biotechnologietagen zu sprechen.

Wenn ich mich an frühere Veranstaltungen erinnere – etwa vor zwei Jahren in Hamburg – dann war damals viel von den „geräuschlosen“ Erfolgen der Biotechnologie die Rede. Aber es ging auch um die wirklich großen Versprechen, sozusagen die „Knaller“. Und darum, welche dieser großen Versprechen  – dieser Hoffnungen für eine Medizin der Zukunft, aber auch für eine nachhaltige, biobasierte Industrie   – die Biotech-Branche denn bisher eingelöst hat oder bald einlösen kann.

Sie sind seit gestern hier zusammengekommen und diskutieren nicht zuletzt: Wie weit sind wir gekommen? Was haben wir geschafft, worin sind wir gut, was muss sich ändern? Zunächst einmal freue ich mich, dass sich dieser jährliche Branchentreff als fester Termin im Kalender so vieler Unternehmer und Unternehmerinnen, Forscherinnen und Forscher  sowie Partnern aus der Politik etabliert hat. Und ich freue mich, dass das Bundesforschungsministerium diese erfolgreiche Entwicklung mit begleitet hat. Für uns ist es von enormer Bedeutung, dass wir uns auf Veranstaltungen wie diesen mit Ihnen austauschen können – hier im Plenum und auch auf unserem Symposium zur Forschung. Denn nur im Austausch wird es uns gelingen, dass wir in Deutschland weiter vorankommen.

Wenn ich aus der politisch geprägten Perspektive auf die Biotech-Branche schaue, dann ist heute klarer als je zuvor: Biotechnologische Innovationen sind ein zentraler Schlüssel für effektive Therapien und Diagnostik, für Behandlungen, die wirklich heilen und nicht nur Symptome lindern. Ob Immuntherapie, Gentherapie oder Crispr/Cas – selbst für jemanden, der nicht im Labor steht, ist derzeit eine große Welle der Hoffnung zu spüren. Dies gilt für die Medizin, die Gesundheitswirtschaft. Denken Sie nur an die neuen Möglichkeiten der personalisierten Krebstherapie oder bei der Diagnostik, etwa durch Liquid Biopsy.

Dies gilt aber auch mit Blick auf die industrielle Biotechnologie: Enzyme in Kosmetika oder Konsumgütern zeigen schon seit langem, dass biobasierte Innovationen dazu beitragen, Ressourcen zu schonen und damit helfen, unsere Umwelt und das Klima zu schützen. Heute reden wir über verschiedenste Arten von Bioplastik, die im großindustriellen Maßstab produziert und von Konzernen wie Coca Cola oder von führenden Automobilherstellern wie Daimler genutzt werden. Wir sehen eine große Vielfalt an Ideen, wie man industrielle Abfälle für neue Produkte nutzen kann. Wir reden von Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz und sehen, dass die Biotechnologie als wichtiger Treiber innerhalb der Bioökonomie sogar im internationalen Nachhaltigkeitsdiskurs der politischen Sustainable Development Goals diskutiert wird.

Die gute Stimmung ist weit mehr als nur ein Gefühl; sie wird auch gestützt durch Zahlen und Fakten. Wenn ich mir die neuesten Zahlen zur Biotech-Branche anschaue, dann können wir einen klaren Aufwärtstrend erkennen. Die Firmen haben deutlich mehr Kapital als noch in den Vorjahren eingeworben. Umsätze, Mitarbeiterzahlen und die Ausgaben für FuE sind gestiegen.

Manch einer mag sich nun an die Begeisterung der Jahrtausendwende erinnert fühlen, als alle Welt über die großen Potenziale der Genomsequenzierung gesprochen hat.

Und dann war die Enttäuschung groß, als es doch nicht so schnell ging mit den konkreten Ergebnissen. Doch ich bin fest überzeugt: Die heutige Situation ist anders. Zwar sind auch heute viele Investitionen getrieben von einem gewissen Hype, und nicht jeder Ansatz, für den heute Millionen oder Milliarden bezahlt werden, wird sich am Ende auch amortisieren. Aber anders als vor zehn, fünfzehn Jahren reden wir in der Biotech-Branche nicht mehr nur von Potentialen. Die Biotechnologie kann konkrete Erfolge vorweisen. Das belegen die eben genannten Kennzahlen und das beweisen Sie, meine Damen und Herren, tagtäglich in Ihren Unternehmen.

Die Biotechnologie ist nicht länger nur eine Wette auf eine bessere Zukunft; sie leistet bereits wichtige Beiträge für ein besseres Heute und Jetzt.

Die Bundesregierung hat das Potenzial der Biotechnologie früh erkannt – und auch engagiert gefördert. Mit der Hightech-Strategie haben wir eine breit anlegte Innovationsinitiative über Branchen und Ressorts hinweg. Eines unserer wichtigsten Ziele bleibt es, die Innovationskraft von kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland zu nutzen und weiter voranzutreiben.  Anfang des Jahres haben wir dazu ein Zehn-Punkte-Programm „Vorfahrt für den Mittelstand“ veröffentlicht. Wir haben die KMU-Förderung im BMBF neu aufgestellt, ohne Bewährtes wie unsere Initiative KMU-innovativ aufzugeben.

Und wir haben mit der Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030 als eines der ersten Länder weltweit eine Innovationsstrategie für die Bioökonomie initiiert – und die Biotechnologie nimmt darin eine wichtige Rolle ein. Seit 2010 wurden unter diesem Dach mit rund 2,4 Milliarden Euro zahlreiche Förderinitiativen und Maßnahmen entlang von fünf thematischen Handlungsfeldern und mehreren Querschnittsfeldern umgesetzt. Wir haben die Bioökonomie auf die Agenda gesetzt – und das nicht nur in Deutschland, sondern international.

Das hat sich zuletzt im Herbst beim Global Bioeconomy Summit in Berlin gezeigt, dem Kongress mit mehr als 700 Teilnehmern aus etwa 80 Ländern. Organisiert wurde diese erfolgreiche Veranstaltung  vom Bioökonomierat, dem ich auch an dieser Stelle noch einmal für seine Arbeit danken möchte.

Der interdisziplinär zusammengesetzte Bioökonomierat  ist für die Bundesregierung  zu einem wichtigen Ratgeber auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft geworden. Die Handlungsempfehlungen und Stellungnahmen erinnern daran, dass wir zwar schon einiges erreicht haben, aber auch noch eine gute Strecke Weg zurücklegen müssen, um das große Potential der Bioökonomie zu nutzen. Mit der Biotech-Unternehmerin Christine Lang hat der Rat im Übrigen eine Co-Vorsitzende, die sich immer wieder mit großer Leidenschaft für die Belange der gesamten Biotechnologie-Branche stark macht.

Wir freuen uns, dass wir mit dem Bioökonomierat kompetente Experten an unserer Seite haben, die uns auch darin unterstützen, die Forschungsstrategie zur Bioökonomie weiter zu entwickeln. Nach nunmehr sechs Jahren Laufzeit wollen wir gemeinsam mit den anderen Ressorts die Forschungsaktivitäten der Bundesregierung neu ausrichten.

Einen ersten Schritt haben wir mit der Dialogveranstaltung zur Weiterentwicklung der Bioökonomie-Strategie Mitte März in Berlin getan. Mit rund 150 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sind wir zusammengekommen, um über uns darüber auszutauschen, wie künftige Forschungsschwerpunkte aussehen können, welche Rolle die Biotechnologie und alle ihre „Farben“  in der Bioökonomie langfristig spielen und welche konkreten Herausforderungen wir in Deutschland zu meistern haben.

Auch das Thema, das Sie hier gleich im Panel diskutieren, werden wir in der neuen Bioökonomie-Strategie stärker in den Blick nehmen müssen: Digitalisierung und Big Data. Heute richten Sie den Blick vor allem auf die Medizin. Aber nicht ohne Grund hat die Bundesregierung die Digitale Agenda branchenoffen angelegt.

Um die neue Forschungsstrategie zu entwickeln, schauen wir nicht nur nach vorn; wir ziehen auch eine Bilanz der bisherigen Laufzeit. Wir wollen herausfinden, welche Förderinstrumente sich bewährt haben und welche Themenschwerpunkte wir künftig besetzen müssen – um national, aber auch international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Klar ist schon jetzt: Wir werden nicht alles auf den Kopf stellen müssen, was wir in den vergangenen Jahren angestoßen haben. Aber wir müssen uns natürlich den veränderten Rahmenbedingungen stellen. Während die Bioökonomie noch vor zehn Jahren vor allem als verheißungsvolle grüne Alternative diskutiert wurde, die bald das teure Erdöl ersetzt, gibt es diesen unmittelbaren Druck aktuell so nicht mehr. Der Preis des Erdöls, der „mächtigste Preis der Welt“, wie die ZEIT ihn erst kürzlich nannte, ist derzeit niedriger als der eines Marken-Mineralwassers. Die Wirtschaftlichkeit biobasierter Prozesse ist deshalb heute von ganz anderen Faktoren getrieben als damals, als wir die Forschungsstrategie Bioökonomie aufgesetzt haben.

Es geht heute zum Beispiel viel mehr darum, dass biobasierte Prozesse und Produkte einen Mehrwert demonstrieren müssen – und sie müssen bezahlbar sein. Oft genug sind bio-basierte Feinchemikalien und Materialien mit neuen Funktionalitäten und Eigenschaften attraktiver als die Konkurrenz – einfach, weil sie Industrie und Endverbrauchern viel zu bieten haben. Dies zeigen zum Beispiel neuartige biobasierte Textilbeschichtungen oder innovative Textilfasern, die zunehmend Anwendung finden.

Denn, und das ist nicht zu unterschätzen, es gibt derzeit einen noch nie dagewesenen Willen zur Nachhaltigkeit, nicht nur auf Seiten der Politik, sondern auch in der Gesellschaft. Die Nachfrage nach gesünderen, nach ökologischen, nach nachhaltigen Produkten steigt. Diesen Aufwind müssen wir noch mehr als bisher auch für die Bioökonomie nutzen. Dafür müssen wir aber stärker in einen Dialog mit der Gesellschaft eintreten: Was heißt Bioökonomie – für uns, für die Wirtschaft und für die Gesellschaft? Welchen Beitrag, welchen Nutzen können biobasierte Produkte und Prozesse für eine nachhaltige Entwicklung leisten? Wie gehen wir mit möglichen Zielkonflikten um?

Hinzu kommt: Die internationale Konkurrenz wächst, sowohl innerhalb Europas als auch auf anderen Kontinenten – schauen Sie nur in die USA oder nach Asien:

Denken Sie an die großen kommerziellen Produktionsanlagen biobasierter Chemikalien in den USA. Länder wie China, Malaysia oder Südafrika geben der Biologisierung der Industrie eine hohe Priorität. Gerade erst haben Forscher aus Australien im Magazin „Nature“ berichtet, dass China auf dem Weg ist, Industrieabfall vorbildlich zu verwerten und in eine Kreislaufwirtschaft einzutreten.

Diese Konkurrenz müssen wir berücksichtigen, wenn wir hier in Deutschland über eine neue Forschungsstrategie Bioökonomie nachdenken. Das wurde auch im Dialog mit den Experten Mitte März betont. Eine weitere, bei der Auftaktveranstaltung häufig genannte Herausforderung ist die Frage, welche Rolle biotechnologische Schlüsseltechnologien wie CRISPR, die synthetische Biologie oder die Bioinformatik in einer neuen Bioökonomie-Forschungsstrategie spielen sollen. Unmittelbar damit verbunden ist die Frage nach dem Verhältnis von Hightech- und Lowtech-Ansätzen innerhalb der Bioökonomie.

Die Biotechnologie ist der zentrale Hightech-Ansatz in der Bioökonomie. Sie leistet aber nicht nur wichtige Beiträge auf dem Weg zu einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaft.  Ein großer Teil der Biotech-Branche beschäftigt sich mit neuen Therapien und Diagnostika. Wir wissen, dass es bei der Effizienz der Translation hierzulande immer noch Luft nach oben gibt. Um im globalen Wettbewerb mithalten zu können, müssen wir stets nach neuen Wegen der gezielten Förderung suchen. Was können wir gut? Wo müssen wir uns verbessern? Diese Fragen haben wir unter anderem im Pharmadialog ausgiebig mit allen Vertretern entlang der Wertschöpfungskette diskutiert – und mit BIO Deutschland saßen auch Vertreter der Biotech-Branche mit am Tisch.

Ein Forum wie der Pharmadialog war wichtig, um die verschiedenen Perspektiven zusammenzuführen. Dass wir uns bisher ganz gut aufgestellt haben, ist eine wichtige, positive Erkenntnis aus dem Pharmadialog: Dem Forschungsstandort Deutschland werden von der Wirtschaft gute Noten ausgestellt. Wir haben eine exzellente Infrastruktur, und wir haben diese – beispielsweise mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung – in den vergangenen Jahren massiv gestärkt. Wir wissen allerdings auch, dass wir hier noch Verbesserungspotenzial haben, zum Beispiel was die Anbindung an die Wirtschaft, gerade an KMUs betrifft.

Was uns im Pharmadialog auch bestätigt wurde, ist die Tatsache, dass die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft immer besser gelingt. Noch vor wenigen Jahren arbeiteten Universitäten, Biotechnologie- und Pharmaunternehmen eher nebeneinander als miteinander. Heute gibt es viele und ertragreiche Kooperationen. Das Format der Spitzencluster hat sich sehr bewährt, übrigens nicht nur in der Gesundheitsforschung, sondern mit dem BioEconomy Spitzencluster auch nicht weit weg von hier entfernt.

Trotzdem haben wir im Rahmen der verschiedenen Sitzungen des Pharmadialoges lange und ausführlich darüber gesprochen, wie wir die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch weiter verbessern können.

Den Pharmadialog sehen wir hier als ersten Schritt eines langfristigen Prozesses. Und wir wollen diesen in das „Forum Gesundheitsforschung“ integrieren. Dort haben wir seit Herbst 2015 bereits wichtige Vertreter in einem Expertenbeirat zusammengebracht: aus der Gesundheitsforschung, den Forschungsorganisationen, den Universitätskliniken und aus der Wirtschaft.

Mit den Ergebnissen des Pharmadialogs im Kopf werden wir dort über weitere Schritte diskutieren. Denn nur gemeinsam können wir eine erfolgreiche Forschungspolitik für den Standort Deutschland gestalten.

Ein ganz wesentlicher Treiber im hochinnovativen Feld der Biotechnologie sind kleine und mittlere Unternehmen. In unserem schon erwähnten  Zehn-Punkte-Programm zur KMU-Förderung geht es in einigen Branchen vor allem darum, Mittelständler mehr für Forschung und Entwicklung zu begeistern. In der Biotechnologie sind die Herausforderungen aber andere: Wir haben hier bereits eine sehr hohe Innovationsquote. Die aktuellen Kennzahlen belegen ja sogar einen Anstieg der Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

Wir wissen aber auch, dass  die Risiken für FuE-getriebene KMU gerade in der Biotechnologie sehr hoch sind und oft besonders große Summen für die Projekte benötigt werden.

Das Zehn-Punkte-Programm sieht daher auch vor, dass wir die Förderinitiative KMU-innovativ weiter ausbauen – unter anderem in den Schlüsselbereichen Digitale Wirtschaft, Gesundes Leben und Nachhaltiges Wirtschaften.  Wo es sinnvoll ist, wollen wir auch die Zielgruppe auf größere Mittelständler bis 1000 Mitarbeiter erweitern.

Wenn wir an KMUs denken, müssen wir aber auch dafür sorgen, dass wir auch in Zukunft neue KMUs auf den Weg bringen. Dafür brauchen wir Gründer. Die aktuellen Branchenreports zeigen uns: Wir haben in Deutschland immer noch Nachholbedarf und müssen unsere Gründungsdynamik immer wieder ankurbeln. Das ist auch ein erklärtes Ziel der Hightech-Strategie der Bundesregierung. „Wirtschaftlicher Erfolg baut auf wissenschaftlichem Erfolg auf", hat die Bundeskanzlerin vor zwei Wochen bei der Eröffnung des Forschungsgipfels gesagt.

Das BMBF setzt mit seinen Maßnahmen vor allem darauf, Netzwerke und Strukturen zu schaffen, in denen Wissenschaft und Wirtschaft längerfristig zusammenarbeiten. Gerade die Spitzencluster haben sich auch für Start-ups als gutes Innovationsökosystem erwiesen.

Die Gründungsdynamik in den Lebenswissenschaften unterstützt das BMBF mit der „Gründungsoffensive Biotechnologie GO-Bio“ seit mehr als zehn Jahren. Mittlerweile blicken wir auf sieben Auswahlrunden und 22 Unternehmensgründungen zurück. Und ich kann schon heute ankündigen, dass wir unser Engagement auch in Zukunft fortsetzen werden: Der Start einer achten GO-Bio-Runde ist für Ende 2016 vorgesehen.

Jetzt freue ich mich über die Gelegenheit, die fünf Gewinner der jüngsten Auswahlrunde des GO-Bio-Wettbewerbs auszuzeichnen und bitte nun die fünf Preisträger und die Begleitpersonen aus ihren Teams nach vorn!