„Deutscher Corona-Impfstoff wird bereits im Tiermodell getestet“

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek spricht im Interview mit dem "Nordbayerischen Kurier" von vielversprechender deutscher Forschung an einem Impfstoff gegen das Corona-Virus.

Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung. © BMBF/Laurence Chaperon

Dieses Interview erschien am 23. März 2020 im "Nordbayerischen Kurier".

Frage: Das Corona-Virus prägt derzeit das Weltgeschehen. Wie rasch kann ein Impfstoff gegen das noch praktisch unerforschte Virus entwickelt werden?

Karliczek: Das Corona-Virus ist für die gesamte Welt die größte Herausforderung der vergangenen 75 Jahre. Die Kanzlerin hat die Dimensionen deutlich gemacht: In Deutschland standen wir seit 1945 vielleicht noch nie vor so einer großen Aufgabe. Die gesamte Gesellschaft ist gefordert. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung meistern werden.

Denn die Forscherinnen und Forscher, die einen wichtigen Beitrag zur Kontrolle der Pandemie leisten müssen, haben seit Ausbruch der Pandemie nicht bei null anfangen. Die Struktur des Virus ist ihnen mittlerweile gut bekannt. Es teilt charakteristische Merkmale mit bekannten Coronaviren, etwa denen, die SARS und MERS auslösen. Auf die Forschung zu diesen Viren, die auch wir seit Langem unterstützen, können wir aufbauen.

Was heißt das konkret?

Der Charité-Professor Christian Drosten hat ja auch relativ rasch einen Test zum Nachweis der Infektion entwickelt. Bei der Forschung nach einem Impfstoff können nun Forschende in aller Welt auf bereits vorhandenen Erkenntnissen und Impfstoffentwicklungen aufbauen. Die Entwicklung des Impfstoffs wird daher schneller als in anderen Fällen möglich sein.

Dennoch müssen wir Geduld haben, gerade in einer Zeit, in der wir uns alle nach dem schnellen Erfolg sehnen. Natürlich wird versucht, Zulassungsverfahren zu beschleunigen. Wir müssen aber davon ausgehen, dass ein Impfstoff, mit dem breite Teile der Bevölkerung geschützt werden können, erst gegen Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres zur Verfügung steht.

Begrüßen Sie die Aussage der deutschen Pharmafirma CureVac, Präsident Donald Trump beziehungsweise US-Konzernen den zu noch fertig zu entwickelnden Anti-Corona-Impfstoff nicht exklusiv für Amerika zur Verfügung zu stellen?

Diese weltweite Krise braucht eine weltweite Antwort. Für staatlichen Egoismus bei der Impfstoffentwicklung und –versorgung ist es gerade jetzt nicht die Zeit. Die Forschung muss weltweit ihr Wissen teilen, um das Virus zu besiegen. CureVac hat Berichte über eine Übernahmeofferte mehrfach dementiert. Wir stehen mit CureVac im Austausch. Der Hauptinvestor von CureVac, Dietmar Hopp, hat auch klargemacht, dass ein Verkauf für ihn nicht in Frage kommt.

Die EU-Kommission wird die Firma nun unterstützen. Auch wir waren schon länger mit CureVac im Gespräch. Und wir hoffen natürlich alle, dass CureVac gut vorankommt. Über Maßnahmen meines Hauses und die internationale Impfallianz CEPI, die von Deutschland maßgeblich unterstützt wird, ist an das Unternehmen schon eine Menge Geld geflossen.

Wie weit sind die Forscher in Tübingen mit diesem Impfstoff?

Wie wir hören, haben sie bereits begonnen, den Impfstoff im Tiermodell zu testen. Wenn das erfolgreich ist, könnte in einigen Wochen CureVac mit der ersten Stufe von klinischen Studien mit Menschen beginnen.

In welcher Weise begleitet die Bundesregierung diese Impfstoff-Forschung, und können nicht doch deutsche Experten von den USA oder etwa von China abgeworben werden?

Forscherinnen und Forscher verstehen sich als eine internationale Gemeinschaft. Dazu zählen internationale Zusammenarbeit, Austausch und Mobilität. In diesen Tagen steht die Konzentration auf die Forschung im Vordergrund.

Wie viel Geld wurde inzwischen für die Corona-Forschung bereitgestellt?

Die internationale Impfstoff-Allianz CEPI hat von uns in den vergangenen drei Jahren aus Deutschland bereits 50 Millionen Euro erhalten. Viele andere Staaten und Wohltätigkeitsorganisation zahlen auch in CEPI ein. Aus diesen Mitteln konnte CEPI bereits recht früh Impfstoff-Entwickler beauftragen, um eine Antwort auf das Virus zu finden. Wir stocken nun den deutschen Beitrag um 140 Millionen Euro auf. Die Forschung an Viren und den entsprechenden Medikamenten und Impfstoffen fördern wir aber seit langem.

Wir unterstützen unter anderem das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, aber auch viele weitere Projekte. Außerdem unterstützen wir aktuell die Entwicklung von Medikamenten gegen die vom Corona-Virus ausgelöste Lungenkrankheit COVID-19. Hier sind aktuell auch Medikamente im Test, die bereits für die Behandlung anderer viraler Erkrankungen eingesetzt werden. Auch hier braucht man aber etwas Geduld, bis man weiß, welche Therapieform den größten Nutzen bringen.

Wie eng arbeiten Sie mit Gesundheitsminister Jens Spahn in der Krise Hand in Hand?

Die gesamte Bundesregierung zieht an einem Strang. Wir haben eine exzellente Zusammenarbeit gerade auch mit dem Bundesgesundheitsministerium und seinen nachgeordneten Instituten. Das ist uns in der jetzigen Gesundheitskrise natürlich von großem Nutzen. Das ist eine große Herausforderung für alle Menschen. Aber wir haben die Kraft, diese Prüfung zu bestehen.

Sie hatten ziemlich Stress, weil Sie die deutsche Pilot-Batteriezellen-Fabrik nach Münster, in Ihren Wahlkreis vermittelt haben. Wir haben in Bayreuth eine Universität und Fraunhofer-Institute mit spektakulärer Grundlagenforschung.

Münster liegt nicht in meinem Wahlkreis, aber natürlich in der Nähe. Die Entscheidung, die mein Haus gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium getroffen hat, hat sich einzig danach gerichtet, welcher der Bewerberstandorte die exzellenteste Bewerbung abgegeben hat. Das war das NRW-Konsortium mit dem Standort Münster. Ich habe mich aus der Entscheidung vollständig herausgehalten, um nicht den Eindruck der Befangenheit aufkommen zu lassen. Das NRW-Konsortium mit den Professoren Winter und Kampker an der Spitze hat das beste Führungsduo für den Bau und den Betrieb der Forschungsfabrik präsentiert. Sie steht übrigens allen offen, natürlich auch Forschern und Unternehmen aus Bayern.
 

Werden Sie auch Oberfranken fördern – und auf welche Weise?

Forschungseinrichtungen können sich in unser Dachkonzept Batterieforschung einbringen, insbesondere im Rahmen der Kompetenzcluster zur Batterie oder im Rahmen der Maßnahme Batterie 2020 Transfer - auch die Forschungseinrichtungen aus Oberfranken. Die von uns geförderten Forschungszentren brauchen wir alle, um wieder an die Weltspitze zu kommen.

Von Wissenschaft und Forschung hängt die Zukunft unserer Wirtschaft – unser aller Zukunft - ab; beobachten Sie Technik-Skepsis, ja Technik-Feindlichkeit in Deutschland?

Technikfeindlichkeit nicht, aber mitunter eine große Technikskepsis. Dabei wird immer eins vergessen: Der technische Fortschritt hat unser Leben insgesamt besser gemacht. Denken Sie doch einmal daran, wie sich die Lebenserwartung der Menschen in den vergangenen 100 Jahren immer weiter erhöht hat. Die Medizin kann heute Krankheiten besiegen, die früher noch ein sicheres Todesurteil waren. Denken Sie an die Fortschritte in der Kommunikation durch die Smartphones und in der Mobilität. Dank unseres Wissens wird die Menschheit auch dem Corona-Virus die Stirn bieten können.

Geht das Erforschen umweltgerechter Technologien nicht viel zu langsam, um uns weltweit konkurrenzfähig aufzustellen?

Deutschland ist Innovationsland. In der Regierungszeit von Angela Merkel hat Deutschland so viel in Bildung und Forschung investiert wie noch nie zuvor. Wir sind nicht überall an der Weltspitze, aber in sehr vielen Bereichen führend. Auch in der Künstlichen Intelligenz, was ja oft bestritten wird. Die meisten Patentanmeldungen rund um das autonome Fahren kommen aus Deutschland. Das heißt nicht, dass wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen können, dazu ist die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung auch zu schnell. Aber ich war gerade im Silicon Valley. Der Innovationsgeist, der dort herrscht, ist schon beeindruckend. Am liebsten hätte ich eine Dosis davon auch nach Deutschland mitgenommen.