"Deutschland braucht keine Megacities"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und Bundesbauministerin Barbara Hendricks über die Zukunft der Stadt, Wohnen zu stabilen Preisen und die Zusammenarbeit von Bürgern und Wissenschaftlern. Ein Interview mit den VDI-Nachrichten vom 3. Juli 2015

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut:

VDI nachrichten: Frau Ministerin Wanka, wie sieht für Sie persönlich die Stadt der Zukunft aus?

Wanka: Die Stadt der Zukunft muss eine menschenfreundliche, lebenswerte Stadt sein. Das steht für mich klar im Zentrum. Sie muss gesundes Leben ermöglichen, also umweltschonend und nachhaltig sein. Ich würde mir ein Kulturangebot wünschen, das unser Leben mit Anregungen und Ideen bereichert. Und ganz persönlich dürfte in meiner Stadt der Zukunft kein Marktplatz mit frischem Obst, Gemüse und schönen Blumen fehlen.

Und für Sie, Frau Ministerin Hendricks?

Hendricks: Die Stadt der Zukunft sollte ein lebenswerter und nachhaltiger gesellschaftlicher Raum sein. Aber mehr noch: Städte sollen auch künftig sozial ausgewogen, ökologisch tragfähig, wirtschaftlich stabil und letztendlich auch schön sein. In der Präambel des Koalitionsvertrags heißt es: „Wir treten für eine lebenswerte Heimat und gute Zukunftsperspektiven überall in Deutschland ein – in der Stadt und auf dem Land.“ Und dies gilt, so unsere Leitlinie in der Koalition, in europäisch und global verantwortlichem Maßstab.

Lebenswerte Städte sind für Sie also deutlich mehr als nur eine Ansammlung von Häusern?

Hendricks: Ja, einerseits sollen sie weltweit Motor gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung sein, Magneten für Investoren, Wissenschaftler und Arbeitsplätze. Mit der Weiterentwicklung digitaler Informations- und Kommunikationsnetze eröffnen sich durch technische Innovationen hervorgerufene Handlungsoptionen ganz neuer Qualität für die künftige Stadtentwicklung. Andererseits wünschen sich die Bürger grüne, offene, ruhige, licht- und luftdurchflutete Städte, die eine hohe Lebensqualität bieten. Und wir wollen bezahlbaren und gesunden Wohnraum für alle, kurze Wege, eine wohnortnahe Versorgung und ein reichhaltiges kulturelles Angebot.

Zwei Drittel der Menschen werden künftig in Städten leben. Wie müssen diese gestaltet sein, damit sie für den Einzelnen lebenswert bleiben?

Hendricks: Die gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung der Welt wird sich perspektivisch sogar zu 80 % in den Städten abspielen – und sie ist bisher wirtschaftlich, sozial und ökologisch keineswegs tragfähig, keineswegs smart. Stadtentwicklung ist eine wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Aufgabe, sie muss in diesem Dreiklang, das heißt nachhaltig gestaltet werden.

Wanka: Wir entdecken in Deutschland die Städte neu. Einige sprechen sogar von einer Renaissance der Städte, weil sie den Menschen ein vielfältiges und attraktives Angebot machen. Vor wenigen Jahrzehnten war das genau umgekehrt. Da suchten die Menschen ihr Glück auf dem Land.

Liegt das daran, dass sich die Verhältnisse in den Städten grundlegend verbessert haben?

Wanka: Ja. Sie sind oft grüner und leiser geworden und die Wohnungen moderner. Viel davon hat mit neuer Technik zu tun, die durch Forschung erst möglich wurde. Diesen Weg müssen wir weiter gehen. Es geht darum, unsere Gesellschaft für die nächsten Jahrzehnte zu rüsten und nachhaltiger zu gestalten. Das ist unsere Verantwortung für künftige Generationen.

Wird dadurch das Leben in der Stadt nicht so teuer, dass es sich nur noch die Reichen leisten können?

Wanka: Das kann ich mir nicht vorstellen. Städte sind nur dann dauerhaft attraktiv, wenn sie für viele verschiedene Menschen und vor allem auch für Familien mit Kindern und Jugendlichen erschwinglich bleiben.

Aber mit der Attraktivität steigt doch auch der Druck auf den Preis für das Wohnen.

Wanka: Ja, aber pfiffige Kommunen sorgen vor. Das zeigt das Beispiel der Stadt Norden im Wattenmeer. In unserem Wettbewerb Zukunftsstadt entwickelt sie zusammen mit sieben Inselkommunen der Nordsee Konzepte für Wohnen zu stabilen Preisen. Denn durch den Erfolg im Tourismus droht die einheimische Bevölkerung verdrängt zu werden. Ich finde das Projekt sehr vorausschauend und bin gespannt auf die Ergebnisse.

Apropos Ideenwettbewerb „Zukunftsstadt“: Welche Innovationen daraus haben Ihnen besonders gefallen?

Hendricks: „Die Stadt ist nicht das Problem. Die Stadt ist die Lösung!“ – so sagt es der brasilianische Politiker und Stadtplaner Jaime Lerner. Diesem Anspruch hat sich auch das Wissenschaftsjahr 2015 zur Zukunftsstadt verschrieben und einem solchen Anspruch folge ich gern. Für mich bedeutet das: Die Stadt der Zukunft wird in den Städten gemacht. Es sind die Städte selbst und ihre Bewohner, die bestimmen, wie ihre Zukunft aussehen soll und wie sie morgen leben wollen. Den Kommunen kommt deshalb eine zentrale Bedeutung zu, wenn wir über „die Stadt von morgen“ oder die „Zukunftsstadt“ reden.

Wanka: Ich habe erlebt, wie durch den Wettbewerb „Zukunftsstadt“ die Menschen vor Ort mit der Wissenschaft ins Gespräch gekommen sind. In 51 ausgewählten Zukunftsstädten arbeiten jetzt Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Stadtpolitikern, Ratsvertretern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern an ihrer Zukunftsstadt. Dabei geht es um Themen wie Klimawandel, Energiewende, bezahlbaren Wohnraum, sichere Arbeit bis hin zur Digitalisierung oder nachhaltigen Mobilität und der Bevölkerungsentwicklung. Da kann ich mich schwer für nur ein Lieblingsprojekt allein entscheiden.

Aber vielleicht eine herausragende Herangehensweise beschreiben?

Wanka: Gut, ein Beispiel möchte ich nennen. In Ludwigsburg ist ein sogenanntes „LivingLab“, also ein lebendiges Labor geplant, in dem Bürger, Industrie, Wissenschaft und die Stadt gemeinsam die Lebensqualität vor Ort verbessern wollen. Die Ergebnisse der Bürgerdialoge nehmen wir aus dem Wissenschaftsjahr 2015 mit in die Zukunft. Im kommenden Jahr schon wollen wir eine zweite Phase des Wettbewerbs starten. Dann werden mit 20 Kommunen konkrete Pläne zur Realisierung der Ideen erarbeitet. In bis zu acht Kommunen sollen diese ab 2018 verwirklicht werden.

Wenn Städte noch attraktiver werden, werden dann Menschen überhaupt noch auf dem Land leben?

Wanka: Nur weil Städte attraktiver werden, darf auf keinen Fall das gute Landleben in Frage gestellt werden. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf die gesamte Region, also auf Städte und ihr Umfeld. Das Leben von heute ist bunter geworden und die Menschen sind anspruchsvoller. Deutschland braucht keine Megacities. Unsere Stärke liegt in der regionalen Entwicklung, wo jede Kommune das einbringt, was sie am besten kann. Industrieansiedlungen, Flughäfen, Grünflächen und Landwirtschaft, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Wohngebiete: Das alles gehört zusammen. Wir denken vernetzt und in Systemen. Der ländliche Raum spielt hier eine wesentliche Rolle. Hierzu haben wir wichtige Forschungsbekanntmachungen wie „Kommune innovativ“ auf den Weg gebracht, mit der Regionen den Wandel vor Ort gestalten können.

Und die Städtebauförderung? Welche Schwerpunkte hat der Bund hier im Blick?

Hendricks: Die Städtebauförderung setzen wir ein, um städtebauliche Missstände zu beseitigen, nachhaltige Strukturen herzustellen und Innenstädte und Ortszentren zu stärken. Damit unterstützen wir die Kommunen beim demografischen, sozialen und ökonomischen Wandel sowie beim Klimaschutz und der Klimaanpassung. In diesem Jahr haben wir bei der Städtebauförderung die Themen „Grün in der Stadt“ sowie Barrierefreiheit/Barrierearmut herausgehoben. Damit sind zwei große Trends der Stadtentwicklung angesprochen, die in Zukunft immer wichtiger werden: Der Klimawandel und seine Folgen für die Städte sowie die demografische Entwicklung mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung.

Wie wollen Sie das finanzieren?

Hendricks: Der Bund hat für die Städtebauförderung von 1971 bis einschließlich 2014 insgesamt rund 15,7 Mrd. € bereitgestellt. Ergänzt werden diese Gelder durch Mittel der Länder und der Kommunen, so dass alle drei staatlichen Ebenen in Deutschland gemeinsam bei der Städtebauförderung mitwirken. Im Jahr 2015 stehen 700 Mio. € Bundesmittel zur Verfügung: 650 Mio. € Städtebauförderung in fünf verschiedenen Programmen wie der Sozialen Stadt oder dem Städtebaulichen Denkmalschutz und 50 Mio. € für „Nationale Projekte des Städtebaus“, das 2014 erstmals als eigenständiges Bundesförderprogramm eingeführt wurde. Gefördert werden insbesondere Denkmalensembles von nationalem Rang wie z.B. Unesco-Welterbestätten und bauliche Kulturgüter mit außergewöhnlichem Wert einschließlich Maßnahmen in deren Umfeld sowie energetische Erneuerung und Grün in der Stadt.

Welche Ressourcen werden die Entwicklung von Städten maßgeblich mitbestimmen oder limitieren?

Wanka: Als erste Ressource einer Stadt fällt natürlich ihre Fläche ein. Sie ist der Faktor, der ihre Entwicklung am augenscheinlichsten begrenzt. Doch hier ist mit neuen Ideen und technischem Fortschritt viel möglich. Beides brauchen wir, um die Aufgaben der Zukunft zu meistern. Ein Ansatz ist, dass wir intelligente Konzepte für den Verkehr entwickeln, damit die Umweltbelastung in Städten weiter reduziert und der Verkehrsfluss verbessert wird. Die Impulse dafür kommen aus der Wissenschaft, müssen aber vor Ort im Dialog mit den Bürgern zu passgenauen Lösungen weiterentwickelt werden. Auch dazu dient das Wissenschaftsjahr.

Wo sehen Sie besonderen Forschungsbedarf für die nächsten fünf bis zehn Jahre?

Wanka: Natürlich befasst sich das Bundesforschungsministerium mit der Zukunft und wir haben mit dem Foresight-Bericht ein strategisches Instrument zur langfristigen Vorausschau mit einem Zeithorizont von bis zu 15 Jahren zur Verfügung. Daraus wird klar, dass die Entwicklung der Städte künftig noch mehr Einfluss, auch in der Weltpolitik, haben wird. Ich denke da an Themen wie Klima-, Energie- oder Sozialpolitik. Hier setzt auch die Forschung an, beispielsweise mit Elektromobilität, Nachhaltigkeit, Ressourcennutzung und Energie im urbanen Umfeld. Zudem kommen Städte zunehmend in die Rolle von Innovationszentren, die wichtige Impulse für Fortschritt und Entwicklung unserer Gesellschaft geben.

Die Fragen stellte Bettina Beckter.