"Deutschland ist Innovationsland"

Bundesministerin Karliczek sprach heute beim 10. Gipfeltreffen der Weltmarktführer. Ihre Botschaft: "Ich tue alles dafür, dass wir mit Bildung, Forschung und Innovation die nächsten zehn Jahre zu den goldenen 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts machen."

Gipfeltreffen
"Dieses Land ist stark wie nie. Aber Politik allein kann die Herausforderungen nicht meistern. Wir brauchen Sie an unserer Seite", appelliert Anja Karliczek an die Vertreterinnen und Vertreter des deutschen Mittelstandes. © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek (MdB) anlässlich des Treffens der Weltmarktführer am 28. Januar 2020 in Schwäbisch-Hall.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Dr. Döring,

sehr geehrter Herr Balzli,

sehr geehrte Damen und Herren,

Die Kraft unseres Landes kommt aus den Regionen. Aus starken Regionen wie dieser, in der wir uns heute zum 10. Gipfeltreffen der Weltmarktführer eingefunden haben. Gipfeltreffen der Weltmarktführer – das sagt eigentlich schon alles über Sie. Sie sind nach wie vor das Herz der deutschen Wirtschaft. Sie machen unsere Wirtschaftskraft aus. Und mehr noch: Sie machen Deutschland aus.

Deutschland – ein Land, in dem Unternehmerinnen und Unternehmer wie Sie wesentlich zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen.

Denn in Ihren Unternehmen

  • arbeiten Meister und Diplom-Ingenieure Hand in Hand.
  • arbeitet die dual Studierende mit an der Entwicklung eines Roboters.
  • fasst der aus Syrien geflüchtete Mechaniker wieder beruflich Fuß.

Das ist Deutschland. Das sind Sie, die Weltmarktführer und Gestalter der Regionen, aber auch wir, die Politik, die diese Entwicklungen immer mit Freude begleitet hat.

Wir haben allen Grund, zu Beginn der 20er Jahre optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Denn es ging uns noch nie besser:

  • Die Arbeitslosigkeit ist so gering wie noch nie seit der Wiedervereinigung. So gering, dass der Fachkräftemangel zur Wachstumsbremse zu werden droht.
  • Die meisten Menschen sind sehr zufrieden mit der Lebensqualität in Deutschland und schauen positiv in die eigene Zukunft.
  • Private Einkommen und staatliche Steuereinnahmen sind so hoch wie noch nie.
  • Die konjunkturelle Lage ist nach wie vor intakt, allerdings nicht mehr so stark und regional sehr unterschiedlich.
  • Deutschland ist nach wie vor das innovativste Land der Welt. Bescheinigt uns das World Economic Forum bereits zum zweiten Mal in Folge.
  • Wir sind eine der stärksten Forschungsnationen der Welt.
  • Noch nie wurde in unserem Land so viel geforscht und entwickelt wie heute!
  • Mehr als 100 Milliarden Euro investieren wir in Forschung und Entwicklung. Das sind 3,1 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Deutschland ist Innovationsland. Heute mehr als jemals zuvor. Deutschland ist aber auch ein Land, das sich wandelt. Durch Digitalisierung, durch Globalisierung. Dieser Wandel führt zu großer Unsicherheit; im Privaten, im Arbeitsleben, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich. Diese Unsicherheit müssen wir wandeln in Lust auf Zukunft; in Tatkraft mit Ärmel hochkrempeln.

Denn: Im Wandel stecken Chancen – gerade auch für mittelständische Unternehmen. Als Mittelständler haben Sie die besten Voraussetzungen:

  • Sie sind stark durch Ihre regionale Verwurzelung. Das ermöglicht Ihnen einen direkten, unverstellten Blick.
  • Sie sind wendig und mobil.
  • Sie können schnelle Entscheidungen treffen.
  • Und Sie sind nachhaltig – weil Sie in Generationen denken.
  • Und deshalb brauchen wir Sie mehr denn je.

Denn wir stehen vor großen Herausforderungen.

  • Die klimatischen Veränderungen sind dramatisch. Sie zeigen uns, dass wir stärker und schneller unseren CO2-Ausstoß minimieren müssen.
  • Der internationale Wettbewerb wird schärfer. Wir müssen unsere Wettbewerber fest im Blick behalten. Insbesondere die USA und China.
  • Die Digitalisierung erfasst das gesellschaftliche Zusammenleben und die Arbeitswelt. Sie hat neue Märkte entstehen lassen. Und wird das auch weiterhin tun. Wenn wir auch hier in Zukunft führend sein wollen, müssen wir uns strategisch klug aufstellen.

Wichtig ist, dass wir uns bewusst machen: Wir haben die Kraft und das Wissen, diese Herausforderungen zu meistern.

Wir haben:

  • unsere herausragende industrielle Basis,
  • unsere kleinen und mittleren Unternehmen.

Sie gilt es zu halten und weiter auszubauen. Und gleichzeitig gilt es, neue Quellen des Wohlstands zu erschließen und neue Wertschöpfungsketten zu entwickeln. Das ist die Aufgabe, der wir uns nun gemeinschaftlich stellen müssen.

Schon immer ist es so gewesen, dass der Wandel Teil eines florierenden Unternehmens ist. Ich komme auch aus einem mittelständischen Unternehmen. Wenn wir heute noch Zimmer ohne W-Lan verkaufen wollten, stände ich heute wahrscheinlich nicht so entspannt vor Ihnen.

Aufgabe der Politik ist es, Ihnen bei allen Veränderungen als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen und Strukturen zu verändern oder zu schaffen. Das für Bildung und Forschung möglich zu machen, ist meine Hauptaufgabe und mir persönlich ein Herzensanliegen.

Wie, dafür möchte ich fünf Beispiele nennen.

Erstens: Digitalisierung

Die Digitalisierung und speziell die Künstliche Intelligenz verändern unsere Möglichkeiten zu Wirtschaften und die Wertschöpfungsketten. Wem, wenn nicht Ihnen, muss ich ja nicht mehr sagen, dass die Grenzen fließend werden, dass die Frage, wo ein Verkäufer sitzt, nicht mehr die entscheidende ist für den Verkäufer, dass der Zugang zum Kunden die entscheidende Größe für die Verteilung der Wertschöpfung ist.

Neue Geschäftsmodelle entstehen, alte fallen weg oder verändern sich stark. Darauf müssen wir uns einstellen. Auch die Arbeitsplätze und die Anforderungen an die Mitarbeiter verändern sich. Dafür brauchen sie neue Kompetenzen. Das trifft jeden. Deshalb ist lebensbegleitendes Lernen im Alltag angekommen. Jeder muss bereit sein, sich immer wieder weiterzubilden. Bildung wird in diesem Jahrzehnt ein Kernthema sein. Denn Bildung befähigt zu einem selbstbestimmten Leben. Durch eine gute Bildung haben wir die Fähigkeit, uns immer wieder neuen Anforderungen zu stellen. Das gilt in der analogen Welt genauso wie in der digitalen. Und nur, wer die digitale Welt zumindest im Grundsatz versteht, kann die Innovationen nutzen und an ihnen teilhaben.

Deshalb:

Wir tun alles, um unser Bildungssystem auf die Zukunft vorzubereiten. Denn nur wer lesen, schreiben, rechnen kann und wer digital gebildet ist, wird die Chancen, die diese Welt für uns bereithält, auch nutzen können.

Deshalb muss uns die aktuelle PISA-Studie antreiben: Wir haben ein gutes Schulsystem. Das sollten wir bei aller Kritik manchmal auch lobend erwähnen. Aber Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein. Als Innovationsland Deutschland wollen und müssen wir auch in der Bildung die Spitze anführen.

Und dafür brauchen wir

  • mehr Qualität,
  • mehr Verbindlichkeit und
  • mehr Vergleichbarkeit in ganz Deutschland

Jeder fünfte Fünfzehnjährige kann heute laut PISA nicht einmal auf Grundschulniveau lesen kann. Hier sind die Länder gefordert, in ihrem Verantwortungsbereich unser Bildungssystem weiter zu verbessern.

Der Bund hat gerade schon ein weiteres Programm fürs Lesen bzw. Vorlesen in frühen Lebensjahren initiiert. So werden wir weitermachen. Wir stehen bereit, Hand in Hand gute Bildung für alle möglich zu machen.

Zweitens: Klimaschutz

Im Klimapaket haben wir festgelegt, dass der CO2-Zertifikate-Handel auch auf Wohnen und Mobilität ausgedehnt wird. Zunächst beginnen wir mit einem niedrigen Einstiegspreis. Ab 2026 starten wir mit marktwirtschaftlicher Preisfindung.

Klar ist eins: Der CO2-Preis steigt. Jetzt können wir über den „richtigen“ Preis streiten, oder uns bewusst machen:

Warum machen wir das?

  1. Wir wollen Signale in die Gesellschaft senden:

An jeden einzelnen: Macht Euch Gedanken, wie ihr heizt und wie ihr Euch fortbewegt.

An die Wirtschaft: Überlegt Euch neue Geschäftsmodelle, die heute vielleicht noch nicht wettbewerbsfähig sind, die aber perspektivisch in den Markt hineinlaufen.

2. Wir wollen nichts verbieten, sondern den Innovationsgeist unserer Gesellschaft anregen.

3. Wir wollen Technologieoffenheit: Elektromobilität, Brennstoffzellen, synthetische Kraftstoffe – gerade mein Haus forscht schon seit Jahren an erneuerbaren Energien.

Wir wollen auch wieder eine leistungsfähige Batterieproduktion in Deutschland. Denn Speicherkapazitäten sind nicht nur eine Frage für die Elektromobilität, sondern auch für Akkuschrauber, Smartphones und Laptops. Und wir müssen Weltspitze sein. Auch für die Batterien der Zukunft gilt: Die Leistungen müssen besser und die Materialien sauberer werden.

Sie sehen: Es gibt noch viel zu tun. Deswegen stellen wir die Batterieforschung und Entwicklung - in der wir früher übrigens schon mal Weltspitze waren - wieder auf solide Füße.

Einen besonderen Fokus legen wir aber auch auf die Wasserstofftechnologie. Denn: Grüner Wasserstoff wird das Öl der Zukunft.

Zusammen mit dem Wirtschaftsministerium erarbeiten wir aktuell die Nationale Wasserstoffstrategie. Ich bin froh zu hören, dass sich auch die Gasnetzbetreiber schon ihre eigenen Gedanken machen. Wir brauchen internationale Wasserstoffpartner. So wie wir heute Öl und Gas aus vielen Ländern der Welt bekommen. Und da sich die Strukturentwicklung nicht von allein ergibt, werden Peter Altmaier und ich es nun in die Hand nehmen, diesen Prozess voranzutreiben.

Wir werden dafür sorgen, dass die Energiewende uns nicht nur hilft, unsere CO2-Ziele einzuhalten, sondern dass daraus neue Produkte und Dienstleistungen entstehen, die uns weltweit neue Absatzmärkte erschließen.

Ein Beispiel: Zusammen mit Thyssen-Krupp habe ich im letzten Jahr einen Elektrolyseur in Betrieb genommen, der aus den Hüttengasen der Stahlproduktion die CO2-Anteile rausfiltert, umwandelt und zur Wiedernutzung als synthetische Kraftstoffe oder als Düngemittel möglich macht. „Carbon2Chem“ heißt das Projekt.

Denn es gibt weltweit mehr als 50 Stahlhersteller, die dieses Verfahren – wenn es denn großskalig einsetzbar ist – nutzen können. Damit wir unsere Industrie in Deutschland halten können. Damit wir uns klimaschonend auf den Weg in die Zukunft machen können.

Drittens: Bioökonomie

Ebenso zukunftsweisend ist die Bioökonomie. Julia Klöckner und ich haben unsere gemeinsame Strategie gerade ins Kabinett eingebracht. Wir wollen eine echte Kreislaufwirtschaft: Turnschuhe aus Spinnenseide, Teppiche aus Maisstärke, Autoreifen aus russischem Löwenzahn.

All das gibt es schon. Ich hatte den Turnschuh aus Spinnenseide dabei, als wir im Kabinett die Bioökonomiestrategie beschlossen haben. Er erzeugte dort echte Aufbruchstimmung.

Und wenn das auch heute noch Nischenprodukte sind, die fasziniert angeschaut, aber doch noch ein wenig belächelt werden. Wir werden schnell feststellen, dass das die Produkte der Zukunft sind.

Über Tesla ist auch lange gelächelt worden. Seit ein paar Tagen ist der Börsenwert Teslas höher als der von VW. Natürlich ist es noch ein langer Weg. Aber wenn wir möchten, dass unsere Welt auch für unsere nachfolgenden Generationen noch lebenswert bleibt, dann müssen wir uns jetzt etwas zutrauen und genau diese Prozesse vorantreiben.

Viertens: Innovationskraft

Unsere Innovationskraft ist die Grundlage für unsere Wirtschaftskraft. Um sie weiter zu fördern, haben wir die steuerliche Forschungsförderung auf den Weg gebracht. Das war öffentlich nicht immer das heiß diskutierteste Thema.

Aber die steuerliche Forschungsförderung gehört zu den wichtigsten Investitionen in die Zukunft unseres Landes. Wir haben lange dafür gekämpft. Pünktlich zu Beginn des neuen Jahres ist sie in Kraft getreten. Forschende Unternehmen bekommen damit einen Rechtsanspruch auf Förderung – von bis zu 500.000 Euro pro Jahr.

So geben wir der deutschen Wirtschaft neue Impulse. Und zwar gerade auch kleinen und mittleren Unternehmen.

Innovationen, Forschung und Entwicklung dort zu stärken, wo unsere Kraftzentren sitzen - das ist mir persönlich ein Anliegen. Das ist unsere Art, dieses Land am Puls der Zeit zu halten.

Allein bis 2025 setzen wir dafür rund 5 Milliarden Euro ein. Bis dahin wollen wir – Bund, Länder und Wirtschaft – 3,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes in Forschung und Entwicklung investieren. Ein ehrgeiziges Ziel.

Und auch ein Ziel, dass wir nur gemeinsam erreichen können. Denn die Wirtschaft investiert den Löwenanteil. Dafür brauchen wir Sie, die Unternehmerinnen und Unternehmer.

Auch die weitere Vernetzung der Welt ist eine Riesenchance für deutsche Unternehmen. Gerade in Afrika und Asien sind unsere Produkte hoch angesehen. „Made in Germany“ ist ein Markenzeichen, mit dem wir nach wie vor wuchern können. Neue Märkte sind neue Absatzchancen.

Die Schwellenländer holen auf. Aber damit finden unsere hochinnovativen Produkte neue Nachfrage. Und wir brauchen Mitarbeiter, die die Menschen in anderen Kulturen verstehen und dort verkaufen können. Auch das ist eine Weiterbildung, die immer wichtiger wird.

Fünftens: Innovations- und Gründergeist

Wir leben in einer faszinierenden Zeit. Wir haben die Gelegenheit, Wirtschaft neu zu denken und traditionelle Geschäftsmodelle mit Kreativität und Leidenschaft zukunftsfähig zu machen.

Unsere Stärken sind unsere exzellente Forschungslandschaft, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine starke etablierte Wirtschaft. Unsere Schwäche ist eine ein bisschen zufriedene Trägheit, die wir momentan an den Tag legen.

Wir reden ein wenig zu oft über die Erfolge der Vergangenheit und ein wenig zu selten über tolle technologische Fortschritte und die Freude, daraus etwas aufzubauen und Geld damit zu verdienen.

Das dürfen wir angesichts des rasanten Wandels gern wieder ändern. Was wir brauchen ist eine Kultur des Wissens- und Technologietransfers, eine Kultur für Gründer mit innovativen Ideen, eine Gründerkultur. Eine solche Kultur müssen wir auch in unseren Forschungslaboren und unseren Bildungseinrichtungen fest verankern. Sie lebt von der Kreativität und Energie der Einzelnen. Und von den Netzwerken, in denen sich Gründer, Forscher, Nutzer und Förderer organisieren.

Wir wollen solche tragfähigen Forschungsnetzwerke aufbauen. Mit ihnen entsteht eine ganz neue Dynamik für Startups. Mit ihnen wollen wir auch das Gründungsgeschehen entschieden voranbringen.

Jüngstes Beispiel, wie solche Netzwerke von Morgen gefördert werden können, ist der Wettbewerb um die Zukunftscluster. Unter dem Motto „Clusters 4 Future“ werden in diesen Tagen von einer Experten-Jury die 15 besten Konzeptideen aus ganz Deutschland zur Förderung empfohlen. Aus ihnen soll eine neue Generation von Innovationsnetzwerken entstehen.

Netzwerke für Kompetenzen aus allen Fach- und Lebensbereichen einer Region. Damit exzellente Forschung den Alltag vieler schnell erreicht. 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir leben in einem Wohlstand wie keine andere Generation vor uns. Wir wollen, dass das so bleibt. Dafür müssen wir uns auf unsere Stärken besinnen: Wir können etwas. Wir leisten viel. Wir tragen Verantwortung.

Ich tue alles dafür, dass wir mit Bildung, Forschung und Innovation diese nächsten zehn Jahre zu den wirklich goldenen 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts machen.

Ich möchte, dass wir der Welt zeigen, dass sich ein freies, demokratisches Land wie Deutschland im globalen ökonomischen Wettbewerb behauptet.

Ich möchte, dass wir uns darauf besinnen, wer wir sind und was wir können.

Dieses Land ist stark wie nie. Wir brauchen Sie an unserer Seite. Nur gemeinsam werden wir es schaffen. Wir wollen es schaffen, wir können es schaffen, wir werden es schaffen.