"Deutschland muss ein Einwanderungsland sein"

Im Interview mit der Huffington Post sprach Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über Islamunterricht, Einwanderung und die politische Rolle der Generation Y.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview
Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, im Interview © BMBF/ Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut.

Huffington Post: Frau Ministerin Wanka, nach den Terroranschlägen in Frankreich sagten sie: “Die Bluttat von Paris fordert von uns eine Haltung dazu, welche Rolle Religion im staatlichen Bereich spielen soll.” Was meinten sie damit? Brauchen wir mehr Islamunterricht und zwar an allen Schulen, so wie es auch beim christlichen Religionsunterricht ist?

Johanna Wanka: So war es nicht gemeint. Es ist auf jeden Fall als ein Plädoyer für Bildung und Aufklärung zu verstehen. Damit ist nicht nur der Religionsunterricht, sondern Bildung insgesamt gemeint. Bildung über Religion, Wissen im Umgang mit Religion kann zu mehr Toleranz und zur Akzeptanz des jeweils anderen führen.

HuffPost: Bräuchten wir denn allgemein mehr islamische Themen in den Bildungseinrichtungen?

Wanka: Ich denke schon. Das gehört mit zum Wissen über den anderen. Es wird ja zum Beispiel viel über den Koran behauptet. Diesen Äußerungen kann aber nur begegnet werden, wenn aufgeklärt wird und die möglichen Fehlinterpretationen entkräftet werden.

HuffPost: Studien zeigen, dass Schüler und Studenten mit ausländischen Namen weitaus häufiger diskriminiert werden, als ihre Schulkameraden mit vermeintlich deutschen Namen. Wäre es nicht sinnvoll, das Thema Toleranz an Schulen noch intensiver zu behandeln?

Wanka: Der Sachverständigenrat hat festgestellt, dass es solche Formen von Benachteiligung bei Bewerbungen durchaus gibt. Dies muss an Ort und Stelle angegangen werden. Was Toleranz insgesamt angeht, sind wir in Deutschland aber besser als unser Ruf.

HuffPost: Ja?

Wanka: Es kommt ja nicht von ungefähr, dass wir mittlerweile das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt sind. Wir haben derzeit 2,7 Millionen Studierende, 12 Prozent davon stammen aus dem Ausland. Damit liegen wir auf Platz 3 der beliebtesten Studienländer.

HuffPost: Das liegt vielleicht auch daran, dass die Wirtschaft in Deutschland so brummt.

Wanka: Es gab auch Zeiten, in denen die Wirtschaft gebrummt hat, aber wenige Einwanderer zu uns kamen. Wie gesagt, wir sind mittlerweile besser als unser Ruf. Daran, dass unser Ruf früher nicht so gut war, sind wir selbst schuld. Es gab viele Jahre, in denen wir die Türen verschlossen und gesagt haben: Wir brauchen keine Einwanderung. Das hat sich geändert.

HuffPost: Konkret?

Wanka: Ein Beispiel: Wir haben vom Bund aus ein Gesetz gemacht, das die Bildungsleistungen von Einwanderern anerkennt. Einwanderer haben nun einen Rechtsanspruch darauf, dass bereits erworbene Berufsabschlüsse in Deutschland auch bewertet werden. Das gibt es sonst in keinem anderen europäischen Land. Das sind Maßnahmen, mit denen wir Zuwanderern signalisieren: Wir wollen Euch für Deutschland gewinnen.

HuffPost: War es, auch aus bildungspolitischer Sicht, ein Fehler zu sagen, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist?

Wanka: Ja, es war ein Fehler zu sagen, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist. Weil wir ein Einwanderungsland sein müssen. Ohne Zuwanderung könnten wir durch die demografische Entwicklung gar nicht den Wohlstand erhalten, wir brauchen Fachkräfte.

HuffPost: CDU-Generalsekretär Peter Tauber wurde vor kurzem von der Fraktionsspitze zurückgepfiffen, als er für ein Einwanderungsgesetz plädierte.

Wanka: Aber es ging nicht mehr darum, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Es ging um die Frage, ob wir vor dem Hintergrund der vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten ein neues Gesetz brauchen. Das bedeutet ja auch Regulierung und kann möglicherweise neue Hürden aufbauen

HuffPost: Aber der Vorwurf ist ja, dass es für einen Ingenieur schwieriger ist nach Deutschland zu kommen als für einen Flüchtling.

Wanka: Ingenieure haben viele Möglichkeiten nach Deutschland zu kommen, etwa über die Blue Card, für die wir die Einkommensgrenzen abgesenkt haben. Was die Anerkennung von Berufsabschlüssen bei den Ingenieuren angeht, muss man differenzieren. Für den Beruf des Ingenieurs sind die Länder zuständig, und da gibt es leider Bundesländer, die in diesem Fall kein Landesgesetz zur Anerkennung auf den Weg gebracht haben.

HuffPost: Eine Kölner Schülerin hatte Mitte Januar mit einen Tweet eine Diskussion darüber ausgelöst, was Schule leisten soll: Sie könne eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben, habe aber keine Ahnung von Steuern. Glauben Sie, dass Schule zu theoretisch ist?

Wanka: Ich finde jedenfalls Alltagsbildung wichtig. Es gibt Kinder, die können sich mittags eine Pizza in den Ofen schieben, haben aber wenig Ahnung von Ernährung. Früher gab es in der Schule den Hauswirtschaftsunterricht, das klingt altbacken, so nach Sticken und Handarbeit. Aber Unterricht auch zu alltagskundlichen Themen kann für die Schüler motivierend sein. Sie lernen hier wirklich fürs praktische Leben. Das richtet sich nicht gegen Gedichtinterpretationen oder Mehrsprachigkeit. Aber es wäre eine gute Ergänzung.

HuffPost: Könnte man beim Thema „Alltagskunde“ denn auch Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten Starthilfe fürs Studium geben?

Wanka: Das passt nicht, dafür gibt es bessere Möglichkeiten. Meine Eltern waren ja auch keine Akademiker, ich gehöre in meiner Familie der ersten Generation an, die studiert hat. Da spielen sehr viele traditionelle Einflüsse eine Rolle: Zum Beispiel, dass Eltern dazu tendieren, ihren Kindern den Berufsweg zu empfehlen, den sie kennen. Eine Lehre etwa. Und diese Mechanismen wird man auch nicht durch Belehrung abschaffen können.

HuffPost: Sondern?

Wanka: Was hilft ist Beratung, beispielsweise durch die Initiative arbeiterkind.de. Und wir haben viel für die Durchlässigkeit getan: Seit einigen Jahren kann man in Deutschland studieren, wenn man entsprechende berufliche Praxis vorweisen kann. Auch ohne Abitur. Auf diese Weise werden junge Menschen nicht schon früh gezwungen, sich für einen Weg zu entscheiden. Wir haben das auch beim Deutschlandstipendium gemerkt: Eltern sind sehr stolz auf ihre Kinder, wenn sie merken, dass sie sich im Studium richtig gut behaupten können.

HuffPost: Eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young hat im Sommer gezeigt, dass junge Menschen heute lieber in den öffentlichen Dienst gehen als in die Wissenschaft. Die Leute würden lieber einen Job in ihrem Ministerium annehmen als in der Wissenschaft zu arbeiten. Was würden Sie jungen Menschen raten?

Wanka: Beide Wege sind attraktiv. Klar, die Vorteile des öffentlichen Dienstes liegen auf der Hand: Der Arbeitsplatz ist sicher, und auch die soziale Absicherung stimmt. Darüber hinaus gibt es viele spannende Aufgaben hier, auch für Wissenschaftler. Ich finde es gut, dass wir im öffentlichen Dienst eine gute Bewerbersituation haben. Aber auch die Wissenschaft bietet viele Chancen.

HuffPost: Vollstes Verständnis. Aber gefährden wir nicht die Zukunft des Landes, wenn junge Menschen vor den Arbeitsbedingungen an den Universitäten fliehen?

Wanka: Wir haben großen Zulauf an den Hochschulen. In den vergangenen Jahren gab es einen großen Zuwachs an wissenschaftlichem Nachwuchs. Die meisten waren befristet, was im Sinne eines wissenschaftlichen Austausches auch gewollt ist. Was aber nicht geht, ist die in vielen Fällen viel zu kurze Dauer der Verträge. Hier brauchen wir eine Orientierung an den tatsächlichen Notwendigkeiten, beispielsweise der Dauer einer Promotion. All das wollen wir durch eine Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ändern. Und auch Daueraufgaben können nicht über Zeitverträge erledigt werden.

HuffPost: Müsste man nicht auch dafür die Regel außer Kraft setzen, wonach jede Befristung im öffentlichen Dienst nach maximal 12 Jahren endet? Viele junge Wissenschaftler müssen derzeit für den Fall planen, dass sie mit Ende 30 auf der Straße sitzen könnten.

Wanka: Ohne Befristung wird es in der Wissenschaft, wo sich Forschungsthemen schnell ändern können, nicht gehen. Der entscheidende Punkt ist, dass wir von zu kurzen Befristungen wegkommen und planbare Karrierewege öffnen.

HuffPost: Ihr Ministerium hat eine Studie veröffentlicht, in der nach den Einstellungen der Studenten gefragt wurde. Etwa die Hälfte der deutschen Studenten glaubt, dass es in Deutschland zu viele Ausländer gebe. Ein großer Teil hält sich selbst für unpolitisch. Halten sie diese Einstellungen für gefährlich?

Wanka: Es ist besorgniserregend, dass sich immer weniger Studenten politisch engagieren. Schlimmer finde ich es fast noch, dass mehr als 30 Prozent derer, die einmal Führungspositionen einnehmen können, Politik für „nicht wichtig“ halten. Ich würde mir wünschen, dass Studenten nicht nur Spitze in Betriebswirtschaft oder in Elektrotechnik sind, sondern dass sie auch Verantwortung für die Zukunft dieses Landes übernehmen.

Ist die Generation Y zu stromlinienförmig?

Wanka: Das kann man nicht sagen. Aber die Prioritätensetzung auf Work-Life-Balance, Lebensqualität und das Private darf nicht zulasten eines Einsatzes für unsere gemeinsame Zukunft gehen.

Das Interview führten Cherno Jobatey und Sebastian Christ.