Deutschlands Küsten sicher machen

Wie können die Küsten an Nord- und Ostsee trotz des Klimawandels nachhaltig genutzt werden? Für einen effektiven Küstenschutz entwickeln Forscher verschiedene Strategien, gefördert vom Bundesforschungsministerium.

Schafe in Ostfriesland
Schafe in Ostfriesland © Thinkstock

„Nur wer an der Küste wohnt, kann die Angst vor der Nordsee wirklich nachvollziehen“, sagt Michael Kleyer, Landschaftsökologe an der Universität Oldenburg. Die Haltung der Menschen dort sei geprägt durch die Sturmfluten. Auch deshalb sei die Bevölkerung in das Verbundforschungsprojekt COMTESS eng einbezogen worden.

Der Meeresspiegel steigt, Sturmfluten nehmen zu

Wie, kann das Land an der Nord- und Ostsee in Zukunft nachhaltig genutzt werden, wenn der Meeresspiegel steigt sowie Häufigkeit und Intensität von Sturmfluten zunehmen? Zumal, was noch schwerer wiegt, wenn es im Winter mehr und im Sommer weniger regnet? Denn dies wird die Binnenlandentwässerung noch schwieriger gestalten als sie derzeit ohnehin ist.

Drei Szenarien wurden entwickelt, die nun mit den Daten des Weltklimarates durchgespielt werden: Forscher untersuchen zum einen, wie die gegenwärtige Nutzung, also die Milchviehhaltung und Grünlandbewirtschaftung, Bestand haben kann. Noch findet das überschüssige Wasser über Siele ins Meer oder es wird abgepumpt. Es besteht allerdings kein Zweifel, dass der Grundwasserspiegel auf Dauer nicht mehr überall reguliert werden kann, ohne dass die Pumpkosten enorm steigen.

Polder mit Schilf bepflanzen

Eine weitere Lösung wäre, das Wasser nicht sofort ins Meer abzuführen, sondern in Poldern zwischen zu speichern. So würde Süßwasser zurückgehalten, das während der Trockenperioden genutzt werden könnte. Die dritte Möglichkeit sieht vor, den Polderbereich mit Schilf zu bepflanzen, der zur Torfbildung beiträgt. Daraus könnte Bioenergie gewonnen werden.

Den Forschern war es wichtig, die Landnutzer für diese Themen zu sensibilisieren und sie selbst nach Vorschlägen zu fragen. „Das Ergebnis der Befragung war eine Mischung aus den Lösungen, die die Forscher präsentiert haben“, sagt Kleyer. Nun sei zu klären, welcher Ansatz der Beste ist.

Regen und Temperatur vorhersagen

Um das zu bewerten, nutzen Forscher die Vorhersagen für Regen und Temperatur, die bis zum Jahr 2100 vorliegen, und berechnen, wann und wo auf den insgesamt 5000 verschiedenen Einzelflächen mit welcher Vegetation zu rechnen ist – immer abhängig vom Grundwasserspiegel. Dann wird abgewogen, welche Anpassungsmaßnahmen den Menschen welche Möglichkeiten bieten. Unter dem Stichwort „Ökosystem-Dienstleistung“ priorisieren Forscher die jeweiligen Erträge für die Bevölkerung: etwa Nahrungsproduktion gegenüber Wassermanagement gegenüber Kohlenstoffabscheidung.

„Dadurch, dass die Diskussion von Anfang an geöffnet wurde, konnten auch schon viele Experten in öffentlichen Ämtern mit den Problemen vertraut gemacht werden“, erzählt Kleyer. Dies sei nicht zu unterschätzen, denn gerade jene Experten spielten bei den ausstehenden politischen Entscheidungsprozessen eine erhebliche Rolle. Geplant ist zudem eine Wanderausstellung zum Forschungsprojekt, um auch weiterhin die Bevölkerung über die Veränderungen umfassend zu informieren.

COMTESS - Strategien zum Küstenschutz

Küstenschutzstrategien hinsichtlich ihrer ökologischen, soziologischen und ökonomischen Folgen stehen im Mittelpunkt des Verbundforschungsprojekts COMTESS (Sustainable COastal Land Management: Trade-offs in EcoSystem Services), das vom Bundesforschungsministerium im Förderschwerpunkt „Nachhaltiges Landmanagement“ im Zeitraum 2011 bis 2015 mit 3,3 Mio. Euro gefördert wird. Koordiniert wird das Projekt von der Arbeitsgruppe Landschaftsökologie der Universität Oldenburg.