DFG-Symposium „Perspektivenwandel durch Migration?“

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, am 5. Mai 2015 im Universitätsclub der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Laurence Chaperon

Es gilt das gesprochene Wort.

Frau Staatsministerin Özoguz,
Herr Dr. Bülbül,
Herr Botschafter Karslioglu
Herr Professor Acar,
Herr Professor Hoch,
Herr Oberbürgermeister Nimptsch,
Frau Dzwonnek,
Herr Professor Strohschneider,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, heute hier zu Ihnen sprechen zu können. Dieses Symposium wird von der DFG gemeinsam mit dem Orient-Institut Istanbul im Rahmen des Deutsch-Türkischen Jahres der Forschung, Bildung und Innovation organisiert. Es ist das zweite Symposium einer Reihe – Teil eins wurde bereits erfolgreich im Oktober 2014 in Istanbul durchgeführt – und widmet sich einem für uns überaus wichtigen Thema: dem möglichen Perspektivwandel, den Chancen also, die für unsere Gesellschaft durch Migration entstehen.

In der „Migration liegt ein ganz besonderes ‘kulturelles Kapital‘“, so lautet der Kernsatz der Studie „Internationale Mobilität und Professur1“, in der die Humboldt-Universität Berlin und das INCHER [International Centre for Higher Education Research] Kassel belegen, welchen spezifischen Beitrag Menschen mit Migrationshintergrund zur Leistungssteigerung des Wissenschaftssystems in Deutschland leisten. Anhand der Karriereverläufe von Professorinnen und Professoren an deutschen Hochschulen, die eine andere Staatsbürgerschaft als die deutsche haben oder hatten, entwirft die Studie ein Bild von der Komplexität und Vielfalt mobiler Wissenschaftskarrieren in unserer Zeit. Eine jede hat ihre eigene Geschichte, die sich nicht auf den Aspekt der Einwanderung reduzieren lässt, aber in ihren jeweiligen Mobilitäts- und Migrationserfahrungen einen biographischen Mehrwert generiert, der für unsere Hochschulen von allergrößtem Wert ist. Denn eines haben diese vielfältigen transnationalen Bildungs- und Berufsverläufe gemeinsam: Ihre Vertrautheit mit mehreren Kulturen und ihre Fähigkeit, sowohl Vielfalt zu integrieren als auch Differenz gelten zu lassen und produktiv zu machen, schaffen einen besonderen Raum für Austausch, Kreativität und Innovation, der sich nicht in der eindimensionalen Bindung durch die Staatsbürgerschaft erschöpft. Internationale Professorinnen und Professoren fördern intensiv den internationalen wissenschaftlichen Nachwuchs. Ihre Forschungsaktivitäten sind in besonderem Maße international ausgerichtet. Sie publizieren häufiger im Ausland und mit Kolleginnen und Kollegen, die im Ausland tätig sind; sie verzeichnen mehr „fremdsprachige“ Publikationen. Sie verfügen über größere internationale Netzwerke und sie sind häufiger an internationalen Hochschulkooperationen beteiligt. Sie gehören somit zu den wichtigsten Trägern der Internationalisierung unserer Hochschulen.

In durchaus ähnlicher Weise werden auch die reichen soziokulturellen Bezüge von Menschen produktiv, die in Deutschland mit diversen Migrationshintergründen geboren sind und eine akademische Laufbahn einschlagen. Wir müssen diese Karrieren noch besser als bisher ermöglichen und die Fähigkeiten dieser Menschen für die Wissenschaft gewinnen.

Die Studie „Bildung, Milieu und Migration“2 der Universität Düsseldorf und der Vodafone Stiftung beschäftigt sich mit Erfolgsfaktoren von Bildungsverläufen. Auch sie identifiziert besondere Ressourcen, die Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen. Zu den erfreulichen Stärken unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund zählen die Offenheit für kulturelle Vielfalt, die Mehrsprachigkeit, Flexibilität, mutige Innovationsbereitschaft und hohe Frustrationstoleranz. Das sind wichtige Kompetenzen in der heutigen Zeit.

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein weiteres gemeinsames Forschungsprojekt erwähnen, das vom BMBF gefördert und gemeinsam von der Universität Hohenheim in Kooperation mit der Dokuz Eylül Universität in Izmir durchgeführt wurde. Die Studie „Re-Migranten im Deutsch-Türkischen Innovationsnetzwerk“ zeigt, dass besonders klein- und mittelständische Unternehmen von qualifizierten Deutsch-Türken profitieren können. Deren sozialen Beziehungen zu Freunden, Familienangehörigen, Kollegen und Mitgliedern von Organisationen oder Vereinen entstehen durch Kontakte innerhalb beider Länder. Diese „Grenzgänger“ tragen und transferieren Wissen und Kompetenzen zwischen beiden Volkswirtschaften und schaffen so buchstäblich Gewinn für ihre Unternehmen.

Meine Damen und Herren, am 12. März wurde das Deutsch-Türkische Jahr der Forschung, Bildung und Innovation in einer feierlichen Veranstaltung in Ankara unter Anwesenheit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Frau Prof. Wanka und des türkischen Ministers für Wissenschaft, Industrie und Technologie Herrn Fikri offiziell abgeschlossen. Dieses Wissenschaftsjahr war beredter Ausdruck der Intensität, Dynamik und Vielschichtigkeit unserer Beziehungen in Bildung und Forschung. Zu seinem Auftakt im Januar 2014 in Berlin konnten mein Haus und unser türkisches Partnerministerium in einer bilateralen Vereinbarung thematische Weichen stellen, die über das Wissenschaftsjahr hinaus wirken werden. Drei Zukunftsbereiche werden unsere Kooperation auch weiterhin strukturieren: die anwendungsnahe Forschung in Schlüsseltechnologien, die Herausforderungen des globalen Wandels und die Erforschung von Prozessen des gesellschaftlichen Wandels.

Ich freue mich sehr darüber, dass in diesem Jahr zahlreiche neue Kooperationen und Netzwerke entstanden sind und bestehende vergrößert und gestärkt wurden. Auf diese Erfolge gilt es in der Zukunft weiter aufzubauen.
Bis heute haben über 200 Veranstaltungen im Rahmen des Deutsch- Türkischen Wissenschaftsjahres stattgefunden, darunter zahlreiche an deutschen Hochschulen im Rahmen der Türkei- Wochen im letzten Jahr sowie die Eröffnung der Türkisch-Deutschen Hochschule, der TDU, in Istanbul. In zwei Ideenwettbewerben, die das Herzstück der Initiative bildeten, wurden von der Türkei und Deutschland über 100 Projekte realisiert und mit insgesamt etwa zwei Millionen Euro gefördert. Im laufenden Jahr haben wir eine neue deutsch-türkische Ausschreibung für Forschungsprojekte mit Beteiligung von Unternehmen, eine sogenannte „2+2“ Ausschreibung auf den Weg gebracht. 133 Projektanträge, die wir hierfür erhielten, belegen das enorme Interesse an deutsch-türkischen Forschungsvorhaben.

Das Wissenschaftsjahr stand unter dem Motto „Sience Bridging Nations“ – und neue Brücken haben wir gebaut:
14 Brücken zwischen der Türkei und Deutschland. Brücken zwischen der Wissenschaft, der Wirtschaft und den Gesellschaften unserer Länder; Brücken zwischen einzelnen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Die Menschen in unseren Ländern – Forscher, Lehrende, Studierende oder Menschen der Zivilgesellschaft – sind die tragenden Säulen dieser Brücken. Wir finden diese Träger der Kooperation in den eingangs erwähnten Bildungsbiographien mit Migrationshintergrund, in internationalen Wissenschaftskarrieren, in der Mobilität von Forscherinnen und Forschern oder einfach im alltäglichen Austausch bei gemeinsamem Lernen, Lehren und Forschen. Ihnen, liebe Teilnehmer dieses Symposiums, möchte ich stellvertretend für alle, die sich mit Herz und Hirn für das deutsch-türkische Jahr der Wissenschaft engagiert haben, dazu gratulieren und dafür danken, dass Sie es zu einem so großen Erfolg gemacht haben. Ganz besonders freut es mich, dass zahlreiche Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler maßgeblich daran beteiligt waren. Diese jungen Menschen sind unser Kapital für die Zukunft. Sie werden im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn weitere Brücken zwischen der Türkei und Deutschland bauen und unsere enge Forschungs- und Bildungskooperation in die Zukunft tragen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, unsere verstärkten Bemühungen um die deutsch-türkische Zusammenarbeit im vergangenen Jahr ordnen sich in die strategische Ausrichtung unserer internationalen Kooperation in Bildung und Forschung ein. Aufstrebende Wissenschafts- und Wirtschaftsnationen wie die Türkei investieren gezielt in Forschung und Bildung. Sie sind damit starke Wettbewerber, aber auch zugleich wichtige Partner unserer international orientierten Forschungs- und Innovationspolitik geworden.

Deutschland hat den internationalen Wettbewerb angenommen und sein Innovationssystem mit Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie mit Konzepten der Politikgestaltung gestärkt. Die Bundesregierung investiert in dieser Legislaturperiode zusätzlich neun Mrd. Euro in Bildung und Forschung und setzt damit klare Prioritäten für Investitionen in die Zukunft. Kein anderer Politikbereich kann einen solchen Mittelaufwuchs für sich verbuchen. Internationalisierung zieht sich als strategische Querschnittsaufgabe durch alle zentralen Elemente unserer nationalen Politik zur Stärkung von Forschung, Bildung und Innovation. Ich möchte vor allem die Hightech-Strategie mit ihren Zukunftsfeldern nennen, die Exzellenz-Initiative, den Pakt für Innovation und Forschung sowie den Hochschulpakt 2020.

Meine Damen und Herren, wir alle wissen, dass es für die globalen Herausforderungen keine Insellösungen gibt. Mit unserer sich stetig an den sich wandelnden Bedarf anpassenden Internationalisierungsstrategie tragen wir dazu bei, Lösungen zu den dringendsten Menschheitsfragen zu finden. Zugleich gestalten wir den Wandel zur Wissensgesellschaft der Zukunft. Gemeinsam mit unseren internationalen Partnern haben wir teil an der globalen Produktion und Verwertung von Wissen. Durch den Transfer von Wissen in Innovation schaffen wir die Grundlage für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und Wohlstand. In diesem Kontext stehen auch unsere aktuellen Anstrengungen zur weiteren Internationalisierung unserer Cluster. Internationale Zusammenarbeit liegt mitten im Zentrum unserer gesellschaftlichen Entwicklung, und die Innovationssysteme unserer leistungsfähigen Partnerländer profitieren ebenso wie wir von Zusammenarbeit und Austausch.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir sprachen zu Beginn vom kulturellen Kapital, das sich buchstäblich mit Migration bewegt. Wir wollen und müssen es künftig noch besser fördern, und verschiedene bundesweite Initiativen meines Hauses widmen sich diesem Ziel.

Erfreulicherweise hat sich die Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren verbessert. Sie erreichen immer häufiger höhere Schulabschlüsse. So erwarben 2004 9% der Jugendlichen mit Migrationshintergrund die allgemeine Hochschulreife, 2012 waren es immerhin 16%. Bei 15-jährigen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ist die Kompetenz in Mathematik zwischen 2003 und 2012 um 24 Prozent gestiegen. Das entspricht dem Lernfortschritt eines ganzen Schuljahres. Im Vergleich dazu betrug der Leistungszuwachs bei Schülern ohne Migrationshintergrund lediglich 4%. Das zeigt, Schüler mit Migrationshintergrund holen auf.

Wir setzen bei den „Kleinsten“ an, um die Kenntnisse der deutschen Sprache zu verbessern. Sprache ist eine Schlüsselkompetenz zum Erlernen weiterer Fähigkeiten und daher Grundvoraussetzung für schulischen und weiteren Erfolg im Leben. In diesem Zusammenhang ist es positiv zu bewerten, dass immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund eine Kindertagesbetreuung besuchen. Gemeinsam mit den Ländern entwickeln wir Angebote der Kindergärten und Schulen zur Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung in der Initiative "Bildung durch Sprache und Schrift" weiter.

Besonderes Augenmerk legen wir darüber hinaus auf den Lebensabschnitt nach der Schule. Die Initiative „Bildungsketten“ bietet Schülerinnen und Schülern individuelle Unterstützung bei der Berufsorientierung noch vor dem Ende der Schulzeit und Begleitung bis zum Erreichen des Ausbildungsabschlusses und damit einer vollwertigen beruflichen Qualifizierung. Seit April 2008 hat mein Haus rund 335 Millionen Euro in diese und ähnliche
Berufsorientierungsmaßnahmen investiert. Davon konnten rund 740.000 Schülerinnen und Schüler profitieren. Grundsätzlich steht das Angebot der „Bildungsketten“ allen jungen Menschen offen. Evaluierungen haben aber gezeigt, dass junge Migrantinnen und Migranten überproportional von diesem Ansatz profitieren (mehr als 50% der Jugendlichen, die an der Berufseinstiegsbegleitung teilnehmen, haben einen Migrationshintergrund).

Mit der KAUSA3-Initiative sprechen wir dagegen gezielt Jugendliche, Eltern und Unternehmer mit Migrationshintergrund sowie Migrantenorganisationen an. Die KAUSA-Servicestellen ermöglichen eine optimale Vernetzung von Kammern und Jobcentern mit den Unternehmen. Derzeit kümmern wir uns vor allem um den Aufbau von bleibenden Strukturen in und mit Regionen, die einen hohen Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund aufweisen. Im letzten Jahr konnten die ersten 6 Servicestellen starten. Wir haben uns entschieden, diese Zahl in diesem Jahr noch einmal mehr als zu verdoppeln. Allein hier investieren wir knapp 5 Millionen Euro.

Mein letztes Beispiel ist das so genannte Anerkennungsgesetz, mit dem wir im Ausland erworbene Qualifikationen in Deutschland nutzbar machen. Die Zahlen des statischen Bundesamtes belegen, dass es sich von Anfang an als gutes Instrument zur Fachkräftesicherung bewährt hat. Insgesamt wurden bis Ende 20134 26.500 Anträge auf Anerkennung eines ausländischen Bildungsabschlusses in Deutschland gestellt – eine beachtliche Zahl. Erfreulich ist, dass rund 75 % der Anträge positiv beschieden wurden. Das ist ebenso gut für die Antragstellerinnen und Antragsteller wie für Deutschland. Unser Land braucht die Qualitäten und Qualifikationen von Menschen, die in unserer Einwanderungsgesellschaft heimisch geworden sind.

Diese Beispiele zeigen: Wir haben gute Angebote, wir sind auf dem richtigen Weg. Aber natürlich dürfen und wollen wir uns noch lange nicht ausruhen. Wir haben die Zukunftschancen der jungen Generation – unabhängig von ihrer Herkunft – fest im Blick. Das ist ein Perspektivwandel, der sich belegen lässt und der uns allen nutzt.

Wir wissen, dass Eltern in Schulen bessere Beratungs- und Begleitungsangebote wünschen; dass sprachliche Förderung nicht immer dem Bedarf entspricht, den Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund einfordern und dass der Bildungswille von Eltern und Schülern mit Migrationshintergrund noch immer auf zahlreiche Barrieren stößt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wird sich auch künftig mit größtem Engagement dieser Themen annehmen. Sie liegen in der Mitte unserer Gesellschaft, und sie bedürfen deshalb weiterer und noch stärkerer Anstrengungen unserer ganzen Gesellschaft. Es geht um die Zukunftschancen der jungen Generation, und es geht um die Zukunft des Landes, in dem wir gemeinsam leben.

Ihr Symposium trägt dazu bei, Handlungsleitungen für die Gestaltung der gesellschaftspolitischen Herausforderungen von Migration und Integration auf eine wissenschaftlich fundierte Basis zu stellen. Ich möchte allen Anwesenden drei erfolgreiche Tage und einen fruchtbaren Austausch wünschen. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse und hoffe, dass der gemeinsame Diskurs von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland und der Türkei über das Symposium selbst und das Deutsch-Türkische Wissenschaftsjahr hinaus anhält und uns noch wichtige Erkenntnisse vermittelt.