DFKI: 30 Jahre Forschung für Künstliche Intelligenz

„Es ist wichtig für unseren Fortschritt, dass es immer wieder Menschen gibt, die das scheinbar Unmögliche verfolgen“, sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bei der Jubiläumsfeier des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz.

"Wichtig ist bei KI, dass wir unseren eigenen Weg gestalten und uns sich nicht von überzogenen Erwartungen treiben lassen", sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

© BMBF / Hans-Joachim Rickel

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (MdB), anlässlich der Festveranstaltung "30 Jahre DFKI" am 17. Oktober 2018 in Berlin.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin Dreyer,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident Hans,

sehr geehrter Herr Präsident Sieling,

sehr geehrter Herr Bundesminister Altmaier,

sehr geehrter Herr Professor Wahlster,

sehr geehrte Damen und Herren!

kürzlich wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel von dem Roboter Sophia gefragt, welches Mitglied ihres Kabinetts sie mit einem Roboter ersetzen könnte. Sie hat kurz überlegt – aber sowohl Peter Altmaier als auch mich verschont! Deshalb können wir auch heute beide hier sein. Wie immer diplomatisch erklärte sie, dass ihr alle Kabinettskollegen – als Menschen – lieb seien, man aber gerne einen extra Stuhl für den künstlich-intelligenten Minister an den Tisch schieben könnte. Ich bin also gespannt, wann es soweit ist.

Denn auch in der Politik scheint es Platz für Künstliche Intelligenz zu geben.

Jedenfalls trat in Japan im April erstmals ein „AI-Mayor“ zu einer Bürgermeisterwahl an. Sein Entwickler behauptet, der Roboter könne 80 Prozent der Arbeiten eines menschlichen Bürgermeisters übernehmen. Ob hierzulande ausgerechnet Kommunalpolitik rein rational ohne menschliche Emotionen funktionieren könnte – zugegeben, ich habe da noch Zweifel.

Dennoch ist es wichtig für unseren Fortschritt, dass es immer wieder Menschen gibt – ob Forscher, Unternehmer oder Politiker, die das scheinbar Unmögliche mit viel Ernsthaftigkeit verfolgen. Denn wie schon Max Weber feststellte: „Alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreicht hätte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre.“

Dass wir heute in Deutschland auf 30 Jahre erfolgreiche Forschung zur Künstlichen Intelligenz am DFKI zurückblicken können, das verdanken wir visionären Wissenschaftlern wie Ihnen, Herr Professor Wahlster.

Das verdanken wir auch engagierten Politikern wie Professor Riesenhuber, damals Bundesminister für Forschung und Technologie.

Zuweilen wird behauptet, die Politik sei erst mit dem letzten Regierungswechsel auf KI aufmerksam geworden. Das ist eine sehr kühne Behauptung, da wir am Thema schon sehr lange dran sind. Die Gründung des DFKI vor 30 Jahren war nicht nur ein wissenschaftlicher Meilenstein, sondern schon damals auch eine politische Initiative.

Und selbstverständlich verdanken wir den Fortschritt bei KI auch den zahlreichen innovativen Unternehmen, die das DFKI unterstützen.

Ich habe jetzt zwei Namen aus den Gründungszeiten hervorgehoben, wohl wissend, dass im Laufe der Jahrzehnte sich sehr viel mehr Menschen um das DFKI verdient gemacht haben, die ich natürlich in meinen Dank einschließe.

I.

Wie visionär die Pioniere des DFKI waren, wird klar, wenn man den Blick zurück ins Gründungsjahr wirft. 1988 war Künstliche Intelligenz noch eine Nischendisziplin. Sehr sehenswerte Science Fiction Filme wurden von KI inspiriert, aber auf den gelebten Alltag hatte sie kaum Einfluss. Auf Autofahrten suchte man noch mit Faltkarten nach dem richtigen Weg. Zur Rechtschreibkorrektur befragte man den Duden. Übersetzungsprogramme lieferten oft sehr lustige Ergebnisse. Das Internet gab es zwar schon – das World Wide Web folgte aber erst später.

Seither hat sich sehr viel bewegt. Künstliche Intelligenz hat nicht nur ein hohes Forschungsniveau erreicht, sondern ist im Alltag angekommen. So hilft Künstliche Intelligenz mittlerweile bei jeder Suchanfrage. Computerprogramme können von einer Sprache in die andere übersetzen und besser Schach spielen, als wir Menschen. Autos können selber einparken und sollen bald autonom im Straßenverkehr fahren können. Dadurch hat sich auch die Wahrnehmung von Künstlicher Intelligenz radikal gewandelt.

Mittlerweile gilt Künstliche Intelligenz als zentrale wirtschaftliche und gesellschaftliche Schlüsselkompetenz für die Zukunft von Arbeit, Gesundheit, Mobilität, Bildung, Produktion, Finanzen und vieles mehr. Das Interesse ist entsprechend intensiv, aber auch die Sorge, dass Künstliche Intelligenz unser Leben irgendwann dominieren könnte.

Deutschland ist bei der Erforschung der KI-Verfahren gut aufgestellt. Herr Professor Wahlster hat die Erfolge in der Forschung und im Transfer eben eindrucksvoll beschrieben.

Natürlich stehen wir weiterhin in einem harten Wettbewerb. USA und China sind zwei vitale Wettbewerber. Deshalb müssen wir weiter in KI investieren. Und zwar nicht nur als Staat!

Auch Wirtschaftsunternehmen sind gefragt. Aber auch Forschungseinrichtungen: Wir brauchen bei KI den notwendigen Transfer! Besser heute als morgen.

Die enormen Datenschätze, die derzeit angesammelt werden, sei es in der Produktion oder in der Medizin, lassen sich bald nur noch mit Hilfe von KI heben. Wir brauchen jetzt Mut und visionäre Kraft, um neue Geschäftsmodelle auf den Weg zu bringen.

Hier hat das DFKI eine Schlüsselposition inne. Denn es verbindet Grundlagenforschung mit anwendungsnaher Forschung. Mit Ihren hervorragenden Kontakten in die Industrie wirken Sie als Transfer- und Beratungseinrichtung für Unternehmen. Und mit der organisatorischen Nähe zu den Universitäten an den Standorten Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin wirken Sie unmittelbar auf die akademische Lehre.

Vernetzung und Transfer sind auch Kernpunkte der KI-Strategie der Bundesregierung, die wir zum Digitalgipfel in Nürnberg vorlegen werden.

Fünf Punkte will ich Ihnen heute nennen, die unsere Arbeit dominieren:

Erstens, wollen wir die nationale und europäische Forschungslandschaft stärken und besser vernetzen:

Der Anfang ist gemacht: Vier Kompetenzzentren sind benannt. Weitere werden folgen. Alles in allem geht es darum ein schlagkräftiges Konsortium auf deutscher Seite zu etablieren. Der nächste Schritt ist eine bilaterale Kooperation. Ein Schwerpunkt soll das deutsch-französische Netzwerk für KI werden.

Aber auch mit Kanada möchte ich KI-Kooperationen stärken. Denn es gilt einerseits, Forschung und Innovationen gemeinsam voranzutreiben. Und andererseits für die demokratische Welt auch gemeinsame regulatorische Ansätze und ethische Standards für KI zu etablieren.

Zweitens, müssen wir in Deutschland und Europa das weltweit führende Niveau sein:

Für besonders relevante Branchen wollen wir Schwerpunkte bilden: etwa für Autonomes Fahren, für Smart-Home-Anwendungen oder auch für Medizintechnik, Prothetik und Assistenzsysteme in der Pflege. Wichtig ist, den Mittelstand noch stärker einzubeziehen, etwa durch Zusammenarbeit in Reallaboren und Experimentierräumen.

Drittens, müssen wir die Gründungsdynamik im KI-Bereich stärken:

Wir brauchen Cluster aus Wirtschaft und Wissenschaft und viele Ausgründungen aus Kompetenzzentren. Auch prüfen wir in der Bundesregierung weitere Möglichkeiten, etwa über das EXIST-Programm zu fördern oder einen TechGrowth-Fund aufzulegen.

Viertens, gehört zur Innovationsförderung auch, die entsprechenden Fachkräfte auszubilden, anzuwerben und in Deutschland zu halten.

Aus- und Weiterbildung sind in den nächsten Jahren Schwerpunkte meiner Arbeit. Die schnelle technologische Veränderung fordert uns als ganze Gesellschaft. Wir sind gefordert an allen Stellschrauben zu drehen, die uns permanente Weiterbildung ermöglichen.

Ich war in der letzten Woche in Kanada. Es war ein bemerkenswerter und erkenntnisreicher Besuch.

In Kanada wird Grundwissen zu Informatik, zur Robotik und KI bereits in vielen Schulen vermittelt. Auch hierzulande werden wir zukünftig solche Grundlagen stärker in Lehrinhalten verankern müssen – in Schulen, in der beruflichen Bildung, in verschiedenen Studiengängen.

Außerdem brauchen wir attraktive Bedingungen für die Nachwuchskräfte. Und wir müssen gezielt KI-Lehrstühle fördern.

Ich habe übrigens sehr viele Deutsche getroffen, die an kanadischen Forschungseinrichtungen arbeiten. Ich freue mich über erfolgreiche Kooperationen, aber auch darüber, wenn wir die kompetenten Forscherinnen und Forscher wieder zurückgewinnen können.

Fünftens gilt es, die Entwicklungen bei KI mit unseren europäischen Werten abzugleichen und verbinden.

Denn es reicht nicht, Künstliche Intelligenz technologisch und wirtschaftlich voranzutreiben. Wir müssen uns auch intensiv mit den ethischen und rechtlichen Fragen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen.

KI-Forschung ist in meinem Haus schon heute breit angelegt: in der Plattform Lernende Systeme, bei den Kompetenzzentren für Maschinelles Lernen, im Exzellenzcluster zum gleichen Thema und vor allem durch die Forschung am DFKI und den anderen Forschungseinrichtungen, die wir unterstützen (Fraunhofer-Gesellschaft, Max-Planck-Gesellschaft und Helmholz-Gemeinschaft).

Zudem hat der Deutsche Bundestag vor kurzem eine Enquete-Kommission eingesetzt, die sich mit  den wirtschaftlichen Potenzialen und insbesondere der gesellschaftliche Verantwortung beschäftigen wird, die mit Künstlicher Intelligenz verbunden sind.

II.

Wichtig ist bei KI (für mich), dass wir unseren eigenen Weg gestalten und uns sich nicht von überzogenen Erwartungen treiben lassen.

Möglicherweise haben manche Länder vermeintlich schnellere Fortschritte, aber am Ende und im tagtäglichen Einsatz wird es um mehr gehen: Nämlich um Akzeptanz! Und das kann nur gelingen, wenn wir Vertrauen schaffen und den Menschen die Angst vor Kontrollverlusten nehmen.

Wir müssen weiter dafür sorgen, dass die Menschen im Mittelpunkt der Entwicklung bleiben.

KI wird uns zukünftig helfen, lästige, herausfordernde oder gar gefährliche Arbeit zu erledigen. Dadurch werden Freiräume entstehen, die wir sinnvoll nutzen können. Das müssen wir den Menschen vermitteln, ihre Neugier wecken. Dann haben sie auch weiter Lust auf Innovationen in der Medizin, in der Mobilität, in der Verwaltung und vieles mehr.

Wir wollen die KI in Europa ganz bewusst sowohl von ihrer US-amerikanischen als auch von ihrer chinesischen Form abheben und positionieren. Wir wollen eine KI, die ökonomische Freiheit gibt, aber auch die damit verbundene gesellschaftliche Verantwortung berücksichtigt.

KI muss im Geist der europäischen Aufklärung und wie auch der Titel der heutigen Veranstaltung besagt, „für den Menschen“ gestaltet werden. Das erwarten die Menschen von uns.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wo wir sind, ist vorne. Das darf nicht nur für unsere Exporte gelten, sondern auch für Standards in innovativen Geschäftsfeldern wie KI. Doch sicher ist: Die Begegnung zwischen Mensch und Maschine wird unsere Zukunft entscheidend prägen. Deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen, dass wir weiterhin mutig und visionär an die Aufgaben herangehen.

Herzlichen Glückwunsch an das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz zum dreißigjährigen Jubiläum!