Die Avicenna-Stipendiaten im Portrait

Ömer Alkin, Hafssa El-Bouhamouchi und Beria Ulusoy gehören zum ersten Stipendiatenjahrgang des Avicenna-Studienwerks. Mit bmbf.de haben sie über ihre Ziele, Toleranz in der Gesellschaft und türkische Filme gesprochen. 

Hafssa El-Bouhamouchi, 22

Woher: Geboren wurde ich in der Stadt, die es eigentlich nicht gibt. Gäbe es sie aber, so läge sie wohl im beschaulichen Ostwestfalen, wo sich der Hase und der Wolf noch gute Nacht sagen! Richtig, ich komme aus Bielefeld.

Wo jetzt: In Nordrhein-Westfalen hört man ja viel vom Nachbarn Niedersachsen, deshalb studiere ich jetzt in Hannover „Religion im kulturellen Kontext“ im Master. Ich interessiere mich besonders für die Konflikttheorie und ihre religionswissenschaftliche Relevanz, da das Thema mehr denn je an Bedeutung gewonnen hat.

Wohin: Die kleinen Schritte führen zum großen Ziel und als nächster Zwischenschritt steht erst einmal der Master inklusive Auslandsaufenthalt an, denn nur im Spiegel der Fremde erkennen wir die Dinge, die wir an uns verbessern können. Doch meine Zukunft sehe ich in Deutschland und mein Ziel ist es, mich durch eine interkulturelle Öffnung auf allen Ebenen für eine offenere Gesellschaft einzusetzen, in der Diversität nicht nur toleriert, sondern begrüßt wird, als Zeichen der Akzeptanz und des friedlichen Miteinanders. Deshalb sehe ich mich in zehn Jahren in einem öffentlichen Amt, das diese Ziele verfolgt.

Das Avicenna-Stipendium ist für mich… die größte Chance meiner bisherigen, akademischen und privaten Laufbahn, aber auch ein Meilenstein für die deutsch-muslimische Gemeinde und die wissenschaftliche Zukunft unseres Landes.

Über Hüte, Radios und bunte Sakkos

Ömer Alkin, 29

Woher: Ich bin in Bereketli, einem Dorf der Türkei geboren, das dem „Pons“ nach übersetzt so viel heißt wie „Fruchtbarkeit“ und „Segen“. Als ich ein Jahr alt war, kamen meine Eltern nach Deutschland, ins schöne Köln. Dort wuchs ich auf, bis ich nach einer ziemlichen Umzugsbiographie im Ruhrgebiet gelandet bin. Das habe ich dann auch schätzen und lieben gelernt.

Wo jetzt: In Essen lebe ich und an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf schreibe ich nun an meiner Dissertation in Medienkulturanalyse. Hüte mit Federn, Radios unter dem Arm, helle Sakkos, bunte Krawatten und ein deutsches Auto: So wurden die ersten zurückkehrenden Emigranten in türkischen Emigrationsfilmen gezeigt. Das sind Filme aus der Türkei, die die Ausreise einer oder mehrerer Personen ins Ausland zeigen. In meiner Dissertation versuche ich zu verstehen, wie die türkischen Emigranten, die nach Deutschland kamen, in frühen Filmen aus der Türkei dargestellt und repräsentiert wurden. Ein solcher Film wäre zum Beispiel Türkan Şorays „Dönüş – Die Rückkehr“ von 1973, der zeigt, wie eine im Dorf zurückgelassene Frau eines Emigranten im anatolischen Dorf zurechtzukommen versucht.

Wohin: Hochschullehrer werden – das ist mein Traum. Anderen Studierenden die spannenden Themen aus der Medien- und Kulturwissenschaft nahe zu bringen. Mit ihnen über Transkulturalität, Globalisierung und die Rolle von visuellen Medien in der Gesellschaft zu sprechen. Aufgrund meines Forschungsinteresses am türkischen Film möchte ich auch zahlreiche Bücher zum türkischen Film schreiben, aber auch zur Rolle des Films im Kontext der Globalisierung und im Zeitalter der Digitalisierung.

Das Avicenna-Stipendium ist für mich… unmöglich in einem einzigen Satz zu beschreiben.

Gerechtigkeit und Gleichheit erkämpfen

Beria Ulusoy, 18

Woher: Ich bin Berlinerin. Waschecht, nur ohne die berühmt-berüchtigte Schnauze.

Wo jetzt: Ich studiere an der Freien Universität Berlin Jura im ersten Semester und muss zum ersten Mal in meinem Leben wirklich lernen – eine ungewohnte Erfahrung. Dafür ist das Fach aber umso spannender.

Wohin: Es ist allgemein bekannt: Wo es zwei Juristen gibt, da gibt es drei Ansichten. Ich will Bundesverfassungsrichterin werden, weil ich denke, dass Gerechtigkeit und Gleichheit weder selbstverständlich noch für jeden erreichbar sind und dass für diese Werte immer aufs Neue gekämpft werden muss. Außerdem: Die erste muslimische Verfassungsrichterin zu sein, das wäre schön.

Das Avicenna-Stipendium ist für mich… mit den großartigen Stipendiaten eine große Bereicherung für die Gesamtgesellschaft.

Die Bewerbungsphase für ein Avicenna-Stipendium läuft bis zum 31. März 2015. Das Stipendium richtet sich an leistungsstarke muslimische Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen, die sich zudem auch gesellschaftlich und sozial engagieren. Das Avicenna-Studienwerk ist eines von 13 Begabtenförderungswerken in Deutschland und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Stiftung Mercator gefördert.