Die Bedeutung der Mikroelektronik für Deutschland und Europa im Zeitalter der Digitalisierung

Rede von Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich der 20-Jahr-Feier des Fraunhofer-Verbundes Mikroelektronik in Berlin

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung © Denzel, Jesco / BPA

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Forschung ist der Treiber der deutschen und europäischen Wettbewerbsfähigkeit in der Mikroelektronik. Und der Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik, Ihr Verbund, ist der deutsche Treiber von Forschung und Innovationen auf diesem Gebiet. Woraus ergibt sich aber die Bedeutung der Mikroelektronik für die deutsche Wirtschaft und Industrie, heute, im Zeitalter der Digitalisierung?

Die europäische Industrie, besonders die deutsche, wird heute von neuen Playern herausgefordert, die mit datengetriebenen Geschäftsmodellen in klassische Domänen eintreten. Wir stehen vor zentralen innovationspolitischen Fragen: Wie kann die Wirtschaft mit ihrem starken industriellen Kern die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung für sich nutzen, ohne sich von den neuen Wettbewerbern abhängig zu machen? Welche Technologien brauchen wir? Ja, die Digitalisierung bedeutet für uns eine große Herausforderung.

Sie bietet aber zugleich erhebliche Chancen zu einer Stärkung des Standortes Europa durch neue Effizienz und Innovationskraft, durch wissensintensive Technologien und Dienstleistungen. Nur mit einer starken Mikroelektronik in Forschung und Industrie können wir bei Zukunftsthemen wie die Industrie 4.0 und das automatisierte Fahren nicht nur mitmachen, sondern auch mitgestalten. Nur dadurch können wir einen hohen Anteil der Wertschöpfung in Europa erzielen und halten. Die Mikroelektronik ist also systemrelevant für unsere Innovationskraft und damit für den Wohlstand in Deutschland wie in ganz Europa. Mit anderen Worten: Sie ist „unverzichtbar“ für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft, um Ihren Ausdruck, Herr Professor Neugebauer, aufzugreifen.

Um das Potenzial der deutschen Mikroelektronik für die Digitalisierung voll auszuschöpfen, ist es unabdingbar, Innovationsketten von der Wissenschaft in wichtige Anwenderbranchen zu schaffen. Dafür haben wir in enger Zusammenarbeit mit dem Bundeswirtschaftsministerium das neue Rahmenprogramm erarbeitet, das die Bundesregierung zur Förderung der Mikroelektronik in Forschung und Innovation in den Jahren 2016 bis 2020 beschlossen hat.

Erster Ansatzpunkt des Programms sind die vorhandenen Stärken in Wissenschaft und Wirtschaft, die wir weiter stärken wollen. Es ist zudem konsequent auf künftig systemrelevante Technologien ausgerichtet. Stichworte sind: More than Moore, Co-Design von Hardware und Software, neue Anwendungen und Märkte, energiesparende Elektronik und chipbasierte Sicherheit.

Zweitens setzt das Programm darauf, Synergie-Effekte zwischen der Förderung auf allen Ebenen zu erzielen: vor allem zwischen der kombinierten europäischen und nationalen Förderung in ECSEL, der transnationalen Förderung in PENTA und der rein nationalen Förderung in Deutschland. Vorbildlich ist hier die Zusammenarbeit zwischen Bund und Freistaat Sachsen bei ECSEL, durch die wir die nationalen Fördermittel für die Mikroelektronik in ECSEL substantiell erhöhen konnten. Damit tut Deutschland das Seine dafür, dass die Mitgliedsstaaten und die EU vergleichbare Beiträge zu ECSEL leisten.

Drittens legt das Programm das Fundament, auf dem eine Investitionsförderung für die Mikroelektronik-Industrie über ein „Wichtiges Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse“ aufbauen kann; besser bekannt ist dieses Vorhaben unter der englischen Abkürzung IPCEI für “Important Project of Common European Interest“. Denn bei dem IPCEI in der Mikroelektronik geht es ja gerade darum, Produktionskapazitäten für neue Hightech-Produkte zu schaffen. Als Grundlage dafür bedarf es einer starken Förderung von gemeinsamer Verbundforschung und insbesondere der Pilotlinien, die wir über ECSEL fördern können. Wir unterstützen das Bestreben, über ein IPCEI die Rahmenbedingungen für Investitionen in die Mikroelektronik in Europa zu verbessern, und sind dazu in intensivem Kontakt mit dem Bundeswirtschaftsministerium. Es wäre ein starkes industrie- und innovationspolitisches Signal, wenn dadurch Ergebnisse der Forschung und Entwicklung stärker direkt an industrielle Investitionen für neue Produkte und Prozesse gekoppelt werden können.

Last but not least wollen wir mit dem Programm Deutschland als international wettbewerbsfähigen Forschungsstandort stärken, mit bis zu 400 Millionen Euro an Förderung in den Jahren 2016-2020. Das ist über ein Drittel mehr als zuvor.

Für alle Themen des Mikroelektronik-Rahmenprogrammes gilt: so, wie die Mikroelektronik systemrelevant für die Innovationskraft unseres Landes in der Digitalisierung ist, ist der Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik, Ihr Verbund, unverzichtbar für Forschung und Innovationen in der Mikroelektronik. Die Institute des Verbundes sind seit 20 Jahren maßgeblicher Treiber von Mikroelektronik-Innovationen. „Elf Freunde müsst Ihr sein“, so sagt man ja, und mit den Forschenden und der Infrastruktur an Ihren elf Instituten plus den Gast-Instituten sind Sie eine gut aufgestellte Mannschaft. Jeder von Ihnen leistet einen unverzichtbaren Beitrag dazu, dass Ihr Verbund die Breite der Mikroelektronik-Forschung abdeckt, von Itzehoe bis München, von Silizium bis zu Verbindungshalbleitern, von der Energieeffizienz bis zum Gesunden Leben. Sie als Institutsleiter und Wissenschaftlerinnen sind darüber hinaus unverzichtbare Partner für das Bundesforschungsministerium. Sie sind Quelle von Anregungen, auch kritisch-konstruktiven, in der Strategie-Entwicklung – Sie, Herr Professor Lakner und Herr Dr. Ploss, waren in der European Leaders' Group auch daran beteiligt, die Europäische Mikroelektronik-Roadmap auszuarbeiten. Diese war ein wichtiger Impuls dafür, dass wir heute über ein IPCEI reden. Sie beraten uns, wenn wir Forschungsschwerpunkte setzen, und als Gutachter. Sie setzen Forschungsvorhaben um, am Schreibtisch und im Labor, als Projekt-Koordinatoren und Projekt-Partner. Ihr Verbund ist ein wesentlicher Partner für uns, um die Ziele zu erreichen, die wir uns zum Wohle unseres Landes setzen.

Ein zentrales Ziel ist für uns derzeit die Förderung des Mittelstandes. Wir haben vor kurzem ein Zehn-Punkte-Programm dafür veröffentlicht, unter dem Titel „Vorfahrt für den Mittelstand“. Hier kommt Ihr Verbund auf zweierlei Art besonders ins Spiel: Erstens sind Ihre Reinräume und die Prozesse, die Sie dort anbieten, eine ganz wesentliche Infrastruktur für KMU, die hochspezialisierte Mikroelektronik entwickeln oder nutzen möchten. Diese Infrastruktur ist so kapitalintensiv, dass kein KMU sie alleine aufbauen könnte; im Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik finden KMU dennoch Zugang dazu – natürlich zu marktüblichen Konditionen. Und zweitens sind Sie ein Multiplikator für Kontakte zwischen KMU und Großunternehmen, da Sie beide Seiten und deren Bedürfnisse und Fähigkeiten gut kennen, insbesondere aus der öffentlich finanzierten Drittmittelforschung. Hier zähle ich in Zukunft noch stärker auf Ihre Mitarbeit: Überlegen Sie bei jedem ihrer Vorhaben, ob national oder europäisch, welche KMU dazu beitragen könnten, auch als Verwerter; sprechen Sie dazu auch andere Abteilungen und Institute an; sprechen Sie Ihre Industriepartner an. „Vorfahrt für den Mittelstand“ ist kein Selbstzweck, sondern dient – wie das Rahmenprogramm Mikroelektronik – dazu, die deutsche Volkswirtschaft insgesamt für das digitale Zeitalter zu stärken. Dass wir in Deutschland die Innovationskraft  unserer KMU weiter stärken müssen, haben auch die Expertenkommission Forschung und Innovation und die Europäische Kommission im Rahmen des Europäischen Semesters im Februar 2016 in ihren jeweils aktuellen Berichten hervorgehoben. Ihr Verbund ist in der Lage, hier eine besondere Rolle zu spielen – nutzen Sie diese Chance für unser Land!

Eine weitere Schlüsselfunktion kommt Ihrem Verbund bei der Synergie von nationaler und europäischer Forschungsförderung zu, die wir mit dem Rahmenprogramm erreichen wollen. Sie kooperieren bereits seit über 10 Jahren mit dem französischen CEA und dem schweizerischen CSEM und haben 2006 gemeinsam die Heterogeneous Technology Alliance ins Leben gerufen. Diese strategische Partnerschaft mit bedeutenden europäischen Forschungseinrichtungen trägt zur internationalen Vernetzung bei, und ebenso Ihre Rolle in den europäischen Initiativen ECSEL und Eureka-PENTA. Auch hier gilt: Sie können besonders gut einschätzen, welche komplementären Fähigkeiten es in anderen Ländern gibt, und welche Wertschöpfungsketten über Ländergrenzen hinweggehen. Nutzen Sie diese Kenntnis weiter und noch stärker zum Wohl unseres Landes und von ganz Europa!

Eine spezielle Kooperation über Ländergrenzen hat lange im Raum gestanden: die mit einem Schwergewicht der europäischen Mikroelektronik-Szene, dem flämischen Forschungsinstitut imec. Das imec hat im niederländischen Holst Centre eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem dortigen Fraunhofer-Pendant TNO aufgebaut. Schon einige Jahre streckt imec seine Fühler Richtung Dresden aus. Natürlich waren Sie an vielen Diskussionen zu einer möglichen deutschen Kooperation mit imec in Dresden beteiligt. An dem aktuellen, bisher konkretesten Konzept für eine Ansiedlung von imec in Dresden haben Sie nicht mehr mitgearbeitet. Das habe ich mir offen gesagt nicht so gewünscht, aber ich respektiere Ihre Entscheidung als Zwischenschritt zu einer abschließenden Lösung auf nationaler Ebene. Das Bundesforschungsministerium setzt klar auf die europäische Zusammenarbeit. Dafür sind wir immer offen, und das wird natürlich in unsere Bewertung dieses und jedes Kooperationsvorschlags einfließen. Für mich steht im Vordergrund aber immer die inhaltliche Bedeutung, der fachliche Output, den die Kooperation erbringen kann; ob institutionalisiert oder für bestimmte Themen beziehungsweise in bestimmten Vorhaben. Wir werden auch jegliche institutionelle Kooperation nur so fördern, dass niemand besser gestellt würde als die Fraunhofer-Institute. Das Bundesforschungsministerium steht auch hier zu seiner Verantwortung für die Fraunhofer-Gesellschaft.

An den Schwerpunkten des Rahmenprogrammes, die ich vorhin genannt habe, ist deutlich geworden: Die Welt der Mikroelektronik verändert sich mehr und mehr zu ‚More than Moore‘ – wegen des „Internets der Dinge“ immer mehr auch für Bauteile aus klassischen „More-Moore“-Domänen. Der Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik ist in einer exzellente Ausgangsposition, um von diesem Veränderungsprozess zu profitieren. Sie haben die richtige Aufstellung und eine starke Vernetzung, sowohl regional als auch mit Instituten anderer Verbünde.

Damit sich aber die Chance auf Profit in Zukunft auch realisiert, bin ich überzeugt: Ihr Verbund muss sich noch deutlicher als bisher strategisch strukturieren und arbeitsteilig ausrichten. Ich möchte Ihnen an einem Beispiel deutlich machen, welches Bild sich mir als Außenstehender ergibt; genauer gesagt, ist dieses Beispiel ein ansehnlicher Erfolg; noch genauer gesagt: ein doppelter Erfolg. Die Rede ist von der Little Box Challenge von Google und dem US-Verband IEEE. Ziel dieses Wettbewerbs war es, einen besonders kompakten Spannungsinverter zu schaffen. Ihr Verbund war unter den Finalisten – das ist der ansehnliche Erfolg. Und er war dort nicht nur mit einem Inverter, sondern mit zweien. Das ist der doppelte Erfolg; dazu gratuliere ich noch einmal Herrn Professor Hoene und Kollegen aus dem IZM, der Schweiz und Slowenien; und Herrn Dr. Eckardt und Kollegen aus dem IISB! Mir als Außenstehendem – das sage ich ausdrücklich noch einmal – stellt sich jetzt aber die Frage: Wenn es den Mikroelektronik-Verbund gibt, warum gab es dann nicht einen Fraunhofer-Inverter, der mit der gebündelten Kompetenz der deutschen Mikroelektronik den Rest der Welt, pardon, in die Tasche steckt? Sicher gab es gute Gründe, auch technische; vielleicht gilt aber doch auch der Ausspruch vom Ganzen und der Summe der Teile. Ich sehe den Bedarf für einen Verbund, in dem  alle Mitglieder und Bestandteile konsequent auf strategische Relevanz für das Ganze ausgerichtet sind. Nur so werden Sie im europäischen Innovationsdreieck Fraunhofer – CEA – IMEC und weltweit auch auf lange Sicht wettbewerbsfähig bleiben.

Ich will das Bild aber auch nicht düsterer malen, als es ist. Sie haben sich mit der „Vision, Mission, Strategie 2014“ ein umfassendes Strategiedokument präsentiert, das ein wichtiger erster Schritt war. Ihr Verbund hat vor kurzem konkrete Pläne dafür ausgearbeitet, um sich als „Joint Fab for Research“ stärker zu vernetzen, zu konsolidieren und nach außen hin geschlossener aufzutreten, insbesondere als Dienstleister. Das wird einerseits Ihren Kunden helfen, noch rascher das richtige Angebot zu finden. Andererseits wird es für einen effizienteren Mitteleinsatz sorgen, und damit für interne und externe Nutzer eine bessere Ausstattung ermöglichen. Darüber hinaus haben Sie die Investitionsbedarfe aufgezeigt, die bestehen, um den Verbund fit dafür zu machen, auch bei der nächsten Mikroelektronik-Generation weltweit ganz vorne mitspielen zu können.

Ich bin sehr dankbar für das Konzept mit seinen beiden Aspekten. Wir werden es zum Anlass nehmen, gemeinsam mit Ihnen zu überlegen, wie wir das umsetzen können. Es hat sich gezeigt, dass der sogenannte nationale FIS-Roadmap-Prozess nicht das richtige Instrument dafür ist. Denn dieser Prozess ist auf die Bedürfnisse der Wissenschafts-Community aus Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen zugeschnitten und nicht auf die Bedürfnisse der anwendungsorientierten Forschung, die Sie mit der und für die Industrie betreiben. Es zeigt sich jedoch auch, dass dies ein guter Anlass für Sie war, sich strategisch und hinsichtlich des Investitionsbedarfes für Ihre weitere Zusammenarbeit zu positionieren. An dieser Positionierung wird sich entscheiden, welche Rolle Sie und damit die Fraunhofer-Gesellschaft insgesamt für Innovationen mittelfristig in der Mikroelektronik spielen werden – in der Mikroelektronik mit all ihrer Bedeutung  für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Auf diese Positionierung werden wir gemeinsam mit Ihnen aufbauen, für die nötige Weiterentwicklung werden wir Mittel und Wege zur Umsetzung prüfen, und wir werden dazu mit Ihnen im engen Kontakt bleiben.

Meine Damen und Herren, 20 Jahre sind eine lange Zeit in der Mikroelektronik, und auch in der Politik. Wenn ich mir aber vorstelle, dass ich zur 40-Jahr-Feier Ihres Verbundes wieder hier wäre, was würde ich dann gerne hören? Erstens: dass vor 20 Jahren eine Umbruchphase für den Verbund begonnen hat, die ihn als Innovationstreiber der deutschen und europäischen Mikroelektronik entscheidend gestärkt hat. Zweitens: dass sich das Potenzial realisiert hat, das ich in Ihrem Verbund für die Mittelstandsförderung sehe. Und drittens: dass sich wieder alle einig sind, dass der Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik auch für die nächsten 20 Jahre unverzichtbar ist.

Vielen Dank.