"Die Besten sollen zu Lehrern ausgebildet werden"

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka über Eignungsprüfungen vor dem Studium, die Vorteile des föderalen Bildungssystems und den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung. Ein Interview mit den "Nürnberger Nachrichten" vom 20. März 2017

"Ein zentrales Bildungssystem bringt nicht automatisch mehr Qualität", so Wanka. © BMBF/HansJoachim Rickel

Nürnberger Nachrichten: Frau Wanka, in Bayern geht es gerade wieder mal um die Frage acht oder neun Jahre Gymnasium. Wie denken denn Sie als Bundesbildungsministerin darüber?

Johanna Wanka: Ich komme ja aus Sachsen, wo man seit 1949 zwölf Jahre bis zum Abitur braucht. Das war bei mir selbst so und hat gut funktioniert. Und es gibt auch Länder, die konsequent 13 Jahre vorsehen. Man kann beides gut machen. Kritisch sehe ich es aber, wenn in der Bildungspolitik Fragen wie "G 8 oder G 9?" ideologisiert werden und es mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung geht. Bei den Pisa-Studien waren zwei Bundesländer immer spitze: Sachsen und Bayern. Die haben ganz unterschiedliche Schulsysteme. Die Sachsen konsequent zweigliedrig und nach zwölf Jahren Abitur, hier in Bayern dreigliedrig und über lange Zeit 13 Jahre bis zum Abitur. Beide Länder waren damit sehr erfolgreich. Ein Grund dafür – neben der Leistungsorientierung – war die Kontinuität. Nicht alle vier oder fünf Jahre was Neues, sondern Sicherheit für Eltern, Schüler und Lehrer.

Ist die eigentliche Zumutung des deutschen Bildungswesens nicht trotzdem die, dass es so viele verschiedene Schulsysteme gibt? Familien, die in ein anderes Bundesland umziehen, bekommen das regelmäßig zu spüren.

Wanka: Ein zentrales Bildungssystem hat beispielsweise Frankreich. Trotzdem schneiden deutsche Schülerinnen und Schüler bei Pisa besser ab. Das heißt, ein zentrales Bildungssystem bringt nicht automatisch mehr Qualität. Ich bin auch als Bundesministerin eine Verfechterin des föderalen Systems, weil ich denke, dass man auf die unterschiedlichen Situationen in Deutschland nur regional reagieren kann.

An welche gravierenden Unterschiede denken Sie da?

Wanka: Wir haben beispielsweise in Städten wie Hannover oder Duisburg einen sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, dagegen ist ihr Anteil in vielen Schulen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern viel geringer. Für alle Regionen zentral von Berlin aus die Schulpolitik zu verordnen, hielte ich für den falschen Weg. Außerdem hat das föderale System den großen Vorteil des Wettbewerbs.

Aber eben auch den Nachteil beim Wechsel...

Wanka: Deswegen haben wir ja nach der ersten Pisa-Studie in der Kultusministerkonferenz begonnen, für die Bundesrepublik einheitliche Standards festzulegen. Also: Was muss ein Kind nach der vierten Klasse in Mathematik können? Was nach der siebten Klasse in Englisch? Und bei der Lehrerbildung habe ich etwas Wichtiges erkämpft. Wir geben 500 Millionen Euro für die Qualifizierung bei der Lehrerbildung unter der Bedingung, dass alle Länder gegenseitig die Ausbildung anerkennen und Lehrer so jederzeit das Land wechseln können.

Apropos Lehrerbildung: Studien zeigen, dass sich vor allem nicht sehr selbstbewusste und stark auf Sicherheit bedachte Abiturienten für den Lehrerberuf entscheiden. Wäre es nicht sinnvoll wie in Finnland alle Bewerber vor dem Studium auf ihre Eignung hin zu prüfen?

Wanka: Das Ziel, dass die Besten Lehrer werden sollen, halte ich durchaus für richtig. Dafür ist aber vor allem die gesellschaftliche Wertschätzung dessen, was Lehrer machen, wichtig. Sie sind auch kein Reparaturbetrieb für alles, was die Eltern nicht machen. Wir haben an den Universitäten bei Numerus-Clausus-Fächern schon jetzt die Möglichkeit, wenn Fakultäten das wollen, Eignungsprüfungen durchzuführen. Wenn das gut gemacht wird, ist das auch eine sinnvolle, individuelle Beratung für die jungen Leute. Das kann hohe Abbruchzahlen verhindern.

Die Abiturientenquote eines Jahrgangs ist auf über 50 Prozent gestiegen, gleichzeitig haben wir immer noch viele Jugendliche, die ohne jeden Abschluss die Schule beenden. Beides verschärft die Probleme von Industrie und Handwerk bei der Suche nach nichtakademischem Fachkräftenachwuchs. Was kann man tun?

Wanka: Dass jemand Abitur machen will und ein hohes Niveau an Allgemeinbildung anstrebt, ist völlig okay. Aber mit Abitur muss man nicht automatisch studieren. Deswegen brauchen wir individuelle Beratung. Eltern drängen ihre Kinder oft zum Studium, weil sie denken, das sei die beste Chance. Und dafür hatten sie lange einen guten Grund, weil es in Deutschland über Jahrzehnte hinweg davon abhing, in welchem Kästchen man gestartet ist. Die begrenzten Möglichkeiten von Hauptschülern standen fest, und auch Fachhochschüler wussten, was geht, was nicht. Durchlässigkeit fehlte. Aber wir haben jetzt erreicht, dass man in allen Bundesländern, ohne das Abitur nachzuholen, mit beruflicher Qualifikation studieren kann. Das heißt, wer Tischler lernt, kann später beispielsweise Holzverarbeitung oder Design studieren. Eine Berufsausbildung ist keine Sackgasse. Das wissen viele Eltern leider noch nicht.

Das Problem, dass viele ganz ohne Schulabschluss und anschließende Ausbildung bleiben, löst das aber nicht.

Wanka: Jungen Menschen muss klar sein, dass sie langfristig besser fahren, wenn sie eine Berufsausbildung machen, anstatt nach der Schule ungelernt sofort Geld zu verdienen. Deshalb haben Bund und Länder gemeinsam Programme auf den Weg gebracht, um Jugendliche beim Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung bestmöglich zu unterstützen. Damit sie nach der Schule nahtlos in eine Ausbildung starten können, müssen sie zunächst erkennen, was sie interessiert und was sie gut beherrschen. Deshalb unterstützen wir sie frühzeitig darin, praktische Erfahrungen in der Berufswelt zu sammeln.

Können junge Flüchtlinge helfen, den Fachkräftemangel zu beheben?

Wanka: Als die Flüchtlinge 2015 kamen, habe ich mich über manche Wirtschaftsvertreter schon sehr gewundert, die damals gesagt haben, diese Zuwanderung löse unser Fachkräfteproblem. Denn das ist kein Automatismus. 50 Prozent aller, die kamen, waren unter 25, benötigen also eine Ausbildung.Wer noch im Schulalter ist, für den gibt es Regelungen. Aber von den Asylsuchenden über 20 Jahren gaben knapp ein Drittel an, entweder keine Schule besucht zu haben oder lediglich eine Grundschule. Diese Menschen können nicht ohne Unterstützung einfach eine berufliche Ausbildung machen.

Welche Möglichkeiten gibt es für diese jungen Erwachsenen dann?

Wanka: Mit dem Zentralverband des deutschen Handwerks und der Bundesagentur für Arbeit haben wir ein großes Programm aufgelegt, mit dem junge Flüchtlinge ganz praktisch und im direkten Kontakt mit Betrieben auf eine Ausbildung im Handwerk vorbereitet werden. Die Initiative besteht aus Sprachförderung, Berufsorientierung und Praktika in Betrieben. Danach kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in eine richtige betriebliche Ausbildung, bei der sie weiter begleitet und betreut werden. Wenn sie das schaffen, sind sie später nicht abhängig von Sozialhilfe. Sollten sie zurück in ihr Land gehen müssen, kommen sie nicht als Verlierer, sondern mit einem Zugewinn an Bildung.

Wie sind die ersten Erfahrungen damit?

Wanka: Für 10 000 Plätze hat mein Haus die Mittel. Das Handwerk stellt die Ausbildungsplätze zur Verfügung. Der Weg ist also offen. Das Problem ist, noch bekommen wir nicht genügend junge Menschen zum Beispiel aus den Integrationskursen, die wirklich wollen und es schaffen können. Im Jahr 2017 rechnen wir aber mit einem Anstieg von geeigneten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, da dann viele schon eine Integrationsmaßnahme absolviert und erste Sprachkenntnisse erworben haben. Fazit: Junge Flüchtlinge sind eine Gruppe, die uns Fachkräfte bringen kann, aber dazu ist zusätzliche Förderung und Unterstützung notwendig.

Interview: Hans-Peter Kastenhuber/Michaela Zimmermann