"Die Digitalisierung der Bildung ist kein Selbstzweck"

"Die Digitalisierung muss zu grundlegenden Verbesserungen der Hochschulbildung beitragen", sagt Staatssekretär Rachel. Wenn das gelinge, könne uns die Digitalisierung der Verwirklichung des humboldtschen Bildungsideals näher bringen.

"Die Digitalisierung der Hochschulbildung hat die Chance, zu einer wahren Revolution zu werden", sagt Thomas Rachel. © Axel Joerss/Hanns Martin Schleyer-Stiftung

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel, anlässlich der  Eröffnung des XIV. Hochschulsymposiums der Hanns Martin Schleyer-Stiftung und Heinz Nixdorf Stiftung „Bildungswege der Zukunft“ am 18. September 2019 in Köln.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Frenz,

sehr geehrter Herr Dr. Nasko,

sehr geehrter Herr Professor Freimuth,

Universitäten zählen zu den erfolgreichsten Einrichtungen der in Europa gewachsenen Kultur. Sie waren und sind Stätten von Bildung und Wissenschaft, von Kunst und Kultur. In ihrer über achthundert Jahre währenden Tradition sind einzigartige Orte für die Gewinnung von Erkenntnissen und deren Weitergabe. Sie bilden damit ein Forum geistiger und wissenschaftlicher Begegnung.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sieht sich als ein Vertreter dieser Stätten von Bildung und Wissenschaft und möchte seinen Teil dafür tun, dass die Universitäten in Deutschland nicht nur auf eine lange Geschichte sondern auch in eine verheißungsvolle Zukunft schauen können. Auch wenn sich das Hochschulsymposium auf universitäre Lehre bezieht, nehmen wir auch die Fachhochschulen in den Blick. Diese haben in den letzten 50 Jahren – wir feiern in 2019 hier einen „runden Geburtstag“ – eine gute Entwicklung genommen und sich als wichtige Größe im Wissenschafts- und Innovationssystem etabliert.

Die Bedingungen, unter denen Hochschulen agieren, Professorinnen und Professoren lehren und Studierende lernen haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren stark gewandelt. Immer mehr Menschen einer Alterskohorte nehmen ein Hochschulstudium auf. Mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs entscheidet sich heute für ein Hochschulstudium. Gleichzeitig erhöhte sich die Heterogenität der Studierenden. So stieg die Zahl der Bildungsausländer allein zwischen 2013 und 2018 um knapp 38 %. Auch hat sich die Zahl der Studienanfänger ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife stark erhöht.  Waren es 1997 in ganz Deutschland nur knapp 1600 Personen, die ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) ein Studium aufnahmen, sind es 2017 mit knapp 15.000 Erstsemestern fast zehn Mal so viele.

Die Expansion des Hochschulsektors ging einher mit einer Ausdifferenzierung des Hochschulsystems, dem raschen Wachstum privater Hochschulen und dem Ausbau der Fachhochschulen. Dies alles lässt sich durch einen Blick in die amtliche Hochschulstatistik feststellen. Weniger ins Auge fällt hingegen der Wandel, den die Digitalisierung der Hochschullehre verursacht.

Die Digitalisierung der Hochschulbildung hat die Chance, zu einer wahren Revolution zu werden. Diese Revolution hat erst begonnen. Sie hat ihren Ursprung diesmal nicht in Deutschland. War bis ins Anfang des 20. Jahrhunderts die deutsche Universität, „das humboldtsche Bildungsideal“, nicht zuletzt Vorbild für amerikanische Bildungseinrichtungen, so schauen wir heute mit einer gehörigen Portion Respekt auf „Coursera“, „edx“, und „Udacity“.

Die digitale Bildungsrevolution stellt bisherige Selbstverständlichkeiten auf den Kopf. Sie hat das Potenzial die Welt zu verändern. Und manche Experten – wie der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam, Christoph Meinel - meinen, dass überhaupt erst die Digitalisierung der Bildung das humboldtsche Bildungsideal verwirklichen kann: Digitalisierung kann nach dieser Auffassung die Lehrenden von reiner Wissensvermittlung entlasten und Freiräume schaffen für diskursives und forschendes Lernen.

Ob sie dies tatsächlich leisten kann, wird die Zukunft zeigen. Heute und morgen haben wir die Gelegenheit, über konkrete Perspektiven für Lehre und Forschung in der Hochschulbildung zu diskutieren, den Blick nach außen zu richten und verschiedene Perspektiven in unser Denken einfließen zu lassen.

Zum Symposium heute und morgen möchte ich sechs Thesen und Herausforderungen beitragen: Herausforderungen, auf die Politik und Hochschulen zum Teil bereits gute Antworten haben – und solche, bei denen wir gute Antworten gemeinsam suchen müssen.

  1. Die Universität ist ohne die Freiheit von Forschung und Lehre nicht vorstellbar. Nur wenn die Universität und die sie tragenden und in ihr lehrenden und lernenden Akteure von dieser Freiheit Gebrauch machen können, wird sie ein Ort des Fortschritts bleiben.

Wir können in diesem Jahr auf 70 Jahre Grundgesetz zurückblicken. Das sind auch 70 Jahre Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Der Artikel 5 des Grundgesetzes will, dass sich Wissenschaft, Lehre und Forschung frei von staatlichen Eingriffen entwickeln können. Er schützt Wissenschaftlerinnen, Forscher und Lehrende. Weltweit gerät die Wissenschaft unter Druck. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden infrage gestellt, Universitäten werden verboten, Wissenschaftler inhaftiert. Diese Entwicklung mahnt uns, sensibel und wachsam zu sein.

Die Wissenschaftsfreiheit geht Hand in Hand mit der Meinungsfreiheit. Beide leben vom Diskurs. Universitäten sind Orte für Diskurs. Dort wird kontrovers um das beste Argument gerungen, sicher geglaubte Wahrheiten werden immer wieder in Frage gestellt, es wird sich sachlich auseinandergesetzt auch mit Thesen, die man für falsch hält. Das zu erleben und zu erlernen, ist notwendiger Teil eines Studiums. Dazu gehört auch die Zumutung anderer Meinungen. Meinungen wie die von Professor Münkler aus Berlin oder Professorin Susanne Schröter aus Frankfurt , die jüngst angefeindet wurden. Kontroversen aushalten, eigene Positionen immer wieder überprüfen – das ist Bildung, wie wir sie seit der europäischen Aufklärung verstehen. Nur wenn Universitäten es schaffen, Stätten dieses offenen Diskurses zu bleiben, werden sie ihre Funktion erfüllen und Orte für (junge) ambitionierte und hoffnungsfrohe Menschen bleiben.

  1. Durch den digitalen Wandel entstehen völlig neue Lernwege. Neben dem derzeit vorherrschenden Modell eines drei- bis fünfjährigen Studienblocks bei nachfolgender lebenslanger Arbeitstätigkeit werden flexiblere, oft lebenslange Studienmodelle an Geltungskraft gewinnen. Hochschulen und Politik müssen hier auf vorbereitet sein.

Das heißt, es wird auch Modelle geben, bei denen junge Menschen ein verkürztes Erststudium wählen, das im weiteren Lebensverlauf durch neue Lernblöcke erweitert wird. Auch sind Bildungsbiographien eines erst späteren Übergangs an die Hochschule denkbar, z.B. nach einem Ausbildungsabschluss und Erwerbstätigkeit, sowie schließlich auch Modelle individuell kombinierbarer Bildungsbausteine. Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Lernenden unterschiedliche Module und Lerneinheiten bei unterschiedlichen Bildungsanbietern nachfragen und diese individuell zu einem Studienabschluss kombiniert und zusammengesetzt werden.

Die Hochschulen hätten dann zunehmend die Aufgabe, die bei anderen Anbietern in vorhergehenden Lerneinheiten erworbenen Kompetenzen anzurechnen, um einen vollwertigen Abschluss zu erleichtern. Zum anderen ergeben sich erhebliche Auswirkungen auf die Steuerung und Finanzierung der Hochschulen, da das Lernverhalten und damit die Inanspruchnahme konkreter Hochschulleistungen, wie von Lehr- und Studienangeboten, variabler wird. Dieses veränderte Lernverhalten hätte beträchtliche Auswirkungen auf die Hochschulen und deren Angebote.

Die wissenschaftliche Weiterbildung, die eine Kernaufgabe der Hochschulen ist, wird so einen erheblichen Bedeutungszuwachs erleben. Allerdings müssen Interessentinnen und Interessenten flexible Studienangebote dann auch finden können. Dies betrifft auch zahlreiche Angebote, die im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ entwickelt wurden, den das BMBF noch bis nächsten Sommer fördert. Denn aktuell findet man zum Beispiel über den Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz nur ganze Studiengänge, die zur Weiterbildung genutzt werden können, keine Zertifikatsprogramme, keine Weiterbildungskurse, keine einzeln belegbare Online-Seminare. Was tun? In der Nationalen Weiterbildungsstrategie haben wir angekündigt, dass wir den Aufbau eines Informationsportals zur wissenschaftlichen Weiterbildung fördern wollen. Dieses Portal soll die Informationslage zu hochschulischen Weiterbildungsangeboten erheblich verbessern. Das Portal soll einen bundesweiten und tagesaktuellen Überblick über hochschulische Weiterbildungsangebote einschließlich Zertifikatsprogrammen, Weiterbildungskursen, Online-Seminaren etc. geben.

Unabhängig von diesem Vorhaben werden wir gemeinsam mit den Ländern prüfen, wie wir die Entwicklung oder Weiterentwicklung flexibel belegbarer, digitalgestützter hochschulischer Weiterbildungsangebote künftig stärker unterstützen können. Ein deutliches Mehr an Angeboten wäre zumindest aus unserer Sicht ein zukunftsweisender Beitrag zum lebenslangen Lernen.

  1. Die Zukunft der universitären Lehre wird weder rein digital noch rein analog. Sie wird beides sein.  Die Rollen und Anforderungsprofile von Lehrenden und Lernenden werden sich dabei ändern.

Wenn sich unter dem Einfluss der Digitalisierung die Strukturen der Lehr- und Lernorganisation grundlegend verändern, ist dies sowohl eine Steuerungsaufgabe für die Hochschulleitung als auch eine Anforderung an die Gestaltung konkreter Kurse und Lehrmaterialien. Es entstehen neue didaktische Möglichkeiten der Wissens- und Kompetenzvermittlung.

Die Digitalisierung der Lehre wird das Verhältnis von Studierenden und Lehrenden beeinflussen. Neue Formen kollaborativen Arbeitens und studierendenzentrierten Lernens fordern von den Studierenden eine stärkere Eigenverantwortung für ihren Lernprozess. Sie eröffnen aber auch Möglichkeiten der Mitgestaltung der Lehre. Die Rolle der Lehrenden wird sich in digitalen Lehrkonzepten eher als „Begleiter“ oder „Ermöglicher“ im Lernprozess der Studierenden charakterisieren  lassen. Diese neuen Rollen machen dabei Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrenden ebenso notwendig wie den Kompetenzaufbau an Hochschulen zur Gestaltung von digitalen Lehr- und Lernangeboten.

Die Kombination aus Präsenz- und Online-Angeboten in „Blended Learning“-Szenarien ermöglicht es, die Vorteile der jeweiligen Settings und Methoden zu nutzen bzw. deren Nachteile zu vermeiden. Die digitale Vermittlung von Lerninhalten gibt den Studierenden die Möglichkeit, diese flexibel und den eigenen Bedürfnissen entsprechend abzurufen – und zwar wann, wo und wie oft sie wollen. In den Präsenzveranstaltungen kann dann der Austausch mit den Studierenden in den Mittelpunkt gestellt werden.

Die Entwicklungen in der Lehre auf eine reine Digitalisierung von Inhalten zu reduzieren, greift daher zu kurz. Der Einsatz digitaler Medien sollte immer nur im Sinne der Weiterentwicklung von Lehre verstanden werden, der sich stets an seinem Nutzen messen lassen muss. Innovationen sollten in didaktischer, curricularer und organisatorisch-struktureller Hinsicht einen konkreten Mehrwert liefern.

Mit dem Qualitätspakt Lehre haben wir diesbezüglich sehr viel erreicht: Die Gestaltung und Bedeutung guter Lehre ist zunehmend in das Bewusstsein der Hochschulen gerückt. Das ist gut, aber jetzt gehen wir einen Schritt weiter, denn gute Lehre ist dynamisch und muss sich immer wieder an neue Herausforderungen und Bedarfe anpassen. Daher engagieren sich Bund und Länder gemeinsam im Rahmen der Bund-Länder-Vereinbarung „Innovation in der Hochschullehre“: für eine herausragende Hochschullehre von morgen. Wir investieren insgesamt 150 Mio. Euro – pro Jahr und dauerhaft.

Die Entwicklung der Hochschullehre ist ein kontinuierlicher Prozess, der dauerhafte Strukturen benötigt. Dafür werden Bund und Länder eine rechtlich unselbständige Organisationseinheit an einer bestehenden Trägerinstitution einrichten. Damit wird die Hochschullehre erstmalig institutionell und sichtbar im Wissenschaftsgefüge  verankert. Das ist längst überfällig, wenn wir bedenken, welche immense Bedeutung eine gute Lehre auf die ganze akademische Welt eigentlich hat.

  1. Die Digitalisierung ermöglicht das Entstehen neuer Kooperationsmöglichkeiten und vereinfacht Kollaborationen. Doch erst wenn Hochschulen und die verantwortlichen Akteure des Hochschulsystems diese Möglichkeiten nutzen, entsteht ein Mehrwert für Hochschulen, Lehrende und Studierende.

Obwohl E-Learning-Angebote an deutschen Hochschulen seit rund zwei Jahrzehnten eingesetzt werden, ist die Hochschullehre kein Ort disruptiver Veränderungen geworden. Der Schlüssel zu einer besseren Hochschulbildung liegt nicht nur in der Verlagerung von Lehre auf digitale Plattformen, sondern vor allem in der Ermöglichung kollaborativen Lernens. Über digitale Plattformen können Kollaborationen ausgebaut werden. Mithilfe digitaler Medien kann dabei auch die Zusammenarbeit zwischen Lehrenden auf nationaler und internationaler Ebene neu gestaltet werden: Das stärkt nicht nur die Vielfalt und Qualität der Lehre, sondern auch die Zusammenarbeit beteiligter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Institutionen weltweit. Derartige innovative Kollaborationsformen haben durch den Einsatz digitaler Medien das Potenzial, internationale Hochschulkooperation neu zu denken.

Demgegenüber steht der nur auf die eigene Hochschule bezogene Einsatz von Digitalisierungsinstrumenten, nicht zuletzt in der Hochschulverwaltung. Die analoge Vorgangsbearbeitung wird durch digitale Bearbeitung ersetzt und dabei hochschuleigene Insellösungen geschaffen. Dadurch werden Synergien verhindert und der Austausch erschwert. Die Potenziale der Digitalisierung, die eben auch in der Skalierung liegen und zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit des Hochschulsystems führen, bleiben dadurch ungenutzt. Wir brauchen hingegen eine stärkere hochschulübergreifende Nutzung.

Mein Appell an Sie als Verantwortungsträger: nutzen Sie diese Potenziale, kooperieren Sie! Denn nur so können gute Lösungen schneller skaliert und Synergien genutzt werden.

Die Hochschulen sind gefordert, sämtliche Verwaltungsleistungen entsprechend des Onlinezugangsgesetzes (OZG), die im Zusammenhang mit einem Studium stehen, bis zum Jahr 2022 digital anzubieten. Dazu zählen z. B. die Immatrikulation, die Studienplatzvergabe und die Ausgabe von Zeugnissen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sich der Prozess der Digitalisierung, die interne Vernetzung der Hochschulverwaltungen sowie die Interoperabilität der Hochschulen untereinander stark beschleunigen. Das BMBF möchte die Hochschulen im Rahmen der Mechanismen des OZG unterstützen. Wir wollen digitale Lösungen zur Verfügung stellen, die in unterschiedlichen Bildungssektoren die sichere Dokumentation und Weitergabe von Kompetenznachweisen und Zeugnissen  ermöglichen, sodass z.B. der Wechsel zwischen Hochschulen zukünftig schnell und rein digital erfolgen kann.

  1. Die Kompetenzanforderungen an Studierende und Lehrende ändern sich grundlegend. Dabei erlangt vor allem die Fähigkeit, planvoll mit Daten umzugehen, eine immer größere Bedeutung. Die Digitalisierung macht eine Veränderung nahezu aller Curricula notwendig.

Die digitale Transformation verändert soziale Kommunikation, Arbeits- und Lernprozesse. Dies erfordert eine Anpassung der Kompetenzen, für deren Vermittlung die Bildungsinstitutionen in besonderer Weise verantwortlich sind. Nicht nur IT-Skills, sondern auch Kompetenzen wie kollaboratives Arbeiten, Kreativität oder unternehmerisches Denken werden immer wichtiger.

Neben einem möglichst weit verbreiteten allgemeinen Verständnis brau-chen wir zugleich mehr Expertinnen und Experten, die Algorithmen entwickeln, Programme schreiben, Daten sinnvoll verknüpfen und die Ergebnisse der Verbindungen verstehen und vermitteln können; Menschen, die digitale Archive verwalten können, die technische Neuerungen entwickeln. Kurz: wir brauchen Köpfe und Kompetenzen für die digitale Wissenschaft – eine neue Generation von Datenwissenschaftlerinnen und Datenwissenschaftlern. Als Grundlage hierfür benötigen wir neue oder erweiterte Studien- und Ausbildungsgänge und zusätzliche Angebote in der Fort- und Weiterbildung.

  1. Hochschulen brauchen gute Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre – nicht nur in Zeiten des digitalen Wandels.

Gute Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre zu schaffen, ist primär eine politische Aufgabe, auf Bundes- wie auf Landesebene.

Mit dem Hochschulpakt 2020 hat der Bund die Länder und Hochschulen beim Bewältigen der stark gestiegenen Studienanfängerzahlen vor allem infolge der doppelten Abiturjahrgänge unterstützt. Heute stabilisieren sich die Zahlen der Erstsemester, in einigen Ländern sinken sie sogar. Im Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken, der Nachfolge des Hochschulpakts ab dem Jahr 2021, steht daher nicht mehr die Ausweitung der Studienkapazitäten, sondern die Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre und der Studienbedingungen in der Breite der Hochschullandschaft im Mittelpunkt.

Der Zukunftsvertrag ist unbefristet. Mit bundesseitig zunächst 1,88 Mrd. Euro, ab 2024 jährlich 2,05 Mrd. Euro schafft er dauerhaft Planungssicherheit für die Hochschulen und Perspektiven für unbefristete Beschäftigungsverhältnisse. Die Länder finanzieren in gleicher Höhe mit, und zwar zusätzlich zu ihrer Grundfinanzierung. Die Verteilung der Bundesmittel auf die Länder richtet sich nicht mehr nach der Zahl zusätzlicher Studienanfänger, sondern nach dem Anteil eines Landes an den bundesweiten Zahlen der Studienanfängerinnen und –anfänger, der Studierenden in Regelstudienzeit zuzüglich zwei Semester sowie der Absolventinnen und Absolventen. Vom Zukunftsvertrag werden alle Hochschulen profitieren. Zentrale Maßnahme des Zukunftsvertrags ist der Ausbau unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse in Studium und Lehre an den Hochschulen. Weitere Maßnahmen für Qualitätsverbesserung sind möglich, wie beispielsweise solche, die die Nutzung digitaler Medien in der Lehre fördern. Jedes Land wird in einer Verpflichtungserklärung vor Beginn des Zukunftsvertrags darstellen, welche strategischen Ansätze und Schwerpunkte es bei der Verwendung der Mittel verfolgt.

Das Bundesbildungsministerium unterstützt die Gestaltung des digitalen Wandels des Hochschulsystems. Damit verfolgen wir drei Ziele:

  1. die Verbesserung der Qualität der Hochschulbildung,
  2. die Erhöhung der Leistungsfähigkeit des Hochschulsystems und
  3. die Internationalisierung der Hochschulen.

Um diese Ziele zu erreichen, hat das BMBF zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, zu denen die Forschungsförderung zur digitalen Hochschulbildung oder die Finanzierung des Hochschulforums Digitalisierung gehören.

Die Digitalisierung erleichtert die Internationalisierung der Hochschulen und die Internationalisierung beschleunigt die Digitalisierung. Seit der gemeinsamen Internationalisierungsstrategie von Bund und Ländern des Jahres 2013 haben wir viel erreicht. Dank der Aktivitäten von Bund, Ländern, Hochschulen – nicht zu vergessen der HRK und des DAAD - können wir auf große Erfolge in den vergangenen Jahren verweisen.

Deutlich wird dies an folgenden Zahlen:

  • 1.900 internationale Studiengänge gibt es an deutschen Hochschulen,
  • 108.000 ausländische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen arbeiten und forschen kurz-, mittel und langfristig in Deutschland,
  • 375.000 ausländische Studierende studieren derzeit in Deutschland.
  • Und fast 145.000 deutsche Studierende studieren abschlussbezogen im Ausland.

Anders als in anderen Ländern zeigen diese Zahlen, dass es Deutschland nie um die einseitige Anwerbung ausländischer Studierender, Forscherinnen und Wissenschaftler ging, sondern immer um den wohlverstandenen Austausch, auf Neudeutsch um die „brain circulation“.

Aber es gibt auch noch Handlungsbedarf. Dieser existiert zum Beispiel in Bezug auf die Internationalisierung unserer Fachhochschulen. Gemeinsam mit Ländern und dem DAAD sind wir hier aktiv geworden und haben für die Fachhochschulen spezifische Maßnahmen entwickelt, die Internationalisierung voranzubringen. Die Resonanz auf unsere erste Ausschreibung war sehr gut.

Die in ganz Europa diskutierten Europäischen Hochschulen oder besser Europäischen Hochschulnetze wurden von uns von Beginn an unterstützt. Es geht darum, die bereits sehr guten Kooperationen der europäischen Universitäten auf ein qualitativ noch höheres Niveau zu heben. Wie einige andere Mitgliedstaaten auch planen wir diese Europäischen Hochschulnetze national und komplementär zu fördern und haben dafür 7 Mio. € p.a. vorgesehen.

Doch nicht nur in der Lehre, auch in der Forschung unterstützt das BMBF die Hochschulen: Im Zuge des digitalen Wandels fallen in der Wissenschaft große Mengen an digitalen Daten an. Für den Umgang mit diesen Forschungsdaten gibt es noch keine etablierten Vorgehensweisen. Darum fördern wir verschiedene Maßnahmen zum Forschungsdatenmanagement auch an Hochschulen.

Mit der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur, „der NFDI“, wollen wir die heute oftmals dezentral und temporär gelagerten Datenbestände systematisch erschließen. Zentrales Ziel ist die Etablierung eines übergreifenden Forschungsdatenmanagements. Die NFDI wendet sich ausdrücklich auch an Hochschulen, die wir beim standardisierten Umgang mit Forschungsdaten unterstützen wollen.

Hochschulen, Länder und Bund sind sich der Herausforderungen, denen sich die Hochschulpolitik stellen muss, bewusst. Wir haben kein Erkenntnisdefizit, wir haben ein Umsetzungsproblem. Die Digitalisierung der Bildung ist kein Selbstzweck. Sie muss zu einem besseren Lernen und damit zu grundlegenden Verbesserungen der Hochschulbildung beitragen. Wenn uns dies gelingt, dann könnte uns tatsächlich – wie Christoph Meinel postuliert - die Digitalisierung der Verwirklichung des humboldtschen Bildungsideals näher bringen. Mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung haben die Hochschulen eine verlässliche und kräftige Unterstützung. Ich möchte an Sie als Verantwortungsträger und Multiplikatoren appellieren:  Es kommt darauf, diese Chancen JETZT zu nutzen. Wir müssen schneller und besser werden! Dabei können Sie auf die vielfältige Unterstützung des BMBF zählen.

Vielen Dank.