„Die Dinge anpacken, anstatt den Status quo hinzunehmen“

In der Coronakrise liefern Do-It-Yourself-Pioniere schnell und unkompliziert Lösungen für fehlende medizinische Ausrüstung. Projektleiter Dirk Berben im Interview über das Open-Photonik-Hub, Make-a-thons und die Unterstützung durch das BMBF.

Makerszene Maker 3D-Druck
In der Coronakrise haben sich die Maker ganz auf die Produktion von Schutzmasken konzentriert. © VDI

Herr Berben, wer sind eigentlich diese Maker und was machen sie?

Berben: Maker heißt auf Deutsch „Macher“, und genau darum geht es: Probleme anzupacken und Lösungen zu finden, anstatt den Status quo hinzunehmen. Maker sind unterschiedlichste Leute von der Hochschulprofessorin bis hin zum Klempner, Bastler, Programmiererinnen, Kreative. Oft werden sie als Nerds belächelt. Doch ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie Dinge aktiv verbessern wollen, die in ihren Augen nicht gut funktionieren. Sie denken nicht „das ist halt so“, sondern „das mache ich besser“. Aktuelle Entwicklungen in der digitalen Produktion haben es Menschen mit diesem Mindset ermöglicht, selbst aktiv zu werden und beispielsweise Gegenstände herzustellen, die es vorher nicht gab.

Ausschlaggeben war da vor allem der 3D-Druck, aber auch Technologien wie Lasercutter, nutzerfreundliche Mikrocontroller oder offen zugängliche Programmierplattformen. Die Ergebnisse gehen von Alltagsgegenständen über Elektronik bis zur Fertigung von Platinen und in den Bereich Programmierung. Oft entwickeln Maker einfache Lösungen für relevante Probleme und man denkt: „Hey, wieso ist darauf nicht längst jemand gekommen?“. Das hat auch außerhalb der Community an vielen Stellen das Denken verändert und gezeigt, dass sich manche Probleme schneller und unkomplizierter lösen lassen als gedacht.

Zur Person

Dirk Berben ist Professor für Physik im Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik der
Fachhochschule Südwestfalen in Hagen. Er initiierte und koordiniert den Open-Photonik-Hub.

Und was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?

Als weltweit der Bedarf an medizinischem Mund-Nasenschutz – insbesondere für medizinisches und Pflegepersonal – stieg, sind die Maker vor allem damit in Erscheinung getreten, dass sie Face Shields (durchsichtige Gesichtsschilde) produziert haben. Und zwar sehr früh und sehr schnell. Die erste Version eines per 3D-Druck erstellten Shields gab es bereits Mitte März. Während andere noch überlegten, wie man dem weltweiten Mangel an Schutzmasken begegnen könnte, verteilten Maker-Spaces und Hubs bereits Shields in ihrer Umgebung. Das war und ist gerade für kleine Arztpraxen oder Pflegeeinrichtungen hilfreich, denn sie kommen noch schwieriger an professionelles Material heran als beispielsweise große Unikliniken.

Da es der Maker-Community nicht um Gewinn geht, verteilt sie Face Shields meist kostenlos oder zu Selbstkosten. Außerdem ist die Produktion flächendeckend möglich – jede und jeder mit einem 3D-Drucker und der passenden Vorlage, die es kostenfrei im Internet gibt, kann loslegen. Die Face Shields waren eine schnelle Antwort auf ein drängendes Problem und es begeistert mich immer wieder, wie schnell und agil die Maker-Bewegung in solchen Situationen Ergebnisse liefern kann. Dazu trägt auch bei, dass die Maker sehr interdisziplinär arbeiten und Probleme aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.

Welche Herausforderungen stellen sich dabei und welche Fallstricke haben sich ergeben?

Wenn es um medizinische Gegenstände geht, ist der Praxistest enorm wichtig. Und da fehlt der Maker-Community oft der direkte Draht zu Medizin und Pflege. Zum Beispiel meldete eine Ärztin uns zurück, dass unser Face Shield am Kopf drückt. Wir haben das Feedback aufgenommen und ergänzen unsere Shields jetzt mit Fensterdichtgummi, das Druckstellen verhindert und gleichzeitig leicht zu reinigen ist. Oder ein HNO-Arzt, der erzählte, dass er nun vermehrt wieder Standard-Operationen durchführt. Dabei braucht er einerseits Licht und andererseits einen sicheren Infektionsschutz für sich und seine Mitarbeitenden, da bei so einer OP im Hals-Nasenbereich die Kontaktgefahr mit Körperflüssigkeiten besonders hoch ist. Nun geht es also darum, Face Shields um eine passende Beleuchtung zu ergänzen.
 

Makerszene Maker 3D-Druck
Durch ständige Rückmeldungen aus der Medizin konnten die Masken immer weiter verbessert werden. © MakerVsVirus.org

Eine weitere Herausforderung ist, dass Maker natürlich nur die Herausforderungen in ihrem eigenen Umfeld kennen und von vielen praktischen Problemen in der Medizin gar nichts wissen. Auch da ist es wichtig, Kommunikation und Vernetzung zu verbessern.

Und schließlich ist für die Maker-Community auch die Corona-Pandemie selbst eine Herausforderung. Ein typisches Format der Szene sind sogenannte Make-a-thons – große Treffen, bei denen Maker gemeinsam Lösungen entwickeln und umsetzen, basteln und tüfteln. Das ist aufgrund der Kontaktbeschränkungen momentan einfach nicht möglich und auch abgesehen von Corona sind Make-a-thons logistisch nur bis zu einer bestimmten Größe umsetzbar. Wie in vielen Unternehmen und Branchen geht es also auch bei den Makern um die Frage, wie man ortsübergreifend zusammenarbeiten kann.

Wie wollen Sie mit dem Open-Photonik-Hub diese Herausforderungen meistern?

Ein Ziel unseres Hubs ist, genau diese beschriebene Vernetzung zwischen Makern und Medizin zu ermöglichen. Als Fachhochschule Südwestfalen haben wir den Vorteil, dass wir ganz anders agieren können und Zugang zur Medizin- und Pflegecommunity haben – zum Beispiel über unseren Studiengang Medizintechnik. Wir wollen Kommunikationskanäle zwischen den Communities schaffen und die Hemmschwellen auf beiden Seiten senken, damit Maker und Medizin dann auch ohne uns als Schnittstelle besser zusammenarbeiten.

Außerdem suchen wir nach dem bestmöglichen Format für große – im besten Fall sogar globale – virtuelle Make-a-thons (Make-@-thons). Wir wollen Tools und Prozesse entwickeln, mit denen Maker auch virtuell genauso gut und effizient zusammenarbeiten, wie wenn sie gemeinsam in einer Werkstatt sitzen. Diese Make-@-thons wollen wir regelmäßig veranstalten und der Community dabei ganz konkrete Herausforderungen nennen, für die sie Lösungen entwickeln soll. Der Hub ist somit durchaus ein nachhaltiges Projekt, dessen Ergebnisse auch nach der Coronakrise Relevanz haben.

Mehr zum Thema

Weitere Hintergründe zur Maker-Bewegung und ihren Lösungsansätzen in Zeiten von Corona gibt es auch unter www.photonikforschung.de. Dort finden Sie außerdem viele Informationen zu weiteren BMBF-geförderten Projekten aus dem Bereich Photonik.

Welche Rolle spielt die Förderung durch das BMBF dabei und wie kam es dazu?

Eine Basis der Maker-Bewegung ist der Open-Source-Gedanke, also das Ideal, dass nicht nur Ergebnisse und Produkte, sondern auch der Weg dorthin für alle öffentlich und kostenlos zugänglich sind. Das betrifft einerseits den Quellcode von Software, aber auch beispielsweise Baupläne und Vorlagen für den 3D-Druck. Diese Vorstellung ist auch Grundlage der Projekte, die das BMBF im Rahmen der Initiative Open Photonik Pro (und ihres Vorgängers Open Photonik ) fördert. Wir hatten nun die Idee, genau diese Community in ein Boot zu holen und unsere photonischen Kräfte für die Corona-Pandemie zu bündeln.

Mit dieser Idee sind wir auf den zuständigen Projektträger und das BMBF zugegangen und dann ging alles wahnsinnig schnell: Innerhalb weniger Wochen entwickelten wir das Konzept und einen Arbeitsplan für den Open-Photonik-Hub. Und schon Anfang Mai hatten wir die Zusage, dass das BMBF die Förderung unseres bereits laufenden Projekts Optocubes um 300.000 Euro aufstockt, damit wir den Hub umsetzen können. Ich bin immer noch begeistert, wie hier alle an einem Strang gezogen haben und wie schnell Fördermittel für ein akutes und drängendes Problem bereitgestellt wurden.

Wie ist der aktuelle Stand im Projekt und was sind die nächsten Schritte?

Auch im Projekt verfolgen wir den Maker-Ansatz: Einfach mal machen. Wir haben Feedback von einigen Ärztinnen und Ärzten eingeholt und daraus konkrete Herausforderungen abgeleitet, die wir nun angehen. Wir werden jetzt den ersten Make-@-thon terminieren und in diesem wahrscheinlich die beschriebene Aufgabe „Face Shield mit Beleuchtung“ bearbeiten. Den ersten Make-@-thon werden wir dann auswerten und für‘s nächste Mal anpassen. Parallel arbeiten wir daran, unsere eigenen Face Shields zu optimieren. Momentan verteilen wir sie in Seniorenheimen und holen dort Feedback ein. So wollen wir gleichzeitig ganz konkrete Probleme lösen und schrittweise das Format für virtuelle Make-@-thons weiterentwickeln, das dann auch langfristig genutzt werden soll. Corona ist für uns somit nicht der Grund für unser Projekt, aber ein geeigneter – wenn auch natürlich kein schöner – Anlass.