"Die Dorfbewohner haben sich für Küchengärten entschieden"

Hadijah Mbwana forscht an der Sokoine University of Agriculture in Tansania. Im Interview mit bmbf.de erklärt sie, wie sie lokales Wissen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet und was das mit der Gemüsesorte Mlenda zu tun hat.

Frisches Gemüse auch in der Trockenzeit: Bei den Taschengärten werden Plastiksäcke mit Erde befüllt, in die Seiten der Säcke werden Löcher gebohrt. Verschiedene Gemüsesorten können nun sowohl in die obere Öffnung der Säcke, als auch in den seitlichen Löchern angepflanzt werden. © Mitchell Maher / International Food Policy Research Institute
"In Zukunft sollen die Menschen noch mehr über einheimische Gemüsesorten erfahren": Dr. Hadijah Mbwana ist Ernährungswissenschaftlerin an der Sokoine University of Agriculture in Tansania. © Dr. Hadijah Mbwana

bmbf.de: Die Förderinitiative GlobE sucht zusammen mit afrikanischen Partnern innovative und regional angepasste Lösungen, um die Ernährung in ländlichen Gegenden Afrikas zu verbessern. Was war Ihre Idee, was können Sie als Forscherin beitragen?

Hadijah Mbwana: Ich arbeite für das Trans-SEC Projekt, das ist eines von vielen Teilprojekten der Fördermaßnahme GlobE. In den Projekten suchen wir nach Innovationen und Technologien, um die Ernährungssituation der ländlichen Bevölkerung zu verbessern. Die Lösungen werden dabei gemeinsam mit der Dorfbevölkerung erarbeitet. So vermitteln wir wissenschaftliche Erkenntnisse und kombinieren sie mit lokalem Wissen.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Zu allererst mussten wir die dringendsten Probleme in den Dörfern identifizieren. Hierfür haben wir eine Grundlagenerhebung gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass große Unkenntnis über gesunde Ernährung besteht. Viele Menschen in den Dörfern leiden an Nährstoffmangel oder anderen Problemen, die auf eine unzureichende und einseitige Ernährung zurückzuführen sind. Diese Erkenntnisse haben wir mit der Dorfbevölkerung geteilt und gemeinsam überlegt, welche einfachen und günstigen Lösungen sich anbieten. Nicht zuletzt wurden die Dorfältesten involviert. Damit haben wir signalisiert, dass die Dörfer das Projekt selbst verwalten und gestalten. Die Bevölkerung konnte unter verschiedenen Möglichkeiten auswählen und hat sich nahezu überall für die Idee der sogenannten Küchengärten beziehungsweise Taschengärten entschieden.

In den Projekten suchen wir nach Innovationen und Technologien, um die Ernährungssituation der ländlichen Bevölkerung zu verbessern.

Hadijah Mbwana

Was genau ist ein Taschengarten?

Bei den Taschengärten werden Plastiksäcke mit Erde befüllt, in die Seiten der Säcke werden Löcher gebohrt. Verschiedene Gemüsesorten können nun sowohl in die obere Öffnung der Säcke, als auch in den seitlichen Löchern angepflanzt werden. Die Wasserhaltekapazität in diesen speziellen Behältern ist deutlich höher als im Boden. Die Bevölkerung kann auch in der Trockenzeit Gemüse anpflanzen, damit eignet sich die Technik hervorragend, um Versorgungsengpässe zu überbrücken.

Wie haben die Menschen in den Dörfern die Idee aufgenommen?

Sehr gut, insbesondere in Dörfern in semiariden Gegenden, wo es nur eine Regenzeit im Jahr gibt. Dort ist die Zeitspanne, in der Gemüse angebaut und geerntet werden kann, sehr kurz. Dank der Taschengärten wächst dieses nun das ganze Jahr über. Die Taschengärten muss man nur einmal pro Woche gießen, das ist mit ohnehin anfallenden Haushaltsabwässern möglich. Zeitgleich haben wir die Dorfbevölkerung auch über die Vorteile einer vitaminreichen Ernährung, zu der die Taschengärten beitragen, unterrichtet.

GlobE und Trans-SEC

GlobE ist eine Förderinitiative des Bundesforschungsministeriums. Ziel der Initiative ist es, die Entwicklung einer nachhaltigen Agrarwirtschaft in afrikanischen Ländern zu unterstützen. Dabei werden deutsch-afrikanische Forschungsnetzwerke gefördert. Insgesamt sind 864 Forschende an GlobE beteiligt, davon arbeiten rund 120 im Forschungsnetzwerk Trans-SEC. Das Netzwerk widmet sich vorwiegend dem Technologie- und Wissenstransfer, um eine Verbesserung der Ernährungssituation, insbesondere von Kleinbauern in Tansania, zu erreichen.

Wer wurde unterrichtet? Frauen, Männer oder alle?

Wir haben uns bewusst für einen haushaltsbasierten Ansatz entschieden, bei dem alle Mitglieder eines Haushaltes einbezogen wurden. In Afrika hat es Nachteile, sich nur an Frauen zu wenden, da in der Regel Männer die Entscheidungen treffen. Sogar wenn es um den Nahrungsmittelverbrauch und dergleichen geht.

Sie haben das Projekt laufend ausgewertet. Haben sich Dinge verselbstständigt?

Die Leute haben verstanden, dass es praktischer ist, Gemüse direkt vor der Tür ernten zu können und dieses nicht erst im Busch sammeln zu müssen. Die meisten Haushalte sind sehr motiviert und führen das Projekt weiter. Einige haben sogar angefangen, Geschäftsmodelle zu entwickeln und das Gemüse zu verkaufen. Die Idee hat sich auch von ganz alleine auf weitere Dörfer ausgeweitet, das hat uns als Forscher natürlich besonders gefreut.

Wollen Sie die Idee weiter ausbauen?

Ja, auf jeden Fall. Wir möchten die Taschengärten in Zukunft noch nachhaltiger gestalten. Die Säcke sind aus Plastik, sie gehen kaputt und müssen alle vier bis sechs Monate ersetzt werden. Wir versuchen nun, aus Stein oder Lehm ähnliche Konstruktionen zu bauen, die deutlich länger halten.

Was ist noch nötig, um die Ernährung in den Dörfern zu verbessern?

Zukünftig sollen die Menschen noch mehr über die einheimischen Gemüsesorten erfahren und Gemüsesorten wie Mlenda, ein Malvengewächs, oder wilde Süßkartoffeln in den Küchengärten anbauen. Ein weiteres Ziel ist eine verbesserte Lagerung des Gemüses. Während der Regenzeit wächst Gemüse überall, sobald der Regen jedoch aufhört, verschwindet das Gemüse. Neben Ideen wie den Küchengärten ist es sehr wichtig, bessere Lagerungs- und Aufbewahrungsmethoden anzuwenden. Auch hier müssen wir die Bevölkerung unterrichten, um dann gemeinsam nach Lösungen vor Ort zu suchen.