"Die Einheit Europas ist nicht selbstverständlich"

"Europa braucht andauerndes Engagement! Wir alle können Europa mitgestalten. Begegnung und Dialog sind dabei wichtige Elemente", sagt Staatssekretär Rachel beim deutsch-französischen Jugendkongress in Düren.

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Thomas Rachel (MdB), bei der Eröffnung des deutsch-französischen Jugendkongresses des Burgau-Gymnasiums in Düren am 17. September 2019.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Larue,

sehr geehrter Herr Dr. Schneider,

sehr geehrte Gastgeber und Lehrkräfte des Burgau-Gymnasiums,

liebe Schülerinnen und Schüler!

Im Sommer vor 69 Jahren, am 6. August 1950, geschah etwas Großartiges im Pfälzer Wald an der deutsch-französischen Grenze. 300 junge Menschen aus verschiedenen Ländern schufen Europa.

Alles, was sie dafür brauchten, waren eine kleine Säge und eine große Vision. Die Vision, dass hier an der Grenze zwischen den ehemals verfeindenden Nationen Deutschland und Frankreich ein vereintes Europa entstehen kann. Ein Europa, in dem weder Grenzschranken noch Hass die Menschen trennen, ein Europa, in dem es selbstverständlich ist, in einem anderen Land zu leben, zu lernen und zu arbeiten, ein Europa, das politisch und wirtschaftlich geeint ist.

Also legten die 300 jungen Europäerinnen und Europäer los: Kurzerhand zersägten sie die Schlagbäume zwischen dem deutschen St. Germanshof und dem französischen Wissenbourg. Sie fielen sich jubelnd in die Arme, hissten die Fahne der Europäischen Bewegung und stellten Banner mit den Worten „Europa ist Gegenwart“ auf. Und für einen Moment wurde Europa Gegenwart.

Natürlich hatten die jungen Europa-Aktivistinnen und Aktivisten dafür gesorgt, dass dies– außer der verwunderten Grenzbeamten- auch andere mitbekamen. Sie hatten die internationale Presse zu ihrer Aktion eingeladen. Die Pressebilder von den zersägten, brennenden Schlagbäumen, den Europafahnen und den jubelnden jungen Menschen werden noch heute in Berichten über die Anfänge der europäischen Integration gezeigt.

Tatsächlich ist einiges seit 1950 passiert: Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl wurde gegründet, 40 Jahre später die Europäische Union. Es gibt einen gemeinsamen Markt, eine gemeinsame Währung. Die Schlagbäume zwischen Deutschland und Frankreich wurden abgebaut, und die europäischen Bürgerinnen und Bürger können heute ohne einen Reisepass (oder eine Säge) die Grenze überqueren, oft ohne es zu merken. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs traten mehr und mehr Staaten der Europäischen Union bei, 2004 auch Polen.

Und so sind wir heute hier in Freundschaft vereint: Gäste aus Deutschland, Frankreich, Polen und auch aus der Ukraine. Ich freue mich als Vertreter der Bundesregierung einer von ihnen zu sein und bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Dr. Schneider vom Burgau-Gymnasium für die freundliche Einladung.

In den nächsten Tagen ist auch hier in Düren Europa Gegenwart. Schülerinnen und Schüler aus vier Ländern werden ihre eigenen Ideen für Europa miteinander teilen und so dazu beitragen, dass Europa zusammenwächst. Denn trotz der politischen Einigung, der gemeinsamen Währung und den offenen Schlagbäume ist Europa stetig im Werden. Aber: Die Einheit Europas ist nicht selbstverständlich.

Dies zeigen nicht zuletzt europakritische Tendenzen in einigen Mitgliedstaaten und der immer wahrscheinlicher werdende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. Europa braucht andauerndes Engagement! Wir alle können Europa mitgestalten. Begegnung und Dialog sind dabei wichtige Elemente.

Die Europa-Aktivisten der 1950er Jahre legten nicht allein dadurch den Grundstein für die europäische Einigung, dass sie Schlagbäume zersägten und andere spektakuläre Demonstrationen organisierten.

Ihr Engagement half auch, unsichtbare Grenzen zwischen Europäerinnen und Europäern aufzuheben, die sich noch auf den Schlachtfeldern feindlich gegenüber gestanden hatten. Die Mitglieder dieser „ersten europäischen Generation“ reisten durch Europa – mit dem Zug, dem Fahrrad und manchmal auch per Anhalter. Sie knüpften Kontakte mit jungen Menschen in Nachbarländern, trafen sich auf europäischen Veranstaltungen wie dieser hier und diskutierten über ihre Visionen für ein vereintes Europa.

Es dauerte oft etwas, aber viele von diesen Ideen wurden mit der Zeit Wirklichkeit: Ein von den Bürgerinnen und Bürgern gewähltes Europäisches Parlament, eine gemeinsame Politik in vielen Bereichen, das Programm Erasmus+!

Europa braucht Ideen – besonders von jungen Menschen und besonders in dieser Zeit. Denn Europa steht vor großen Herausforderungen: Das Auseinanderdriften von Gesellschaften, der Klimawandel, der Umgang mit Wissenschaft und Fakten: All dies sind Themen, die für Europa höchst relevant sind und über die offen diskutiert werden muss – und diskutiert werden wird.

Ich möchte schon jetzt den Organisatorinnen und Organisatoren der zahlreichen Schülerworkshops zu Themen wie Politik, Geschichte, Umwelt und Wissenschaft danken, dass Sie den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, sich in einer internationalen Gruppe auszutauschen und von- und miteinander zu lernen.

Ich freue mich besonders, dass auch im Forschungszentrum Jülich, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird, ein Schülerlabor stattfindet. Wie ich hörte, gibt es eine Labor-Rallye und einen Experimentiertag im Physiklabor. Die Schülerinnen und Schüler werden auch Einblicke in Forschungsinstitute erhalten. Als Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF bin ich oft im Forschungszentrum Jülich und kann das Erlebnis wärmstens empfehlen!

Wer weiß, vielleicht entdecken ja die einen oder anderen ihre Leidenschaft für die Forschung. Auf jeden Fall wünsche ich allen Beteiligten, dass sie ihre Leidenschaft für Europa, für den internationalen Austausch entdecken. Von ehemalige Teilnehmenden von unseren BMBF-finanzierten Mobilitätsprogrammen höre ich immer wieder: Wer einmal Europaerfahrung gesammelt hat, will wieder raus von Zuhaus.

Ich kann Sie nur ermutigen: Nutzen Sie die Gelegenheit, die europäische Programme wie Erasmus+, oder die Programme des BMBF ProTandem oder AusbildungWeltweit bieten! Der erste Schritt ist mit diesem deutsch-französischen Jugendkongress getan. Dazu gratuliere ich allen teilnehmenden Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und Organisatorinnen und Organisatoren.

Ich wünsche Ihnen allen eine erfolgreiche, spannende und unvergessliche Woche!

Vive, l'Europe!