"Die Energiewende funktioniert nur, wenn die Forschung ihre Erkenntnisse zusammenführt"

Bundesministerin Johanna Wanka über Forschung für die Energiewende, die Revolution der "Industrie 4.0" und darüber, wie die Hightechstrategie zum Innovationsmotor für Deutschland wird. Ein Interview mit dem "Handelsblatt".

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

Das Interview im Wortlaut:

Handelsblatt: Frau Wanka, die Wirtschaft ist enttäuscht, weil es keinen Steuerbonus für Forschung gibt. Machen Sie dafür mehr Milliarden für die High-Tech-Strategie locker?

Johanna Wanka: Die CDU hat jegliche Steuererhöhungen verhindert. Zusätzlich auch noch eine Steuererleichterung für Forschungsausgaben war finanziell schlicht nicht drin. Aber: Die Bundesregierung hat für Forschung bis 2017 drei Milliarden Euro mehr im Budget. Ein Teil davon fließt zusätzlich in die High-Tech-Strategie. Das ist im internationalen Vergleich enorm: Die USA etwa haben ihr Forschungsbudget stark gekürzt - wir geben insgesamt sogar neun Milliarden Euro mehr für die Zukunftsaufgaben Bildung, Wissenschaft und Forschung aus.

Handelsblatt: Seit 2009 hat die Politik 27 Milliarden Euro in die High-Tech-Strategie gesteckt. Was hat die Nation davon?

Johanna Wanka: Zentral war die Konzentration der Förderung auf fünf Felder: Klima Energie, Gesundheit Ernährung, Mobilität, Sicherheit und IT Kommunikation. Das ist ein enormer Gewinn für eine große Industrienation, weil wir bei den Themen vorne sind, die für unsere Gesellschaft besonders bedeutend sind. Ebenso wichtig sind die neuen Organisationsformen, um Innovationen schneller zu realisieren.

Handelsblatt: Welche sind das?

Johanna Wanka: Vor allem die Spitzencluster, wo Forschung und Wirtschaft zusammenarbeiten, um an die Weltspitze vorstoßen zu können. Neu sind zehn Forschungs-Campusse. So entwickeln VW und die Uni Braunschweig Leichtbaukomponenten für Fahrzeuge. Das spart Ressourcen und schont die Umwelt. All das muss jetzt auf hohem Niveau weiterlaufen.

Handelsblatt: Warum können das Forschung und Wirtschaft nicht allein?

Johanna Wanka: Es gibt einen "vorwettbewerblichen Bereich", der für Forscher nicht mehr und für Unternehmen noch nicht interessant ist. Diese Lücke sollen die Cluster oder die Campusse füllen - damit wertvolles Wissen den Weg in die Anwendung findet und zu konkreten Fortschritten für das Leben der Menschen führt. Zudem gibt es Bereiche, bei denen der Bund den besten Überblick hat. Die nationalen Gesundheitszentren etwa, die wir angeschoben haben - zum Wohle aller.

Handelsblatt: Gibt es neue Schwerpunkte?

Johanna Wanka: Es bleibt bei den fünf zentralen Herausforderungen, aber natürlich stellen sich neue dringende Fragen. So werden wir die Energieforschung komplett auf die Energiewende ausrichten. Das 2013 gegründete Energieforschungsforum, in dem alle wichtigen Player sitzen, wird im Laufe dieses Jahres die Agenda entwickeln.

Handelsblatt: Um welche Fragen geht es bei diesem Forum?

Johanna Wanka: Welche Batterie-Forschung brauchen wir? Was ist vordringlich? Was können wir tun für intelligente Netze? Daraus werden wir mit dem Wirtschaftsministerium das 7. Energieforschungsprogramm entwickeln. Wir haben 180 Hochschulen, die Energieforschung betreiben. Die wollen wissen, wohin die Reise geht. Die Energiewende funktioniert nur, wenn die Forschung ihre Erkenntnisse zusammenführt.

Handelsblatt: Können Sie unsere Daten sicher machen?

Johanna Wanka: Ich nicht, aber die Forschung. Das ist zu Recht ein Thema, das viele Menschen stark beschäftigt. Deshalb starten wir im Herbst ein großes Forschungsprogramm zum Thema "Sicher und selbstbestimmt in der digitalen Welt". Dabei geht es vor allem um Unternehmen, aber auch um Private. Angelaufen sind bereits die drei Kompetenzzentren zur digitalen Sicherheit in Darmstadt, Karlsruhe und Saarbrücken - die werden nun richtig loslegen. Passend startet dazu im Februar das Wissenschafts-Jahr "Die Digitale Gesellschaft". All das wird auch auf der Cebit im März in Hannover schon ein zentrales Thema sein.

Handelsblatt: Ein Problem ist das Management riesiger Datenmengen.

Johanna Wanka: Auch dazu gehen noch dieses Frühjahr zwei nationale Forschungszentren an den Start. Auch das zeigt, wie die High-Tech-Strategie immer wieder offen für neue Themen ist.

Handelsblatt: Und all das hilft dann der "Industrie 4.0", dem Internet der Dinge?

Johanna Wanka: Die High-Tech-Strategie war sogar entscheidend dafür, dass wir diese nächste industrielle Revolution als Chance für Deutschland so früh erkannt haben. Wir sind spitze im Maschinenbau und spitze in komplexer Software dazu - das ist eine ideale Startposition, es nun mit den unendlichen Möglichkeiten des Internets zu kombinieren. Man kann Maschinen übers Netz warten, konfigurieren, bestücken. Und man kann die großen Datenmengen, die schon vorhanden sind, intelligent vernetzen. Wir kennen das von Paketdiensten, die uns jederzeit sagen, wo unser Päckchen ist. Ähnliche Herausforderungen stellen sich
vielen Unternehmen.

Handelsblatt: Die USA sind schon weiter.

Johanna Wanka: Dort gibt es in der Tat eine Generation junger Forscher, die Ideen entwickelt. Die Frage ist: Gelingt es uns weiter, Experten aus aller Welt zu uns zu holen? Nicht nur große Unternehmen überlegen, wie sie die besten Fachkräfte gewinnen. Auch und gerade der Mittelstand braucht Innovationen. Das müssen wir aber schnell angehen, die Konkurrenz schläft nicht.

Handelsblatt: Das hat Folgen für die Arbeitswelt.

Johanna Wanka: Natürlich. Deshalb ist die Zukunft der Arbeit ein neuer Ansatz in der High-Tech-Strategie. Künftig arbeitet man vielleicht nicht mehr acht Stunden am Stück, sondern stoßweise. Die einen haben Angst, dass Arbeitnehmer bald endgültig ständig verfügbar sein müssen - andere sehen neue Freiheiten am Horizont. Da ist Forschung gefragt: von der Arbeitsorganisation bis zur Belastung der Mitarbeiter. Dazu werden wir mit Arbeitgebern und Gewerkschaften in Kürze ein großes Forschungsprogramm anschieben.

Handelsblatt: Obama hat für dieses Projekt 1,5 Milliarden Euro ausgegeben.

Johanna Wanka: Ja, aber der Großteil davon fließt nicht in die neue Vernetzung, sondern in die Industrialisierung. Denn die USA leiden ähnlich wie Großbritannien unter Deindustrialisierung, die Industrie hat dort nur noch einen Anteil an der Wertschöpfung von etwa elf Prozent - bei uns sind es mehr als 20 Prozent. Also lagen wir mit 200 Millionen Euro Forschungsinvestitionen für Industrie 4.0
in der letzten Legislatur schon gut, und es wird mehr werden.

Handelsblatt: Gibt es weitere neue Ansätze?

Johanna Wanka: Die Stadt der Zukunft: Da geht es um gesellschaftliche Probleme, Verkehr, Versorgung, Organisation von Wohnen und Arbeiten. Viele Städte schrumpfen - Cottbus etwa von 150 000 auf 80 000 Einwohner. Gebäude kann man abreißen - aber wie passen Sie Wasser- und Abwasserkanäle an? Hier müssen Lösungen her, die weltweit nützlich sind. Wir bereiten dazu eine
nationale Plattform vor, 2015 gibt es dazu ein Wissenschaftsjahr.

Handelsblatt: Kritiker sagen, dass die Bundesminister in der High-Tech-Strategie eher schlecht als recht zusammenarbeiten.

Johanna Wanka: Ich werde alles daransetzen, dass wir gut kooperieren. Ich habe mit Sigmar Gabriel vereinbart, dass das Wirtschaftsministerium künftig in der Leitung des Energieforschungsforums dabei ist. Mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe werde ich mich der Universitätsmedizin annehmen. Und mit Andrea Nahles treffe ich mich, um etwa über Ausbildungsfragen zu sprechen.

Handelsblatt: Was muss die High-Tech-Strategie bis 2017 bringen?

Johanna Wanka: Die High-Tech-Strategie ist die Innovationsstrategie für Deutschland! Sie muss helfen, unsere Innovationskraft zu halten und auszubauen, in mehr Feldern spitze zu werden und Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung zu schaffen. Wir müssen unsere Position als Exportweltmeister von High-Tech-Gütern halten.

Handelsblatt: Frau Ministerin, vielen Dank für das Interview.

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