„Die Forschungsschifffahrt war schon perfekt für mich“

Nach 47 Jahren in der Seefahrt geht nun der Kapitän des Forschungsschiffs SONNE, Lutz Mallon, in den Ruhestand. Wir erreichen ihn per Satellitentelefon auf der Kapitänskammer auf der Rückreise vom Atlantik nach Emden.

Kapitän Lutz Mallon
Kapitän Lutz Mallon © Marie Heidenreich

Herr Kapitän Mallon, Sie gehen nach dieser Fahrt zum letzten Mal von Bord der SONNE. Wie ist das für Sie?

Diese Fahrt ist etwas ganz Besonderes für mich. Ich schreibe gerade meinen letzten Kapitänsbericht, am Samstag steht mir das letzte Einlaufen bevor. Ich freue mich darauf, dann jetzt bei meiner Familie sein zu können. Fehlen wird mir aber meine zweite Familie auf See. Es gibt hier an Bord Leute, mit denen ich seit 1997 und 1998 zusammenfahre. Da wächst man zusammen. Dieser Zusammenhalt der Besatzung ist etwas ganz Besonderes. Ich war in meiner 47-jährigen Dienstzeit 25 Jahre auf Schiffen angemustert. Ich habe 17 Weihnachten auf See verbracht und 22 Geburtstage, davon meinen 30., 40. und 60. Ich habe in meinem Seefahrtsleben 68 Länder und 207 Häfen auf dieser Welt besucht.

Haben Sie einen Lieblingshafen?

Mein Lieblingshafen auf der Welt ist Rostock. Früher in der Handelsschifffahrt habe ich gerne Havanna auf Kuba besucht. Aber Rostock ist mein Heimathafen.

Was unterscheidet die Arbeit auf Forschungsschiffen von der auf anderen Schiffen?

Kapitän Lutz Mallon
Kapitän Lutz Mallon © Marie Heidenreich

Auf Frachtschiffen fährt man von A nach B und befolgt einen festen Fahrplan. Wenn man einen Hafen erreicht, wird die Fracht gelöscht, das Schiff neu beladen und es geht zum nächsten Hafen. Die Forschungsschifffahrt ist sehr individuell mit immer neuen Herausforderungen: Wir haben ständig wechselnde Forschungsteams an Bord, einige kommen aber auch über die Jahre immer wieder und setzen ihre Forschung fort. Es gibt oft neue ozeanografische Geräte und Tauchroboter, deren Einsatz immer wieder spannend ist. Man fühlt sich in der Forschungsschifffahrt freier und muss flexibel auf die Anforderungen der Wissenschaft reagieren. Wie in der Handelsschifffahrt haben auch wir einen Fahrtplan, allerdings können wir die Reise vom Auslaufen bis zum Einlaufen individuell gestalten. Ich möchte auch kein Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff oder einem Frachtschiff sein. Die Forschungsschifffahrt war schon perfekt für mich.

Auch auf der aktuellen Fahrt im winterlichen Atlantik stellte Sie das Wetter vor Herausforderungen.

Unsere Aufgabe als Crew ist es, dafür zu sorgen, dass die Wissenschaft auf jeder Forschungsfahrt ein Maximum an Ergebnissen bekommt. Die Forscher unter der Leitung von Saskia Brix haben die Artenvielfalt im Nordatlantik untersucht. Der Januar auf dem Nordatlantik macht aber einige Einsätze wettertechnisch unmöglich. Wir haben auf dieser Reise Wetterschach gespielt: Anhand der Wetterkarten haben wir jeden Tag geguckt, wo wir als nächstes hinkönnen; welche Station wir abarbeiten können. Die beiden nördlichsten Stationen auf ihrem Plan waren unmöglich zu erreichen, weil ständig Tiefs mit zwölf Metern Wellen durchgezogen sind. Also haben wir uns einen südlicheren Transekt gesucht und dort Proben an mehreren zusätzlichen Stationen genommen. Ich glaube, alle sind hochzufrieden mit der Reise.

Sie haben für das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Bau der neuen SONNE im Jahr 2014 begleitet. Das modernste deutsche Forschungsschiff ist Ihr Lebenswerk.

Die Baubegleitung der SONNE war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Es war spannend, auf der Meyer Werft in Papenburg zu sehen, wie ein Schiff wächst und gedeiht, wie seine einzelnen Teile zusammengefügt werden und wie das Schiff irgendwann als grauer Körper zum ersten Mal aufschwimmt, wenn Wasser ins Dock gelassen wird.

Welcher Moment Ihres Berufslebens wird Ihnen für immer in Erinnerung bleiben?

Die Schiffstaufe der SONNE durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein weiteres außergewöhnliches Erlebnis war die Unterstützung der MOSAiC-Expedition: Nach Ausbruch der Corona-Pandemie sind wir im Sommer 2020 zusammen mit der MARIA S. MERIAN nach Spitzbergen gefahren, wo wir die POLARSTERN getroffen haben. Dort haben wir Besatzung und Wissenschaftler mit dem Eisbrecher gewechselt und auf offenem Wasser wissenschaftliche Ausrüstung, Lebensmittel und Treibstoff verladen. So haben wir die POLARSTERN fit für die nächste Etappe der MOSAiC-Expedition gemacht. Es ist immer spannend, wenn verschiedene Schiffe zusammenarbeiten und sich gegenseitig helfen. Dieses Treffen der größten deutschen Forschungsschiffe war einmalig.

Lieber Herr Kapitän Mallon, wir danken Ihnen für diese persönlichen Einblicke in Ihr spannendes Berufsleben auf hoher See und für Ihren langjährigen Einsatz auf den deutschen Forschungsschiffen. Wir wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute!