"Die Handwerksberufe müssen mehr wertgeschätzt werden"

Bundesministerin Johanna Wanka hat Jugendliche dazu ermuntert, einen Beruf im Handwerk zu lernen. "Unser duales System und unsere Facharbeiter werden in der ganzen Welt bewundert, leider nicht so bei uns zu Hause", sagte sie der "Bild am Sonntag".

Interview mit Johanna Wanka
Interview mit Johanna Wanka © BMBF/Hans-Joachim Rickel

BILD am SONNTAG: Frau Ministerin, Sie haben Mathematik studiert. Wären Sie heute gern Lehrerin?

JOHANNA WANKA: Ich habe schon immer gern anderen etwas vermittelt. Darum bin ich Hochschullehrerin geworden. Persönlich habe ich mich stärker für den Unterricht von Erwachsenen interessiert.

BILD am SONNTAG: Hat der Druck auf die Lehrer zugenommen? Es gibt beispielsweise viele Klagen über Unterrichtsausfälle aufgrund von Krankmeldungen...

JOHANNA WANKA: Auf den Lehrern liegt ein enormer Druck. Von ihnen wird erwartet, dass sie alles Mögliche ausbügeln. Bei Misserfolgen der Schüler schiebt man die Schuld heutzutage schnell auf den Lehrer.

BILD am SONNTAG: Früher war bei schlechten Noten das Kind zu dumm oder zu faul, und heute ist der Lehrer unfähig?

JOHANNA WANKA: Als die ersten PISA-Studien mit den schlechten Ergebnissen kamen, wurden Schuldige gesucht. Die waren dann auch schnell gefunden: die Kultusminister und die Lehrer. In skandinavischen Ländern etwa ist das Image des Lehrers viel positiver als bei uns.

BILD am SONNTAG: Dort haben die Pädagogen auch ein sehr hohes Ansehen und nur die Besten dürfen Lehrer werden. Bei uns ist das anders. Gerhard Schröder nannte die Lehrer mal "faule Säcke".

JOHANNA WANKA: Schlimm. Die Lehrer und Lehramtsstudenten, die ich kenne, sind sehr engagiert. Der Lehrerberuf ist im Vergleich zu Schröders Zeiten auch wieder attraktiv geworden. An vielen Universitäten gibt es Zugangsbeschränkungen für Lehramtsstudenten, weil es viele Bewerber gibt.

BILD am SONNTAG: Dabei kann man als Lehrer nicht reich werden, oder?

JOHANNA WANKA: Im internationalen Vergleich werden Lehrer in Deutschland ordentlich bezahlt. Und Lehrer sind wieder beliebter geworden, bekommen mehr Anerkennung. Früher waren sie im Ansehen auf dem Niveau von Politikern ...

BILD am SONNTAG: ... oder Journalisten.

JOHANNA WANKA: Also relativ weit unten. Inzwischen haben die Lehrer stark aufgeholt.

BILD am SONNTAG: Sie wollen eine halbe Milliarde Euro in eine große Qualitätsoffensive für Lehrer investieren. Worum geht es genau?

JOHANNA WANKA: Wir wollen für die vielen neuen Anforderungen an die Lehrer, beispielsweise für Integration oder den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern, die Verbesserung der Lehrerausbildung fördern. Dieses
Programm übernehmen wir-, und zwar ohne dass die Länder etwas dazuschießen müssen. Es gibt nur eine Bedingung: Die Bundesländer müssen sicherstellen, dass der Abschluss eines Lehramtsstudiums überall anerkannt wird. Ein Berliner Lehrer zum Beispiel muss auch in Bayern oder Sachsen eingestellt werden dürfen. Bislang war das vielfach Ermessenssache.

BILD am SONNTAG: Mehr tun könnte die Politik auch für die Ausstattung unserer Schulen. Oftmals sind die Gebäude in schlimmem Zustand, fehlen Sport- oder Schwimmhallen.

JOHANNA WANKA: Bildung ist Ländersache. Als Bund können wir Vergleichsstudien, Kitas oder Forschungseinrichtungen fördern, aber nicht direkt in Schulen investieren.

BILD am SONNTAG: Trotzdem: Während in die Rente bis 2030 mindestens 160 Milliarden Euro zusätzlich fließen, ist für eine echte Bildungsreform kein Geld da. Investiert die Große Koalition in die Älteren statt in die Jugend?

JOHANNA WANKA: Nein. Seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, sind die Ausgaben für Bildung und Forschung immer weiter gestiegen. Das geht so weiter. In den nächsten vier Jahren sind von den zusätzlich eingeplanten 23 Milliarden 9 Milliarden Euro für Kitas, Bildung, Hochschulen und Forschung eingeplant.

BILD am SONNTAG: Was machen Sie für die Studenten?

JOHANNA WANKA: Der Bund finanziert jeden neuen Studienplatz zur Hälfte. Und ich möchte, dass das BAföG verbessert wird. Wir wollen es stärker an der Lebenswirklichkeit orientieren und auch die Sätze anheben. Wir wollen das BAföG auch für Teilzeit-Studierende und es an den Übergang zwischen Bachelor- und Masterstudiengängen anpassen.

BILD am SONNTAG: Die SPD will, dass die Mehrkosten für die BAföG-Reform allein der Bund bezahlt. Einverstanden?

JOHANNA WANKA: Ergebnis der Koalitionsverhandlungen war: Bund und Länder übernehmen - wie seit mehr als 40 Jahren - das BAföG gemeinsam. Daran wird nicht gerüttelt. Parteibeschlüsse sind das eine, Regierungshandeln etwas anderes. Die Studentinnen und Studenten jedenfalls werden es nicht verstehen, wenn die SPD sich hier aus der Verantwortung zieht.

BILD am SONNTAG: Das Grundgesetz verbietet weit gehend eine Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Bildungsbereich. Die Folge ist ein Flickenteppich bei Noten, Schulformen und Lehrervergütung. Wann wird sich daran etwas ändern?

JOHANNA WANKA: Den Wettbewerb unter den Ländern sehe ich grundsätzlich als großen Vorteil.

BILD am SONNTAG: Eltern, die von einem Bundesland ins andere umziehen, sehen das oft anders. Die Kinder müssen sich umstellen, zum Teil sogar ein Jahr nachholen.

JOHANNA WANKA: Gerade deshalb sind von den Ländern ja gemeinsame Standards entwickelt worden, etwa dafür, was ein Kind in der 4. Klasse können muss. Die Wege dahin können aber in den bayerischen Bergen anders sein als in den Stadtteilschulen von Bremen.

BILD am SONNTAG: Trotzdem denkt die Große Koalition ja darüber nach, das Grundgesetz so zu ändern, dass sich der Bund stärker im Bereich von Bildung und Wissenschaft engagieren kann...

JOHANNA WANKA: Die Verfassungsänderung für die Wissenschaft steht weiter ganz oben auf der Tagesordnung. Da gibt es auch bei den Ländern Sympathie. Mein Wunsch ist es, dass wir das so schnell wie möglich erreichen.

BILD am SONNTAG: Was halten Sie eigentlich von Frauen-Quoten in der Wirtschaft?

JOHANNA WANKA: Ich war Anfang der 90er Jahre strikt gegen Frauenförderung und gegen Frauenquote. Ich hatte schlechte Erfahrungen aus der DDR-Zeit. Im Laufe der Jahre habe ich dazu gelernt. Eine gesetzliche Quote kann enorm viel bewegen. Ich bin für eine intelligente, zielgerichtete Quote.

BILD am SONNTAG: Das Handwerk spürt einen Mangel an Jugendlichen deutlich. Was können Sie tun, damit sich wieder mehr Jugendliche für Handwerksberufe wie Bäcker, Koch oder Metzger entscheiden?

JOHANNA WANKA: Für viele in Deutschland zählt der Abschluss eines Bachelors oder Masters an der Uni mehr als ein Handwerksmeister. Wir müssen die Wertschätzung für die Handwerksberufe wieder deutlich verbessern. Unser duales System und unsere Facharbeiter werden in der ganzen Welt bewundert, leider nicht so bei uns zuhause.

BILD am SONNTAG: Klingt gut, aber was tun Sie konkret?

JOHANNA WANKA: Wir verbessern die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsstufen. Wer zum Beispiel den Bäckermeister geschafft hat, der soll künftig auch ohne Abitur Lebensmitteltechnologie studieren können. Ein Elektrotechniker kann dann auch Ingenieur für Verfahrenstechnik werden. Die Länder sollten da nicht zusätzliche Hürden aufbauen.

BILD am SONNTAG: Wo gibt es die meisten Studienabbrecher?

JOHANNA WANKA: Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist in Deutschland mit 2,5 Prozent besonders gering. Bei Menschen ohne beruflichen Abschluss sind es 19 Prozent. Eine akademische Ausbildung gilt als besonders erstrebenswert. Aber viele schaffen diese Abschlüsse eben nicht. Sie brechen ab. Die höchsten Abbrecherquoten haben wir in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, beim Maschinenbau und in der Elektrotechnik, aber auch in Sprachwissenschaften.